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Foto © Bural Kücük

Musikalische Weltreise

UNTERWEGS INS UNERREICHBARE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
23. Januar 2023
(Urauf­führung)

 

Theater-Werk München im Akade­mi­schen Gesang­verein München, Großer Saal

Mitten im Herzen von München, unweit der Staatsoper, steht das altehr­würdige Gebäude des Akade­mi­schen Gesang­vereins München mit seinem großen histo­ri­schen Saal. An diesem nasskalten Abend ist die Regis­seurin Kristina Wuss mit dem Theater-Werk München und einer großen Anzahl von Künstlern zu Gast. Sie alle nehmen an einem Kurs teil, der ihnen die Möglichkeit bietet, auch während einer Phase der nicht regulären Beschäf­tigung weiter in ihrem Beruf zu arbeiten und sich künst­le­risch weiter­zu­ent­wi­ckeln. Mit diesem Konzept bietet das Theater-Werk München eine Plattform der Fortbildung, des Austauschs und der Vernetzung. Eine großartige Möglichkeit, die sowohl von Kristina Wuss als auch den Solisten des Abends mit großem Engagement wahrge­nommen wird.

Das Programm klingt geheim­nisvoll: Unterwegs ins Unerreichbare, eine insze­nierte Solis­ten­prä­sen­tation, die sich dem Thema „Musik­theater und Globa­li­sierung“ zuwendet. Hinter­grund ist der 150. Jahrestag der Veröf­fent­li­chung des Romans In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne. Der Roman wurde erstmals am 30. Januar 1873 unter dem franzö­si­schen Titel Le Tour du monde en quatre-vingts jours von dem Verleger Pierre-Jules Hetzel veröf­fent­licht. Die erste deutsch­spra­chige Ausgabe erschien im selben Jahr im Verlag der Gebrüder Légrády in Pest unter dem Titel Reise um die Erde in 80 Tagen. Im Mittel­punkt dieses Romans steht der reiche englische Gentleman Phileas Fogg, ein Exzen­triker in Sachen Pünkt­lichkeit und täglicher Gewohn­heiten sowie ein leiden­schaft­licher Whist-Spieler. Er wettet mit anderen Mitgliedern des Londoner Reform Club um 20.000 Pfund Sterling, dass es ihm gelingen werde, in 80 Tagen um die Welt zu reisen. Noch am selben Abend bricht er mit seinem gerade erst einge­stellten franzö­si­schen Diener Jean Passe­partout auf. Mit dem Zug fahren sie über Paris nach Brindisi, wo sie das Dampf­schiff nach Bombay durch den Suez-Kanal besteigen. In einem Reisesack hat Fogg 20.000 Pfund Sterling dabei, die andere Hälfte seines Vermögens. Nach zahlreichen Abenteuern gelingt Fogg das scheinbar unmög­liche, in letzter Sekunde hat er sein Ziel erreicht und die Wette gewonnen. Ein berühmtes Zitat von Gauthier Ralph aus diesem Roman lautet: „Ich teile Mr. Foggs Ansicht. Die Erde ist kleiner geworden, weil wir sie heute zehn Mal schneller umrunden können als noch vor 100 Jahren.“

Und das gilt auch für die Musik. Die renom­mierte Regis­seurin Kristina Wuss ist bekannt für ihre projekt­be­zo­genen Regie­ar­beiten, die sich immer einem spezi­ellen Thema widmen. Nun nimmt sie die gut 100 Zuschauer im Saal mit auf eine musika­lische Weltreise auf den Spuren von Phileas Fogg, dessen Reise-Route an diesem Abend natur­gemäß musik­thea­ter­be­dingte Abwei­chungen erfährt. So gibt es Opern-Begeg­nungen der beson­deren Art in München, Wien, aber auch mit Sarah Bernhardt auf ihrem Ballon in Paris, in einer Garderobe der Metro­po­litan Opera in New York, auf einer Klein­kunst­bühne in Yokohama, in der Werkstatt eines Münchner Kompo­nisten, in einer Chorprobe in Brindisi, in Klingsors Zauber­garten. Bei dieser Aufzählung wird schnell klar, das ist ein buntes und breit gefächertes Programm. Beteiligt an diesem künst­le­ri­schen Experiment sind Solisten aus neun Städten Deutsch­lands, die jetzt auf vier Konti­nenten auf der Suche nach dem Glück sind. Die Frage des Abends lautet: Ist Phileas Fogg der einzige, dessen Plan aufgeht, oder kann Kristina Wuss mit dem ambitio­nierten Plan mithalten und an einem Abend eine musika­lische Weltreise durchführen?

