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DIE FLEDERMAUS
(Johann Strauss)
Besuch am
5. Januar 2024
(Premiere am 23. Dezember 2023)
Was erwartet ein Zuschauer heute, wenn er voller Vorfreude eine Neuinszenierung von Johann Strauss‘ genialer Operette Die Fledermaus besucht? Natürlich Champagnerlaune, sprühende Gags und ein musikalisches Schwelgen in den seit 150 Jahren unverändert zündenden Melodien. Kurzum, eine Herausforderung für jedes Theater, denn bittschön unterschätzt Die Fledermaus und das Genre Operette nicht. Nicht alles, was leicht und beschwingt klingt, ist auch leicht auf die Bühne zu bringen. Und gerade bei der Fledermaus ist die Gefahr groß, durch überzogene Gags, schrille Performance und oberflächliches Dirigat den Zauber dieses Meisterwerkes der Goldenen Operette zu konterkarieren. Und was erwartet der Zuschauer, wenn Regisseur Barrie Kosky das Werk an einem Traditionstheater wie der Bayerischen Staatsoper inszeniert? Sicher keine plüschige Walzerseligkeit, wie es der legendäre Otto Schenk fast ein Vierteljahrhundert an diesem Haus gezeigt hat, bevor es von einer kühl-nüchternen Interpretation von Leander Haußmann abgelöst wurde. Apropos Otto Schenk. Dessen Rosenkavalier lief in München fast ein halbes Jahrhundert, und wurde dann, mit großem Erfolg, abgelöst von Barrie Kosky. Es scheint, als stehe Kosky in München für eine Neuausrichtung des Stils; modern, schrill, queer und extrem temporeich. Es ist im Übrigen erst die siebte Inszenierung dieser „Mutter aller Operetten“ am Nationaltheater seit der Erstaufführung 1895 an der Staatsoper.

Das Werk ist eine witzige und zugleich bitterböse Komödie über die bürgerliche Gesellschaft. Johann Strauss entlarvt darin humorvoll die Wünsche und Träume des Bürgertums und reiht einen musikalischen Hit an den anderen. In dem Operetten-Klassiker ist keine Figur das, was sie vorgibt zu sein. Alle belügen und betrügen sich gegenseitig. Rache treibt die Handlung voran und Schadenfreude sorgt für ausgelassene Heiterkeit. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist!“ Das singt Alfred, und es ist das Leitmotiv der Operette. Doch so einfach ist es nicht. Falke kann nicht vergessen, welche Schmach ihm vor Jahren zugefügt wurde, und inszeniert genüsslich seine „Rache der Fledermaus“. Sie führt Gabriel von Eisenstein auf den Ball des Prinzen Orlowsky. Dort regiert der Champagner, und die Gäste betrügen nicht nur ihr Gegenüber, sondern auch sich selbst.
Das Libretto der Operette geht auf das Lustspiel in vier Aufzügen Das Gefängnis des Leipziger Schriftstellers Roderich Benedix zurück. Aus dem wiederum entstand das Lustspiel Le Réveillon des französischen Autorenduos Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Der in Wien tätige Kapellmeister, Komponist und Librettist Richard Genée formte daraus ein kompaktes, operettentaugliches Stück. Insbesondere rückte er ein rauschendes Fest bei einem russischen Großfürsten in den Mittelpunkt des Werkes, um das sich die Intrigen von Eisenstein und Falke entwickeln. Die Musik soll in den wesentlichen Teilen innerhalb von 42 Tagen im Sommer 1873 entstanden sein, wobei Strauss hauptsächlich als Urheber der Melodien in Erscheinung trat, während große Teile der Instrumentierung von Genée ausgeführt wurden. Ein Musikstück aus dem neuen Werk wurde bei einem Wohltätigkeitskonzert im Oktober 1873 erstmals dem Wiener Publikum vorgestellt, das war der Csárdás aus dem zweiten Akt. Er und die Ouvertüre sind die einzigen musikalischen Teile, die vollständig von Johann Strauss komponiert wurden. Wegen des großen Erfolges dieser Csárdás-Aufführung wurde die Uraufführung der gesamten Operette rasch vorangetrieben, musste aber infolge der inzwischen ausgebrochenen Wirtschaftskrise mehrfach verschoben werden. Schließlich ging sie am 5. April 1874, unter der musikalischen Leitung des Komponisten, im Theater an der Wien über die Bühne.

