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HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)
Besuch am
4. Januar 2020
(Premiere am 14. Dezember 1974)
Alle Jahre wieder um die Weihnachtszeit herum stehen zwei Klassiker auf den Spielplänen vieler Theater. Tschaikowskis Ballett Der Nussknacker und natürlich Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel, die nun schon seit über hundertfünfundzwanzig Jahren Generationen von jungen Opernbesuchern verzaubert. Nun hat das Märchen mit Weihnachten und seiner religiösen Bedeutung rein gar nichts zu tun. Warum also wird Hänsel und Gretel fast ausschließlich in der Vor- und Nachweihnachtszeit gespielt? Die Erklärung liefert kein geringerer als der große Komponist Richard Strauss, der ein enger Freund und Bewunderer Humperdincks war und die Uraufführung dieser Oper am Vorabend des Heiligen Abends 1893 in Weimar dirigierte. In einem Brief, den Strauss wenige Wochen vor der Uraufführung an Humperdinck schrieb, beschreibt er seine Gefühle, die er beim Studieren der Partitur empfand: „Welch herzerfrischender Humor, welch köstliche naive Melodik, welche Kunst und Feinheit in der Behandlung des Orchesters, welche Vollendung des Ganzen, welch blühende Erfindung, welch prachtvolle Polyphonie und alles originell, neu und so echt deutsch …“ Diese so treffende Beschreibung zeigt aber auch die Schwierigkeit auf. Diese Oper mit ihren vielen Anklängen an Richard Wagner kann man nicht mal so eben auf den Spielplan setzen. Es ist inhaltlich ein Märchen für Kinder, dessen Text Humperdincks Schwester Adelheid Wette eigentlich für eine Familienaufführung geschrieben hatte. Doch musikalisch ist das eine große Oper von einem Komponisten, der immerhin Wagners Assistent bei der Uraufführung des Parsifal war und dessen Einfluss in den großen Orchesterpassagen sehr deutlich zu vernehmen ist. In Anlehnung an Wagners Bezeichnung „Bühnenweihfestspiel“ für den Parsifal betitelte er seine Vertonung des Märchens in einem Brief an seine Schwester als „Ein Kinderstuben-Weihfestspiel“.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
„Mein lieber Freund, Du bist ein großer Meister, der den lieben Deutschen ein Werk beschert, das sie kaum verdienen, trotzdem aber hoffentlich recht bald in seiner ganzen Bedeutung zu würdigen wissen. Na, und wenn nicht, so hab einstweilen von einem treuen Freunde und Gesinnungsgenossen innigsten Dank für die Freude, die Du ihm bereitet hast. Ich denke, Hänsel und Gretel soll an Weihnachten herauskommen. … Es ist verteufelt schwer – das Hänselchen! Nochmals herzlichsten Glückwunsch und tausend Grüße Deines treuen Freundes und Bewunderers Richard Strauss“, schreibt Strauss weiter.
Und so erscheint noch heute Hänsel und Gretel alljährlich zur Weihnachtszeit auf den Spielplänen fast aller Opernhäuser. Während die Kinder mit strahlenden Augen ihrem ersten Opernerlebnis entgegenfiebern, schwelgen die Erwachsenen in Nostalgie und Kindheitserinnerungen. Ein weiteres Phänomen ist, dass viele Opernhäuser ihre zum Teil sehr alten und klassischen Inszenierungen immer wieder hervorholen. Wer einmal eine schöne klassische Inszenierung dieser Märchenoper gesehen hat, der möchte auch nichts anderes mehr sehen. Und so spielen die Häuser ihre Inszenierungen so lange, bis irgendwann die Requisiten auseinanderbrechen.
Das gilt ganz besonders für das Gärtnerplatztheater München, wo seit über 45 Jahren die Inszenierung in der Regie von Peter Kertz zum festen Weihnachtsprogramm vieler Münchner Familien gehört. Am 14. Dezember 1974 feierte diese Inszenierung ihre Premiere, und am 2. Dezember 2017 wurde sie unter der Leitung von Ferdinand Hofmann nach der Regie von Peter Kertz neu einstudiert und feierte vor etwas mehr als einem Jahr ihre 500. Aufführung seit der Premiere, nun steht die 514. Vorstellung auf dem Plan.

Und alle Zuschauer, jung wie alt, die sich auf eine klassische Inszenierung gefreut haben, werden wahrlich nicht enttäuscht. Peter Kertz hat das Märchen ganz klassisch und konventionell auf die Bühne gebracht, kongenial ausgestattet von dem Kostüm- und Bühnenbildner Hermann Soherr. Da sieht man im ersten Bild eine einfache Holzhütte vor einem dunklen Tannenwald. Hänsel und Gretel toben da herum, die Armut der Familie steht sprichwörtlich im Mittelpunkt, mit einer überforderten Mutter, die den einzigen Topf zerbricht.
