O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Das Kinderstuben-Weihfestspiel

HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)

Besuch am
4. Januar 2020
(Premiere am 14. Dezember 1974)

 

Gärtner­platz­theater, München

Alle Jahre wieder um die Weihnachtszeit herum stehen zwei Klassiker auf den Spiel­plänen vieler Theater. Tschai­kowskis Ballett Der Nussknacker und natürlich Engelbert Humper­dincks Märchenoper Hänsel und Gretel, die nun schon seit über hundert­fünf­und­zwanzig Jahren Genera­tionen von jungen Opern­be­su­chern verzaubert. Nun hat das Märchen mit Weihnachten und seiner religiösen Bedeutung rein gar nichts zu tun. Warum also wird Hänsel und Gretel fast ausschließlich in der Vor- und Nachweih­nachtszeit gespielt? Die Erklärung liefert kein gerin­gerer als der große Komponist Richard Strauss, der ein enger Freund und Bewun­derer Humper­dincks war und die Urauf­führung dieser Oper am Vorabend des Heiligen Abends 1893 in Weimar dirigierte. In einem Brief, den Strauss wenige Wochen vor der Urauf­führung an Humper­dinck schrieb, beschreibt er seine Gefühle, die er beim Studieren der Partitur empfand: „Welch herzer­fri­schender Humor, welch köstliche naive Melodik, welche Kunst und Feinheit in der Behandlung des Orchesters, welche Vollendung des Ganzen, welch blühende Erfindung, welch pracht­volle Polyphonie und alles originell, neu und so echt deutsch …“ Diese so treffende Beschreibung zeigt aber auch die Schwie­rigkeit auf. Diese Oper mit ihren vielen Anklängen an Richard Wagner kann man nicht mal so eben auf den Spielplan setzen. Es ist inhaltlich ein Märchen für Kinder, dessen Text Humper­dincks Schwester Adelheid Wette eigentlich für eine Famili­en­auf­führung geschrieben hatte. Doch musika­lisch ist das eine große Oper von einem Kompo­nisten, der immerhin Wagners Assistent bei der Urauf­führung des Parsifal war und dessen Einfluss in den großen Orches­ter­pas­sagen sehr deutlich zu vernehmen ist. In Anlehnung an Wagners Bezeichnung „Bühnen­weih­fest­spiel“ für den Parsifal betitelte er seine Vertonung des Märchens in einem Brief an seine Schwester als „Ein Kinderstuben-Weihfestspiel“.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



„Mein lieber Freund, Du bist ein großer Meister, der den lieben Deutschen ein Werk beschert, das sie kaum verdienen, trotzdem aber hoffentlich recht bald in seiner ganzen Bedeutung zu würdigen wissen. Na, und wenn nicht, so hab einst­weilen von einem treuen Freunde und Gesin­nungs­ge­nossen innigsten Dank für die Freude, die Du ihm bereitet hast. Ich denke, Hänsel und Gretel soll an Weihnachten heraus­kommen.  … Es ist verteufelt schwer – das Hänselchen! Nochmals herzlichsten Glück­wunsch und tausend Grüße Deines treuen Freundes und Bewun­derers Richard Strauss“, schreibt Strauss weiter.

Und so erscheint noch heute Hänsel und Gretel alljährlich zur Weihnachtszeit auf den Spiel­plänen fast aller Opern­häuser. Während die Kinder mit strah­lenden Augen ihrem ersten Opern­erlebnis entge­gen­fiebern, schwelgen die Erwach­senen in Nostalgie und Kindheits­er­in­ne­rungen. Ein weiteres Phänomen ist, dass viele Opern­häuser ihre zum Teil sehr alten und klassi­schen Insze­nie­rungen immer wieder hervor­holen. Wer einmal eine schöne klassische Insze­nierung dieser Märchenoper gesehen hat, der möchte auch nichts anderes mehr sehen. Und so spielen die Häuser ihre Insze­nie­rungen so lange, bis irgendwann die Requi­siten auseinanderbrechen.

Das gilt ganz besonders für das Gärtner­platz­theater München, wo seit über 45 Jahren die Insze­nierung in der Regie von Peter Kertz zum festen Weihnachts­pro­gramm vieler Münchner Familien gehört. Am 14. Dezember 1974 feierte diese Insze­nierung ihre Premiere, und am 2. Dezember 2017 wurde sie unter der Leitung von Ferdinand Hofmann nach der Regie von Peter Kertz neu einstu­diert und feierte vor etwas mehr als einem Jahr ihre 500. Aufführung seit der Premiere, nun steht die 514. Vorstellung auf dem Plan.

Foto © Christian Pogo Zach

Und alle Zuschauer, jung wie alt, die sich auf eine klassische Insze­nierung gefreut haben, werden wahrlich nicht enttäuscht. Peter Kertz hat das Märchen ganz klassisch und konven­tionell auf die Bühne gebracht, kongenial ausge­stattet von dem Kostüm- und Bühnen­bildner Hermann Soherr. Da sieht man im ersten Bild eine einfache Holzhütte vor einem dunklen Tannenwald. Hänsel und Gretel toben da herum, die Armut der Familie steht sprich­wörtlich im Mittel­punkt, mit einer überfor­derten Mutter, die den einzigen Topf zerbricht.