Maria Helgath und Stefan Hahn – Foto © Bural Kücük

Die Opern- und Operet­ten­arien, die an diesem Abend erklingen, sind alles Wunsch­stücke der Solisten, mit großen Stücken von Richard Wagner, Richard Strauss, über Verdi, Mozart bis hin zu Kurt Weill und diversen bekannten Operet­ten­me­lodien. Die große Kunst des Abends ist, einen roten Faden zu haben und die Analogie zur Weltreise von Phileas Fogg zu zeigen, was natur­gemäß nicht immer möglich ist. Was aber diesen Abend so einzig­artig macht, ist, dass alle Solisten sich auch als Ensemble verstehen und Chor, Statisten, Staffage mit übernehmen. Eine Musik­thea­ter­collage mit allen Facetten der Theaterkunst.

Der Abend beginnt mit fast einer Viertel­stunde Verspätung, da bis zum Schluss noch letzte Vorbe­rei­tungen und Impro­vi­sa­tionen getroffen werden müssen. Eröffnet wird der Reigen mit einem Jagdhornruf von Hans Winter in bayri­scher Leder­tracht. Die Aufmerk­samkeit der Zuschauer ist sofort da. Auf der kleinen Bühne sitzt die Gesell­schaft um Phileas Fogg, darge­stellt von dem Tenor Stefan Hahn, und disku­tiert die Idee, in 80 Tagen um die Welt zu reisen. Die Gesell­schaft bekommt kurzerhand Zuwachs durch einen Ehrengast, den Kompo­nisten Richard Strauss, sehr authen­tisch darge­stellt von Horst Kalch­schmid. Die Wette wird besiegelt, und Phileas Fogg begibt sich mit Jean Passe­partout, dem Bariton Moritz Kugler, auf die Reise. Szenisch untermalt wird das Ganze auch noch durch ein kleines Figuren­theater, wie wir es aus unserer Kindheit kennen. Nostalgie spielt an diesem Abend auch eine große Rolle. Musika­lisch eröffnet wird der Abend von der Sopra­nistin Vera Senkovskaia mit einer Arie der Nannetta aus Verdis Falstaff.  Und bevor die Altistin Ariana Lucas als Mrs. Quickly und der Bassist Georg Lickleder als Falstaff sich im Duett beharken, darf die Sopra­nistin Julia Thornton als Lady Billows in Benjamin Brittens Albert Herring die Dramatik in der Stimme ausloten.

Die Sopra­nistin Domenica Radlmaier liebt die Operette, und dass sie dieses wunderbare Fach auch beherrscht, beweist sie mit dem gelun­genen Auftrittslied der Hanna Glawari aus Franz Lehárs Operette Die lustige Witwe. Und die Glawari stellt gleich­zeitig die große franzö­sische Schau­spie­lerin Sarah Bernhardt während einer Ballon­fahrt dar. Das erfordert jedoch vom Publikum, um das alles nachvoll­ziehen zu können, schon eine enorme Portion litera­ri­scher Kennt­nisse. Dass Phileas Fogg alias Alfredo aus Verdis La Traviata über seine Situation nachdenkt, ist dem Programm­zettel zu entnehmen, ohne dessen stich­wort­artige Anleitung der Reise man als Zuschauer schnell verloren ist. Stefan Hahn singt die Arie mit viel tenoralem Schmelz und markigen Höhen. Von Verdi wieder zurück nach Lehár, Passe­partout ist jetzt Graf Danilo Danilo­witsch in der Lustigen Witwe, erinnert sich an seine Zeit in Paris, wo er immer zu „Maxim“ gegangen ist. Moritz Kugler singt diese wohl bekann­teste Operet­tenarie mit schmei­chelndem Bariton, während sich auf der kleinen Bühne ein paar Grisetten dehnen und für die amourösen Abenteuer vorbe­reiten. Bei Wuss sind all diese Opern- und Operet­ten­fi­guren mitein­ander verwoben, und so wundert es nicht, dass eine alte Bekannte von Danilo auftaucht. Nein, es ist nicht Hanna, es ist die Carmen aus Georges Bizets gleich­na­miger Oper. Die Mezzo­so­pra­nistin Maria Helgath gestaltet die Habanera der Carmen L’amour est un oiseau rebelle mit erotisch warmer Stimme und großem Ausdruck und streckt Danilo, oder ist es doch Passe­partout, am Schluss zu Boden.

Nanami Chiba, Charlotte Kouby und Moritz Kugler – Foto © Bural Kücük

Die Reise­gruppe ist mittler­weile in München angekommen, Phileas Fogg versucht verzweifelt, einen Stempel in seinen Pass zu bekommen, und der Akkor­de­on­spieler Hans Dornecker intoniert den Touris­ten­klas­siker In München steht ein Hofbräuhaus sehr zur Erhei­terung der Zuschauer, von denen einige sofort gute Kenntnis dieses Liedes beweisen und mitein­stimmen. Richard Strauss, mittler­weile im Publikum sitzend, spendiert den Weltrei­senden Fogg und Passe­partout eine Flasche Münchner Bier, soviel Lokal­ko­lorit muss sein.

