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Foto © Wilfried Hösl

Eine Nummer zu groß

LE NOZZE DI FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
28. Oktober 2017
(Premiere am 26. Oktober 2017)

 

Bayerische Staatsoper München

Jede Insze­nierung eines Reper­toire­be­triebs hat einmal ihre Halbwertszeit erreicht. Bei Dieter Dorns Figaro ist dieser Zeitpunkt schon lange her. Seine Inter­pre­tation der Mozart-Oper hatte schon 1997 den Sprung an die Bayerische Staatsoper nicht so ganz verkraftet. Bei den wesentlich intimer gelagerten Ludwigs­burger Schloss­fest­spielen, bei denen die Regie­arbeit zuvor gelaufen war, hatte das 1984 noch anders ausge­sehen. Aber immerhin: für 20 Jahre Wieder­auf­nahmen taugte das Konzept. Das muss die Neuin­sze­nierung von Christoph Loy, der mit Le nozze di figaro an die Bayerische Staatsoper zurück­kehrt, erst mal erreichen. Auffallend ist, dass Dorns Urfassung in Ludwigsburg und Loys Heran­ge­hens­weise gar nicht so verschieden sind.

Die Premie­ren­be­richte haben wohl die ersten Zuschauer vergrault, denn vor dem Eingang der Staatsoper stehen etliche Menschen, die ihre Karte abgeben wollen. Dabei kann man Loy gar nicht viel vorwerfen. Er insze­niert die so dankbare, aber eben auch schwere Oper vor allem über die ersten beiden Akte recht klassisch, blendet aller­dings die üblichen Albern­heiten, die man meistens so zu sehen bekommt, aus. Der Situa­ti­ons­komik, die Da Ponte und Mozart kompo­niert haben, braucht man nichts mehr hinzu­zu­fügen, muss er sich wohl gedacht haben. Das Publikum amüsiert sich trotzdem, aber ist auch über lange Momente sehr ruhig, aber aufmerksam. Denn dank Loy und der Drama­turgie von Daniel Memme entdeckt man, auch ohne, dass das Werk gegen den Strich insze­niert wird, viele schöne Details und Emotionen bei den Figuren. Hier wird niemand ausge­blendet, alle Charaktere nehmen fern aller ihrer Übertrei­bungen ihren Platz in dieser intel­li­genten Opera buffa ein. Susanna als eine junge, selbst­be­wusste Frau, die, ohne fremd­zu­gehen, den Grafen ganz bewusst auf sich fokus­siert. Cherubino, ein junger, zeitloser Mann, der sich auch als Frau wohlzu­fühlen scheint. Der Graf, weniger ein Schür­zen­jäger, sondern ein Aristokrat, der mühsam versucht, Macht und Ansehen im Griff zu behalten. Auffallend aber, dass Loy ausge­rechnet zum Titel­helden das Meiste einge­fallen ist. Vom ehema­ligen Strip­pen­zieher aus dem Barbier nichts zu sehen. Dafür ist er nun ein fast verhei­ra­teter Mann, der irgendwie versucht, seine alten Quali­täten abzurufen. Doch die Verän­de­rungen eines Tages sind für ihn eine Nummer zu groß. Das stellt Alex Esposito nicht nur blendend da, sondern hier ist auch ein Bühnen­bildner wie Johannes Leiacker gefragt.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Dem gelingt das Kunst­stück, mit einem sehr schlichten Bühnenbild nicht nur optische Effekte zu erzeugen, sondern auch eine Aussage zu treffen. Am Anfang steht das Bühnen­portal der Staatsoper als Mario­net­ten­theater quasi an der Rampe. Figaros Kammer mit ihren winzigen Türen wächst von Akt zu Akt, bis am Ende des vierten Aktes nur noch eine riesige Tür die Bühne beherrscht. Dieser tolle Tag wächst allen über den Kopf. Kompliment auch an Klaus Bruns für die sehens­werten Kostüme, und das, obwohl er sich nur an der Abend- und Brautmode entlang­hangelt. Das macht er aller­dings durch Farben, Schnitt und Diffe­ren­zie­rungen sehr gut und abwechslungsreich.