Die Münchner Erstaufführung erfolgte bereits 1875, allerdings am Königlichen Theater am Gärtnerplatz. Und hier hat Josef E. Köpplinger, Intendant am Staatstheater am Gärtnerplatz, im letzten Jahr mit einer schrill-witzigen Neuinszenierung zwischen „Kapuzinergruft und Wurstlprater“ das Publikum begeistert. Würde Kosky hier noch einen draufsetzen, zumal am Silvesterabend beide Münchener Inszenierungen parallel laufen. Um die Eingangsfrage, was den Zuschauer erwartet, wenn Barrie Kosky das Werk inszeniert, zu beantworten: eine schrille, queere und bös-sarkastische Interpretation, bei der die bürgerliche Fassade an der Garderobe abgegeben wird. Wer sich als Zuschauer der Aufführung die Zeit nimmt, in das sehr umfangreiche Programmbuch hineinzuschauen, der entdeckt eine Fotoserie mit dem Titel Exzess in Wien über wilde Nächte in der österreichischen Hauptstadt des Fotografen Lukas Gansterer. Der Fotograf beschreibt die Bildnisse, aufgenommen zwischen 2010 und 2023 zwischen schummrig beleuchteten Gassen und glänzenden Kronleuchtern als Ausbruch der dort lebenden Menschen. Über die wilden Partys sagt Gansterer: „Nachts kann jede und jeder das sein, was er oder sie will. Oder etwas ganz Anderes. In Wien sind die Nächte ein Ventil.“ Solch ein Ventil dreht Kosky in seiner Neuinszenierung nun voll auf.
Schon zu den Klängen der Ouvertüre durchlebt Gabriel von Eisenstein seinen Alptraum. Im Bett liegend, gekleidet wie der deutsche Michel im Nachthemd und mit Schlafmütze, vor der historischen Kulisse der Bürgerhäuser im 1. Wiener Bezirk. Doch die Häuserzeilen, als Wandtapeten angebracht, sind nicht statisch, sondern verändern stetig ihre Position. Es ist, als ob Wien tanze, so Kosky zu dem Bühnenbild von Rebecca Ringst. Für Kosky ist dieses Wien „eine Halluzination der beweglichen Formen“. Um den noch schlafenden Eisenstein tanzen zehn Fledermäuse in schwarzen Kostümen. Zum Ende der Ouvertüre treten die anderen Protagonisten wie Rosalinde, Adele, Falke und Frank ebenfalls mit Fledermausmasken auf und dringen in den Traum Eisensteins ein. Die „Rache der Fledermaus“ ist bereits in vollem Gange. Dann nimmt das Geschehen seinen Lauf, und der erste Akt kommt fast klassisch bürgerlich daher, im Hintergrund die sich stets verändernden Häuserzeilen, im Vordergrund das dekadent spießige Interieur der Eisensteins. Das ändert sich radikal im zweiten Akt. Der Chor ist bunt, schrill und queer gekleidet. Alle tragen Damenkleider mit Glitzerbärten, viele Drag-Queens geben sich ein Stelldichein. Vorbild für den Auftritt sind für Kosky die Cockettes, eine avantgardistische Truppe aus Kalifornien zu Beginn der 1970-er Jahre. Die Cockettes waren Vorreiter eines vielseitigen Kleidungs- und Kostümstils, der so noch nie zuvor gesehen worden war. Sie ließen sich von verschiedenen Quellen inspirieren, etwa vom Stummfilm, dem Hollywood der 1930-er und 1940-er Jahre, Broadway-Musicals und den Kunstformen des Surrealismus und Kubismus. Sie nutzten Kleidung und Accessoires aus vergangenen Epochen, die auf Flohmärkten und Secondhand-Läden zu finden waren, und fügten sie aus verschiedenen unterschiedlichen Elementen zu einem einzigartigen und zeitlosen Look zusammen. Sie schufen