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DIE PIRATEN VON PENZANCE
(Arthur Sullivan)
Besuch am
29. November 2024
(Premiere)
Der englische Komponist Arthur Seymour Sullivan war im 19. Jahrhundert einer der erfolgreichsten britischen Komponisten. Zusammen mit dem Schriftsteller und Librettisten William Schwenck Gilbert schuf er vierzehn komische Opern. Trotz ihres jeweiligen eigenen künstlerischen Schaffens sind sie hauptsächlich durch ihre Zusammenarbeit über London hinaus besonders in Großbritannien und Nordamerika bekannt und populär geworden – das Namensduo Gilbert und Sullivan steht als Schlagwort für die englische komische Oper des 19. Jahrhunderts. The Pirates of Penzance or The Slave of Duty wurde am 30. Dezember 1879 im Royal Bijou Theatre in Paignton in der Grafschaft Devon, England, als einmalige Vorstellung uraufgeführt. Die Broadway-Premiere erfolgte einen Tag später im Fifth Avenue Theatre. Die Londoner Premiere war am 3. April 1880 an der Opéra Comique. Dort erlebte das Stück 363 Vorstellungen. Bis heute ist die komische Oper eine der erfolgreichsten des Duos Gilbert und Sullivan, wenn auch in Deutschland das Genre eher selten auf dem Spielplan zu finden ist. Am Münchner Gärtnerplatztheater erleben nun in deutscher Sprache Die Piraten von Penzance eine fulminante Premiere. Zwei Engländer sorgen dafür, dass das besondere britische Flair des Werkes auch mit einer völlig neu geschaffenen deutschen Textversion nichts von seinem typischen Humor verliert. Regisseur Adam Cooper und der ehemalige GMD des Gärtnerplatztheaters, Anthony Bramall, ein erwiesener Kenner der Musik Sullivans.

Der Untertitel des Werkes lautet Der Sklave der Pflicht, und als solcher ist man eigentlich bestens davor gefeit, etwas falsch zu machen. Lügen ist verboten, Verträge werden eingehalten und Versprechen nicht zurückgenommen. War es also einfach Pech, dass bei Frederic trotz vorbildlichen Pflichtbewusstseins alles schiefging? Alles fing damit an, dass sein Kindermädchen Ruth den Namen der Ausbildungsstätte für ihren Zögling falsch verstanden hatte: Die Lehre bei den „Privaten“ wurde so zur Lehre bei den Piraten. Nun feiern die Piraten von Penzance Frederics 21. Geburtstag und zugleich das Ende seiner Lehrzeit.
Frederic möchte nun ein ehrbares Leben an Land beginnen, wozu ihm allerdings noch ein Mädchen zum Heiraten fehlt. Just an diesem Tag macht die Mündelschar des Generalmajors einen Strandspaziergang. Frederic, der bis auf Ruth noch nie junge Mädchen gesehen hat, erkennt sofort den Unterschied zu seinem Kindermädchen und macht der ganzen Gruppe pauschal einen Heiratsantrag. Aber nur eine erkennt die Gunst der Stunde und schlägt ein, Mabel. Sobald auch die Piraten auf die Mädchen aufmerksam geworden sind, wächst ebenso bei ihnen die Lust zu heiraten. Der Generalmajor kann gerade noch einschreiten und seine Mädchen mit der Lüge retten, er sei ein Waisenkind. Weil die Piraten von Penzance generell Waisen verschonen, lassen sie Mitleid walten.
Der Generalmajor wird von seinem schlechten Gewissen geplagt. Frederic und die Polizeitruppe rüsten sich derweil zum Kampf gegen die Piraten, von Mabel und den Mädchen als Helden bejubelt. Da erscheinen Ruth und der Piratenkönig und teilen Frederic mit, dass er an einem 29. Februar geboren wurde, und sein 21. Geburtstag deswegen erst in seinem 84. Lebensjahr gefeiert werden könne. Frederic wechselt pflichtbewusst abermals die Seiten und verrät seinen neuen alten Kameraden, dass der Generalmajor gar kein Waisenkind ist. Der Piratenkönig ist entsetzt – und die Rache am Generalmajor beschlossene Sache. Das Zusammentreffen der Piraten mit der Polizei ginge für letztere ziemlich ruhmlos aus, hätte der Polizeisergeant nicht noch ein verbales As im Ärmel, gegen das kein echter Brite jemals etwas ausrichten kann, der Dienst an ihrer Majestät, der Königin. Am Ende folgt die Auflösung: Die Piraten entpuppen sich als Lords. Sie sind alle gebürtige, aber verwaiste Aristokraten, und können daher auch von ihresgleichen im House of Lords belangt werden. Keiner stirbt, es gibt ein Happy End, und natürlich kommen Frederic und Mabel am Ende zusammen, und so manch anderer Teapot findet seinen Deckel.

