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LES MISÉRABLES
(Claude-Michel Schönberg)
Besuch am
22. März 2024
(Premiere)
Wenn auf der Bühne die revolutionäre Hymne des Volkes voller Pathos gesungen wird, wenn rote Fahnen geschwenkt werden und sich am Schluss das Publikum in kollektivem Jubel von den Sitzen erhebt, dann ist gerade eine einmalige und außerordentliche Premiere über die Bühne gegangen. Selten erlebt man unisono einen so orkanartigen Jubel, eine mit sich reißende Begeisterung und gleichzeitig Rührung und emotionale Bewegtheit. Das alles passiert am Gärtnerplatztheater München, Schauplatz einer mal wieder denkwürdigen Aufführung. Nach jahrelangen Bemühungen, die Aufführungsrechte zu bekommen, ist es dem Intendanten des Gärtnerplatztheaters und Regisseur der Inszenierung, Josef E. Köpplinger, gelungen, in einer Koproduktion mit dem Theater St. Gallen das Erfolgsmusical Les Misérables nach München zu holen. Köpplinger sagt selbst dazu, dass er als Regisseur 2006 unter dem damaligen Intendanten Klaus Schultz einen Vertrag für eine Inszenierung gehabt hätte. Die wurde von den Rechteinhabern aber nicht genehmigt, weil Schultz nur 15 Vorstellungen angesetzt hatte. 2018 wurde Les Misérables wegen einer geplanten Tournee der Londoner West-End-Produktion gesperrt, die auch in München gastieren sollte. Und die Rücksicht auf mögliche Gastspiele hat Aufführungen in München wohl lange verhindert. Kleinere Städte hätten die Rechte eher bekommen, weil die nicht als Konkurrenz für eine große Tour betrachtet werden. Bis Jahresende sind mindestens dreißig Aufführungen geplant, davon zweiundzwanzig noch in dieser Spielzeit. Im Dezember des vergangenen Jahres feierte die Produktion bereits in St. Gallen einen triumphalen Erfolg.
Die tiefe und mitreißende Musik entspringt einer Komposition von Claude-Michel Schöneberg, die nur vereinzelt durch reine Textpassagen unterbrochen wird und so das Geschehen intensiv umrahmt. Die Gesangstexte stammen von Herbert Kretzmer. Das französische Originalbuch haben Alain Boublil und Jean-Marc Natel verfasst. Bei dieser Produktion von Les Misérables stammt die deutsche Übersetzung von Liedermacher Heinz Rudolf Kunze. Als Vorlage für den Stoff gilt der gleichnamige Roman von Victor Hugo. Als das Musical 1980 in Paris seine Uraufführung erlebte, war es schon damals ein großer Erfolg, der dann aber etwas in Vergessenheit geriet.

1982 besuchte der Londoner Theaterproduzent Cameron Macintosh, der schon Andrew Lloyd Webbers Musical Cats produziert hatte, eine Aufführung und war sofort begeistert. Mit Einverständnis der Originalautoren bearbeitete und erweiterte er das Musical für das Londoner Theaterpublikum und brachte es 1985 im West End zur Londoner Uraufführung. Mit fast 15.000 Vorstellungen ist Les Misérables das Musical mit den meisten Aufführungen. Damit zählt es als die Show mit der längsten Spielzeit in London. Macintosh hält bis heute die Rechte an dem Stück und wacht mit Argusaugen darüber, dass sämtliche Inszenierungen weltweit kaum von der Londoner Originalproduktion abweichen und vom Cast bis zum Bühnenbild und den Kostümen alles absegnet. Doch trotz solcher vertraglichen Bedingungen ist die künstlerische Freiheit des Regisseurs nicht eingeschränkt, wie Köpplinger selbst betont.
Das Musical deckt eine Zeitspanne von 1815 bis 1840 ab. Anhand des Schicksals des Sträflings Jean Valjean mit der Nummer 24601, der wegen Diebstahl eines Brotes wegen Hungers zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde und dessen Strafe wegen Ausbruchsversuchen auf 16 Jahre verlängert worden war, entsteht ein bewegendes Zeitgemälde, bevölkert mit diversen Charakteren. Jean Valjean schafft dabei die Wandlung vom ehemaligen Strafgefangenen zum geläuterten Humanisten. Ihm auf den Fersen bleibt der unerbittliche Polizeikommissar Javert. Die Hauptfiguren sind die Fabrikarbeiterin Fantine, die aus Armut zur Prostitution gezwungen wird, um ihre kranke Tochter Cosette durchzubringen, die bei den geldgierigen Thénardiers in Pflege ist. Valjean, nun Bürgermeister, verspricht der schwerkranken Fantine, sich um ihre Tochter zu kümmern.
