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Foto © Wilfried Hösl

Qualen des Wahnsinns

PIQUE DAME
(Peter Tschaikowski)

Besuch am
7. Februar 2024
(Premiere am 4. Februar 2024)

 

Bayerische Staatsoper München

Peter Tschai­kowskis Oper Pique Dame handelt von Leiden­schaft, Verzweiflung und der Obsession eines wahnsin­nigen Spielers. Entweder ich befinde mich in einem schreck­lichen Irrtum, oder Pique Dame ist wirklich die Krönung meines Lebens­werkes!“ soll Tschai­kowski einmal über seine am 19. Dezember 1890 im Mariinski-Theater in St. Petersburg urauf­ge­führte vorletzte Oper gesagt haben. Nach dem großen Erfolg von Eugen Onegin ist Pique Dame das zweite Bühnenwerk, dessen Handlung Tschai­kowski der Erzählung des russi­schen Natio­nal­dichters Alexander Puschkin entnommen hat. Das Libretto zur Oper verfasste Tschai­kowskis Bruder Modest. Das Werk beschreibt mit großer musika­li­scher Tiefe die Zerris­senheit und die obsessive Spiel­sucht eines Menschen, der längst die Grenze zum krank­haften Wahn überschritten hat und durch seine Beses­senheit sich und seine Liebe zerstört. Alexander Puschkin legte mit Pique Dame 1834 eine russische Variante des Schau­er­romans vor. Mit starrem Blick fixiert darin sein Protagonist Hermann das Fenster, hinter dem Lisa sitzt. Während er der Gräfin, deren Gesell­schaf­terin sie ist, das Geheimnis der drei Karten zu entlocken sucht, verwechselt Lisa seine Beses­senheit mit Liebe. Tschai­kowski gestaltet den Untergang des Paares in seiner Oper umso drasti­scher, als er zu Beginn der Handlung die Möglichkeit eines glück­lichen Lebens aufscheinen und beide selbst­ge­wählt den Pfad der Entfremdung und Selbst­zer­störung in Wahnsinn und Tod gehen lässt.

Foto © Wilfried Hösl

Die Oper in drei Akten und insgesamt sieben Bildern erzählt die Geschichte des aus einfachen Verhält­nissen stammenden Offiziers Hermann. Er ist in Lisa verliebt, um die er aber wegen ihrer reichen Herkunft nicht zu werben wagt. Des Weiteren ist Lisa standes­gemäß mit dem Prinzen Jelezki verlobt, und damit unerreichbar für Hermann. Lisas Großmutter, die Gräfin, wacht zudem mit Argus­augen über das Wohl ihrer einzigen Enkelin. Doch auch die Gräfin hat ein dunkles Geheimnis. In ihrer Jugend war sie als die „Pique Dame“ bekannt, die ein Geheimnis zu kennen schien, mit dem man jedes Karten­spiel gewinnen konnte. Hermann will mit aller Gewalt hinter das Geheimnis kommen, um so seine Angebetete und noch dazu ein Vermögen für sich zu gewinnen. Doch schon bald zeigt sich, dass der Plan zum Scheitern verur­teilt ist.

Obwohl Lisa sich von diesem düsteren Offizier angezogen fühlt und sich schließlich ihm ganz hingibt, kann der nicht davon ablassen, die Gräfin ob des Geheim­nisses ihres erfolg­reichen Karten­spiels zu bedrängen. Hermanns Wunsch nach gesell­schaft­lichem Aufstieg, soziale Anerkennung und Vermögen durch das Karten­spiel entwi­ckelt sich bei ihm zu einer derar­tigen Obsession, die am Ende sein Leben, das von Lisa und der Gräfin, die vor Schreck stirbt, zerstört. Am Schluss verliert Hermann alles, und sein Selbstmord ist der letzte Ausweg, um ehrenhaft sein Leben zu beenden.

Benedict Andrews hat den Klassiker jetzt in einer sehr düsteren Insze­nierung an der Bayeri­schen Staatsoper in München auf die Bühne gebracht und die zerstö­re­rische Kraft des Wahns in den Vorder­grund gestellt. Die Geschichte ist vom Hofe der Zarin Katharina in eine dunkle Welt der Casinos und Hinterhöfe der 70-er oder 80-er Jahre verlegt worden.  Wie in einem Film Noir zieht es die Figuren in der Insze­nierung von Andrews in ihre eigenen Abgründe. Für ihn steht die Figur des Hermann, einem gesell­schaft­lichen Außen­seiter, im Mittel­punkt, die er wie folgt charak­te­ri­siert: „Am Anfang ist Hermann auf eine Frau fixiert, die er noch nie getroffen hat. Er weiß nicht einmal ihren Namen, aber für ihn ist sie sein rettender Engel. Er ist ein einsamer, verges­sener Mann, der sich verzweifelt hochar­beiten und seinen Platz am Tisch einnehmen will. Wir erfahren sehr wenig über seinen Hinter­grund, aber es ist klar, dass er einiges hinter sich hat. Vielleicht leidet er an einer posttrau­ma­ti­schen Störung nach einem Krieg oder einer anderen psychi­schen Krankheit. Er ist der Hund, nach dem die anderen treten. Am untersten Ende der sozialen Leiter. Ein Loser. Zu Beginn des Stücks hängt er im Casino ab, aber er spielt nie – er ist zu arm, er schaut nur zu. Er lebt hier in einer streng hierar­chi­schen, brutalen Gesell­schaft.“ Aus dieser Charak­te­ri­sierung leiten sich die psycho­lo­gi­schen Handlungs­stränge ab, die bei Andrews aber nur ansatz­weise zur Geltung kommen. Zwar wird Hermanns Obsession, seine Verzweiflung, ja sein Wahn in düsteren Bildern gezeigt. Ständig hat er eine Pistole in der Hand, und man wartet förmlich darauf, dass sich ein Schuss löst. Doch fehlt es in der tiefen­psy­cho­lo­gi­schen Inter­aktion, speziell zwischen Hermann und Lisa, und an spiele­ri­scher Tiefe. Andrews reißt die Tür zum Abgrund zwar auf, doch der konse­quente letzte Schritt fehlt.

Foto © Wilfried Hösl

Das von Rufus Didwiszus geschaffene Bühnenbild ist dunkel und nihilis­tisch. Ein paar Requi­siten wie Spiel­tische oder diffus beleuchtete Autos auf der Bühne impli­zieren das Bild einer dunklen Halbwelt jenseits der konven­tio­nellen Gesell­schaft. Mit überdi­men­sio­nalen Schwarzweiß-Video­pro­jek­tionen vor allem von Asmik Grigorian als Lisa zu Beginn eines jeden Bildes sollen den Zuschauer ganz nahe am Seelen­leben teilhaben lassen. Lisa, die erotische Verfüh­rerin. Lisa, mit Tränen der Trauer. Lisa, die die Pique-Dame-Spiel­karte verbrennt. Doch trotz dieser hautnahen Video­pro­jek­tionen bleibt die Figur der Lisa einseitig, genauso wie die des Herrmann.

Anders die Gräfin, großartig von der Grand Dame Violeta Urmana verkörpert. Sie ist von einer schweren Krankheit gezeichnet, unter der Perücke eine Glatze. In Hermanns Visionen treten im vierten Bild fünf Doubles unter­schied­lichen Alters von ihr auf. Sie ist die dominie­rende Persön­lichkeit, nicht nur, weil sie das Wissen um die Macht der Karten besitzt. Man sieht zudem einen fußtiefen Wasserpool auf der Bühne, in dem Hermann eines der Doubles der Gräfin ertränkt, aus der Vogel­per­spektive durch einen Hohlspiegel unterhalb der Bühnen­decke gut zu beobachten. Zuvor spielte sich die Ballszene im dritten Bild auf einer fahrbaren Tribüne ab, auf der Chor und alle Protago­nisten, teilweise mit Gesichts­masken, sitzen und einer simplen und nichts­sa­genden Choreo­grafie von Klevis Elmazaj folgen.

Die Kostüme von Victoria Behr entsprechen der zeitlichen Verortung, sind teilweise bunt, eher nichts­sagend. Lediglich Polina darf in einem Glitzer-Suit Aufmerk­samkeit auf sich ziehen. Im letzten Bild tragen die Herren des Chores allesamt Damen­kleider, im Outfit der Gräfin. Ob das zu einem besseren Verständnis der Handlung beitragen kann, sei einmal dahingestellt.

Im ersten Bild tritt zudem ein Kinderchor als russische Soldaten in den typischen, teilweise zu großen Uniformen auf und marschiert und exerziert auf der Bühne. Das wirkt in einer Zeit, in der Russland einen völker­rechts­wid­rigen Angriff auf ein europäi­sches Land führt, ohne kontex­tuale Erläu­terung befremdlich und deplatziert.