Auch Dirigent Constan­tinos Carydis versprüht am Pult den Ehrgeiz, diesem Figaro musika­lisch ein vielsei­tiges Gesicht zu geben. Da darf zunächst mal der musika­lische Wahnsinn nicht fehlen, und so eröffnet die Ouvertüre als halsbre­che­rische Notenjagd einen spannenden Abend. Dass die Streicher des Bayeri­schen Staats­or­chester da nicht jede Achtel überein­an­der­legen können, ist verständlich. Doch ansonsten glänzen die Musiker mit einer Brillanz, die beweist, wie wichtig Mozart für das Haus ist. Diesen rasanten Momenten setzt Carydis aber auch sehr schwe­relose Zustände gegenüber, in denen die Instru­mente zeigen, wie fein sie schweben können. Dabei traut er sich, die Staatsoper in ein gewal­tiges Piano zu tauchen, so dass man die Ohren spitzen muss. Der Kontrast hierzu sind rabiate Forte-Ausbrüche, wo Pauke und Blech den Klang dominieren. Carydis traut dem Orchester, aber auch dem Publikum einige verlän­gerte Pausen zu, die den kommenden Einsatz umso schwerer machen. Dadurch, dass er Hammer­klavier, Cembalo, Flügel und Orgel als Rezita­tiv­be­gleitung einsetzt, bekommen die teilweise einen völlig anderen Klang, aller­dings fehlt es an einem erkenn­baren Schema oder Muster, so dass es zu willkürlich wirkt. Nichts­des­to­trotz aber hörenswert.

Die Sänger tun ihr Übriges, um Loys Konzept sichtbar und Mozart genießbar zu machen. Der von Stellario Fagone einstu­dierte Chor klingt in der zweiten Vorstellung um einiges homogener als in der im Radio übertra­genen Premiere. Die kleinen Rollen lassen aufhorchen: Anna El-Khashem als Barbarina, Milan Siljanov als Antonio, Dean Power als Don Curzio. Paolo Bordogna überzeugt als Bartolo darstel­le­risch mehr als mit seinem etwas zu vibra­tor­eichen Bass-Bariton. Auch Anne Sofie von Otter ist auf dem Papier eine sehr edle Besetzung als Marcellina und muss sich sehr bemühen, ihren leicht unruhig gewor­denen Mezzo­sopran in die Spur zu bringen. Sie darf anstelle ihrer Arie im vierten Akt das Mozart-Lied Abend­emp­findung singen, mit dem sie begeistern kann. Aber weder ihre Virtuo­sität noch die Stimmung des Liedes können diesen Austausch wirklich erklären. Manuel Günther erteilt dann aber als Basilio die vorge­sehene Lehrstunde über die Eselshaut, was auch mehr als gerecht­fertigt ist. Solenn‘ Lavannant-Linke ist ein wunderbar flatter­hafter, charis­ma­ti­scher Cherubino, dem lediglich das Voi che sapete nicht so sauber gelingt.

Foto © Wilfried Hösl

Bei den vier Haupt­rollen gibt es nichts zu meckern, hier passt und harmo­niert alles: Olga Kulchynska singt Susanna als eine diffe­ren­zierte Strip­pen­zie­herin mit einem sehr angenehmen Sopran. Szenisch ist sie agil, im Gesang schön elegant. Das ergänzt sich sehr gut. Christian Gerhaher verlegt sich nicht auf Albern­heiten, findet die unfrei­willige Komik des Grafen lieber im Text und dezenter Mimik. Sein Bariton kann das Haus problemlos füllen und doch singt er lieber nuanciert und abwechs­lungs­reich. Alex Esposito ist in München ein bekannter Figaro und kann nun hier neue Facetten zeigen. Besonders seine drei Arien bieten dafür viel Spielraum, die er bravourös meistert und sie gleich­zeitig auch mit anderen Feinheiten füllt. Frederica Lombardi darf sich nun zu den Sopra­nis­tinnen zählen, die an der Bayeri­schen Staatsoper das Publikum mit ihrer Gräfin begeistert hat. Mit ihrem warmen Klang, kluger Technik und beseeltem Ausdruck wird sie zu der großen Gewin­nerin dieser Premierenserie.

Für die Sänger gibt es am Ende viel Applaus. Der Zwischen­ap­plaus hat sich zuvor in Grenzen gehalten – auch weil einfach die Spannung nach den Arien fast nie abfällt, sondern direkt in das nächste Rezitativ hinein­führt. Für Carydis gibt es ein paar Buhrufe, aber ansonsten endet der Abend in allge­meiner Freude. Eine sehens­werte erste Premiere in der neuen Saison.

Christoph Broermann

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