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Foto © O-Ton

Vorübergehend Feinde

FRE-NEMIES – FREUNDE UND FEINDE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
30. Januar 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Gärtner­platz­theater München, Orchesterprobensaal

Es ist ein ungewöhn­licher Programm­titel, der einen Lieder­abend des Tenors Alexandros Tsilo­gi­annis und des Baritons Matija Meić ankündigt. Beide sind seit vielen Jahren feste Ensem­ble­mit­glieder am Gärtner­platz­theater in München. Sie sind „Fre-nemies“, eine Wortkreation aus Friends and Enemies, zu Deutsch Freunde und Feinde. Freunde und Kollegen sind sie im echten Leben, Feinde nur auf der Bühne. Neben großen Duetten wollen sie aber auch mit ganz spezi­ellen Liedern aus ihrem Stimmfach dem Publikum einen beson­deren wie einma­ligen Lieder­abend präsen­tieren. Tsilo­gi­annis ist ein lyrischer Tenor, der neben dem italie­ni­schen Fach auch hervor­ragend in der Operette reüssiert, während Meić langsam das drama­tische Bariton-Fach erobert. Zwei großartige Stimmen, die auch wunderbar harmo­nieren. Begleitet werden Sie von der Pianistin und Studi­en­lei­terin Ekaterina Tarno­pol­skaja im Orches­ter­pro­bensaal des Gärtner­platz­theaters vor gut 100 Gästen. Also beste Voraus­set­zungen für einen spannenden und inter­es­santen Liederabend.

Alexandros Tsilo­gi­annis beginnt mit drei im neapo­li­ta­ni­schen Stil kompo­nierten Liedern von Francesco Paolo Tosti, der von 1846 bis 1916 lebte. Tosti war ein zu seiner Zeit populärer italie­ni­scher Sänger, Pianist und Komponist. Er wurde vom italie­ni­schen Opern­kom­po­nisten Saverio Merca­dante unter­richtet und war mit Enrico Caruso befreundet. Die neapo­li­ta­nische Volks­musik verdankt ihm viele klassisch gewordene Lieder. Die drei Lieder L’Ultima Canzone, Ideale und Marechiare singt Tsilo­gi­annis mit barito­nalem Timbre und wohlklin­gendem tenoralem Schmelz. Er variiert dabei sehr schön die Farben, wechselt von der Brust­stimme in die Kopfstimme, vom leisen piano ins drama­tische forte. Besonders heiter das dritte Lied, das Tarno­pol­skaja im Marsch­tempo am Flügel begleitet.

Nach diesem schon mitrei­ßenden Auftritt begrüßt Meić das Publikum, führt kurz und humorvoll in das Programm des Abends ein und spricht auch über das Thema: „Freunde – Feinde“. Er und Alexandros Tsilo­gi­annis seien seit vielen Jahren befreundet, auch über ihre Familien, aber auf der Bühne wären sie in ihren Rollen oft Feinde. Über dieses Spannungsfeld wollten sie heute Abend reflek­tieren. Doch bevor das erste große Duett der beiden Sänger erklingt, stellt sich Meić mit drei Sonetten von Franz Liszt vor. Es ist die erste Fassung der Tre sonetti del Petarca mit den Texten von Francesco Petarca. Petrarca lebte von 1304 bis 1374 und war ein italie­ni­scher Dichter und Geschichts­schreiber. Er gilt als Mitbe­gründer des Renais­sance-Humanismus und zusammen mit Dante Alighieri und Boccaccio als einer der wichtigsten Vertreter der frühen italie­ni­schen Literatur. Sein Name liegt dem Begriff Petrar­kismus zugrunde, der eine bis ins 17. Jahrhundert verbreitete Richtung europäi­scher Liebes­lyrik bezeichnet. Sein Canzo­niere ist ein Gedicht­zyklus von 366 Gedichten, darunter 317 Sonette. Franz Liszt vertonte von 1838 bis 1839 drei Petrarca-Sonette unter dem Titel Tre Sonetti del Petrarca für Singstimme und Klavier sowie in späteren Jahren für Klavier. Die Lieder stehen nicht in der deutschen Lied-Tradition, sind auch etwas atypisch für Liszt, sondern spiegeln vielmehr den Einfluss des italie­ni­schen Belcanto-Stils, etwa Donizettis und Bellinis, wider und begeistern mit ihren weitge­spannten Melodie­bögen und ihrer südlichen Leiden­schaft bis heute.