Zehn Jahre später – Cosette wurde unterdessen von den Thénardiers weggeholt und lebt bei Valjean als dessen „Tochter“ – verliebt sich Cosette in den Studenten Marius, der sich der revolutionären Bewegung angeschlossen hat. Éponine, die Tochter der Thénadiers, ist ebenfalls in Marius verliebt. Sie erkennt jedoch bald, dass ihre Gefühle von Marius nicht erwidert werden, schließt sich ebenfalls der Revolution an und stirbt am Ende in Marius‘ Armen auf den Barrikaden. Valjean schließt sich ebenfalls den Aufständischen an, da sie für Gerechtigkeit kämpfen und weil er um die Liebe Marius‘ zu Cosette weiß, den er schützen will. In den Wirren der Revolution liegt das Schicksal Javerts in Valjeans Hand, doch er lässt den hasserfüllten Polizeispitzel laufen. Marius wird schwer verletzt, der Aufstand scheitert. Nach einigen Wirrungen muss Javert endlich erkennen, dass der ehemalige „Verbrecher“ Valjean der bessere Mensch war, kommt damit nicht mehr zurecht und beendet sein Leben. Marius und Cosette vermählen sich. Thénardier will Marius erpressen, erreicht dadurch aber nur, dass Marius nun weiß, wer ihn seinerzeit gerettet hat. Marius und Cosette eilen zu Valjean. Er ist mittlerweile ein alter Mann geworden, dem Tode nahe. Noch einmal sieht er seine Weggefährten vor seinem geistigen Auge: Fantine, Éponine, die Studenten Gavroche und Enjolras. Das Lied des Volkes, die Hymne der Aufständischen wird nochmals intoniert. Valjean stirbt in Frieden.
Für Intendant und Regisseur Köpplinger ist das Musical oder „Opern-Schauspiel“, wie er es auch gerne bezeichnet, eines der Besten seiner Zunft, mit packendem Inhalt, großartiger Musik und packenden Rollenprofilen. Vor Beginn der Vorstellung sieht man auf dem schwarzen Vorhang den Spruch frei nach Voltaire „Jeder Fanatismus endet in Fatalismus“ projiziert. Für Köpplinger ist das Scheitern vieler Charaktere, das Verlangen nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit ein zeitloser Kampf. Wörtlich sagt der Regisseur: „Wir sehen es heute wieder. Scheinbar lernt die Menschheit nichts. Dabei wäre es doch viel einfacher, wenn wir die Egomanie zurückschrauben, wenn wir zuhören und andere Meinungen beziehungsweise das Anderssein akzeptieren würden.“ Das Stück behandelt Themen wie Armut, Ungleichbehandlung, Ungerechtigkeit sowie Gerechtigkeit, Liebe, Aufopferung, Glauben und Heuchelei. Diese Themen seien heute genauso aktuell wie damals, und die müsse man immer wieder diskutieren, sagt Köpplinger.

Für den Dirigenten Koen Schoots, der schon die Schweizer Erstaufführung im Jahr 2007 geleitet hat und auch im Dezember in St. Gallen am Pult stand, ist Les Misérables eine moderne italienische Pop-Oper. Über den Komponisten Claude-Michel Schönberg sagt er, dass er eine große Liebe sowohl für Popmusik als auch für die italienische Oper habe. Für Schoots gibt es wenig Musicals, die so opernhaft geschrieben seien, nicht einmal das Phantom der Oper von Andrew Lloyd Webber. Les Misérables sei moderne Opernsprache, sehr angelehnt an Puccini. Und in der Tat gibt es da Anklänge, die an Manon Lescaut oder Suor Angelica erinnern. Zu der Thematik sagt Schoons, dass jeder im Publikum sich mit den Figuren identifizieren kann. Jeder kenne Einsamkeit, Trauer, Revolution und Aufbruch. Die Musik und die Handlung berühre unmittelbar, man kann sich mit dem Stück identifizieren und ist gerührt, da die Musik zu Herzen geht.
Auch wenn sich die neue Münchner Inszenierung von Les Misérables optisch nicht großartig von bereits dagewesenen Inszenierungen unterscheidet, so verschmelzen dennoch beeindruckende Bilder, emotionale Darstellungen und musikalisches Können zu einem unvergesslichen Gesamterlebnis. Köpplinger gelingt es im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten, aus Victor Hugos epischem Roman eine Bühnenfassung zu präsentieren, die vor allem durch ihre emotionale Tiefe berührt. Die psychologischen Beziehungsgeflechte der einzelnen Charaktere, insbesondere die von Valjean und Javert, arbeitet er tiefgründig und mit dem ihm bekannten Feingefühl aus, was zu der gerade beschriebenen Emotionalität führt.
Das Bühnenbild stammt von Rainer Sinell. Die große Herausforderung der Produktion sind die vielen Szenenwechsel, die nicht nur den Ort, sondern auch die Zeit verschieben. Eine logistische Meisterleistung des gesamten Technik-Teams. Die Drehbühne ermöglicht schnelle Szenenwechsel, wobei sich Häuserfassaden zu einem stets neu formierenden Hintergrund zusammensetzen. Stimmungsvoll wird es immer, wenn die Bühne fast leer und auch der Hintergrund nur noch eine schwarze Wand ist. Dann können durch Bühnennebel und verschiedene Lichteinstellungen besonders stimmungsvolle Momente gelingen. Weitere Bühnenelemente wie die Gartenmauer des Hauses, in dem Valjean und Cosette in Paris leben, oder auch die besonders gelungenen Straßen-Barrikaden können durch die sich drehende Bühne und einen sich in der Bühnenmitte auf- und absenkenden Vorhang hereingebracht werden, ohne den laufenden Spielbetrieb zu stören. Die Kostüme von Uta Meenen sind detailreich und liebevoll gearbeitet, spiegeln die Zeit der Geschichte gut wider und wirken sehr authentisch.
Doch zu einem außergewöhnlichen Abend gehört auch ein außergewöhnliches Ensemble, das sich bei der Premiere in Hochform präsentiert, mit gefühlvollem und leidenschaftlichem Spiel und Gesang auf höchstem Niveau. Armin Kahl als Jean Valjean beeindruckt mit seiner Wandlungsfähigkeit des Charakters und ausdrucksvollem Gesang. Kaum einer im Publikum bemerkt, dass Kahl gesundheitlich angeschlagen ist und nach der Szene mit dem Karren im ersten Teil nicht mehr singen kann. Bis zur Pause wird er dabei sängerisch von der Zweitbesetzung, Filippo Strocchi, von der Seitenbühne aus gecovert. Als der Pausenvorhang fällt, kommt Köpplinger auf die Bühne und sagt, dass Armin Krahl nicht mehr weitermachen könne und er ihn nach Hause schicke, die Gesundheit gehe vor. Filippo Strocchi übernehme im zweiten Teil die Rolle des Valjean. Es gibt trotzdem oder gerade deshalb großen Jubel für beide Akteure. Und Strocchi reiht sich im zweiten Teil nahtlos und ohne Abstriche in die Aufführung ein, so dass der Begriff „Zweibesetzung“ hier sicher nicht angebracht ist. Daniel Gutmann als Javert beeindruckt durch sein leidenschaftliches Spiel und seinen markanten Gesang, für sein Solo Sterne gibt es großen Jubel. Seine große Breite, von der Oper und Operette bis hin zum Musical machen den jungen Bariton zu einem sehr wertvollen Mitglied des Ensembles.

Wietske van Tongeren gibt die Fantine mit viel Seele und Pathos. Ihr großes Solo Ich hab‘ geträumt vor langer Zeit im ersten Akt führt zum ersten großen Jubel während der Vorstellung. Florian Peters als Marius beeindruckt durch Schöngesang und engagiertes Spiel. Für Julia Sturzlbaum gilt das Gleiche wie für Daniel Gutmann. Oper, Operette oder Musical, Sturzlbaum spielt in jedem Genre auf höchstem Niveau, und ihre Darbietung der Cosette, auch im Duett mit Florian Peters, geht zu Herzen. Katia Bischoff als Éponine ist mit ihrer leidenschaftlichen Darbietung eine der am stärksten umjubelten Akteure des Abends. Ihr emotionales Solo in ihrer Sterbeszene Der Regen fällt berührt das Publikum so stark, dass es lautstarken und anhaltenden Jubel für die Darbietung gibt. Dagmar Hellberg und Alexander Franzen als Madame und Monsieur Thénadier überzeugen mit herrlich komischem und schon fast rüpelhaftem Spiel und bringen so noch eine andere Farbe ins Spiel, mit ihren Nummern Herr im Haus und Bettler ans Buffet sorgen sie für Abwechslung inmitten des dramatischen Geschehens. Merlin Fargel als Enjolras reiht sich nahtlos in das großartige Ensemble ein.
Ein Extralob haben sich sie Kinderdarsteller Philip Hopf als Gavroche, Ricarda Livenson als kleine Cosette und Alice Motataianu als kleine Éponine verdient, die mutig, couragiert und beeindruckend ihre Auftritte absolvieren und am Schluss ebenfalls in den Genuss des kollektiven Jubels der Zuschauer kommen.
Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz spielt das Musical zupackend, emotional und mit viel Pathos. Dirigent Koen Schoots kostet die wunderbaren Melodien, die Phrasierungen und die langen Bögen richtig aus, was die bewegende Atmosphäre des Stückes noch unterstreicht. Auch der Chor des Staatstheaters ist von Dovilė Šiupėnytė perfekt einstudiert. Höhepunkt ist das revolutionäre Lied des Volkes, sehr bewegend interpretiert.
Nach knapp dreieinhalb Stunden senkt sich der Vorhang über eine grandiose Premiere, die vom Publikum mit so noch nicht gehörtem Jubel aufgenommen wird. Damit hat sich Köpplinger als Regisseur nicht nur einen lang gehegten Traum erfüllt, er hat damit auch die erneute Vertragsverlängerung als Intendant bis 2030 bestätigt, denn die Inszenierung ist schon jetzt der nächste Rekord-Dauerbrenner am Gärtnerplatztheater, in dieser Spielzeit wird die Produktion noch einundzwanzigmal zu sehen sein, und alle Vorstellungen sind ausverkauft!
Andreas H. Hölscher