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Foto © Bernd Uhlig

C’est de l’ennui

PÉNÉLOPE
(Gabriel Fauré)

Besuch am
21. Juli 2025
(Premiere am 18. Juli 2025)

 

Münchner Opern­fest­spiele im Prinzregententheater

Ein so selten aufge­führtes Werk wie Pénélope von Gabriel Fauré lockt sehr viele Zuschauer ins Prinz­re­gen­ten­theater in München, sowohl die Premiere als auch die Folge­vor­stellung sind restlos ausver­kauft. Anbieter, die in der Abend­sonne vor dem Theater noch eine Karte feilbieten, haben die sehr schnell an den Mann oder die Frau gebracht.

Drinnen ist man gespannt auf das Ereignis. Andrea Breth, Regie­le­gende, die seit 50 Jahren erfolg­reich an den großen Bühnen vor allem im deutsch­spra­chigen Raum insze­niert, ist in ihren 70-er Jahren zum ersten Mal an der Bayeri­schen Staatsoper tätig. Für die Pénélope hat sie sich eine zunächst seltsam anmutende Idee als Grundlage ihrer Arbeit genommen. Aber zunächst zur Oper an sich.

Gabriel Faurés „Poème lyrique“ in drei Akten wird 1913 in Monte Carlo urauf­ge­führt. Das Werk behandelt die letzten Gesänge von Homers Odyssee, genauer gesagt, das Warten seiner Frau Pénélope, die, ihm nach 20 Jahren immer noch treu ergeben, alle Freier abwehrt, die sich ihr nähern. Odysseus, im Franzö­si­schen Ulysse, kommt als Bettler verkleidet und sorgt schließlich dafür, dass wieder Ordnung einkehrt. Er ermordet die Neben­buhler und übernimmt erneut mit seiner Frau das Reich.

Es ist Faurés einzige Oper, noch fast ganz im strengen tonalen Stil verfasst, geht aber innerhalb dieses Systems bis an die Grenzen der Möglich­keiten. Sie zeigt seine besondere Sensi­bi­lität für Farben und weist eine große Kühnheit in der harmo­ni­schen Sprache auf, wie der britische Cellist und Fauré-Verehrer Steven Isserlis im Programmheft schreibt.

Breth konzen­triert sich in ihrer Umsetzung des Stückes ganz auf die Figur der Pénélope und übernimmt in Anlehnung an den Film Jeanne Dielman von Chantal Akerman, in dem die rituell ausge­führten, sich immer wieder­ho­lenden Arbeiten im Haushalt gezeigt werden, die Langsamkeit als zentralen Punkt ihrer Deutung. Laut Programmheft macht der Film „ein in den Privat­be­reich abgescho­benes Arbeitsfeld öffentlich: die unbezahlte, weil unbezahlbare Haus- und Sorge­arbeit“. Der Streifen bilde in seiner Verklam­merung von Film (-arbeit) und Hausarbeit … ein Bollwerk gegen die Kapita­li­sierung von Lebenszeit“. Breth lässt die Akteure von Anbeginn an alle erfor­der­lichen Arbeiten und Bewegungen in Zeitlupe verrichten. Schon zu Beginn schiebt ein Double von Odysseus die im Rollstuhl sitzende Pénélope im Zeitlu­pen­tempo in den großen, schwarzen Raum, der von weißen, kopflosen Skulp­turen bevölkert wird. Und hier wird klar: sie ist eine körperlich schwache Frau, die geprägt ist von 20 Jahren Wartens auf ihren Mann. Auf der anderen Seite ist sie diejenige, die den Hof zusam­menhält, die sich um Hund und Schafe gekümmert hat, wie es im Text heißt. Ihr Hofstaat aus sieben Diene­rinnen und einem Hirten versorgt das Haus und die Herden.  Um sie herum lechzen fünf aristo­kra­tische, aber zügellose und brutale Freier nach ihrem Thron und drängen sie immer wieder zur Heirat mit einem von ihnen. Sie hält sich diese durch eine List vom Halse: Erst, wenn das Leichentuch, das sie für ihren Schwie­ger­vater Laertes webt, fertig ist, will sie sich mit einem von ihnen verbinden. Damit das nicht geschehen kann, trennt sie das Gewebte jede Nacht wieder auf. Bühnen­bildner Raimund Orfeo Voigt hat ihr hierfür ein Zimmer neben weiteren Zimmer­kästen geschaffen, die seitlich von rechts nach links vorbei­fahren, ganz an die ausge­dehnte Langsamkeit angepasst.

Foto © Bernd Uhlig

Als Odysseus nun zurück­kommt, eigentlich als Bettler, aber von Kostüm­bild­nerin Ursula Renzen­brink in einen beige­far­benen Anzug mit silber­far­bener Krawatte gekleidet – erkennt ihn seine Frau zunächst nicht, nur seine Stimme ist ihr vertraut und zieht sie seltsam zu ihm hin. Deshalb, und weil sie seine Empathie spürt, gewährt sie ihm Wohnung im Palast. Von den Freiern werden die Diene­rinnen in Erman­gelung der Herrin missbraucht und auch gefoltert, all das geschieht ebenso in der gedehnten Zeit. Pénélope selbst können sie nur in ihrer Fantasie an einem Double schaden. So trägt nicht nur hier, sondern auch in anderen Szenen immer wieder die Andeutung, das nicht wirklich Gesche­hende, die Handlung voran.

