O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Schönheit des Gesangs

LA SONNAMBULA
(Vincenzo Bellini)

Besuch am
3. Juli 2024
(Premiere am 8. Oktober 2015)

 

Gärtner­platz­theater München

Vincenzo Bellini gilt als Schöpfer der roman­ti­schen italie­ni­schen Oper, des „Melod­ramma tragico“. Sein Haupt­li­brettist Felice Romani hat an der Schöpfung bedeu­tenden Anteil. In Norma, die als Bellinis und Romanis Hauptwerk angesehen wird, gelang beiden eine neuartige Verbindung von Elementen der damals aufkom­menden Schau­er­ro­mantik mit der Drama­turgie der klassi­schen Tragödie. Noch Richard Wagner hat Norma als Muster­bei­spiel einer musika­li­schen Tragödie gerühmt. Romanis hochkul­ti­vierte, technisch an Vorbildern des 18. Jahrhun­derts wie Pietro Metastasio geschulte Sprache findet zugleich einen neuen Tonfall für die leiden­schaftlich gestei­gerten Empfin­dungen, von denen die Figuren des Dramas beherrscht werden. La Sonnambula, neben Norma seine meist­ge­spielte Oper, prägt vor allem die Wieder­be­lebung der geschmei­digen, volks­tümlich beein­flussten Melodik, wie sie für die neapo­li­ta­nische Schule des späten 18. Jahrhun­derts typisch war, berei­chert um eine neue roman­tische Empfind­samkeit. Nachdem Gioachino Rossini das Kompo­nieren einge­stellt hatte, war Vincenzo Bellini neben Gaetano Donizetti zum führenden Opern­kom­po­nisten Italiens aufge­stiegen. Mit seiner am 6. März 1831 im Teatro Carcano in Mailand urauf­ge­führten Oper La sonnambula – Die Nacht­wand­lerin – feierte er schließlich seinen bis dahin größten Publikumserfolg.

Die Geschichte der schönen Schlaf­wand­lerin Amina vollzieht sich musika­lisch in den für Bellinis Stil typischen, scheinbar endlos dahin­flie­ßenden Melodie­bögen, die die Partie zu einer Parade­rolle für jeden lyrischen Koloratur-Sopran gemacht haben. Das im Libretto von Felice Romani gezeichnete Sujet eines oberflächlich heilen Zusam­men­lebens in einem Schweizer Alpendorf bildete für Bellini jedoch lediglich die Folie zu einer Geschichte über die fragilen Abgründe mensch­licher Existenz, deren Doppel­bö­digkeit sich hinter der Fassade der ländlich-pasto­ralen Handlungs­ele­mente verbirgt.

Die Geschichte erscheint auf dem ersten Blick etwas oberflächlich und naiv, bietet aber beim genaueren Hinsehen tiefe Einblicke in die Psyche und das Seelen­leben der Protago­nisten. Ein fried­liches Dorfidyll in den Schweizer Alpen. Amina, die schöne Ziehtochter der Müllerin Teresa, und der junge, wohlha­bende Bauer Elvino wollen heiraten. Hierzu hat Elvino eigens seine bereits bestehende Verlobung mit der Wirtin Lisa aufgelöst. Graf Rodolfo, der Sohn des verstor­benen Feudal­herrn des Ortes, ist nach langer Abwesenheit inkognito in das Dorf zurück­ge­kehrt und hat in Lisas Gasthaus Quartier bezogen. Sofort beginnt er damit, Amina den Hof zu machen, was die Eifer­sucht Elvinos erregt. Als man am nächsten Morgen Amina schlafend in der Kammer Rodolfos auffindet, ist die Dorfge­mein­schaft entsetzt, und der verletzte Elvino löst, allen Unschulds­be­teue­rungen seiner Verlobten zum Trotz, seine Verbindung mit Amina auf. Erst im letzten Moment kann sie Elvino von ihrer Treue überzeugen, und zwar im Schlaf, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Für Auffüh­rungen von Belcanto-Opern braucht es große Sänger­dar­steller, die die Schönheit des Gesangs vokal und spiele­risch zum Ausdruck bringen können. Das Gärtner­platz­theater in München hat sie an diesem Abend zur Verfügung, und es wird ein Belcanto-Festival, soviel sei vorweg­ge­nommen. Die Premiere von La sonnambula war schon 2015, damals im Prinz­re­gen­ten­theater, da das Gärtner­platz­theater zu dieser Zeit restau­riert wurde. Die erfolg­reiche Produktion ist seitdem im Reper­toire und jetzt für sechs Vorstel­lungen innerhalb von vier Wochen ans Haus zurückgekehrt.

Foto © Anna Schnauss

Es ist eine klassische Insze­nierung im Bieder­meier-Stil, die Regisseur Michael Sturminger da präsen­tiert, mit scheinbar netten und ganz adrett geklei­deten Dorfbe­wohnern. Ein gläserner Schau­kasten wandelt sich auf der Bühne in den jewei­ligen häuslichen Raum und ermög­licht so vielfältige Einblicke in das Geschehen, bei dem der spiel­freudige Chor eine ebenso große Rolle spielt wie die Solisten. Bühnenbild und Kostüme stammen von Andreas Donhauser und Renate Martin. Und in das Idyll passen die Video­pro­jek­tionen von Meike Ebert und Raphael Kurig, mit Berggipfeln, grünen Wiesen und Wäldern und einem plätschernden Bach im Hinter­grund. Heile Welt pur, wie aus einem alten Werbe­pro­spekt für die Schweiz. Doch natürlich stecken hinter dem Idyll auch Abgründe mensch­licher Seelen, die Sturminger in seiner hochro­man­ti­schen Version von Bellinis Sonnambula aber nur andeutet. Das Seelen­drama um die Schlaf­wand­lerin Amina, ihre vermeint­liche Untreue, die Intrigen der unglück­lichen Lisa, die überzogene Eifer­sucht von Elvino, die hochnoble Attitüde des Grafen Rodolfo und eine überneu­gierige Dorfbe­völ­kerung, das alles zeichnet Sturminger in Pastell­tönen, ohne ganz tief in das Drama einzu­tauchen. Und daher steht an diesem Abend der Gesang im Vorder­grund, und der überstrahlt alles biedere in Bühnenbild und Kostümen.

