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DIE LUSTIGE WITWE
(Franz Lehár)
Besuch am
12. Juli 2024
(Premiere am 19. Oktober 2017)
Über dem Gärtnerplatztheater ziehen an diesem Abend dunkle, schwere Gewitterwolken auf, ein Unwetter braut sich da zusammen. Die eigenartige Stimmung passt hervorragend zu der Vorstellung, die an diesem Abend zum 25. Mal seit der Premiere am 19. Oktober 2017 auf dem Spielplan steht, und das zum ersten Mal wieder seit fünf Jahren. Franz Lehárs Klassiker Die Lustige Witwe schwankte in der jüngeren Inszenierungsgeschichte oft zwischen Kitsch, Klamauk oder modernem Regietheater, das jedwede Romantik vermissen lässt. Josef E. Köpplinger hatte sich 2017 anlässlich der feierlichen Wiedereröffnung des Gärtnerplatztheaters nach jahrelanger Sanierung dieses Meisterwerk der silbernen Operette vorgenommen, es entstaubt und in einen politischen Kontext gesetzt, der aktueller denn je ist. Herausgekommen ist ein flottes und scharf pointiertes Geschehen, dass durch die Einfügung einer Figur, des Todes, nicht nur eine schwermütige, sondern vor allem auch eine sehr nachdenkliche Seite zeigt.
Mit der Uraufführung von Franz Lehárs Die lustige Witwe am 30. Dezember 1905 erlebte die Ära der so genannten silbernen Operette ihren Glanz- und Höhepunkt und bescherte dem Genre in der Folge eine unvergleichliche Blüte. Bis heute zählt das Werk zu den meistgespielten Operetten überhaupt, und zahlreiche Musiknummern, so etwa Hannas Vilja-Lied oder Danilos und Hannas finales Liebesbekenntnis Lippen schweigen, zählen noch immer zu den unsterblichen Dauerbrennern des musikalischen Unterhaltungstheaters. Mit seinen unerschöpflichen melodischen Einfällen und bezaubernden orchestralen Farben, die von der eleganten Pariser Klangwelt des ersten Akts über die folkloristischen Melodien des zweiten bis hin zur erotisch-frivol aufgeladenen Atmosphäre der Pariser Nachtlokale im dritten Akt reichen, traf Lehár genau den Nerv seiner Zeit.

Die Geschichte beginnt in Paris um 1900 im Salon des pontevedrinischen Gesandtschaftspalais. Um sein Vaterland Pontevedro vor dem finanziellen Ruin zu retten, veranstaltet der pontevedrinische Gesandte Baron Zeta in Paris ein rauschendes Fest. Denn der drohende Staatsbankrott scheint nur noch durch eine Heirat der millionenschweren pontevedrinischen Witwe Hanna Glawari mit einem Landsmann abwendbar. Als geeigneter Heiratskandidat soll der lebenslustige Graf Danilo Danilowitsch herhalten, der Hanna bereits von früher kennt und sie schon einmal fast geheiratet hätte – jedoch war seine Familie gegen eine Ehe mit dem damals noch mittellosen Mädchen. Danilo, der Hanna noch immer liebt, will sie nicht glauben machen, er habe es nur auf ihr Vermögen abgesehen und spielt daher den Spröden. Ein Tanz der beiden gerät, trotz Danilos zur Schau getragener Gleichgültigkeit, zu einem wortlosen Bekenntnis seiner tatsächlichen Empfindungen für sie. Durch Hannas Begegnung mit Danilo sind auch in ihr alte Gefühle neu erwacht. Im Gartenpavillon von Hannas Palais kommt es während eines Fests zu einer unerwarteten, jedoch rein zufälligen Zusammenkunft Hannas mit Rosillon, der in Wahrheit der heimliche Verehrer von Zetas junger Frau Valencienne ist. Um der aus der Verlegenheit zu helfen – und auch, um Danilo zu ärgern – verkündet Hanna ihre Verlobung mit Rosillon. An Danilos eifersüchtiger Reaktion erkennt Hanna, dass er noch immer Gefühle für sie hegt. Um Danilo zu imponieren, hat Hanna einen Saal ihres Palais in das berühmte Pariser Nachtlokal Maxim‘s verwandeln lassen. Zeta – voll Sorge um Hannas Millionen, die im Falle einer Verheiratung mit Rosillon für das Vaterland verloren wären – appelliert erfolglos an ihren Patriotismus und macht ihr in seiner Not schließlich sogar selbst den Hof. Erst als Hanna bekennt, dass sie ihr Vermögen laut Testament im Falle einer Wiederverheiratung verlieren würde, gesteht Danilo ihr endlich seine wahren Gefühle – denn hierdurch kann sie nun nicht mehr argwöhnen, er habe es nur auf ihr Geld abgesehen. Die Millionen sind aber dennoch nicht verloren: Hanna hatte nur verschwiegen, dass das Vermögen ihrem neuen Gatten zufallen müsse. Die allgemeine Freude hierüber wird von der plötzlichen Nachricht vom Ausbruch des Krieges unterbrochen.