Outfits, die heute innerhalb der Wearable-Art-Bewegung als ikonisch gelten. Die Kostüme der Cockettes wurden durch die charakteristische Make-up-Kunstfertigkeit vervollständigt, vor allem durch die Männer mit Glitzer in ihren Bärten und übertriebenem Augen-Make-up. Und eine solche Truppe findet in der Gesellschaft des Prinzen Orlofsky eine Art Renaissance. Passend dazu ist Orlofsky eine schrille Drag-Queen, dargestellt von einem Counter-Tenor. In dieser schräg-bunten Atmosphäre fallen Eisenstein und Falke sowie Frank im Frack etwas aus dem Rahmen. Optische Hingucker sind Rosalinde im opulenten Kleid mit großem Kopfschmuck, Adele im eleganten Kleid und Ida in Strapsen, deren erotisch-frivoles Outfit stark an das der Elisabeth Volkmann aus der Kultserie Klimbim erinnert. Die aufwendigen Kostüme wurden von Klaus Bruns entworfen.
Zur Polka Unter Donner und Blitz dürfen die Balletttänzer, die im ersten Akt schon als Fledermäuse begeisterten, im queeren Sexy-Outfit ihr tänzerisches Können erneut unter Beweis stellen, während von der Bühnendecke 18 Kronleuchter heruntergelassen werden, eine stimmungsvolle Atmosphäre zu Falkes Couplet Brüderlein und Schwesterlein und dem Duidu des Chores. Im großen, schon fast dionysischen Finale des zweiten Aktes hängt Eisenstein oder sein Double in einem Kronleuchter und schwingt gefährlich hoch über der Bühne über dem Rausch unter ihm, mit im wahrsten Sinne des Wortes hoher Absturzgefahr. Zu den letzten Klängen reißen die bürgerlichen Fassaden der Häuser ab und legen die Stahlgitter des Bühnenaufbaus frei. Das Publikum jubelt schon vor der Pause, und eine ältere Dame im vorderen Parkett fragt etwas irritiert, ob denn jetzt schon Schluss sei. Es wäre tatsächlich ein großartiges und rauschhaftes Finale gewesen, doch es wartet noch der dritte Akt auf das Publikum, und hier lebt Kosky seine Fantasien aus, manchmal bis zur Schmerzgrenze des Erträglichen.
In vielen Inszenierungen ist der dritte Akt der Fledermaus ein Stiefkind, insbesondere die Darbietung des Gefängnisaufsehers Frosch führt zu den unterschiedlichsten Lesarten. Meist wird er als dem Sliwowitz zugetaner Trunkenbold, der satirisch aktuelle, gesellschaftspolitische Themen kommentiert, dargestellt. In Nürnberg hat man bei der Neuinszenierung der Fledermaus vor sechs Wochen komplett auf den Frosch verzichtet, was einer Teilamputation des Werkes gleichkam. Kosky dagegen bringt direkt sechs Frösche auf die Bühne, alle gleich gekleidet, während das Gefängnis, das bei Kosky unterirdisch angelegt ist, nur noch aus Stahltreppen besteht. Der erste Frosch wird von dem Tänzer Max Pollack dargestellt, der eine fast zehnminütige Solotanznummer aufführt, eine Mischung aus Stepptanz und Rap, unter Einbeziehung des Publikums wie bei einem Rockkonzert. Dem Publikum scheint die Einlage zu gefallen, es macht jedenfalls gesanglich ordentlich mit. Der Auftritt des verkaterten Gefängnisdirektors Frank ist grenzwertig. Bekleidet nur mit einem silberglitzernden Slip, Damenpumps und Glitzerbrustwarzenklemmen fordert es vom überragenden Darsteller Martin Winkler schon eine große Portion Selbstvertrauen, so aufzutreten, zumal er aus seinem Slip unter lustvollem Stöhnen erst viele