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I MASNADIERI
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
17. Juli 2025
(Premiere am 8. März 2020)
Münchner Opernfestspiele in der Bayerischen Staatsoper München
Giuseppe Verdis frühe Oper I Masnadieri findet nur selten den Weg auf die Spielpläne. Umso schöner, dass man bei den Münchner Opernfestspielen die Gelegenheit hat, sie zu sehen. Es ist eine von vier Opern, die der Komponist nach Werken von Friedrich Schiller verfasst hat: Giovanna d’Arco – Die Jungfrau von Orleans, Luisa Miller – Kabale und Liebe, Don Carlo und eben I Masnadieri – Die Räuber. Uraufgeführt wurde das Werk 1847 in London, wo es zunächst nur verhaltene Reaktionen hervorrief, war in Italien bis 1850 recht erfolgreich und wurde dann aber von der Trilogia populare, den drei großen Publikumslieblingen Rigoletto, La Traviata und Il Trovatore langsam abgelöst. Nach Deutschland kamen I Masnadieri erst 1928 im Stadttheater von Barmen, einem Stadtteil von Wuppertal, das 1874 mit dem Don Carlo eröffnet worden war. Nach der Münchner Erstaufführung 2008 im Gärtnerplatztheater sind sie nun auch seit 2020 im Nationaltheater zu sehen.
Der Inhalt ist kurz, und ohne die Verwicklungen zu berücksichtigen, so erzählt: Die Brüder Carlo, der ältere, und Francesco Moor, der jüngere, leben mit ihrem Vater auf einem Schloss. Carlo verlässt die Familie nach einem Zerwürfnis mit seinem Vater und schließt sich einer brutalen Räuberbande an, wird deren Hauptmann. Schon bald bereut er das aber schon angesichts der verderbten Welt um ihn herum. Sein Bruder Francesco intrigiert gegen ihn und will ihn und den Vater ausschalten, um letztendlich selbst an die Macht zu kommen. Als Carlo aus Gewissensbissen und Sehnsucht nach seiner Jugendliebe Amalia in die Heimat zurückkehrt, trifft er sie dort unter den unwahrscheinlichsten Umständen im Wald und findet seinen Vater, von Francesco gefangen gehalten. Es kommt zu dramatischen Verstrickungen, die in der Ermordung Amalias durch Carlo und dessen Selbstauslieferung an die Räuber enden.

Regisseur Johannes Erath gibt dem wahrlich verzwickten Treiben, das einem der genialsten deutschen Dramen des Sturm und Drangs folgt, einen durch und durch, von der Bühne bis zum Programmheft durchgehaltenen, düsteren Rahmen mit viel Schwärze und nur einigen wenigen hellen Punkten. Auf der Bühne von Kaspar Glarner, der auch für die zeitgemäßen Kostüme in Schwarz verantwortlich zeichnet, befindet sich ein großer Raum eines Palastes, der von schwarz gekleideten Menschen, in Grau gehaltenen Doubles, schwarzen Engeln, aber dann auch weißen Hirschen und einer in creme gekleideten Amalia bevölkert wird. Im Hintergrund steigt eine breite Treppe hoch, rechts und links sind Wände, die leicht verschoben werden können und die als Projektionsfläche für Videos dienen. Lea Heutelbeck, Leiterin der Videoabteilung an der Bayerischen Staatsoper, nutzt die Flächen, um den Raum zu vergrößern und in der Gewitterszene die Wände wackeln zu lassen.
Dominiert wird die Bühne in fast jeder Szene durch einen langgezogenen Tisch, den nicht nur Vater Massimiliano und die Brüder, sondern auch deren und Amalias jugendliche Doubles als Spielfläche nutzen. Die Personenregie ist nicht gerade stark ausgeprägt, vieles wirkt etwas steif. Damit ist schon fast alles erzählt. Das Ganze wirkt wie ein Familiengemälde aus alter Zeit. Der Tisch fährt herein und heraus, die Räuberbande besiedelt die Treppe und den Raum um den denselben, als Amalia sich im Wald verirrt, stehen sechs fein beschnittene Bäumchen im Vordergrund und verdecken den Tisch. Die Drehbühne wird eifrig eingesetzt, bis sie anscheinend im dritten Akt irgendwie ein Problem hat, sodass die weißen Hirsche, die vorher in klein auf dem Servierwagen standen, in Überlebensgröße hereingeschoben werden müssen. Im Übrigen eines der beeindruckenden Bilder der Inszenierung, als Amalia vor den großen weißen Hirschen agiert, wobei sich der Zusammenhang nicht gleich erschließt – Sinnbild ihrer Reinheit? Das Licht von Olaf Freese wirkt manchmal etwas seltsam platziert und unmotiviert, die Gesichter sind ab und an nur schwer zu sehen, vielleicht aber wurden von den Sängern die Markierungen auf dem Boden auch nicht wirklich gut beachtet, so findet der Sänger des Francesco den Spot, der sein Gesicht dämonisch erglühen lässt, erst sehr spät in einer Szene.

Das alles tut der Wirkung von Verdis Musik nichts und erfreut zumindest teilweise diejenigen Zuschauer, die gerne zeitgemäß Inszeniertes sehen möchten, vor allem, da durchwegs hochkarätige Sänger auf der Bühne stehen. Allen voran Lisette Oropesa, die mit ihrem wunderbar gleichmäßig durchgebildeten, stets warmen und bis in die höchsten Höhen glitzernd-lyrischen Sopran eine sehr anmutige Amalia gibt. Ihr Piano ist auch in großer Höhe fein und ergreifend, ihre Mittellage füllig. Ihr zur Seite singt Charles Castronovo mit erdigem und anfangs in der Höhe leicht angestrengtem Tenor. Das wird später besser, was bleibt, ist ein etwas kehliger und nach italienischer Schule klingender Ansatz. Seine Stärken liegen an diesem Abend bei den leiseren Tönen und in den Duetten, wo er sich gut zurücknehmen kann. Alfredo Daza singt den Francesco mit einem kernigen und mit viel Kraft und Gestaltungswillen ausgestatten Bariton. Ihm steht die Bösartigkeit gut zu Gesicht und Stimme, in der Szene mit Amalia zeigt er aber auch reichen Schmelz. Erwin Schrott als Massimiliano, der auch anfangs noch etwas unkonzentriert scheint, läuft im Laufe des Stückes zur Hochform auf und gefällt mit seinem sonoren Bass besonders in der Schlussszene. Ensemblemitglied Kevin Conners gibt einen durchwegs souveränen Arminio mit hellem Tenor. Roman Chabaranck singt den Geistlichen Moser mit samtigem Bass, der aufhorchen lässt, Tansel Akzeybek darf seinen leichten Tenor als Rolla kurz hören lassen.
Der Chor in der Einstudierung von Christoph Heil hat großen Anteil am Gelingen der Aufführung. Um die 35 Männer bilden die Räuberbande, Mitglieder des Bayerischen Staatsopernchores und der Statisterie, die mit vollem stimmlichem wie körperlichem Einsatz die großen Szenen bereichern. Sie singen wunderbar kraftvoll, homogen und knackig die Bösewichte, die im großen Räuberchor zu Beginn des dritten Aktes recht lustig und ausgelassen über das Rauben, Vergewaltigen, Brennen und Morden singen.
Das Bayerische Staatsorchester wird geleitet von Antonino Fogliani, der aus der noch recht frühen Partitur des Komponisten die schon typischen Figuren sorgsam herausarbeitet und einen satten, klangvollen und intensiven Verdi in den Raum aufsteigen lässt. Besonders zu erwähnen ist das sehr einfühlsam gespielte Solovioloncello von Jakob Spahn in der Ouvertüre.
Die Zuschauer im nahezu ausverkauften Haus feiern alle Mitwirkenden mit stehendem Applaus, allen voran Sopranistin Oropesa. Sehr schön zu sehen ist die Freude von Schrott über den Erfolg, der sich freundlich strahlend und winkend von seinen Zuhörern verabschiedet. Und dann geht man hinaus in die warme Sommernacht, in der Münchens Innenstadt so herrlich pulsiert.
Jutta Schwegler