Die herrlich verrückte Story, mit ernster Sozialkritik einerseits und einer rührenden Liebesgeschichte andererseits, hat alle Zutaten für eine komische Oper. Sie chargiert im Genre irgendwo zwischen Offenbach und Lortzing, musikalisch sind da Anklänge an Rossini durchaus zu vernehmen. Am Gärtnerplatztheater München zeigt ja Offenbachs herrliche Operette Die Großherzogin von Gerolstein eine Persiflage auf das Militär und auf die unterschiedlichen Stände. Die Piraten von Penzance gehen hier noch einen Schritt weiter und persiflieren im Prinzip alles, was sich auf der Bühne bewegt. Dabei ist die Musik so eingängig, dass sie schnell Ohrwurmcharakter hat. Der Regisseur und Choreograf Adam Cooper bringt hier eine so heitere Fassung auf die Bühne, dass man vom ersten Moment an Fan wird von den Piraten, die etwas tölpelhaft dargestellt werden, aber absolut liebenswürdig sind. Das Bühnenbild von Kai Fehringer und Judith Leikauf ist sehr romantisch aufgebaut. Das Piratenschiff erinnert etwas die „Black Pearl“, und die Kostüme von Birte Wallbaum sind so geschneidert, wie man sich einen Piraten vorstellt, während die Mädchen des Generalmajors sehr britisch und züchtig gekleidet sind. Das ganze Regieteam scheint inspiriert gewesen zu sein vom Kultfilm Fluch der Karibik, und die Ähnlichkeit des Piratenkönigs mit einem gewissen Jack Sparrow ist schon sehr frappant, aber natürlich passend.
Und so entwickelt sich eine rasante Geschichte auf der Bühne, stark durchchoreografiert, ohne Pause oder Langeweile. Cooper spielt genau mit den britischen Klischees und lässt den sprichwörtlichen englischen Humor niemals zu kurz kommen. Und der Engländer Anthony Bramall zeigt, dass die Musik seines Landsmanns Sullivan ihm absolut im Blut liegt. Und so wie das Duo Gilbert und Sullivan mit den Piraten von Penzance eine herrlich komische Oper geschaffen haben, hat das Duo Bramall und Cooper die in einer begeisternden Fassung auf die Bühne gebracht, wozu die neue deutsche Übersetzung von Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechtling einen großen Anteil beisteuert.

Das Ensemble sprüht am Premierenabend nur so voller Spielfreude. Matteo Ivan Rašić, der am Gärtnerplatztheater schon den Fritz in der Großherzogin von Gerolstein gegeben hat, zeigt als Piratenlehrling Frederic erneut, dass er ein großer Spieltenor mit einer sehr lyrischen Stimmausprägung ist. Julia Sturzlbaum gibt die Mabel mit viel Charme und Koketterie. Alexander Franzen überzeugt als Generalmajor mit britischem Habitus und schwarzem Humor. Für regelrechte Begeisterungsstürme, insbesondere beim weiblichen Publikum, sorgt der Bariton Daniel Gutmann als Piratenkönig. Eine Woche zuvor begeisterte er als testosterongeladener Torero Escamillo in Bizets Carmen, jetzt fegt er als Jack-Sparrow-Wiedergänger über die Bühne, mit schmachtender Stimme und großartigen Stunts. Dass er ein ehemaliger Zehnkämpfer in der Leichtathletik ist, merkt man an seiner teils atemberaubenden Darstellung. Sigrid Hauser als Ruth, dem „Piratenmädchen für Alles“, zeigt ihre große Bandbreite im Gesang und Spiel erneut auf beeindruckende Weise. Vor einer Woche noch als gestrenge Rösslwirtin auf der Bühne, chargiert sie hier zwischen britischer Nanny und Piratengirl.
Peter Neustifter als Samuel, dem Stellvertreter des Piratenkönigs, und Holger Ohlmann als Polizeisergeant zeigen, dass sie nicht nur gut singen, sondern sich vor allem komisch auf der Bühne bewegen können. Mina Yu, Anna Overbeck und Laura Schneiderhan als die Mündel Edith, Kate und Isabel ergänzen das Ensemble perfekt. Und da Regisseur Cooper vom Tanz kommt, steht natürlich auch seine Choreografie im Vordergrund. Die Tänzer Matt Emig, Morris Jeyachandran und Jaro Neuschwander geben die drei „Piraten mit besonders starkem Bewegungsdrang“ vorzüglich. Der wieder einmal sehr spielfreudig aufgelegte Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz ist von Pietro Numico bestens eingestimmt.
Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter der Leitung von Anthony Bramall spielt einen herzerfrischenden, mitreißenden Sullivan, dessen Melodien so eingängig sind, dass man sie nach der Vorstellung einfach nachpfeifen muss. Eine musikalisch bestens gelungene Premiere, die vom Publikum mit stehenden Ovationen und Jubel honoriert wird. Diese musikalische Freibeuter-Satire zählt fraglos zu den Höhepunkten aus dem Schaffen des britischen Autorenduos Gilbert und Sullivan, das im 19. Jahrhundert das englischsprachige musikalische Unterhaltungstheater prägte. Mit diesem Werk dürfte der nächste Dauerbrenner am Gärtnerplatztheater etabliert sein. Und vielleicht ist es ja der Start einer Serie, um auch weitere Werke von Gilbert und Sullivan neu zu entdecken. Bis März kommenden Jahres steht die Neuinszenierung noch neunmal auf dem Spielplan.
Andreas H. Hölscher