Irgendwann merken die Freier, dass Pénélope sie täuscht, worauf sich die Lage zuspitzt und sie, die immer noch nicht weiß, dass Odysseus schon da ist, eine Aufgabe stellt: Derjenige, der den Bogen von ihrem Mann spannen und den Pfeil durch die Öre von zwölf aufge­stellten Äxten schießen kann, soll ihre Hand bekommen. Die Diene­rinnen stellen die Äxte bereit, mit immer denselben Handbe­we­gungen in Zeitlupe präsen­tieren sie sie. Im Übrigen eines der Details, das von der inten­siven Perso­nen­regie der Regis­seurin zeugt. Derweil plant Odysseus mit den Hirten die Abschlachtung der Freier. Blutige Schwei­ne­hälften erscheinen in einem der Zimmer, eine Voraus­deutung auf den Mord an den lüsternen Gesellen, die sich auf dem Hof breit gemacht haben und die Vorräte dezimieren.

Der Bogen­schuss wird Odysseus durch Artistin Daniela Maier abgenommen, die in einer atembe­rau­benden Akrobatik auf den Händen stehend einen Pfeil mit den Füßen ins Ziel schießt – fast schade, dass so ein Pfeil nicht auch noch passend zur Insze­nierung langsam fliegen kann …

Foto © Bernd Uhlig

Letzt­endlich ermordet Odysseus mit den Hirten die Freier, und Chor und Sänger stimmen in den in strah­lendem C‑Dur gehal­tenen Schlusschor ein, Zeus wird gepriesen und das Paar vereint sich wieder, wobei Breth den beiden nicht einmal die leiseste Umarmung gönnt. Ähnlich wie bei der Erschaffung Adams durch Gott in der Sixti­ni­schen Kapelle kommen die Finger der beiden nicht zusammen – beabsich­tigte Assoziation durch die Regis­seurin? Oder sollte es die verordnete Langsamkeit nicht zulassen, dass beide das noch vor dem Fallen des Vorhangs schaffen? Der Zuschauer ist angehalten, sich Gedanken zu machen.

Die festspiel­würdige Besetzung des Abends wird angeführt von Victoria Karka­cheva, die ihren kräftigen, am Bolschoi-Theater geschulten Mezzo­sopran mit drama­ti­schem, aber immer inner­lichem Ausdruck in die Rolle der Pénélope einbringt. Zu einem sehr weichen und vollen Piano ist sie fähig, in den Verzweif­lungs­ge­sängen, die ihr Fauré gegeben hat. Nicht ganz so überzeugend gerät Brandon Jovano­vichs Odysseus neben ihr. Dennoch verkörpert er den Heimkehrer mit inten­sivem Gestalten, allein seine Höhen wirken an diesem Abend etwas bemüht. Die Neben­rollen sind üppig besetzt: Den Hirten Eumée singt Thomas Mole mit  jugendlich-kräftigem Bariton. Rinat Shaham gibt mit warmem Timbre die Amme Euryclée, Valerie Eickhoff passt als Cléone mit ihrer schnör­kel­losen, edel geführten Mezzo­stimme wunderbar als Cléone, auch alle anderen singen auf hohem Niveau. Loïc Félix ragt mit hellem, oberton­reich geführtem Tenor aus der Riege der Freier hervor.

Das Ensemble LauschWerk unter der Leitung von Sonja Lachenmayr gibt auch hier, wie schon vor zwei Jahren in der berückenden Semele von Claus Guth – O‑Ton berichtete – eine präzise, gut durch­hörbare und klang­schöne Kostprobe seines Könnens und lässt sich dazu in einem der Zimmer­kästen lässig übereinanderstapeln.

Dirigentin Susanna Mälkkis Lesart der Pénélope zeugt von Klarheit und Durch­sich­tigkeit, ohne die wenigen auftrump­fenden, sich aufbäu­menden Passagen zu vernach­läs­sigen. Sie arbeitet die Farben mit viel Wärme in den verschie­denen Stimmungen sorgfältig heraus, schafft plastische Gemälde von klarer Schönheit, besonders gelungen in der Hirten­musik der Bläser am Beginn des zweiten Aktes.

Und wie reagieren die Zuschauer? Karka­cheva wird absolut verdient gefeiert vom Publikum, das auch Jovanovich mit größerem Beifall bedenkt. Das Ensemble darf sich in inten­siven Bravo­rufen sonnen, das Bayerische Staats­or­chester mit Dirigentin Mälkki wird bejubelt. Aber insgeheim schleichen sich auch zwei Buhrufe in den Applaus und nach der Pause bleiben einige Stühle leer, auch sieht man ab und an ein Gähnen. Das franzö­sische Wort „ennui“ ist eben nicht nur ein franzö­si­scher Ausdruck für das „Warten“, wie Dramaturg Klaus Bertisch im Programmheft schreibt, sondern auch für Langeweile.

Jutta Schwegler

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