kleine Schlüssel fallen lässt, dann einen riesigen Schlüssel, sehr zu Freude vor allem einiger älterer Damen im Publikum, herausholt, um am Schluss noch einen Zettel mit einer Telefonnummer aus seinem Intimbereich hervorzukramen. Für Kosky ist das die logische Fortsetzung der rauschhaften Party in der Villa Orlofsky, bei der jeder seine sexuellen Fantasien ausleben darf. Inwieweit die Szenerie noch was mit dem Werk zu tun hat, muss jeder Betrachter für sich entscheiden. Auch Eisenstein ist stark verkatert und nur noch leicht bekleidet, eine goldfarbene Unterhose, ein grünes Unterhemd, Burlington-Kniestrümpfe und ein puscheliger Kopfschmuck von einer der Drag-Queens geben Zeugnis davon, dass auch er die nächtliche Party in vollen Zügen genossen hat. Dass Frank und Eisenstein dann jeweils auch noch mit ihrer Mami telefonieren, mag ein sehr komödiantisches Element sein, bringt aber ansonsten für die Story relativ wenig, außer dass Kosky dem Zuschauer damit sagen will, dass die ach so frivolen und partygeilen Burschen im Grunde ihres Wesens spießige Muttersöhnchen sind. Nun ja. Frank putzt sich derweil die Zähne und gurgelt Seifenblasen, um dann festzustellen: „Die Olga und die Ida, die waren ja noch nie da, heute sind sie zu früh da, da legst di nida.“ Der Spruch scheint ihm so gut zu gefallen, dass er das Publikum animiert, in die Verse einzustimmen, und wieder spielt das Publikum brav mit. Das hat schon etwas von Kasperletheater in der Staatsoper. Der Schluss des dritten Aktes wird dann schon wieder fast klassisch. Adele spielt unter dem Jubel des Publikums die Unschuld vom Lande, die Frösche intonieren die Königin der Nacht, während Frank lakonisch dazu feststellt: „Ein Frosch und fünf Kaulquappen.“
Am Schluss kommt es zur obligatorischen Erkennungsszene, und Orlofsky erscheint in einem opulenten grünen Biedermeierkostüm. Der Champagner war natürlich, wie immer, an allem Schuld. Und so stehen bei der Versöhnung von Rosalinde und Eisenstein Dutzende von Champagnerflaschen auf dem Boden, auf die Gläser wurde verzichtet. So endet ein Delirium aus Walzer, Erotik und Charme.
Doch die beste Fledermaus-Inszenierung taugt gar nichts, wenn die Singdarsteller ihren Bühnenfiguren nicht die notwendige sängerische und spielerische Leichtigkeit vermitteln, was ja das Schwere an der leichten Muse ist. An diesem Abend gelingt das mit einem bestens aufgelegten Ensemble auf höchstem Niveau. Georg Nigl gibt den Gabriel von Eisenstein mit Wiener Charme, komödiantischem Spiel und heldenhaftem Bariton. Seine Mimik und Gestik alleine sind schon das Eintrittsgeld wert. In einer so verrückten Inszenierung ragt Nigl wie der Fels in der Brandung heraus. Diana Damrau, die mit der Partie der Rosalinde in München ihr Rollendebüt gibt, überzeugt spielerisch mit viel Situationskomik und liefert mit dem Csárdás Klänge der Heimat einen der musikalischen Höhepunkte des Abends ab. Für die Damrau ist die Rosalinde die „Königin der Nacht“ der Operette, und genauso viele Facetten zeigt sie an diesem Abend und beweist, dass sie nicht nur die große Oper kann. Parallel zu ihrem Rollendebüt ist ihre erste Operetten-CD erschienen, auf der sie eine ganz neue Seite von sich zeigen kann.

