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LA SONNAMBULA
(Vincenzo Bellini)
Besuch am
3. Juli 2024
(Premiere am 8. Oktober 2015)
Vincenzo Bellini gilt als Schöpfer der romantischen italienischen Oper, des „Melodramma tragico“. Sein Hauptlibrettist Felice Romani hat an der Schöpfung bedeutenden Anteil. In Norma, die als Bellinis und Romanis Hauptwerk angesehen wird, gelang beiden eine neuartige Verbindung von Elementen der damals aufkommenden Schauerromantik mit der Dramaturgie der klassischen Tragödie. Noch Richard Wagner hat Norma als Musterbeispiel einer musikalischen Tragödie gerühmt. Romanis hochkultivierte, technisch an Vorbildern des 18. Jahrhunderts wie Pietro Metastasio geschulte Sprache findet zugleich einen neuen Tonfall für die leidenschaftlich gesteigerten Empfindungen, von denen die Figuren des Dramas beherrscht werden. La Sonnambula, neben Norma seine meistgespielte Oper, prägt vor allem die Wiederbelebung der geschmeidigen, volkstümlich beeinflussten Melodik, wie sie für die neapolitanische Schule des späten 18. Jahrhunderts typisch war, bereichert um eine neue romantische Empfindsamkeit. Nachdem Gioachino Rossini das Komponieren eingestellt hatte, war Vincenzo Bellini neben Gaetano Donizetti zum führenden Opernkomponisten Italiens aufgestiegen. Mit seiner am 6. März 1831 im Teatro Carcano in Mailand uraufgeführten Oper La sonnambula – Die Nachtwandlerin – feierte er schließlich seinen bis dahin größten Publikumserfolg.
Die Geschichte der schönen Schlafwandlerin Amina vollzieht sich musikalisch in den für Bellinis Stil typischen, scheinbar endlos dahinfließenden Melodiebögen, die die Partie zu einer Paraderolle für jeden lyrischen Koloratur-Sopran gemacht haben. Das im Libretto von Felice Romani gezeichnete Sujet eines oberflächlich heilen Zusammenlebens in einem Schweizer Alpendorf bildete für Bellini jedoch lediglich die Folie zu einer Geschichte über die fragilen Abgründe menschlicher Existenz, deren Doppelbödigkeit sich hinter der Fassade der ländlich-pastoralen Handlungselemente verbirgt.
Die Geschichte erscheint auf dem ersten Blick etwas oberflächlich und naiv, bietet aber beim genaueren Hinsehen tiefe Einblicke in die Psyche und das Seelenleben der Protagonisten. Ein friedliches Dorfidyll in den Schweizer Alpen. Amina, die schöne Ziehtochter der Müllerin Teresa, und der junge, wohlhabende Bauer Elvino wollen heiraten. Hierzu hat Elvino eigens seine bereits bestehende Verlobung mit der Wirtin Lisa aufgelöst. Graf Rodolfo, der Sohn des verstorbenen Feudalherrn des Ortes, ist nach langer Abwesenheit inkognito in das Dorf zurückgekehrt und hat in Lisas Gasthaus Quartier bezogen. Sofort beginnt er damit, Amina den Hof zu machen, was die Eifersucht Elvinos erregt. Als man am nächsten Morgen Amina schlafend in der Kammer Rodolfos auffindet, ist die Dorfgemeinschaft entsetzt, und der verletzte Elvino löst, allen Unschuldsbeteuerungen seiner Verlobten zum Trotz, seine Verbindung mit Amina auf. Erst im letzten Moment kann sie Elvino von ihrer Treue überzeugen, und zwar im Schlaf, und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Für Aufführungen von Belcanto-Opern braucht es große Sängerdarsteller, die die Schönheit des Gesangs vokal und spielerisch zum Ausdruck bringen können. Das Gärtnerplatztheater in München hat sie an diesem Abend zur Verfügung, und es wird ein Belcanto-Festival, soviel sei vorweggenommen. Die Premiere von La sonnambula war schon 2015, damals im Prinzregententheater, da das Gärtnerplatztheater zu dieser Zeit restauriert wurde. Die erfolgreiche Produktion ist seitdem im Repertoire und jetzt für sechs Vorstellungen innerhalb von vier Wochen ans Haus zurückgekehrt.

Es ist eine klassische Inszenierung im Biedermeier-Stil, die Regisseur Michael Sturminger da präsentiert, mit scheinbar netten und ganz adrett gekleideten Dorfbewohnern. Ein gläserner Schaukasten wandelt sich auf der Bühne in den jeweiligen häuslichen Raum und ermöglicht so vielfältige Einblicke in das Geschehen, bei dem der spielfreudige Chor eine ebenso große Rolle spielt wie die Solisten. Bühnenbild und Kostüme stammen von Andreas Donhauser und Renate Martin. Und in das Idyll passen die Videoprojektionen von Meike Ebert und Raphael Kurig, mit Berggipfeln, grünen Wiesen und Wäldern und einem plätschernden Bach im Hintergrund. Heile Welt pur, wie aus einem alten Werbeprospekt für die Schweiz. Doch natürlich stecken hinter dem Idyll auch Abgründe menschlicher Seelen, die Sturminger in seiner hochromantischen Version von Bellinis Sonnambula aber nur andeutet. Das Seelendrama um die Schlafwandlerin Amina, ihre vermeintliche Untreue, die Intrigen der unglücklichen Lisa, die überzogene Eifersucht von Elvino, die hochnoble Attitüde des Grafen Rodolfo und eine überneugierige Dorfbevölkerung, das alles zeichnet Sturminger in Pastelltönen, ohne ganz tief in das Drama einzutauchen. Und daher steht an diesem Abend der Gesang im Vordergrund, und der überstrahlt alles biedere in Bühnenbild und Kostümen.
