O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LES PÊCHEURS DE PERLES
(Georges Bizet)
Besuch am
7. Januar 2024
(Premiere am 18. Januar 2017)
Wie viel Regie und wie viel Bühnenbild sind notwendig, um eine exotische Bizet-Oper mit Leidenschaft, Ausdruck und tiefer Nachhaltigkeit aufzuführen? Insbesondere, wenn die Geschichte nicht mehr zeitgemäß erscheint und der finanzielle Aufwand einer Großproduktion mitberücksichtigt werden muss. Wenn allerdings großartige Sänger den musikalischen Ausdruck mittels der Macht ihrer Stimme voller Intensität gestalten, dazu ein bestens aufgelegter Chor und ein hervorragendes Orchester begleiten, wenn ausschließlich die Musik und der Gesang im Vordergrund stehen, genau dann bedarf es keiner ablenkenden Regie und keines Bühnenbildes. Das erlebt man derzeit wieder am Münchner Gärtnerplatztheater, wo Bizets Frühwerk Les pêcheurs de perles als konzertante Aufführung in französischer Sprache auf dem Spielplan steht.
Die Uraufführung 1863 in Paris selbst war kein großer Erfolg. Trotz einer positiven Kritik von Hector Berlioz erlebte die Oper zu Bizets Lebzeiten nur 18 Vorstellungen und geriet nach seinem Tod in Vergessenheit. Erst nach dem Tod des Komponisten und dem überwältigenden Erfolg seiner Oper Carmen erinnerte man sich der früheren Werke. Die Originalpartitur ist seit langem verschollen, lediglich ein zeitgenössischer Klavierauszug ist noch erhalten. Daher kann heute nur noch eine rekonstruierte Fassung zur Aufführung gebracht werden. Im Jahr 2014 erstellte der Musikwissenschaftler Hugh Macdonald auf Grundlage der erhaltenen Violin-Direktionspartitur eine rekonstruierte Fassung, die der Urfassung bisher am nächsten kommt. Das Stück, das vom Komponisten als eine Abfolge von insgesamt 16 ineinander verschachtelten Musiknummern angelegt wurde, wird dabei maßgeblich durch das „exotische Sujet“ der Textvorlage geprägt. Das findet seine musikalische Entsprechung in einer schillernden, lyrisch-expressiven Partitur, die mit weitgespannten Entwicklungsbögen und einer Fokussierung auf den Konflikt der vier Protagonisten des Stückes sowie mit dem stark daran Anteil nehmenden Chor ein faszinierendes Seelendrama entwirft, das auch in konzertanter Fassung ein klangvoll-mitreißendes Opernerlebnis verspricht.
Es ist erst die achte Aufführung seit der Münchner Premiere der rekonstruierten Fassung vom 18. Januar 2017, und das Werk steht jetzt für drei Aufführungen auf dem Spielplan des Gärtnerplatztheaters.

Das Stück berührt vor allem durch seine grandiose Musik, während die Handlung eher banal und archaisch erscheint. In Ceylon wird nach einem alten Ritual Zurga zum Oberhaupt der Perlenfischer gewählt. Leïla, die neue Tempelpriesterin, soll Tag und Nacht für das Heil der Perlenfischer beten, um mit ihrem Gesang Schutz vor Unwetter und vor den Gefahren der See bei Brahma zu erflehen. Dazu muss sie schwören, verschleiert zu bleiben. Da tritt der Jäger Nadir auf, ein Jugendfreund Zurgas. Zurga und Nadir erneuern einen alten Treueschwur: In ihrer Jugend drohte ihre Freundschaft an einer sich entwickelnden Liebe zu einem Mädchen zu zerbrechen; sie verzichteten beide auf das Mädchen, um ihre Freundschaft zu erhalten.
Nadir bemerkt hinter dem Schleier der Tempelpriesterin ihre gemeinsame Jugendliebe Leïla und bricht den Treueschwur, womit auch Leïla gegen ihr Gelübde verstößt. Die Perlenfischer und Zurga bemerken den doppelten Eidbruch und fordern die Hinrichtung der Treulosen. Vor der Hinrichtung überreicht Leïla dem Oberpriester Nourabad eine Kette, um sie vor den Flammen zu retten. Die Halskette ist das Geschenk eines jungen Flüchtlings, dem Leïla vor vielen Jahren das Leben gerettet hatte. Da erkennt Zurga seine Kette und bereut seinen Hass. Er ersinnt einen Plan, Nadir und Leïla zu befreien und das Liebespaar ziehen zu lassen. Er legt im Dorf Feuer, und während die Perlenfischer den Brand löschen, löst er die Fesseln der Verurteilten. Nach einem kurzen, schmerzlichen Abschied bleibt Zurga allein zurück.