Köpplinger hat nämlich das Stück kurzerhand in den Vorabend des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs verlegt, genau genommen in den Juni 1914. Beim Attentat von Sarajevo wurden am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin von Gavrilo Princip, einem Mitglied der revolutionären Untergrundorganisation Mlada Bosna, ermordet, die in Verbindung mit offiziellen Stellen Serbiens stand oder gebracht wurde. Das war der Auslöser des Ersten Weltkrieges. Die Stimmung vor dem Attentat ist aufgeheizt, und die Gesellschaft tanzt auf dem Vulkan, genauso übrigens wie in der Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán. Die eingefügte Figur des Todes, der wie ein schwarzer Engel omnipräsent die Fäden zieht, ist der symbolische Leitfaden der Inszenierung. Schon der Beginn lässt keinen Zweifel daran, wer das Objekt seiner Begierde ist. Der Tod sitzt allein auf der Bühne, schaut in einen großen Spiegel, in dem wie in einem alten Schwarzweiß-Film ein Trauerzug gezeigt wird. Mittendrin Hanna Glawari, deren Mann gerade gestorben ist. Aus einem Grammophon erklingt Lippen schweigen in einer knarzenden Klavierfassung. Für einen kurzen Augenblick begegnen sich ihrer beiden Blicke, doch die Glawari wendet sich ab und geht weiter. Es ist die Vorgeschichte der Operette, die hier in einer kurzen Sequenz der Aufführung vorgeschaltet ist. Dann beginnt die eigentliche Aufführung, schwungvoll, festlich, in großer Garderobe mit einem klassischen Bühnenbild, was die damalige Zeit sehr gut charakterisiert. Das Bühnenbild wurde von Rainer Sinell gebaut, Alfred Mayerhofer entwarf die opulenten und farbenreichen Kostüme.

Die besondere und schwierige Beziehung zwischen Hanna Glawari und Danilo Danilowitsch wird hier zu einer ménage à trois, denn der Tod ist immer dabei. Das ist aber weder schauerlich noch stimmungstötend, sondern hat im Verlaufe der Geschichte auch viele humorvolle Seiten mit von Köpplinger ganz gezielt eingesetzten Gesten oder Symbolen. Wenn die Glawari in einer schwarzen Kutsche triumphal ihren ersten Auftritt hat, von der Gesellschaft mit roten Rosen überschüttet wird, dann ist der Tod mittendrin, mit einer schwarzen Rose in der Hand, die er ihr überreicht. Wenn das Liebeslied Lippen schweigen zum ersten Mal instrumental erklingt, dann spielt in Nebelschwaden gehüllt der Tod die Geige. Ein ausdrucksvolles starkes Bild, das den Tanz auf dem Vulkan symbolisiert. Beim streitlustigen Reitersmann-Duett zwischen Hanna und Danilo tanzt der Tod auf einem hölzernen Steckenpferd stilvoll dazu. Am Pavillon, dem Ort, wo Rosillon und Valencienne sich heimlich getroffen haben und wo Hanna die Eifersucht Danilos zum Sieden bringt, befinden sich zwei Figuren, die vom Tod quasi zum Leben erweckt werden, während er selbst auf das Dach des Pavillons klettert, um von dort die Fäden zu ziehen.
Die Szene im Maxim‘s ist klassisch dargestellt, die Grisetten tanzen lasziv erotisch, und Köpplinger wäre nicht Köpplinger, wenn unter den Grisetten nicht auch ein paar Männer wären. Einfach schön gemacht. Am Ende löst sich scheinbar alles in Wohlgefallen auf, Hanna und Danilo finden endlich zusammen, die Millionen bleiben im Lande. Aber Köpplinger verzichtet an dieser Stelle auf die typische Operettenseligkeit und Heiterkeit und holt das Publikum zurück in eine düstere Realität. Njegus tritt nach vorne, und berichtet mit Grabesstimme, dass der Thronfolger ermordet wurde und Krieg herrsche. Zuerst treten die Männer, fast alle in Uniform, ab. Die Pflicht am Vaterland ruft, und keiner wird zurückkommen. Dann treten auch die Frauen schweigend ab, wissend, dass sie ihre Männer nicht wiedersehen werden. Hanna Glawari bleibt ganz allein zurück auf der Bühne. Da erscheint der Tod mit großen, schwarzen Flügeln, packt sich die Witwe und küsst sie. Es ist der Kuss des Todes, am Ende hat der Tod gesiegt. Es ist ein hoch emotionaler und bewegender Moment, der zu einem intensiven Moment der Stille im Publikum führt, der kaum auszuhalten ist. Dann bricht der Jubel los.