Musika­lisch ist die Aufführung durchaus ein Hochgenuss, und für Tschai­kowski-Enthu­si­asten, die den düsteren Zauber und die schwere Melan­cholie auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch das Heitere und Aristo­kra­tische dieser Musik lieben, ist der Abend berei­chernd. Tenor Brandon Jovanovich gibt den Hermann mit großer Leiden­schaft und darstel­le­ri­scher Beses­senheit. Zwar wirkt die Stimme teilweise angestrengt, und die drama­ti­schen Ausbrüche in den Höhen etwas gepresst, doch durch seine starke Bühnen­präsenz und seine angenehme baritonale Mittellage ist der Gesamt­ein­druck der schwie­rigen Partie dann am Ende doch positiv. Ohne Schwie­rig­keiten in den Höhen, mit kraft­vollem, jugendlich-drama­ti­schem Sopran und farben­reicher Tessitur legt Asmik Grigorian die Partie der Lisa an. Ausdrucks­stark auch ihr Spiel, insbe­sondere in der letzten Szene, als sie erkennen muss, dass ihre Liebe zu Hermann sie selbst zerstören wird. Ihre große Arie im sechsten Bild gestaltet sie mit großem Ausdruck und Tiefe.

Foto © Wilfried Hösl

Boris Pinkha­sovich gibt den Prinzen Jelezki mit edlem, aristo­kra­ti­schem Bariton und ist auch stimmlich der Kontra­punkt zu Jovano­vichs schwerem Tenor. Beein­dru­ckend der drama­tische Mezzo­sopran von Violeta Urmana als Gräfin. Mit ihrem Stimm­umfang, ihrem Ausdruck und ihrer starken Bühnen­präsenz wird ihr Auftritt zum eigent­lichen Erlebnis der Aufführung. Sie hat jetzt das Alter und die Reife für solche Charak­ter­fi­guren. Die Grande Dame wird zur Pique Dame.

Roman Burdenko gibt den Grafen Tomski mit elegantem und sonorem Bariton, und Bálint Szabó als Surin überzeugt mit seinem ausdrucks­starken schwarzen Bass. Victoria Karka­cheva als Polina ist mit ihrem fülligen Mezzo-Sopran ein schöner stimm­licher Kontrast zum starken Sopran der Grigorian. Die anderen Protago­nisten ergänzen das Sänger­ensemble ebenfalls auf hohem Niveau.

Aziz Shokha­kimov gilt als aufstei­gender Stern unter den jungen Dirigenten. Bereits im Alter von dreizehn Jahren leitete er das nationale Sympho­nie­or­chester Usbekistan, dessen General­mu­sik­di­rektor er später wurde. Mit der musika­li­schen Leitung der Pique Dame steht er in München zum ersten Mal am Dirigen­tenpult. Shokha­kimov führt das Bayerische Staats­or­chester mit sicherem Gespür für die russische Seele Tschai­kowskis durch den Abend. Dunkel und düster klingt es schon in der Ouvertüre aus dem Orches­ter­graben, und die dominanten, aber sauber intonie­renden Bläser erzeugen einen fast bedroh­lichen Klang. Dann unver­mittelt fast pastorale Töne, erhaben und hoffend, dass sich doch noch alles zum Guten wendet. Shokha­kimov weiß um die Ausdrucks­kraft der Musik, und er zelebriert sie fast wie eine heilige Messe, oder besser wie ein Requiem. Christoph Heil hat die Chöre musika­lisch gut einge­stimmt, sie verleihen dem musika­li­schen Gesamt­ein­druck eine besondere Note.

Am Schluss gibt es großen Beifall und Jubel für Asmik Grigorian und Violeta Urmana, aber es fehlt der große Enthu­si­asmus, was sicher auch an der starren und oberfläch­lichen Schwarzweiß-Insze­nierung von Benedict Andrews liegt. Da nützen auch die großfor­ma­tigen Video­pro­jek­tionen nichts. Dennoch ist die Musik Tschai­kowskis so ergreifend, dass sich ein Besuch des eher selten gespielten Werkes in jedem Fall lohnt. Bis zum Sommer steht das Werk noch sechsmal in München auf dem Spielplan.

Andreas H. Hölscher

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