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„UND DENNOCH SIND WIR DA“
(Rachel Salamander, Jens Malte Fischer)
Besuch am
11. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)
Es kommt nicht oft vor, dass man mittags aus dem Theater kommt und die direkte städtische Umgebung tatsächlich anders wahrnimmt, weil man zuvor eine klug aufgebaute Vortragsveranstaltung mit der Lesung historischer Texte, mit musikalischen Darbietungen, Videoeinspielungen und verbindenden Zwischenworten verfolgt hat. Es muss eben nicht immer eine grandiose Aufführung sein, die bewusst macht, dass die großen Theater für ihre Stadt und die Stadtgesellschaft da sind – wie es in den letzten Jahren mitunter wenig konstruktiv in Abrede gestellt wird.
Dass ein Kulturerlebnis als tatsächliche Zusammenkunft im Stadtleben bisweilen auch abseits des „Hauptprogramms“ gelingen kann, beweist die Matinee Und dennoch sind wir da, die vom Verein Synagoge Reichenbachstraße quasi als nachbarschaftliches Gastspiel im Münchner Gärtnerplatztheater, also im gemeinsamen Stadtviertel veranstaltet wird. Der gemeinnützige Verein setzt sich seit zwölf Jahren für die Wiedereröffnung der einzigen Münchner Synagoge ein, die, nach ihrer Eröffnung als „Reichenbachschul“ im Jahr 1931, nicht von den Nationalsozialisten zerstört, wenn auch – schlimm genug – in der Reichspogromnacht 1938 verwüstet und danach zweckentfremdet worden war. Von 1947 bis 2006 war sie das Zentrum des religiösen jüdischen Lebens in München, nicht aber in der ursprünglichen Bauhausarchitektur, deren Restaurierung bei der für Herbst 2025 geplanten Wiedereröffnung zu bewundern sein soll.

Um darauf aufmerksam zu machen und an geschichtliche Hintergründe zu erinnern, wurde die Matinee auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters von der Vereinsgründerin und Publizistin Rachel Salamander gemeinsam mit Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer konzipiert und moderiert. Die Thematik vom „alten und neuen jüdischen München“, wie es im Untertitel zur Veranstaltung heißt, wird gleichsam von außen nach innen immer präziser eingekreist. Wie von Salamander gleich zu Beginn klarstellt, unterscheidet sich München leider schon im Jahrhundert nach seiner Gründung 1158 nicht von anderen deutschen Städten, was die Wiederkehr von Pogromen und die gezielte Auslöschung jüdischer Mitbürger betrifft. Mit den von Sibylle Canonica und Axel Milberg eindringlich vorgelesenen, vor allem autobiografischen Texten wird ein Bogen von den im 19. Jahrhundert dokumentierten trügerischen Hoffnungen und Assimilationsbestrebungen, über das Wachsen der jüdischen Gemeinde um 1900, bis hin zur Katastrophe der Schoa und zaghaftem Wiederanknüpfen in der Nachkriegszeit geschlagen – mit heute rund 9000 in München lebenden Juden, wie von Salamander am Ende festgehalten.
Deutlich wird beispielsweise, dass die Aufnahme der „schönen Jüdin“ Nanette Kaula in die Schönheitsgalerie des bayerischen Königs Ludwigs I. einerseits die zur Restaurationszeit gewachsene Wahrnehmung und Einbindung wohlhabender jüdischer Familien ins gesellschaftliche Leben widerspiegelt. Dass andererseits Vorbehalte und Ressentiments bestehen blieben, kommt in den Berichten von Hans Brandenburg, Martin Feuchtwanger und Gershom Sholem ebenso zum Ausdruck wie die Problematik assimilierter und unternehmerisch wie auch religiös liberaler jüdischer Bevölkerungsschichten gegenüber später eingewanderten, ost-jüdischen Mitbürgern. Gerade sie waren im Gärtnerplatzviertel mit Handwerksbetrieben und im Textilgewerbe angesiedelt. Von Carl Oestreichs Bericht über die Zerstörung der Hauptsynagoge in der Münchner Innenstadt, die bereits im Sommer vor der Reichspogromnacht unter dem behördlichen Vorwand der verkehrstechnischen Behinderung erfolgte, steigert sich die Erschütterung beim Zuhören noch angesichts der von Karoline Adler, Elsa Balbier und Erwin Weil überlieferten Zeugnisse zu den Deportationen von München-Milbertshofen nach Kaunas. Ungebrochener Lebenswille teilt sich aus dem für die Matinee titelgebenden Text von Karl Wolfskehl ebenso mit wie aus den Memoiren von Fritz Kortner, der anders als Wolfskehl später noch aus der Emigration zurückkehrte. Mit dem Monolog des Shylock ist er auch in einer Videoeinspielung von 1966 aus den Münchner Kammerspielen zu sehen. Abgerundet wird die Veranstaltung mit dem Ausschnitt eines Films zur Reichenbachsynagoge von Thomas Dashuber.
Dass man, wie eingangs festgestellt, das Theater über Informiertheit und Betroffenheit hinaus auch berührt verlässt, bewirkt nicht zuletzt die nuancenreise Vortragskunst der Mezzosopranistin Sophie Rennert und der Pianistin Ekaterina Tarnopolskaja aus dem Ensemble des Gärtnerplatztheaters. Mit Liedern und einem Sonatensatz des in Auschwitz ermordeten Viktor Ullmann sowie der erzwungen Ausgewanderten Heinrich Schalit, Paul Ben-Haim, Erich Zeisl und Erich Wolfgang Korngold bringen die beiden Interpretinnen jüdische Komponisten zu Gehör, deren Kunst den Terror des Nationalsozialismus überdauert hat. Auf dass er sich, was man nicht oft genug wiederholen kann, nie wiederholen möge.
Sebastian Stauss