Das zweite Bild ist erst klassisch roman­tisch im Wald, dann kindlich schön, wenn nach dem Abend­segen die vierzehn Engel erscheinen und einen Schutzwall um das schla­fende Kinderpaar bilden. Das Sandmännchen im erdfar­benen Kostüm fährt aus der Bühnen­tiefe hervor, während das Taumännchen von einem Baumgipfel seinen Tau versprengt, bevor es an einer Zugma­schine durch die Lüfte entschwindet.

Für die meisten Kinder beginnt die Oper jedoch so richtig erst im dritten Bild, wenn die Knusperhexe erscheint. Und die lebt in einem Lebku­chenhaus, das so ausschaut, wie man es aus den alten Märchen­bü­chern der Gebrüder Grimm kennt. Ein großer köchelnder Ofen, in dem die Hexe am Schluss verschwindet, darf natürlich nicht fehlen.

Und so bietet die Insze­nierung alles, was man als Kind oder als jung geblie­bener Erwach­sener von einer Märchenoper erwartet. Hänsel und Gretel ist eben nicht nur ein Märchen­stück für kleine Kinder, sondern eine große, musika­lisch anspruchs­volle Oper, wie Richard Strauss es treffend formu­liert hat. Und das ist der Spagat eines jeden Theaters, einer­seits dem Anspruch an die Musik gerecht zu werden, anderer­seits auch jungen Künstlern die Chance zu geben, sich zu beweisen. Dieser Mix gelingt in München recht gut.

Mária Celeng singt die Partie der Gretel mit schönem, lyrischem Sopran, der in den Höhen schon einmal drama­tisch ausbrechen darf, und gestaltet die Partie mit mädchenhaft naivem Spiel. Anna-Katharina Tonauer weiß als Hänsel zu überzeugen, ihr kräftiger, warmer Mezzo­sopran ist ideal gelegen für diese Partie, da sieht man den Cherubino und meint schon den künftigen Octavian heraus­zu­hören.  Mit großer Spiel­freude zeigt sie die Facetten eines Lausbuben, die einfach zu dieser Partie gehören. Der gesungene Abend­segen zusammen mit Mária Celeng ist sehr innig gestaltet, musika­lisch einer der Höhepunkte des Abends.

Foto © Christian Pogo Zach

Einen wunder­baren Kontrast bilden in dieser Aufführung die Eltern. Ildiko Raimondi ist von ihrer Bühnen­präsenz und ihrer Ausstrahlung die ideale Gertrud, die schimpft, keift und schließlich vor Sorge und Kummer erschöpft zusam­men­bricht. Ihr schon fast drama­ti­scher Sopran hat genau die Schärfe und das Vibrato, dass für die Rolle erfor­derlich ist. Mathias Hausmann verkörpert mit warmem Bariton und freund­lichem Spiel eher den milden, sanften Besen­binder Peter, dem das Wohl seiner Kinder doch sehr am Herzen liegt. Anna Agathonos ist eine Knusperhexe wie aus dem Märchenbuch. Sie bringt als schon drama­ti­scher Mezzo­sopran alle stimm­lichen und spiele­ri­schen Elemente mit und setzt sie mit so großer Spiel­freude um, dass es besonders für die Kleinen im Zuschau­erraum ein Riesen­ver­gnügen ist. Mit wunder­schön hellem und klarem Sopran streut Julia Duscher als Sandmännchen nicht nur den Kindern Sand in die Augen, sondern weckt sie mit strah­lender Höhe als Taumännchen wieder auf, optisch und sänge­risch ein Genuss.

Oleg Ptash­nikov dirigiert das Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz mit melodi­schem Tiefgang und ziemlich flottem Tempo. Die köstliche Naivität der Melodik, die Polyphonie, die Richard Strauss in seinem Brief an Engelbert Humper­dinck so plastisch beschrieben hat, arbeitet Ptash­nikov schön heraus, schwelgt in den großen, fast Wagner­schen Orches­ter­szenen und nimmt das Orchester in den getra­genen Momenten wie dem Abend­segen gut zurück.

Die Lebku­chen­kinder, Mitglieder des Kinder­chores des Gärtner­platz­theaters, sind von Verena Sarré gut einge­stellt und dürfen am Schluss wieder quick­le­bendig auf der Bühne herum­toben. Ein Augen­schmaus sind die vierzehn Engel der Traum­pan­tomime, optisch sicher das schönste Bild der Inszenierung.

Das Publikum am Schluss ist begeistert, vor allem die Kleinen jubeln lautstark bei allen Protago­nisten.  Dass die Kinder während der Aufführung nicht ruhig bleiben können, ist normal und verständlich, schließlich sind sie emotional doch stark beteiligt. Wenn dann aber die Eltern oder Großeltern meinen, ihren pädago­gi­schen Pflichten nachkommen und das Geschehen auf der Bühne lautstark erklären und kommen­tieren zu müssen, dann geht der Kunst­genuss für den Opern­lieb­haber ziemlich in den Keller. Und Hänsel und Gretel ist nicht nur ein Märchen für Kinder, es ist in erster Linie eine große und anspruchs­volle Oper, oder wie hat es der Komponist selbst bezeichnet: „Ein Kinderstuben-Weihfestspiel“.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: