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Neue alte Welt

NEUE WELT – NEUES GLÜCK
(Joseph Haydn, Béla Bartók, Antonín Dvořák)

Besuch am
11. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Gärtner­platz­theater, München

Das Gärtner­platz­theater in München ist bekannt für seine Vielsei­tigkeit und sein breites Reper­toire. Ob Oper, Operette, Musical oder Ballett, am Gärtner­platz­theater findet jeder musisch Inter­es­sierte etwas für seinen Geschmack. Ergänzt wird das Reper­toire durch Lieder­abende, meist von hausei­genen Solisten, und von Sinfonie- und Kammer­kon­zerten. Diese Reihe erfreut sich mittler­weile einer großen Beliebtheit, auch weil das Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz hier ganz andere Facetten seines Könnens zeigen kann. Entspre­chend dem Profil des Gärtner­platz­theaters, das Musik­theater in all seiner Vielfalt zu zeigen, reicht das Reper­toire des Orchesters vom Barock bis zu zeitge­nös­si­schen Kompo­si­tionen. Der 77 Musiker umfas­sende Klang­körper wurde 2003 in den Rang eines A‑Orchesters erhoben. Das Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz ist seit seiner Gründung durch die Zusam­men­arbeit mit namhaften Dirigenten und Musiker­per­sön­lich­keiten geprägt. So dirigierten hier unter anderem Kompo­nisten wie Carl Millöcker und Franz Lehár eigene Werke. Seit der Spielzeit 202324 leitet Rubén Dubrovsky als Nachfolger von Anthony Bramall das Orchester.

An diesem Abend stehen drei Orches­ter­werke von drei ganz unter­schied­lichen Kompo­nisten auf dem Programm­zettel, die dennoch eine, wenn auch nicht auf dem ersten Blick erkennbare Gemein­samkeit haben. Die Rede ist von Joseph Haydn, Béla Bartók und Antonín Dvořák. Was ist nun die Verbindung zwischen den drei großen Kompo­nisten? Alle drei gingen ins Ausland und kompo­nierten dort die Werke, die an heute Abend gespielt werden. Haydn ging nach London und feierte dort seine größten Erfolge, Bartók hielt sich in der Schweiz auf, bevor er in die USA emigrierte, und Dvořák siedelte mit einem Teil seiner Familie für drei Jahre nach Amerika über. Doch was ist das Besondere an den im Ausland entstan­denen Stücken? Es wirkt so, als ob alle drei fern der Heimat besonders an ihre eigene Herkunft erinnert worden wären und zu einem neuen persön­lichen Stil fanden. Bartók verbindet diverse Tradi­tionen, wobei er barocke Formen mit Elementen ungari­scher Volks­musik kombi­niert. Dvořák verflocht Rhythmen und Harmonien, die er in Amerika kennen­ge­lernt hatte, mit der Tonsprache seiner tsche­chi­schen Heimat. Diese Beson­der­heiten, aber auch die Geschichten um die Kompo­nisten und ihre Kompo­si­tionen stellt GMD Rubén Dubrovsky quasi als Einführung vor die Aufführung der jewei­ligen Werke. Das macht er nicht nur sehr charmant und kompetent, er stellt auch noch eine weitere Gemein­samkeit heraus, die man in offizi­ellen Biografien über die Künstler oder bei Werkein­füh­rungen nicht so häufig findet. Neben dem Kompo­nisten sind es jeweils mindestens zwei weitere Personen, die an der Kompo­sition, der Aufführung und am Ende auch am Erfolg maßgeblich mitbe­teiligt sind.

Foto © O‑Ton

Der Konzert­abend beginnt mit Joseph Haydns Sinfonia Concer­tante in B‑dur, Hob. I:105 für Violine, Oboe, Violon­cello und Fagott. Sie wird auch deshalb als Sinfonia Concer­tante bezeichnet, weil bei dem Werk die Solo-Instru­mente Oboe, Fagott, Violine und Cello dem Orchester wie bei einem Instru­men­tal­konzert einander gegen­über­treten. Haydn kompo­nierte das Werk Anfang 1792 während seines ersten England-Aufent­haltes. Die Concer­tante, so Haydns eigene Bezeichnung auf dem Autograf, ist im Hoboken-Verzeichnis unter der Sinfonie-Nummer 105 aufge­führt, obwohl sie vor Haydns chrono­lo­gisch letzter Sinfonie Nr. 104 kompo­niert wurde. Dubrovsky erzählt, dass Haydn, der von 1761 bis 1803 als Hofmu­siker, Kapell­meister und Komponist im Dienst der Fürsten Esterházy im Eisen­städter Schloss stand, nach dem Tod seines großen Gönners entlassen wurde und daher in England eine neue künst­le­rische Heimat suchte und fand. Und hier kommen die zwei Personen ins Spiel, die Dubrovsky eingangs erwähnt: Johann Peter Salomon und Ignaz Pleyel. Nachdem Haydn in der Konzert­saison 1791 in der von Johann Peter Salomon veran­stal­teten Konzert­reihe großen Erfolg hatte, engagierte das Konkur­renz­un­ter­nehmen der Profes­sional Concerts für 1792 Haydns früheren Schüler Ignaz Pleyel, mögli­cher­weise mit dem Hinter­ge­danken, dem Publikum einen sensa­tio­nellen Wettkampf zwischen Lehrer und Schüler zu bieten. Pleyel führte Ende Februar 1792 im Rahmen der Profes­sional Concerts eine Sinfonia Concer­tante für sechs Soloin­stru­mente und Orchester auf, und sehr wahrscheinlich war Haydns Sinfonia Concer­tante eine Art Gegen­stück oder Antwort auf Pleyels Werk, das bei seiner Urauf­führung am 9. März 1792 in London direkt einen trium­phalen Erfolg feierte.

Der erste Satz Allegro beginnt zwar piano, doch schon bald erklingt das Forte des Orchesters, und heiter und luftig. Der zweite Satz Andante hat Anklänge an eine pastorale Idylle, und seine fast kammer­mu­si­ka­lische Atmosphäre wird nur ein einziges Mal für wenige Takte von einem Orches­ter­ri­tornell unter­brochen. Hier kommen die vier Soloin­stru­mente wunderbar zur Geltung. Der dritte Satz Allegro con spirito erinnert zu Beginn an eine Opern­szene. Das ganze Orchester beginnt unver­mittelt forte und unisono mit einer stürmi­schen Passage. Die erste Violine „antwortet“ als Adagio-Rezitativ, das mit seiner Strei­cher­be­gleitung wie ein orches­ter­be­glei­tetes Rezitativ gestaltet ist. Am Schluss sind es die für Haydn so typisch virtuosen Läufe, die den Satz beenden. Marta Mizgala an der Oboe, Cornelius Rinderle am Fagott, Katja Lämmermann an der Violine und Stefan Schütz am Violon­cello haben sich für ihre Soloparts einen großen Extra­ap­plaus mehr als verdient. Sie alle sind seit vielen Jahren im Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz, Schütz sogar schon seit 1988. Und Katja Lämmermann setzt sich nach dem Stück wieder auf ihren angestammten Platz am ersten Pult, denn sie ist seit 2011 Erste Konzert­meis­terin des Orchesters.

