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Foto © Michael Hopf

Informierend und berührend

„UND DENNOCH SIND WIR DA“
(Rachel Salamander, Jens Malte Fischer)

Besuch am
11. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Staats­theater am Gärtner­platz, München

Es kommt nicht oft vor, dass man mittags aus dem Theater kommt und die direkte städtische Umgebung tatsächlich anders wahrnimmt, weil man zuvor eine klug aufge­baute Vortrags­ver­an­staltung mit der Lesung histo­ri­scher Texte, mit musika­li­schen Darbie­tungen, Video­ein­spie­lungen und verbin­denden Zwischen­worten verfolgt hat.  Es muss eben nicht immer eine grandiose Aufführung sein, die bewusst macht, dass die großen Theater für ihre Stadt und die Stadt­ge­sell­schaft da sind – wie es in den letzten Jahren mitunter wenig konstruktiv in Abrede gestellt wird.

Dass ein Kultur­er­lebnis als tatsäch­liche Zusam­men­kunft im Stadt­leben bisweilen auch abseits des „Haupt­pro­gramms“ gelingen kann, beweist die Matinee Und dennoch sind wir da, die vom Verein Synagoge Reichen­bach­straße quasi als nachbar­schaft­liches Gastspiel im Münchner Gärtner­platz­theater, also im gemein­samen Stadt­viertel veran­staltet wird. Der gemein­nützige Verein setzt sich seit zwölf Jahren für die Wieder­eröffnung der einzigen Münchner Synagoge ein, die, nach ihrer Eröffnung als „Reichen­bach­schul“ im Jahr 1931, nicht von den Natio­nal­so­zia­listen zerstört, wenn auch – schlimm genug – in der Reichs­po­grom­nacht 1938 verwüstet und danach zweck­ent­fremdet worden war.  Von 1947 bis 2006 war sie das Zentrum des religiösen jüdischen Lebens in München, nicht aber in der ursprüng­lichen Bauhaus­ar­chi­tektur, deren Restau­rierung bei der für Herbst 2025 geplanten Wieder­eröffnung zu bewundern sein soll.

Foto © Michael Hopf

Um darauf aufmerksam zu machen und an geschicht­liche Hinter­gründe zu erinnern, wurde die Matinee auf der Bühne des Gärtner­platz­theaters von der Vereins­grün­derin und Publi­zistin Rachel Salamander gemeinsam mit Kultur­wis­sen­schaftler Jens Malte Fischer konzi­piert und moderiert. Die Thematik vom „alten und neuen jüdischen München“, wie es im Unter­titel zur Veran­staltung heißt, wird gleichsam von außen nach innen immer präziser einge­kreist. Wie von Salamander gleich zu Beginn klarstellt, unter­scheidet sich München leider schon im Jahrhundert nach seiner Gründung 1158 nicht von anderen deutschen Städten, was die Wiederkehr von Pogromen und die gezielte Auslö­schung jüdischer Mitbürger betrifft. Mit den von Sibylle Canonica und Axel Milberg eindringlich vorge­le­senen, vor allem autobio­gra­fi­schen Texten wird ein Bogen von den im 19. Jahrhundert dokumen­tierten trüge­ri­schen Hoffnungen und Assimi­la­ti­ons­be­stre­bungen, über das Wachsen der jüdischen Gemeinde um 1900, bis hin zur Katastrophe der Schoa und zaghaftem Wieder­an­knüpfen in der Nachkriegszeit geschlagen – mit heute rund 9000 in München lebenden Juden, wie von Salamander am Ende festgehalten.

Deutlich wird beispiels­weise, dass die Aufnahme der „schönen Jüdin“ Nanette Kaula in die Schön­heits­ga­lerie des bayeri­schen Königs Ludwigs I. einer­seits die zur Restau­ra­ti­onszeit gewachsene Wahrnehmung und Einbindung wohlha­bender jüdischer Familien ins gesell­schaft­liche Leben wider­spiegelt. Dass anderer­seits Vorbe­halte und Ressen­ti­ments bestehen blieben, kommt in den Berichten von Hans Brandenburg, Martin Feucht­wanger und Gershom Sholem ebenso zum Ausdruck wie die Proble­matik assimi­lierter und unter­neh­me­risch wie auch religiös liberaler jüdischer Bevöl­ke­rungs­schichten gegenüber später einge­wan­derten, ost-jüdischen Mitbürgern. Gerade sie waren im Gärtner­platz­viertel mit Handwerks­be­trieben und im Textil­ge­werbe angesiedelt. Von Carl Oestreichs Bericht über die Zerstörung der Haupt­syn­agoge in der Münchner Innen­stadt, die bereits im Sommer vor der Reichs­po­grom­nacht unter dem behörd­lichen Vorwand der verkehrs­tech­ni­schen Behin­derung erfolgte, steigert sich die Erschüt­terung beim Zuhören noch angesichts der von Karoline Adler, Elsa Balbier und Erwin Weil überlie­ferten Zeugnisse zu den Depor­ta­tionen von München-Milberts­hofen nach Kaunas. Ungebro­chener Lebens­wille teilt sich aus dem für die Matinee titel­ge­benden Text von Karl Wolfskehl ebenso mit wie aus den Memoiren von Fritz Kortner, der anders als Wolfskehl später noch aus der Emigration zurück­kehrte. Mit dem Monolog des Shylock ist er auch in einer Video­ein­spielung von 1966 aus den Münchner Kammer­spielen zu sehen. Abgerundet wird die Veran­staltung mit dem Ausschnitt eines Films zur Reichen­bach­syn­agoge von Thomas Dashuber.

Dass man, wie eingangs festge­stellt, das Theater über Infor­miertheit und Betrof­fenheit hinaus auch berührt verlässt, bewirkt nicht zuletzt die nuancen­reise Vortrags­kunst der Mezzo­so­pra­nistin Sophie Rennert und der Pianistin Ekaterina Tarno­pol­skaja aus dem Ensemble des Gärtner­platz­theaters. Mit Liedern und einem Sonatensatz des in Auschwitz ermor­deten Viktor Ullmann sowie der erzwungen Ausge­wan­derten Heinrich Schalit, Paul Ben-Haim, Erich Zeisl und Erich Wolfgang Korngold bringen die beiden Inter­pre­tinnen jüdische Kompo­nisten zu Gehör, deren Kunst den Terror des Natio­nal­so­zia­lismus überdauert hat. Auf dass er sich, was man nicht oft genug wieder­holen kann, nie wieder­holen möge.

Sebastian Stauss

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