Das zweite Bild ist erst klassisch romantisch im Wald, dann kindlich schön, wenn nach dem Abendsegen die vierzehn Engel erscheinen und einen Schutzwall um das schlafende Kinderpaar bilden. Das Sandmännchen im erdfarbenen Kostüm fährt aus der Bühnentiefe hervor, während das Taumännchen von einem Baumgipfel seinen Tau versprengt, bevor es an einer Zugmaschine durch die Lüfte entschwindet.
Für die meisten Kinder beginnt die Oper jedoch so richtig erst im dritten Bild, wenn die Knusperhexe erscheint. Und die lebt in einem Lebkuchenhaus, das so ausschaut, wie man es aus den alten Märchenbüchern der Gebrüder Grimm kennt. Ein großer köchelnder Ofen, in dem die Hexe am Schluss verschwindet, darf natürlich nicht fehlen.
Und so bietet die Inszenierung alles, was man als Kind oder als jung gebliebener Erwachsener von einer Märchenoper erwartet. Hänsel und Gretel ist eben nicht nur ein Märchenstück für kleine Kinder, sondern eine große, musikalisch anspruchsvolle Oper, wie Richard Strauss es treffend formuliert hat. Und das ist der Spagat eines jeden Theaters, einerseits dem Anspruch an die Musik gerecht zu werden, andererseits auch jungen Künstlern die Chance zu geben, sich zu beweisen. Dieser Mix gelingt in München recht gut.
Mária Celeng singt die Partie der Gretel mit schönem, lyrischem Sopran, der in den Höhen schon einmal dramatisch ausbrechen darf, und gestaltet die Partie mit mädchenhaft naivem Spiel. Anna-Katharina Tonauer weiß als Hänsel zu überzeugen, ihr kräftiger, warmer Mezzosopran ist ideal gelegen für diese Partie, da sieht man den Cherubino und meint schon den künftigen Octavian herauszuhören. Mit großer Spielfreude zeigt sie die Facetten eines Lausbuben, die einfach zu dieser Partie gehören. Der gesungene Abendsegen zusammen mit Mária Celeng ist sehr innig gestaltet, musikalisch einer der Höhepunkte des Abends.

Einen wunderbaren Kontrast bilden in dieser Aufführung die Eltern. Ildiko Raimondi ist von ihrer Bühnenpräsenz und ihrer Ausstrahlung die ideale Gertrud, die schimpft, keift und schließlich vor Sorge und Kummer erschöpft zusammenbricht. Ihr schon fast dramatischer Sopran hat genau die Schärfe und das Vibrato, dass für die Rolle erforderlich ist. Mathias Hausmann verkörpert mit warmem Bariton und freundlichem Spiel eher den milden, sanften Besenbinder Peter, dem das Wohl seiner Kinder doch sehr am Herzen liegt. Anna Agathonos ist eine Knusperhexe wie aus dem Märchenbuch. Sie bringt als schon dramatischer Mezzosopran alle stimmlichen und spielerischen Elemente mit und setzt sie mit so großer Spielfreude um, dass es besonders für die Kleinen im Zuschauerraum ein Riesenvergnügen ist. Mit wunderschön hellem und klarem Sopran streut Julia Duscher als Sandmännchen nicht nur den Kindern Sand in die Augen, sondern weckt sie mit strahlender Höhe als Taumännchen wieder auf, optisch und sängerisch ein Genuss.
Oleg Ptashnikov dirigiert das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz mit melodischem Tiefgang und ziemlich flottem Tempo. Die köstliche Naivität der Melodik, die Polyphonie, die Richard Strauss in seinem Brief an Engelbert Humperdinck so plastisch beschrieben hat, arbeitet Ptashnikov schön heraus, schwelgt in den großen, fast Wagnerschen Orchesterszenen und nimmt das Orchester in den getragenen Momenten wie dem Abendsegen gut zurück.
Die Lebkuchenkinder, Mitglieder des Kinderchores des Gärtnerplatztheaters, sind von Verena Sarré gut eingestellt und dürfen am Schluss wieder quicklebendig auf der Bühne herumtoben. Ein Augenschmaus sind die vierzehn Engel der Traumpantomime, optisch sicher das schönste Bild der Inszenierung.
Das Publikum am Schluss ist begeistert, vor allem die Kleinen jubeln lautstark bei allen Protagonisten. Dass die Kinder während der Aufführung nicht ruhig bleiben können, ist normal und verständlich, schließlich sind sie emotional doch stark beteiligt. Wenn dann aber die Eltern oder Großeltern meinen, ihren pädagogischen Pflichten nachkommen und das Geschehen auf der Bühne lautstark erklären und kommentieren zu müssen, dann geht der Kunstgenuss für den Opernliebhaber ziemlich in den Keller. Und Hänsel und Gretel ist nicht nur ein Märchen für Kinder, es ist in erster Linie eine große und anspruchsvolle Oper, oder wie hat es der Komponist selbst bezeichnet: „Ein Kinderstuben-Weihfestspiel“.
Andreas H. Hölscher