Matija Meić – Foto © O‑Ton

Meić eröffnet den kleinen Liszt-Zyklus mit dem Sonetto 47: Benedetto sia ’l giorno, also gesegnet sei der Tag. Er imponiert von Beginn an mit seinem markanten Bariton und seinen guten Höhen. Sehr drama­tisch gestaltet er das erste Sonett, während er das Sonetto 123: I‘ vidi in terra angelici costume – So sah ich denn auf Erden Engels­frieden und Glanz – etwas getra­gener vorträgt. Beim Sonetto 104: Pace non trovo – Fried’ ist versagt mir – wird Meić emotional, ihm gelingt eine sehr ausdrucks­starke Inter­pre­tation des Sonetts. Im Orches­ter­pro­bensaal sind viele Zuschauer wohl zum ersten Mal bei einem Lieder­abend und applau­dieren nicht, wie üblich am Schluss eines jeden kleinen Liedzyklus, sondern direkt nach jedem Lied, was die Spannung und Atmosphäre, aber auch die Konzen­tration des Sängers empfindlich stört. Aber auch der Einzel­applaus für Meić ist mehr als verdient.

Dann stehen mit dem Duett Feinde! Tsilo­gi­annis und Meić als Lenski und Onegin aus Eugen Onegin von Peter Iljitsch Tschai­kowsky zum ersten Mal gemeinsam vor dem Publikum. Die Oper wurde um 1878 kompo­niert und basiert auf dem gleich­na­migen Versroman Eugen Onegin von Alexander Puschkin. Die einstigen Freunde Lenski und Onegin haben sich tief zerstritten – so tief, dass Lenski Onegin zu einem Duell auf Leben und Tod heraus­fordert. Bevor sie auf einem Feld im Morgen­grauen die Waffen gegen­ein­ander richten, erinnern sich beide ihrer alten Freund­schaft, doch sind sie unfähig zur Versöhnung. Onegin tötet Lenski im Duell. Die Sänger haben beide diese Rollen schon auf der Opern­bühne gesungen, und sie nutzen auch die komplette Größe des Orches­ter­pro­ben­saals, um das „Feindes­duett“ aufzu­führen, sowohl von vorne als auch hinter den Zuschauern. Nach einem Intro durch Tarno­pol­skaja erklingt das drama­tische und bewegende Duett, in dem die beiden Sänger sich stimmlich nicht nur ideal ergänzen, sondern auch bewusst im Ausdruck Leiden­schaft und Gegensatz zeigen. Großer Applaus ist der verdiente Lohn.

Fast nahtlos geht es weiter, auf Tschai­kowsky folgt Sergei Rachma­ninow. Mit dem Prélude h‑Moll op. 32 Nr. 10 kann Tarno­pol­skaja einmal mehr zeigen, dass sie nicht nur eine exzel­lente Beglei­terin am Klavier ist, sondern auch als Solo-Pianistin einen heraus­ra­genden Ruf hat. Die 13 Préludes op. 32 sind ein 1910 kompo­nierter Klavier­zyklus von Rachma­ninow und sein letzter Beitrag zur Gattung des Prälu­diums. Die Préludes sind ein bedeu­tender Teil seines Klavier­werks, das mit seiner melan­cho­lisch-pathe­ti­schen Klang­sprache, den drama­ti­schen Aufschwüngen und dynami­schen Steige­rungen einen letzten Höhepunkt spätro­man­ti­scher Klavier­musik und nach wie vor eine Heraus­for­derung für große Pianisten darstellt. Das Prélude h‑Moll Nr. 10 spielt Tarno­pol­skaja drama­tisch, mit großem Ausdruck und Leiden­schaft. Die beiden folgenden Lieder stammen ebenfalls aus der Feder von Rachma­ninow und werden von Tsilo­gi­annis vorge­tragen.  Singe nicht, meine Schöne mit dem Text von Alexander Puschkin erklingt sehr getragen, aber mit drama­ti­schen Höhen, während Frühlings­wasser, hier stammen die Worte von Fjodor Tjutt­schew, heiter und fröhlich mit strah­lenden Höhen daherkommt.

