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OH! OH! AMELIO!
(Thomas Pigor)
Besuch am
10. Juli 2024
(Uraufführung)
Das Gärtnerplatztheater München ist für seine Vielseitigkeit bekannt. Belcanto-Opern, Operetten, Musicals, Ballette, hier ist für jeden Geschmack was dabei. Und dann gibt es noch das Genre des musikalischen Kabaretts, eine Mischung aus Revueoperette und Musical, überdreht und vollkomisch, mit Anspielung auf aktuelle gesellschaftliche Konventionen und Entwicklungen, ohne den moralisierenden Zeigefinger zu haben. Oh! Oh! Amelio! aus der Feder von Thomas Pigor ist so ein Zwitterwerk, vom Gärtnerplatztheater selbst liebevoll als „Frivole Fummel-Farce“ bezeichnet. Die überdrehte und spritzige musikalische Komödie feierte jetzt vor etwa 200 Zuschauern eine triumphale Uraufführung auf der Studiobühne des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Der Musikkabarettist Thomas Pigor hat 2019 mit der Uraufführung seiner Operette Drei Männer im Schnee einen erfolgreichen Knaller präsentiert, der sich nach wie im Repertoire hält und zu den Publikumslieblingen am Gärtnerplatztheater zählt. Nun wurde Pigor erneut mit einem Auftragswerk betraut, und mit Oh! Oh! Amelio! setzt er noch mal einen drauf.
Als Vorlage diente ihm dabei eine französische Bühnen-Farce aus dem Jahre 1908: Occupe-toi d’Amélie – Kümmere dich um Amélie – von Komödien-Spezialist Georges Feydeau war ein langjähriger Hit auf Frankreichs Boulevard-Bühnen und wurde mehrmals verfilmt. Zusammen mit Komponist Konrad Koselleck holt Pigor die verrückt-rasante Komödie ins Hier und Jetzt, angepasst an ein buntes und queeres Setting mit viel Musik und Travestie und einem wilden Spiel mit Geschlechter-Stereotypen, getreu dem Vaudeville-Motto: „Es geht um Unterhaltung und sonst nichts!“

Der Travestiekünstler Amelio Täschner lebt zusammen mit seinem Verlobten Étienne Milledieu und seiner redseligen Mutter in einem Haushalt. Als der eifersüchtige Étienne eine Geschäftsreise in die USA antreten muss, bittet er seine beste Freundin Marika, ein Auge auf Amelio zu haben. Marika steckt derzeit in finanziellen Nöten, erwartet aber ein größeres Erbe. Dessen Auszahlung ist jedoch an die Bedingung geknüpft, dass Marika heiratet. Deshalb hat sie der Verwalterin des Erbes, ihrer Tante in der Marzowina, geschrieben, dass die Heirat in Kürze stattfinde, und als Bräutigam „Amelio von Tschüssikowski“ angegeben. Marika hat jedoch nicht damit gerechnet, dass die Tante den Bräutigam persönlich kennenlernen möchte. Amelio willigt ein, die Komödie mitzuspielen. Die Täuschung gelingt, die Tante ist vom falschen Bräutigam hellauf begeistert und reist wieder ab. Getreu ihrem Étienne gegebenen Versprechen weicht Marika nicht von Amelios Seite, und nach einer Zechtour erwachen beide am nächsten Morgen zusammen im Bett. Ob sie miteinander geschlafen haben, wissen sie selbst nicht, doch ihr Plan, das Ereignis geheim zu halten, misslingt: Die Tante ist für die Hochzeit erneut angereist und überrascht das Paar im Bett. Um eine Rolle in einem Tatort zu bekommen, hat sich Amelio auf eine offensichtlich verfängliche Drehbuchbesprechung mit dem Filmproduzenten Prinz eingelassen. Der hat ihn unter dem Künstlernamen „Amelia von Tschüssikowski“ auf der Bühne gesehen und hält ihn für eine attraktive Frau. Étienne kommt überraschend früher zurück und bietet seine Hilfe bei der Inszenierung einer vorgetäuschten Hochzeit an. Während der Filmproduzent auf seine Drehbuchbesprechung mit „Amelia“ wartet, sich Amelios Mutter und Marikas Tante misstrauisch beäugen und marzowinische Kusinen mit den Säbeln rasseln, macht Étienne Marika ein schockierendes Geständnis. Nun erreichen die Feydeauschen dramaturgischen Verwicklungen ihren Höhepunkt. Etienne rächt sich an den vermeintlich treulosen, indem er dafür sorgt, dass die inszenierte Hochzeit gültig ist. Natürlich gibt es nach vielen Irrungen und Wirrungen am Ende ein Happy End für alle Beteiligten.