Allen voran die überwäl­ti­gende Jennifer O’Loughlin in der Titel­rolle der Amina. Schon bei der Premiere vor neun Jahren hat sie in der Rolle brilliert und die Grundlage gelegt für zahlreiche erfolg­reiche Rollen­debüts. Die Partie der Schlaf­wand­lerin ist ohnehin eine Parade­rolle für jeden lyrischen Kolora­tur­sopran, und Jennifer O’Loughlin hat ihre Rolle so verin­ner­licht wie kaum eine andere. Sie brilliert mit atembe­rau­benden Kolora­turen, mit drama­ti­schen Spitzen­tönen, die auch in einer glasspren­genden Höhe immer noch sauber und klar sind, um dann wieder in ein berückendes Piano einzu­tauchen. Ihr großes Gebet und die Arie Ah! se una volta sola … Gran Dio …Non credea mirarti, in der sie im zweiten Akt im Schlaf­wandel Elvino verzeiht, ist an Schönheit und emotio­nalem Tiefgang kaum noch zu übertreffen. Auch die schau­spie­le­rische Darbietung der Schlaf­wand­lerin ist stupend. Eigentlich verbieten sich ja Super­lative und Vergleiche mit den ganz großen Sänge­rinnen des Fachs. Doch nach dieser Aufführung muss man es einfach sagen. Die große Edita Gruberova wurde als „Hohepries­terin des Belcanto“ bezeichnet, und O’Loughlin ist an diesem Abend die „Königin des Belcanto“, in einem Atemzug mit Gruberova zu nennen. Auch die Reaktion des Publikums, das nicht nur schon nach ihren Arien jubelt, sondern am Schluss, als O’Loughlin alleine vor den Vorhang tritt, förmlich von den Sitzen springt und ihr zu Füßen liegt, so etwas erlebt man heute kaum noch. Ein trium­phaler Erfolg für die so sympa­thische Ameri­ka­nerin, die sich seit 2021 Bayerische Kammer­sän­gerin nennen darf.

Foto © Marie-Laure Briane

Perfekt wird der Abend aber auch dadurch, dass die anderen Sänger ebenfalls auf höchstem Niveau singen. Der junge Tenor Levy Sekgapane begeistert als Gast am Gärtner­platz­theater in der Rolle des Elvino mit einem Spinto-Tenor der Extra­klasse, wie es ihn heute kaum noch gibt, wie geschaffen für die Opern Bellinis, Donizettis und Rossinis. Mit schmalem, biegsamem, tadellos fokus­siertem Tenor und ohne große Anstrengung in den extremen Höhen. Ihn möchte man gerne mal in Donizettis La fille du régiment als Tonio hören. Auch spiele­risch überzeugt er mit von Eifer­sucht tief verletzter und gekränkter Ehre. Bassba­riton Timos Sirlantzis überzeugt an diesem Abend mit großer Grandezza und nobler Stimme. Maria Chabounia darf als exaltierte Intri­gantin Lisa mit leichtem Sopran und kokettem Spiel ein überzeu­gendes Haus- und Rollen­debüt feiern. Anna Agathonos gibt mit ihrem warmem, leicht drama­ti­schem Mezzo­sopran als Teresa die beschüt­zende und fürsorg­liche Ziehmutter Aminas. Holger Ohlmann überzeugt in der kleinen Rolle des Alessio mit seinem noch immer markanten Bassba­riton, mit dem er vor knapp 30 Jahren am Gärtner­platz­theater in Rollen wie Figaro oder Leporello reüssierte. Chorsänger Stefan Rampf kann in der Partie des Notars seinen schönen Bass solis­tisch zur Geltung bringen.

Chor und Extrachor des Staats­theaters am Gärtner­platz brillieren in dieser ungekürzten Version von La sonnambula szenisch und musika­lisch mit selten zu hörender Feinheit und sind von Pietro Numico bestens einge­stimmt. Anthony Bramall ist für die Auffüh­rungen von La sonnambula an sein altes Haus zurück­ge­kehrt und leitet das Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz mit gewohnter Leich­tigkeit und Brillanz. Bramall breitet einen federnden, duftigen Klang­teppich für die großen, endlosen Melodie­bögen Bellinis, und selbst in den ausge­schmückten Da-Capo- Teilen der Arien hält Bramall die Spannung und stellt die Sänger in den Vorder­grund. Dieser Bellini gelingt musika­lisch kurzweilig und aufregend.

Am Schluss gibt es großen Jubel für das gesamte Ensemble, aus dem zweifelsohne Jennifer O’Loughlin herausragt. Komik und Tragik liegen in der Bellini-Oper erstaunlich nah beiein­ander, und Michael Sturminger zeigt die Gratwan­derung mit großer Liebe zum Stück. Wenn auch Kostüme und Bühnenbild einen gewissen Kitsch­faktor aufweisen, so ist die musika­lische Inten­sität der umjubelten Gärtner­platz­thea­ter­pro­duktion der Nacht­wand­lerin unange­fochten. Man kann nur hoffen, dass die Produktion weiterhin im Reper­toire verbleibt mit einer hoffentlich noch lange auf solch hohem Niveau singenden O’Loughlin.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: