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Foto © Wilfried Hösl

Ja, die Liebe

PIOTR BECZAŁA
(Robert Schumann)

Besuch am
18. Juli 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Münchner Opern­fest­spiele in der Bayeri­schen Staatsoper München

Bei den Münchner Opern­fest­spielen ist es Tradition, Weltstars, die der Oper verbunden sind, zu Lieder­abenden einzu­laden. Asmik Grigorian, Jonas Kauffmann, Diana Damrau und viele mehr haben hier schon gesungen, Julia Kleiter und Christian Gerhaher. An diesem Abend also Piotr Beczala.

Es gibt Sänger, die auf der Opern­bühne begeistern, sich dabei aber nur auf einige wenige Rollen beschränken, in denen sie glänzen. Und dann gibt es Sänger, die einfach alles können. Beczala ist einer von denen. Der in Polen 1966 geborene lyrische Tenor beginnt seine Ausbildung an der Akademie für Musik in Kattowitz unter anderem mit Sena Jurinac. Auf Engage­ments in Linz und Zürich folgt eine weltweite Karriere, die der Sänger sorgsam ausbaut und auf digitalen Trägern konser­viert. Sehr langsam geht er an die ganz großen Rollen heran, 2016 singt er zum ersten Mal den Lohengrin in Dresden, 2022 den Radames in Salzburg. Daneben widmet sich Beczala immer wieder dem Konzert, ist im Verdi-Requiem zu hören und gibt Lieder­abende, wenn auch sehr selten, wenn man den veröf­fent­lichten Kalendern glauben darf.

Ein solches Ereignis wird dem Publikum bei den Münchner Opern­fest­spielen zu teil. Der nächstes Jahr 60 Jahre alte Sänger wirkt immer noch sehr jugendlich, sowohl auf der Bühne als auch beim nachträg­lichen Signieren von Programm­heften und Alben, während sich am Stand im Foyer die Fans drängen. Beim Auftritt tragen sowohl er als auch Helmut Deutsch am Flügel einen Frack, die Bühne ist ansonsten leer, nur mit einem blauen Licht hinterlegt, was dem Ganzen eine wunderlich leichte Konzen­triertheit gibt. Das riesige Haus mit 2100 Plätzen ist etwa zur Hälfte mit Liedbe­geis­terten besetzt, zur gleichen Zeit findet im Prinz­re­gen­ten­theater die diesjährige Premiere der Pénélope von Gabriel Fauré statt.

Foto © Wilfried Hösl

Die beiden Künstler haben sich die Dichter­liebe von Robert Schumann aus dem Jahr 1840 vorge­nommen, einen Zyklus von 16 Liedern nach Heinrich Heine, der den ursprüng­lichen, eher nüchternen Titel Gedichte von Heinrich Heine – 20 Lieder und Gesänge aus dem Lyrischen Inter­mezzo im Buch der Lieder  trägt. Schumann hat sich aus der Gedicht­sammlung einige ausge­wählt, andere verworfen, die Reihen­folge umgestellt, sodass der Zyklus einer inneren drama­ti­schen Konzeption folgt. Die Lieder sind ganz den roman­ti­schen Themen von Liebe und Sehnsucht in ihrer Ambivalenz gewidmet, das lyrische Ich durchlebt in ihnen alle Stadien einer unglück­lichen Liebe. In Schumanns „Liederjahr“ 1840 – vorher hatte er lange nur Werke für Klavier solo kompo­niert – entstanden noch viele andere Liedkom­po­si­tionen, zudem heiratete er endlich Clara Wieck. Im Hinter­grund aber machte sich schon seine Krankheit bemerkbar. Die oft ironi­schen, sarkas­ti­schen Gedichte Heines sind in der musika­li­schen Umsetzung mehr von tiefem Gefühl und Schmerz geprägt, Schumann liest aus ihnen den Leidensweg eines tief unglück­lichen Menschen heraus und legt seine Inter­pre­tation in die Singstimme und das Klavier, die hier als wirklich ebenbürtig zu bezeichnen sind. So ist der Pianist nicht „nur“ ein Begleiter, sondern hat besonders in den Nachspielen immer wieder die Möglichkeit, eben Gehörtes auf seine Weise zu interpretieren.

Deutsch hat im Leben sicherlich schon sehr oft die Dichter­liebe begleitet, auf Alben findet man Aufnahmen mit Josef Protschka, Mauro Peter und anderen, gerade erscheint eine Neuauf­nahme mit Jonas Kaufmann. Gemeinsam mit Beczala serviert er dem ergriffen lauschenden Publikum eine feine, eine delikate Lesart des Werkes. Ganz unauf­fällig, unprä­tentiös und fast wie nebenbei spielt er die Begleitung, im roman­ti­schen Sinne immer genau auf dem schmalen Grat zwischen Traum und Wirklichkeit wandelnd. Immer wieder erzählt er auf seine Weise die Geschichte weiter, mit Leich­tigkeit und Wärme. Sein delikates Nachspiel am Ende des 16. Liedes, Die alten bösen Lieder, nach den Worten „Ich senkt‘ auch meine Liebe. Und meinen Schmerz hinein!“ lässt die Zuhörer ungewöhnlich lange mit dem Applaus warten, eine Wohltat! Gemeinsam mit Beczala entsteht so eine sehr zarte Dichter­liebe, die den Fokus auf die Inner­lichkeit legt.

Nach der Pause folgen weitere sehr innige Lieder Schumanns, alle die Liebe betreffend: Wanderlied, Der Nussbaum, Die Lotos­blume, Jasmi­nen­strauch, Du bist wie eine Blume, Widmung, sowie ebenfalls hochly­rische Lieder des 1876 geborenen Polen Mieczyslaw Karlowicz mit den – übersetzten – Titeln Sie geht über die Felder, In der Abendruhe, Die Verzau­berte Prinzessin, Ich erinnere mich an die ruhigen, hellen, goldenen Tage. Zum Abschluss folgt von Edvard Grieg Gruß, Dereinst, Gedanke mein, Zur Rosenzeit, Ich liebe dich und Ein Traum. Und hier begibt sich der fantas­tische Begleiter ganz unauf­dringlich in murmelnde Flüsse zur Abendruhe, erzählt Ungeheu­er­liches, als sich ein Ritter in Stein verwandelt und lässt auf einem goldenen See die Töne perlen.

Foto © Wilfried Hösl

Beczala kann natürlich zupacken, was er auch immer wieder mit großem, an der Oper geschulten Ton an den Stellen, wo es nötig ist, unter­nimmt. Aber insgesamt faszi­niert er mit den leisen Tönen, die sein wohliges Timbre bestens zur Geltung kommen lassen. Sein Piano ist dicht und kann bis ins fast Unhörbare inten­si­viert werden, sein bestens fundierter Atem erlaubt lange, tragende Pianissimo-Stellen in der Höhe. Die Stimme läuft geschmeidig, zeigt keinerlei Ermüdungs­er­schei­nungen, weist natürlich bei gewissen Stellen Tenor­schmelz auf, berührt aber immer wieder durch die Einfachheit der Tongebung. Beczala spricht sehr deutlich und fast ohne Akzent die schwie­rigsten Passagen sehr gut verständlich. Es ist inter­essant, dass er bei den Liedern in seiner Mutter­sprache einen etwas anderen Ton hat, irgendwie noch weicher und samtiger. Besonders Eine verzau­berte Prinzessin gestaltet er sehr diffe­ren­ziert, einen anderen Duktus findet er für die Geschichte mit dem Ritter. Im letzten Lied feiert er die „Erinnerung meiner Kindheit“ mit einem wunder­baren, kaum endenden hohen Pianoton, der sehr zu Herzen geht. Ein Traum bildet bei beiden Künstlern einen großar­tigen Abschluss.

Dementspre­chend fordern die begeis­terten Zuhörer drei Zugaben heraus: Beczala singt ein russi­sches Lied, dessen Titel leider nicht zu verstehen ist, das Liebeslied Still wie die Nacht von Carl Bohm und, als die Zuschauer keine Ruhe geben, noch die Zueignung von Richard Strauss.

Viele aus dem Publikum warten noch auf ein Autogramm des Künstlers, die anderen gehen hinaus und setzen sich vielleicht auf die Stufen vor der Staatsoper, die zur Apollon-Stufenbar verwandelt worden sind, oder suchen eines der nahege­le­genen Wirts­häuser und Straßen­re­stau­rants auf, um einen sehr schönen Abend ausklingen zu lassen.

Jutta Schwegler

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