Allen voran die überwältigende Jennifer O’Loughlin in der Titelrolle der Amina. Schon bei der Premiere vor neun Jahren hat sie in der Rolle brilliert und die Grundlage gelegt für zahlreiche erfolgreiche Rollendebüts. Die Partie der Schlafwandlerin ist ohnehin eine Paraderolle für jeden lyrischen Koloratursopran, und Jennifer O’Loughlin hat ihre Rolle so verinnerlicht wie kaum eine andere. Sie brilliert mit atemberaubenden Koloraturen, mit dramatischen Spitzentönen, die auch in einer glassprengenden Höhe immer noch sauber und klar sind, um dann wieder in ein berückendes Piano einzutauchen. Ihr großes Gebet und die Arie Ah! se una volta sola … Gran Dio …Non credea mirarti, in der sie im zweiten Akt im Schlafwandel Elvino verzeiht, ist an Schönheit und emotionalem Tiefgang kaum noch zu übertreffen. Auch die schauspielerische Darbietung der Schlafwandlerin ist stupend. Eigentlich verbieten sich ja Superlative und Vergleiche mit den ganz großen Sängerinnen des Fachs. Doch nach dieser Aufführung muss man es einfach sagen. Die große Edita Gruberova wurde als „Hohepriesterin des Belcanto“ bezeichnet, und O’Loughlin ist an diesem Abend die „Königin des Belcanto“, in einem Atemzug mit Gruberova zu nennen. Auch die Reaktion des Publikums, das nicht nur schon nach ihren Arien jubelt, sondern am Schluss, als O’Loughlin alleine vor den Vorhang tritt, förmlich von den Sitzen springt und ihr zu Füßen liegt, so etwas erlebt man heute kaum noch. Ein triumphaler Erfolg für die so sympathische Amerikanerin, die sich seit 2021 Bayerische Kammersängerin nennen darf.

Perfekt wird der Abend aber auch dadurch, dass die anderen Sänger ebenfalls auf höchstem Niveau singen. Der junge Tenor Levy Sekgapane begeistert als Gast am Gärtnerplatztheater in der Rolle des Elvino mit einem Spinto-Tenor der Extraklasse, wie es ihn heute kaum noch gibt, wie geschaffen für die Opern Bellinis, Donizettis und Rossinis. Mit schmalem, biegsamem, tadellos fokussiertem Tenor und ohne große Anstrengung in den extremen Höhen. Ihn möchte man gerne mal in Donizettis La fille du régiment als Tonio hören. Auch spielerisch überzeugt er mit von Eifersucht tief verletzter und gekränkter Ehre. Bassbariton Timos Sirlantzis überzeugt an diesem Abend mit großer Grandezza und nobler Stimme. Maria Chabounia darf als exaltierte Intrigantin Lisa mit leichtem Sopran und kokettem Spiel ein überzeugendes Haus- und Rollendebüt feiern. Anna Agathonos gibt mit ihrem warmem, leicht dramatischem Mezzosopran als Teresa die beschützende und fürsorgliche Ziehmutter Aminas. Holger Ohlmann überzeugt in der kleinen Rolle des Alessio mit seinem noch immer markanten Bassbariton, mit dem er vor knapp 30 Jahren am Gärtnerplatztheater in Rollen wie Figaro oder Leporello reüssierte. Chorsänger Stefan Rampf kann in der Partie des Notars seinen schönen Bass solistisch zur Geltung bringen.
Chor und Extrachor des Staatstheaters am Gärtnerplatz brillieren in dieser ungekürzten Version von La sonnambula szenisch und musikalisch mit selten zu hörender Feinheit und sind von Pietro Numico bestens eingestimmt. Anthony Bramall ist für die Aufführungen von La sonnambula an sein altes Haus zurückgekehrt und leitet das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz mit gewohnter Leichtigkeit und Brillanz. Bramall breitet einen federnden, duftigen Klangteppich für die großen, endlosen Melodiebögen Bellinis, und selbst in den ausgeschmückten Da-Capo- Teilen der Arien hält Bramall die Spannung und stellt die Sänger in den Vordergrund. Dieser Bellini gelingt musikalisch kurzweilig und aufregend.
Am Schluss gibt es großen Jubel für das gesamte Ensemble, aus dem zweifelsohne Jennifer O’Loughlin herausragt. Komik und Tragik liegen in der Bellini-Oper erstaunlich nah beieinander, und Michael Sturminger zeigt die Gratwanderung mit großer Liebe zum Stück. Wenn auch Kostüme und Bühnenbild einen gewissen Kitschfaktor aufweisen, so ist die musikalische Intensität der umjubelten Gärtnerplatztheaterproduktion der Nachtwandlerin unangefochten. Man kann nur hoffen, dass die Produktion weiterhin im Repertoire verbleibt mit einer hoffentlich noch lange auf solch hohem Niveau singenden O’Loughlin.
Andreas H. Hölscher