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LA FILLE DU RÉGIMENT
(Gaetano Donizetti)
Besuch am
22. Dezember 2024
(Premiere)
In Koproduktion mit dem Teatro San Carlo in Neapel bringt die Bayerische Staatsoper eine Premiere auf die Bühne, die das Herz der Zuschauer direkt erreicht. Mit einem überwiegend italienischen Team schafft Regisseur Damiano Michieletto eine mit Leichtigkeit, Farbigkeit und Spielfreude überzeugende Lesart der 1843 zum ersten Mal und zuletzt 1935 in München präsentierten Regimentstochter.
Die Geschichte an sich birgt eher die Verwicklungen eines Groschenromans denn tiefgründige psychologische Irrungen. In den Wirren des Krieges in Europa im beginnenden 19. Jahrhundert wird die neugeborene Marie ausgesetzt und vom 21. Regiment der französischen Armee großgezogen, Sergeant Sulpice als ihren eigentlichen Vater ansehend. Letztendlich zieht sie als Marketenderin mit den Soldaten mit. Die nehmen den Tiroler Bauernburschen Tonio gefangen und wollen ihn als Feind hinrichten. Marie aber kann das verhindern, sie wurde einmal von ihm gerettet und hat sich bei darauffolgenden Treffen in ihn verliebt. Da nun Tonio den Soldaten beitritt, stünde einer ehelichen Verbindung der beiden nichts im Wege, wenn nicht plötzlich von Sulpice die Botschaft käme, dass Marie eigentlich die Tochter der Marquise de Berkenfield sei. Die nimmt die wiedergefundene Tochter unter ihre Fittiche und lässt ihr eine adelige Erziehung zukommen. Marie wird also zur Baronin erzogen und ein Ehemann für sie steht auch schon bereit, der Neffe der Marquise, der Duc de Crakentorp. Erst kurz vor der Hochzeit kann das Regiment eingreifen und Marie wieder zu Tonio zurückführen. Die Tatsache, dass die Marquise de Berkenfield zugeben muss, nicht Maries Tante, sondern ihre wahre Mutter zu sein, macht die Lösung des Konfliktes leichter. Sie verzichtet letztendlich auf die arrangierte Heirat und gibt Marie frei. Einem Happyend mit den beiden glücklichen jungen Menschen steht nichts mehr im Wege.
Michieletto gräbt denn auch nicht in der Tiefe, wo nur sehr bemüht etwas zu finden wäre, sondern verlässt sich ganz auf die Gegenüberstellung von bäuerlicher Einfachheit und adeliger Affektiertheit, die auch Kostümbildner Agostino Cavalca aufgreift: sandig-erdige Farben im einfachen Volk und grau-blaue, sehr prätentiöse und voluminöse Kleidung für die Adeligen, dazu die weißen Uniformen des Regiments. Bühnenbildner Paolo Fantin hat dafür einen weißen Kasten entworfen, der schräg nach hinten ansteigt und an der hinteren Wand den Weg in einen verschneiten Wald frei macht. Zunächst ist der nur auf eine Plane aufgemalt, aus der dann später ein großes Rechteck herausgeschnitten und im Schloss, in Maries Musikzimmer in golden-barockem Rahmen aufgehängt wird. Damit aber öffnet sich die Bühne ganz nach hinten in einen verschneiten Wald, der mit frisch fallendem Schnee in die Jahreszeit passt und aus dem die Soldaten auftreten. Das alles eröffnet immer wieder neue Räume, die sehr geschickt keinen großen Umbau nötig machen und die ständige Präsenz des Waldes, Maries eigentlicher Heimat, versinnbildlichen. Alessandro Carletti taucht das Geschehen in ein vorwiegend bläuliches, aber auch warmes Licht und differenziert so die verschiedenen Räume.

Eine klug durchdachte Personenregie und die Choreografie von Thomas Wilhelm nehmen das Publikum von Anfang an für das Ensemble ein, das sich mit unglaublicher Spielfreude und intensivem Einsatz in das Treiben hineinwirft. Da muss Marie anfangs wie ein Bauernbursche über die Bühne stapfen und Holz hacken, später dann als Baroness ein Buch auf dem Kopf balancieren, eine Arie antiche zum Besten geben und das Harfenspiel mit sehr mäßigem Erfolg erlernen. Aber auch der augenscheinlich nicht ganz so gut geübte, vielleicht etwas lange Aufmarsch der Soldaten am Anfang macht dem Publikum einfach nur Freude und immer wieder hört man es im Zuschauerraum glucksen und kichern. Dass man in der Geschichte laut Programmbuch auch eine Diskussion über die Genres und Geschlechter entfachen könnte, stört nicht wirklich den Spaß und muss vielleicht auch gar nicht sein. Es kommt jedoch nicht von ungefähr, dass die Oper in Frankreich jahrelang zum 14. Juli aufgeführt wurde, dem Befreiungstag der Revolution, Symbol für Frieden und Freiheit und die Überwindung der Grenzen zwischen den Ständen. Doch Michielotti lässt den erhobenen Zeigefinger schön in der Hosentasche und vertraut auf die Wirkung des Geschehens an sich, auch wenn er am Ende noch die Kulissen fallen lässt, was angesichts der Unbedarftheit ansonsten etwas befremdlich wirkt.