Katharina Konradi als Adele brilliert mit Wiener Schmäh, kokettem Spiel und betörenden Koloraturen. Mit Temperament, Intimität, und Intensität lotet sie die Rolle aus, wandelt sich vom greinenden Stubenmadl zur Grand Dame der Gesellschaft. Ähnlich wie im Münchner Rosenkavalier, wo sie eine strahlende Sophie gab, ragt sie an diesem Abend aus dem ohnehin schon hochkarätigen Ensemble heraus. Ihre Unschuld vom Land im dritten Akt ist der Abräumer des Abends, das Münchner Publikum liegt ihr zu Füßen. Sean Panikkar überzeugt als Alfred nicht nur mit draufgängerischem Spiel, sondern vor allem mit seinem schönen Belcanto-Tenor und den vielen kurz angesungenen Opernarien, von Nessun dorma über O namenlose Freude bis hin zu Una furtiva lagrima. Markus Brück gibt den Dr. Falke mit noblem Bariton, bleibt aber spielerisch etwas blass. Außerdem nervt, dass er ständig mit einer brennenden Zigarette rumläuft, auch so eine inszenatorische Unart. Der Countertenor Eric Jurenas als Prinz Orlofsky meistert die Rolle sängerisch mit Bravour, und es passt ideal zur Inszenierung, den Orlofsky nicht klassisch mit einem Mezzosopran zu besetzen. Da dieser Orlofsky aber mehr optisch über sein Auftreten als Drag-Queen definiert wird, kommt der spielerische Aspekt etwas zu kurz, und die Figur bleibt nur an der Oberfläche, ohne Tiefgang. Martin Winkler gibt den Gefängnisdirektor Frank mit kraftvollem Bass und markant-komödiantischem Spiel, das wie schon beschrieben eine grenzwertig körperliche und seelische Prostitution verlangt, die er aber mit hoher Professionalität voller Überzeugung meistert.
Kevin Conners gibt den stotternden Advokaten Dr. Blind mit überzeugendem Charaktertenor. Max Pollack als singender und steppender Frosch I reißt das Publikum mit, während Franz Josef Strohmeier als Frosch II die Rolle des etwas trotteligen und grantelnden Gefängnisaufsehers übernimmt. Danilo Brunetti, Giovanni Corrado, Deniz Doru und Oliver Petriglieri als tanzende Frösche III bis VI reihen sich nahtlos in das überragende Ensemble ein, in dem Miriam Neumeier als Adeles Schwester Ida eine erotische Femme fatale gibt.
Musikalisch ist der Operettenabend ein absoluter Hochgenuss. Das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung seines GMD Vladimir Jurowski spielt einen beschwingten Strauss, mit Dynamik und Leidenschaft. Schon die Ouvertüre kommt schmissig, und man muss als Zuschauer an sich halten, um nicht mit den Füßen im Takt mitzutanzen. Jurowski lässt die Sänger immer im Vordergrund, und im Duidu im zweiten Akt erzeugt er mit transparentem Klang und filigranem Dirigat eine ganz besondere Stimmung. Für Jurowski ist die Fledermaus eine „Opera buffo“ im Mozartschen Stil, angereichert durch die Wiener Unterhaltungsmusik des 19. Jahrhunderts. An Kleiber angelehnt, hat Jurowski hier musikalisch die Balance zwischen Walzerseligkeit und böser Gesellschaftssatire gefunden. Christoph Heil hat den spielfreudig agierenden Chor, der sichtbaren Spaß an der Inszenierung und an seinem schrillen Outfit gefunden hat, bestens eingestellt.
Nach drei Stunden und zwanzig Minuten senkt sich der Vorhang über eine Vorstellung, die in Erinnerung bleiben wird. Das Publikum im ausverkauften Nationaltheater bejubelt das gesamte Ensemble über mehrere Minuten. Ob die schrille, queere Inszenierung jedoch das Zeug hat, wieder zu einem Dauerbrenner für das nächste Vierteljahrhundert zu werden, darf doch bezweifelt werden, zu sehr ist die Inszenierung in der momentanen gesellschaftlichen Geschlechter-Diskussion verhaftet, die in 25 Jahren hoffentlich nicht mehr derzeitige dominierende Rolle spielen wird.
Andreas H. Hölscher