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Als zweites Stück an diesem Abend steht Béla Bartóks Diver­ti­mento für Streicher auf dem Programm. Auch hier sind es zwei Personen, die direkt oder indirekt Einfluss auf die Kompo­sition des Werkes hatten, wie Dubrovsky erläutert, nämlich Paul Sacher und Adolf Hitler. Aufgrund des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges und der sich sukzessive verschlech­ternden politi­schen Lage in Europa war Bartók geneigt, Ungarn zu verlassen, und er verur­teilte den Natio­nal­so­zia­lismus aufs Schärfste. Nachdem die Natio­nal­so­zia­listen in Deutschland die Macht übernommen hatten, weigerte er sich, weiterhin in Deutschland aufzu­treten, und wandte sich von seinem in Deutschland ansäs­sigen Verleger ab. Seine liberalen Ansichten brachten ihn in große Schwie­rig­keiten mit dem rechts­ra­di­kalen Ungarn. Die Angst, dass sein Heimatland eine deutsche Kolonie werden könnte, trieb Bartók „weg aus der Nachbar­schaft dieses verpes­teten Landes“ und veran­lasste ihn 1940 zu einem „Sprung ins Ungewisse aus dem gewussten Unerträg­lichen“. Im August 1939, kurz vor Kriegs­aus­bruch, hielt er sich im schwei­ze­ri­schen Saanen als Gast von Paul Sacher auf, in dessen Auftrag er sein letztes Streich­quartett und das Diver­ti­mento für Streich­or­chester schrieb. Nachdem er bereits seine Manuskripte in die USA geschickt hatte, emigrierte er im Oktober 1940 zusammen mit seiner Frau nach Amerika. Paul Sacher war ein Schweizer Dirigent und Mäzen und galt im Jahr 1996 mit einem Privat­ver­mögen von etwa dreizehn Milli­arden Franken als reichster Schweizer und dritt­reichster Mann der Welt. 1926 gründete Sacher das Basler Kammer­or­chester, das er bis 1986 als Dirigent leitete. Seine finan­zi­ellen Mittel erlaubten es ihm, zahlreiche Kompo­nisten – oft auch befreundete wie Béla Bartók – mit Kompo­si­ti­ons­auf­trägen zu unter­stützen und so die Musik des 20. Jahrhun­derts zu fördern. Insgesamt vergab Sacher mehr als 250 Kompo­si­ti­ons­auf­träge. Und eines der Werke ist das Diver­ti­mento für Streich­or­chester von Béla Bartók, das der Komponist in all seiner Komple­xität in nur zwei Wochen im August 1939 im Schweizer Sommer­urlaub nieder­schrieb. Bartok war während dieser Zeit hin und herge­rissen, ob er angesichts von Natio­nal­so­zia­lismus, Verfolgung und drohendem Krieg noch in seiner deutsch-freund­lichen Heimat Ungarn bleiben oder nach Übersee auswandern solle.

Die Gemüts­ver­fassung Bartóks bestimmt natürlich auch die Stimmung seines Werkes, von der Leich­tigkeit und Heiterkeit eines Joseph Haydn ist hier nichts mehr zu spüren, kontrast­reicher können zwei kammer­mu­si­ka­lische Werke gar nicht sein. Es sind die beiden Ecksätze des Diver­ti­mento, die im Kontrast zum melan­cho­li­schen Mittelsatz vor Vitalität sprühen. Jener Vitalität, die Bartók als Volks­mu­sik­for­scher in den tradi­tio­nellen Melodien vom Land gefunden hatte und davon als Komponist beein­flusst war, wie zum Beispiel im dritten Satz, in seinem munteren Wechsel zwischen Solo- und Tuttistellen. Der zweite Satz in seiner dunkel-düsteren Farbgebung und seinem schwer­mü­tigen Klang hingegen geht weit über das hinaus, was mit dem eigentlich unter­hal­tenden Charakter gemeint ist. Als Diver­ti­mento wird ein mehrsät­ziges Instru­men­tal­stück bezeichnet, das meist einen unter­halt­samen, heiteren bis tanzar­tigen Charakter hat und in unter­schied­licher Besetzung als „Tafel­musik“ oder „Freiluft­musik“ gespielt wird. Das Diver­ti­mento nimmt vor allem in der Wiener Klassik im Schaffen von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart einen breiten Raum ein. Im 19. Jahrhundert völlig aus der Mode gekommen, wurde es im 20. Jahrhundert von einzelnen Kompo­nisten wieder aufge­griffen, wie eben das Diver­ti­mento für Streich­or­chester von Béla Bartók. Und Dubrovsky wünscht auch nicht „viel Vergnügen“ mit dem Werk, sondern eine „schöne Reise“. Und es ist eine inter­es­sante Reise, auf die die Kammer­be­setzung des Orchesters die Zuschauer mitnimmt. Da ist wahrlich keine heitere Stimmung im ersten Satz Allegro non troppo. Etwas atonal, etwas dissonant erklingt es von der Bühne. Der zweite Satz Molto adagio ist von einer sehr düsteren, schwer­mü­tigen Grund­stimmung geprägt. Erst im dritten Satz Allegro assai wird es etwas heiterer, ja sogar folklo­ris­ti­scher, und das Stück endet in einem furiosen Finale, für das es sehr viel Applaus gibt.

Foto © O‑Ton

Nach der Pause steht dann ein Klassiker der sinfo­ni­schen Musik auf dem Programm, Antonín Dvořáks Sinfonie Nr. 9 e‑Moll, op. 95 Aus der Neuen Welt, und das Orchester ist nun in voller Besetzung auf der Bühne zu sehen und zu hören. Dubrovsky führt auch hier in das Werk und seine Entste­hungs­ge­schichte ein, und wieder sind es zwei Personen, die maßgeblich am Zustan­de­kommen und am Erfolg dieser Sinfonie beteiligt sind, Jeannette Meyers Thurber und Henry Burleigh. Die Geschichte Dvořáks in den USA beginnt im Juni 1891 mit einer Anfrage von Thurber. Sie war eine für das Musik­leben in den USA äußerst prägende Persön­lichkeit. Zu ihren Aktivi­täten gehörten unter anderem die Organi­sation des ersten Wagner-Festivals in den USA, die Gründung des National Conser­vatory of Music, die Gründung der American Opera Company oder die Förderung des Boston Symphony Orchestra für sein New Yorker Debüt. Als Präsi­dentin des National Conser­vatory of Music suchte Thurber nach erfolg­reichen Kompo­nisten einer­seits, um sie für den Kompo­si­ti­ons­un­ter­richt zu gewinnen und anderer­seits, um neue Kompo­si­tionen im Sinne einer noch zu definie­renden „ameri­ka­ni­schen Musik“ zu bekommen. In diesem Rahmen sah sie in Dvořák, der in den späten 1870-er Jahren seinen inter­na­tio­nalen Durch­bruch hatte und der in London große Erfolge mit seinem Stabat Mater feierte, die ideale Persön­lichkeit, um ihr anspruchs­volles Institut zu leiten. Nach mehreren Monaten hartnä­ckiger Anfragen nahm Dvořák Thurbers Angebot an. Unter­stützung fand Dvořák in dem afroame­ri­ka­ni­schen Kompo­nisten und Schüler Dvořáks Henry Burleigh. In Dvořáks Suche nach „ameri­ka­ni­schen“ Quellen für eine Natio­nal­musik spielte Burleigh eine besondere Rolle. Dvořák bat nämlich Burleigh, ihm Lieder, überwiegend Spiri­tuals, vorzu­singen, was in seiner New Yorker Wohnung regel­mäßig geschah. Neben den neuen Melodien, Rhythmen oder Harmonien inter­es­sierte sich Dvořák auch für die Umstände, unter denen die oft schmerz­er­füllte Musik entstanden war. Leonard Bernstein schließt übrigens seine 20-seitige, mit Noten­bei­spielen gespickte Analyse von Dvořáks 9. Sinfonie mit folgenden Sätzen: „Nun, hier haben wir sie – eine ‚Neue-Welt‘-Sinfonie aus der ‚Alten Welt‘, voll von Alte-Welt-Tradi­tionen. Genießen wir sie als eine schöne, rührende europäische Kompo­sition, aber erwarten wir nicht, dass sie ameri­ka­nisch sei oder dass sie den ameri­ka­ni­schen Kompo­nisten den Weg weise. Dafür müssen wir ein Viertel­jahr­hundert überspringen, bis zu Gershwin, Copland und Harris. Aber das wäre ein ganz anderes Kapitel.“