In der hier gespielten französischen Fassung der Opéra comique werden die Übergänge zwischen den Szenen nicht als Rezitative gesungen, sondern als Dialoge gesprochen. In München hat man hierfür in Zusammenarbeit mit Sunnyi Melles und den Dramaturgen Mattia Palme und Saskia Kruse Monologe entwickelt. Man lässt sie Melles so im opulenten Barockkostüm mit dem herrlich überaffektiert daherkommenden Louis von Stebut als Duc de Crakentorp, ihrem „Chochou“, das Geschehen leiten. Mit Esprit, Witz und großartiger Bühnenpräsenz führt sie ein Feuerwerk der Schauspielkunst vor. Allein die Verstärkung durch die Lautsprecher funktioniert nicht immer fehlerfrei.
Pretty Yende ist eine Idealbesetzung für die Rolle der Marie. Anfangs empfiehlt sie sich schon durch die Kantilene hinter der Bühne: ein Sopran mit sehr einnehmendem Timbre. Selbst wenn sie Töne nur antupft, ist die Stimme immer gut im Körper angeschlossen. Sie kommt, obwohl sie keine Riesenstimme hat, meist gut übers Orchester, kann in der Höhe bei den schwierigen Koloraturen gut aufmachen und singt ihre Abschiedsarie vom Regiment lyrisch-weich mit warmer, emotional ergreifender Stimme, sehr gut zur Figur des jungen Mädchens passend.
Xabier Anduaga als Tonio hat seinen Tenor anscheinend von der Bruststimme her entwickelt, wunderbar satt strömen seine Töne durch den Raum, am Belcanto geschult. Da ist nichts von der bemühten Tongebung mancher Zeitgenossen zu spüren, alles strömt frei und locker, ob er sich nun in der Mittellage oder in den allerhöchsten Höhen befindet. Die neun hohen C‘s in der Arie Ah, mes amis liefert er augenscheinlich ohne jede Anstrengung ab, als freue er sich nur seines Daseins. Nach eigener Aussage singt er die Arie so oft, dass alles andere in der Fille du Régiment schwieriger erscheint. Na ja, das allein wird nicht ausmachen, dass er sie auch gut gestaltet und danach den Saal zum Kochen bringt bei minutenlangem, frenetischem Applaus. Anduaga singt weiter, als ob nichts Besonderes gewesen wäre, mit viril-kernigem Tenor, der auch in den Pianostellen absolut überzeugt und sich für Weiteres empfiehlt.

Misha Kiria als Sergeant Sulpice macht wirklich alles richtig, hat mit kräftigem, souveränem Bass und viel Wärme in der Stimme das ideale Organ für die Rolle des Ziehvaters von Marie und füllt sie auch schauspielerisch mit viel Spaß und Können aus. Seine Szenen mit Marie sind geprägt von empathischer Zuwendung, die er auch überzeugend mit der Stimme ausdrücken kann.
Dorothea Röschmann, in München schon lange geschätzte Sopranistin, gibt die Mezzo-Partie der Marquise de Berkenfield mit stark ausgeprägter Bruststimme, was aber gut zur Rolle der „alten Schachtel“ passt. Sie geht in die Vollen, vor allem bei Ihrer Räuber-Arie und scheut auch hässliche Töne nicht.
Auch die kleineren Rollen sind mit den Ensemblemitgliedern Martin Snell und Christian Rieger sowie dem Opernstudiomitglied Dafydd Jones bestens bedient.
Der Bayerische Staatsopernchor in der Einstudierung von Christoph Heil singt zu Beginn mächtig und stark, um später sehr geschlossene, dichte Piani zu zeigen, insgesamt eine großartige Leistung abliefernd.
Im Orchestergraben dirigiert Stefan Montanari tänzerisch beschwingt eine feine Lesart von Donizettis Werk, die Ouvertüre zart beginnend – mit einem die bewaldeten Höhen evozierenden, wunderbar gelungenen Hornsolo. Montanari feilt am Detail, kostet die Figuren aus und schafft eine sehr lockere, duftige Version, die aber durchaus auch auftrumpfen kann, Sänger und Zuhörer mitreißend. Dabei ist er auch bereit, einen zu frühen Applaus mit erhobenem Zeigefinger in seine Schranken zu weisen, um einem feinen Nachspiel seinen Wert zu erhalten.
Das Publikum feiert denn auch alle Mitwirkenden im ausverkauften Haus mit nicht enden wollenden Ovationen. In dieser Besetzung steht die Produktion noch fünf Mal auf dem Spielplan, allerdings gibt es momentan nur noch Stehplätze. Im Sommer wird sie wieder aufgegriffen, dann mit anderen Akteuren.
Der Bayerische Rundfunk hat die Premiere aufgezeichnet, und in der Mediathek von BR-Klassik kann man zumindest die Musik noch sieben Tage lang nachhören.
Jutta Schwegler