Pigor selbst hatte Feydeau als Urlaubslektüre kennengelernt und war fasziniert von der genialen Dramaturgie, seinem hochpräzisen Komödien-Uhrwerk, für das Feydeau bekannt ist. „Eine Figur tritt immer genau dann auf, wenn man sie am wenigsten erwartet und sie am wenigsten für einen ungestörten Fortgang der Handlung hilfreich ist. Überraschende Wendungen, absurde Komplikationen, Verwechslungen, Dialekte, Kalauer, Feydeau zieht skrupellos alle Register des Vaudeville“, sagt Pigor. Und deshalb lebt das Kabinettstück einmal von ganz schnellen Szenenwechseln, schnellen Umzügen und teilweise urkomischen Musiknummern, mal im Operettenstil, mal wie eine Brecht-Oper oder wie eine Schlagerrevue. Herausragend das Lied der Marika Eine Frau braucht manchmal Champagner, herrlich dargeboten von Julia Sturzlbaum, die ohne die Luxusdroge nicht auskommt, aber leider Privatinsolvenz anmelden muss.
Pigor ist in Unterfranken aufgewachsen, und da kennt er natürlich die berühmte „Fränkische Fastnacht“. Das Duo Waltraud und Mariechen alias Martin Rassau und Volker Heißmann sind in Franken eine Institution. Und wenn Pigor in dem Stück selbst als Amelios Mutter, die Täschnerin, auftritt, dann ähnelt die Figur optisch und sprachlich sehr der Waltraud. Der Lacherfolg ist garantiert, auch bei den Nichtfranken. Neben der Anleihe aus dem Frankenland gibt es komödiantische Seitenhiebe auf die Kirche, insbesondere auf die fiktive „marzowinisch-orthodoxe“ Kirche mit überholten Moralvorstellungen. Und so entwickelt sich eine heitere, frivole Komödie, die das Thema Homosexualität und den gesellschaftlichen Umgang damit in den Vordergrund stellt. Und wenn Mutter Täschner im breiten Fränkisch singt: Ich hab‘ än schwulen Buben, dann ist das nicht nur urkomisch, sondern auch bewegend liebevoll und wird zurecht bejubelt.
Die Musik stammt ebenfalls von Thomas Pigor und von Konrad Koselleck, der auch schon bei Drei Männer im Schnee mit an Bord war. Neben den Gesangsnummern gibt es auch herrliche Tanznummern wie den Säbeltanz, frei nach Aram Chatschaturjan, die Choreografie stammt von Alex Frei. Regisseurin Gabi Rothmüller hat das Miniensemble perfekt aufeinander eingespielt und achtet darauf, dass in den eindreiviertel Stunden ohne Pause keine Sekunde Leerlauf entsteht. Das Bühnenbild, ein großes stilisiertes A, und die herrlichen Fummel- und Flitterkostüme stammen von Karl Fehringer und Judith Leikauf.

Christian Schleinzer gibt den Amelio von Tschüssikowski als sympathischen Travestiekünstler und Tänzer zwischen den Welten. Armin Kahl überzeugt als eifersüchtiger, etwas arrogant auftretender Étienne Milledieu, Verlobter Amelios. Für Julia Sturzlbaum ist die Rolle der Marika wie auf den Leib geschneidert, kann sie doch alle Facetten ihres reichen Könnens zeigen: singen, tanzen, schauspielern. Dagmar Hellberg ist als Marikas Tante Putzebumskaja eine Bank. Und Thomas Pigor als fränkische Mutter Täschnerin ist so saukomisch, dass er eine Einladung zur Fränkischen Fastnacht verdient hat. Mit Waltraud und Mariechen kann er es aufnehmen. Alexander Franzen in der Rolle des notgeilen Filmproduzenten Prinz ähnelt in seinem Auftritt dem Skandalreporter Hermann Willié in der Filmkomödie Schtonk! von Helmut Dietl, damals herrlich aalglatt von Götz George dargestellt. Und Prinz scheint eine Reinkarnation von Willié zu sein, zum Niederknien komisch. Frances Lucey arbeitet sich als erfolglose Frau Cologne, der Assistentin von Prinz, ab. Laura Schneiderhan gibt die etwas naive Charlotte, Marikas Mitbewohnerin, mit einer etwas langen Leitung und ist daher der ideale Kontrapunkt zu der überdrehten und quirligen Marika. Peter Neustifter darf als „Matriarch“, dem Oberhaupt der marzowinisch-orthodoxen Kirche für klerikale Autorität sorgen. Franzen, Lucey und Schneiderhan spielen dann auch die drei martialischen Kusinen des Matriarchen, die mit Säbeln gerne die Regeln ihrer Kirche durchsetzen.
Die musikalische Leitung liegt in den bewährten Händen von Andreas Partilla, der mit einer kleinen Kombo-Besetzung des Orchesters des Gärtnerplatztheaters die verschiedenen Musikstile bestens herausarbeitet und am Klavier dafür sorgt, dass die Nummernfolgen Schlag auf Schlag erfolgen. Am Schluss gibt es vom begeisterten Publikum der Uraufführung langanhaltenden Jubel für alle Protagonisten. Das Stück wirkt vor allem durch seinen intimen Rahmen auf der Studiobühne und dürfte zum nächsten Dauerbrenner werden. Bis Oktober stehen noch elf Aufführungen auf dem Spielplan, und nach diesem Erfolg muss man sich sputen, wenn man noch eine Karte ergattern möchte.
Andreas H. Hölscher