Dann erlebt das Publikum eine Urauf­führung des 30-jährigen kroati­schen Kompo­nisten Roko Radovan. Radovan ist nicht nur Komponist, sondern studierte auch Gesang und Trompete. Zudem ist er lyrischer Tenor und ein Freund und Kollege von Meić. Beide verbinden ihre musika­li­schen Wurzeln in Dubrovnik, und Radovan hat diesen kleinen Zyklus Tanz und vier Liebes­lieder für Meić kompo­niert nach Liedtexten des mittel­al­ter­lichen kroati­schen Dichters Šiško Menčetić. Es handelt sich bei diesen Gedichten laut Meić um die Liebe des Dichters zu der schönen Laura. Der jetzt urauf­ge­führte Zyklus beginnt mit einem Tanz Tanac als Intro, der schon drama­tische Züge annimmt. Dann folgen vier Lieder in kroati­scher Sprache. More li bit rados‘ tolika na svitu – Was für eine Freude könnte auf dieser Welt sein – und Misal mi zanosi ovaj vil – Meine Gedanken sind von dieser Fee faszi­niert – erklingen sehr roman­tisch mit drama­ti­schen Anstrichen. Makar svit da stane – Wenn auch die Welt stehen bliebe – ist das einzige Lied, das etwas atonal mit Disso­nanzen erscheint, um dann im letzten Lied More li da ne mrem svaki čas ljuveno – Könnte ich nicht jedes Mal vor Liebe sterben – wieder im roman­ti­schen Gewand zu erscheinen. Die kroatische Sprache erklingt im Lied viel weicher als im gespro­chenen Wort, und musika­lisch mag man hier und da Anklänge an Tschai­kowsky hören. Auf jeden Fall ein wunder­schöner und inter­es­santer kleiner Zyklus, sehr emotional von Meić vorge­tragen und mit viel Applaus gewürdigt.

Vor dem großen Finale stehen noch zwei Lieder des ameri­ka­ni­schen Kompo­nisten Samuel Barber, der von 1910 bis 1981 lebte, auf dem Programm. Sie stammen aus dem Zyklus Three Songs op. 10 mit Texten des großen irischen Schrift­stellers James Joyce. Rain has fallen Es hat geregnet – ist eine sehr intensive Darbietung von Tsilo­gi­annis einschließlich der Klavier­be­gleitung. I Hear an Army Ich höre ein Heer an Land stürmenerklingt etwas atonal und martia­lisch, was natürlich auch dem Text geschuldet ist:

Alexandros Tsilo­gi­annis – Foto © O‑Ton

„I hear an army charging upon the land, and the thunder of horses plunging, foam about their knees: Arrogant, in black armour, behind them stand, disda­ining the reins, with flutt’ring whips, the chario­teers. They cry unto the night their battlename: I moan in sleep when I hear afar their whirling laughter. They cleave the gloom of dreams, a blinding flame, Clanging, clanging upon the heart as upon an anvil. They come shaking in triumph their long, green hair: They come out of the sea and run shouting by the shore. My heart, have you no wisdom thus to despair? My love, my love, why have you left me alone?” Auch die deutsche Übersetzung steht dem Original in nichts nach:

„Ich höre ein Heer an Land stürmen, und das Donnern stamp­fender Pferde, die Knie voll Schaum; Hochmütig, in schwarzer Rüstung, stehen hinter ihnen, die Zügel verachtend, mit züngelnden Peitschen, die Wagen­lenker. Sie schreien ihren Schlach­ten­namen in die Nacht hinaus: Ich stöhne im Schlaf, höre ich von fern ihres brodelnden Gelächters. Sie zerspalten die Düsternis der Träume mit greller Flamme, hämmern, hämmern auf das Herz ein wie auf einen Amboss. Sie kommen und schütteln im Triumph ihr langes, grünes Haar: Sie kommen herauf aus dem Meer und jagen schreiend über den Strand. Mein Herz, fehlt es dir an Weisheit, dass du so verzwei­felst? Meine Liebste, meine Liebste, warum ließest du mich allein?“ Tsilo­gi­annis präsen­tiert das Lied voller Dramatik, während das Klavier wie ein Feldherr vorweg marschiert.

Zum Schluss kommt dann der absolute Höhepunkt, das berühmte „Freund­schafts­duett“ È lui! desso! l’infante! – Dio, che nell’alma infondere zwischen Don Carlo und Rodrigo aus der Oper Don Carlo von Giuseppe Verdi. Der Marquis von Posa, Rodrigo, erzählt seinem Freund, dem spani­schen Infanten Don Carlo, von den unsäg­lichen Zuständen in Flandern. Carlos wiederum erzählt von seiner unerfüll­baren Liebe zu seiner Stief­mutter, der Königin Elisa­betta. Rodrigo schlägt Carlo vor, seine Sorgen und seine Trauer in Flandern beim Kampf gegen die Unter­drü­ckung zu vergessen. Sie schwören sich ewige Freund­schaft. Viele große Tenöre und Baritone haben sich mit Aufnahmen des Duetts verewigt, und Tsilo­gi­annis und Meić als Carlo und Rodrigo reihen sich jetzt in die Phalanx der Großen ein. Mit viel Leiden­schaft und Ausdruck, strah­lenden Höhen und Belcanto-Gesang im wörtlichen Sinne ist das Duett ein Gänse­haut­moment, der am Schluss beim Publikum die Dämme brechen lässt. Großer Jubel für die beiden Sänger und natürlich auch für Tarno­pol­skaja für die emotionale Begleitung.

Bei so viel Begeis­terung ist klar, dass die drei Künstler ohne eine Zugabe nicht entlassen werden. Und für diese Zugabe haben sie sich etwas ganz Beson­deres ausge­dacht:  Das Duetto buffo di due gatti, ein humoris­ti­sches Duett für zwei Katzen von Gioachino Rossini. Der Text besteht ausschließlich aus dem Wort „Miau“, das immer und immer wieder wiederholt wird. Das Stück wird in der Regel Gioachino Rossini zugeschrieben. In Wirklichkeit aber ist es nicht von ihm, sondern eine Kompi­lation aus dem Jahr 1825, die zu einem Gutteil auf Rossinis Oper Otello von 1816 basiert. Das Arran­gement stammt wahrscheinlich von dem engli­schen Kompo­nisten Robert Lucas Pearsall, der es unter dem Pseudonym G. Berthold in Umlauf brachte.

Alexandros Tsilo­gi­annis und Matija Meić duellieren sich hier auf äußerst komische Art, und man weiß nicht so richtig, wer von den beiden der Löwe und wer der Tiger ist. Und Ekaterina Tarno­pol­skaja schnurrt dazu geschmeidig am Klavier. Ein herrlicher Schluss­punkt eines großar­tigen und program­ma­tisch sehr weit gefassten Lieder­abends am Gärtner­platz­theater. Von dieser Gattung darf es gerne noch viel mehr Auffüh­rungen geben.

Andreas H. Hölscher

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