Es ist aber nicht nur eine grandiose Inszenierung, sondern auch musikalisch und sängerisch ist es ein großartiger Abend. Camille Schnoor gibt die Hanna Glawari mit großer Eleganz und Grandezza. In den dramatischen Höhen ist das Vibrato etwas scharf, dafür überzeugen ihre Piano-Töne. Und ihre Stimme besitzt einen schmeichelnden Liebreiz, der vor allem im Liebesduett Lippen schweigen für vokales Schmachten sorgt und zum musikalischen Höhepunkt des Abends geriert. Das Vilja-Lied singt sie innig, den letzten hohen Ton hält sie im zarten piano aus. Daniel Prohaska ist ein eher untypischer Danilowitsch. Wild, draufgängerisch, ohne Zylinder und Seidenschal, aber voller Leidenschaft. Sein „da geh ich zu Maxim …“ ist die Lebensphilosophie eines von der Liebe gekränkten Einzelgängers, der seine verletzten Gefühle musikalisch zum Ausdruck bringt. Er ist der einsame Wolf, auf der Suche nach Liebe und Anerkennung. Sein markanter Tenor mit baritonalem Timbre hat eine wunderschöne warme Mittellage, die Höhen sind kraftvoll und mit großer Souveränität im Ausdruck. Hans Gröning gibt den Baron Mirko Zeta mit trotteligem, aber liebenswürdigem Habitus. Sophie Mitterhuber als kokette Valencienne begeistert mit ihrem klaren und ausdrucksstarken Sopran und gibt an diesem Abend sängerisch und spielerisch, vor allem auch als Grisette im dritten Akt, eine überzeugende Performance. Lucian Krasznec überzeugt als Camille de Rosillon mit schönem Belcanto-Gesang und tenoralem Schmelz, als sei er grade einer Puccini-Oper entsprungen, auch wenn er bei seiner großen Arie für einen kurzen Moment Schwierigkeiten hat, den hohen Ton im Piano zu halten.
Jeremy Boulton als Vicomte Cascada und Juan Carlos Falcón als Raoul de Saint-Brioche fügen sich herrlich komisch ein genauso wie Lukas Enoch Lemcke als Bogdanowitsch und Frank Berg als cholerischer und ständig mit einer Pistole herumfuchtelnder Kromow. Ihnen zur Seite stehen Marianne Larsen und Ann-Kathrin Naidu als graziöse und kokettierende Ehefrauen. Eine Marke für sich ist Sigrid Hauser, die den Kanzlisten Njegus mit scharfsinnigem und spitzzüngigem Humor verkörpert und am Schluss für den ergreifenden Moment der Stille sorgt. Für Gänsehaut sorgt der Auftritt der mittlerweile 80-jährigen Gisela Ehrensperger, Ehrenmitglied des Staatstheaters am Gärtnerplatz, als Praskowia im Rollstuhl, unterstützt von Holger Ohlmann als Pritschitsch, selbst auch schon eine Institution am Haus. Star des Abends ist zweifellos der Tänzer Joel Distefano in der omnipräsenten Figur des Todes, der in dieser Rolle ein großartiges Debüt gibt.
Anthony Bramall am Pult des Orchesters des Staatstheaters am Gärtnerplatz spielt einen flotten Lehár, frei von Sentimentalität und Schmalz. Die bekannten Melodien der Operette werden mitreißend und gleichzeitig einfühlsam dargeboten. Das Ballett des Staatstheaters zeigt eine engagierte und dennoch klassische Choreografie, die von Adam Cooper großartig einstudiert ist, insbesondere die Figur des Todes. Der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz ist von Felix Meybier formidabel eingestellt. Das Publikum ist, nach einem kurzen Moment der Stille, am Schluss begeistert, es gibt großen und langanhaltenden Applaus für alle Beteiligten. Das Staatstheater am Gärtnerplatz hat wieder einmal bewiesen, dass die Operette als Genre ein Schmelztiegel großer Musik und Gefühl sein kann, ohne in Kitsch abzudriften. Und auch sieben Jahre nach der Premiere ist das zeitlose Werk in dieser Interpretation aktueller denn je.
Andreas H. Hölscher