Der erste Satz Adagio – Allegro molto beginnt mit einer wehmü­tigen, langsamen Einleitung. Das durch ein Unisono der Streicher und harte Pauken­schläge sich allmählich entwi­ckelnde Allegro ist von mitrei­ßendem Schwung erfüllt. Das Haupt­thema steigt in den Hörnern auf und wird sogleich vom ganzen Orchester aufge­nommen. Die Coda bricht mit Urgewalt herein und beendet den Satz in donnerndem e‑Moll. Der zweite Satz, das Largo, ist vielleicht eines der bekann­testen Orches­ter­stücke der sinfo­ni­schen Literatur. Nach Dvoráks eigenen Angaben war das Largo ursprünglich eine Skizze zu einer Kantate oder einer Oper, wobei das Bild vom „Begräbnis im Walde“ aus Longfellows Hiawatha die Inspi­ra­ti­ons­quelle lieferte. Die ameri­ka­nische Dichtung hatte Dvořák durch die Übersetzung seines Lands­mannes Josef Vaclav Sladek kennen­ge­lernt. Dvořák versuchte, einen bestimmten Gemüts­zu­stand darzu­stellen, nämlich die Schwermut eines Wider­stands­kämpfers der Native Americans, der keinen Ausweg in dem ungleichen Kampf gegen die weißen Eroberer sieht. Nach einer choral­ar­tigen Einführung der Blech­bläser bereiten die Streicher einen leisen Klang­teppich für die inzwi­schen berühmt gewordene leiderfüllte Melodie des Englisch­horns. Die Stimmung wechselt, bedingt durch eine heitere, an Vogel­gesang erinnernde Flöten­me­lodie, die aber vom wieder­keh­renden Haupt­thema des ersten Satzes unter­bunden wird. Am Schluss des Satzes trägt das Englischhorn wieder das Haupt­thema des Largo vor, mit dem der Trauer­gesang verklingt. Der dritte Satz beinhaltet das kurze Scherzo, Molto vivace. Zu Beginn des Scherzos erklingt nach Dvořáks Vorstellung eines Tanzes von Native Americans. Elemente wie versetzte Rhythmen durch betonte Auftakte oder Synkopen sollen dabei den Eindruck einer „nicht-europäi­schen“ Musik erzeugen. Im Gegenzug dazu stehen dann die böhmi­schen Walzer des Trios, die dem Satz einen folklo­ris­ti­schen Touch verleihen. Der berühmte vierte Satz Allegro con fuoco versprüht dann wirklich Feuer und Dynamik. Das erste Thema dürfte neben dem Englischhorn-Thema des zweiten Satzes wohl das berühm­teste der ganzen Sinfonie sein. Eröffnet wird der Satz mit einer von den Strei­chern erzeugten, aufstei­genden Wucht, bevor die Blech­bläser eine majes­tä­tische Melodie präsen­tieren, dann unter­stützt vom ganzen Orchester. Das zweite Thema zeichnet sich durch einen starken Kontrast zum ersten aus, die Holzbläser spielen große abwärts gehende, leise Bögen. Es folgt Art Polka, einge­führt von Flöten und Geigen, bevor alle Themen des Satzes und der Sinfonie kunstvoll und einfalls­reich zu einem großen Finale zusam­men­ge­führt werden.

Das Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz spielt die Symphonie mit viel Engagement und Dynamik, im Largo dominiert die Schwermut des Englisch-Horns mit viel Gefühl. Dubrovsky leitet das Orchester sehr engagiert, ohne Dirigen­tenstab, aber dafür mit sehr viel Gefühl für Stimmung und Tempo. Die 9. Symphonie dauert 43 Minuten, so wie die meisten Referenz­auf­nahmen. Am Schluss gibt es vom Publikum, in dem auch viele junge Zuschauer sitzen, langan­hal­tenden, starken Applaus und Jubel für den Dirigenten und sein Orchester und die jewei­ligen Solisten. Der Abend zeigt, dass neben dem klassi­schen Reper­toire des Gärtner­platz­theaters auch noch Platz für Kammer­musik und Sinfonien vorhanden ist.

Andreas H. Hölscher

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