Chor und Orchester sind auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters positioniert, im Hintergrund ist eine bunt-exotische Videoinstallation zu sehen, die symbolisch den Ablauf der Geschichte und der verschiedenen Orte darstellen soll. Erstellt wurden die Videos, die sich optisch wunderbar in diese konzertante Darbietung einfügen, durch Raphael Kurig und Thomas Mahnecke. Zu Beginn der Ouvertüre dreht der Chor sich mit dem Rücken zum Publikum, und Ludwig Mittelhammer, Sänger der Rolle des Zurga, steht ganz allein vorne, den Klavierauszug ganz hinten aufgeschlagen, um vor Ende der Ouvertüre wieder abzugehen. Auch in eine konzertante Aufführung kann man etwas Dramaturgie und Konzeption bringen. Schnell wird klar, die Geschichte ist eine Rückblende Zurgas, der am Schluss ja ganz allein zurückbleibt. Es sind an diesem Abend insbesondere die markanten und betörenden Stimmen der vier Sänger, die die konzertante Aufführung zu einem ergreifenden musikalischen Erlebnis werden lassen.
Allen voran Jennifer O’Loughlin als Priesterin Leïla. Die vielseitige Sängerin begeistert mit ihrem klaren, glockenhellen Sopran, sauber geführten Koloraturen und der nötigen Dramatik in den Höhen. Aber sie kann auch wunderbare piano-Töne, ihre große Arie Comme autrefois und das anschließende große Liebesduett mit Lucian Krasznec als Nadir im zweiten Akt gelingen ergreifend schön. Im Ausdruck verleiht sie der Rolle einen zutiefst menschlichen Charakter, gefangen zwischen der Liebe zu Nadir und ihrem Eid als Priesterin.
Lucian Krasznec als Nadir begeistert mit seinem kraftvollen und sinnlichen Tenor und einer kultivierten Stimmführung, die frei ist von jeglichen Brüchen oder Wacklern. In seiner großen und bekannten Soloarie Je crois entendre encore im ersten Akt gelingt ihm der Registerwechsel zwischen Brust- und Kopfstimme in atemberaubender Klarheit, und auch seine piano-Töne sind makellos. Ein Belcanto-Tenor im ursprünglichsten Sinne und für diese Rolle eine Idealbesetzung, zumal er auch der Zerrissenheit zwischen seiner Liebe zu Leïla und seiner Freundschaft zu Zurga Ausdruck verleiht.

Ihm ebenbürtig in kultivierter Stimmführung und emotionaler Darstellung ist Ludwig Mittelhammer als Zurga. Mit seinem markanten Bariton, mit edlem Timbre geführt, gibt er den eifersüchtigen Anführer der Perlenfischer mit großem Ausdruck. Das große Perlenfischerduett Au fond du temple saint im ersten Akt mit Lucian Krasznec, das von der Erinnerung ihrer gemeinsamen Jugendliebe zu Leïla und ihrer Freundschaft handelt, gelingt zu einem berührenden Moment, in dem Tenor und Bariton stimmlich verschmelzen und für einen kurzen Augenblick harmonische Stimmführung in Perfektion erklingt, wie man es nur noch ganz selten hört. Das Duett rührt zu Tränen und kann vielleicht auch nur unter den Rahmenbedingungen einer konzertanten Aufführung so gelingen. Langer starker Applaus nach dem Duett ist der verdiente Lohn.
Der Bassbariton Timos Sirlantzis als Oberpriester Nourabad legt seine Rolle mit kraftvoller und markanter Stimmführung an und ist im Ausdruck und Stimmklang die ideale Ergänzung in dem hochkarätigen Quartett. Der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz ist von Pietro Numico sehr gut vorbereitet und bewältigt die vielen Chorszenen in beeindruckender Manier.
Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter der Leitung von Sébastien Rouland spielt einen intensiven und gefühlvollen Bizet. Die kurze Ouvertüre wirkt getragen, fast schon feierlich. Die Einsätze sind präzise, und das Zusammenspiel zwischen Orchester, Chor und Solisten ist nahezu perfekt. Seine Begleitung der Solisten zeugt von einem besonderen Gespür für die Darbietung, er wechselt klug die Tempi und begleitet die Sänger, besonders in den großen Duetten, mit viel Sensibilität. Ein Sonderlob haben sich Robert Sailer an der Oboe und Martina Holler an der Harfe für die wunderbare Bühnenmusik verdient.
Das Publikum dankt allen Protagonisten auf der Bühne am Schluss mit großem und langanhaltendem Jubel. Dieser Abend hat wieder einmal gezeigt, dass eine konzertante Opernaufführung intensiv im Erleben und diese Form der Darbietung eine echte Alternative sein kann, um selten gespielte Werke einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Da reichen betörende und harmonierende Stimmen völlig aus. Das Gärtnerplatztheater kann sich glücklich schätzen, vier fantastische Sänger, die sowohl stimmlich als auch im Auftreten so harmonieren, fest im Ensemble zu haben. Das sollte auch Mut machen, diese Form der Darbietung auch in Zukunft immer wieder anzubieten.
Andreas H. Hölscher