Dieser Wechsel der Genres, der Stile, der Werke, ohne Rücksicht auf thema­tische Übergänge oder Zusam­men­hänge, ist einer­seits immer wieder überra­schend und erfri­schend, anderer­seits aber auch manchmal grenz­wertig, weil vieles nicht zuein­ander passt, und man in einem „normalen“ Konzert mit Opern- und Operet­ten­arien so ein Programm nicht anböte, schon gar nicht in dieser Reihen­folge. Man darf aber nicht vergessen, die vorge­tra­genen Stücke sind alles Wünsche der Solisten, die von Wuss in eine gewisse Drama­turgie gebracht werden, was leider nicht immer gelingt. Auch für die Zuschauer ist das nicht leicht, man merkt es am fehlenden Applaus nach den großen Arien, was wiederum für die Protago­nisten auf der freien Fläche des Saals auch nicht einfach ist, da es wenig Feedback von den Zuschauern gibt. Lediglich bei der „leichten Muse“ tun sich die Zuschauer leichter und spendieren auch schon mal, wenn auch verhalten, Szenenapplaus.

Von München geht es musika­lisch weiter nach Wien, wo die Fiaker­milli aus Richard Strauss‘ Arabella schon wartet. Die Kolora­tur­so­pra­nistin Nataliia Ulasevych macht ihrer Stimm­fach­be­schreibung alle Ehre. Mit kokettem Auftritt und perlenden Kolora­turen, sauber bis in die höchsten Höhen, setzt sie einen ersten Glanz­punkt an diesem Abend. Es bleibt beim harten Wechsel der Stile. Die Alpen­reise beginnt, und da taucht plötzlich Brünn­hilde auf und überrascht ihren Götter­vater Wotan mit der ersten Szene aus dem zweiten Aufzug der Walküre von Richard Wagner. Marija Grauba, kurzfristig für eine erkrankte Kollegin einge­sprungen, legt einen formi­dablen Auftritt hin, in einem Kostüm, wie es sich heute kein Regisseur mehr auf der Bühne trauen würde, mit Flügelhelm. Eine Reminiszenz an das 19. Jahrhundert, aber passend zu der Zeit des Romans von Jules Verne. Die teils opulenten und histo­ri­schen Kostüme an diesem Abend besorgte Ralf Rainer Stegemann aus seinem Kostüm­verleih. Brünn­hilde duelliert sich mit Wotan, engagiert von Georg Lickleder inter­pre­tiert, und haut diesen am Schluss zu Boden, auch Fogg und Passe­partout bekommen die überna­tür­lichen Kräfte des Wotans­kindes zu spüren. Das ist wieder so ein humor­voller Einfall von Wuss, der einem nicht nur zum Schmunzeln bringt, sondern auch darüber nachdenken lässt, wie einfach man konven­tio­nelle Banden in der Opern­regie sprengen kann.  

Ein neuer­licher Genre­sprung führt von Wagner zu Fred Raymond und dessen bekann­tester Operette Maske in Blau.  Nataliia Ulasevych, die schon als Fiaker­milli brilliert hat, zeigt mit dem Lied Ja das Temp’rament der Juliska Varady, dass sie nicht nur hervor­ragend steppen kann, sondern auch gesanglich eine Marika Rökk um Längen schlägt, die mit dieser Rolle einst bekannt wurde. Aller­dings ist die steppende Juliska eigentlich Despina aus Mozarts Così fan tutte. Und mit dem Duett der Schwestern Dorabella und Fiordiligi aus dieser Oper, wunderbar vorge­tragen in histo­ri­schen Kostümen von Charlotte Kouby und Vera Senkovskaja, ist man mittler­weile im italie­ni­schen Ferrara angekommen. Ariana Lucas als Wahrsa­gerin Ulrica aus Verdis Maskenball denkt derweil laut darüber nach, wie die Reise wohl weiter­gehen soll, wieder ein imposanter Auftritt der quirligen Altistin. Von Ferrara führt die Weltreise weiter nach Brindisi, und das ist nicht nur der Name einer italie­ni­schen Hafen­stadt in Apulien, sondern auch der Begriff für ein Trinklied, wie es in zahlreichen italie­ni­schen Opern vorkommt. Eines der bekann­testen Brindisi ist das Duett Libiamo ne’ lieti calici von Alfredo und Violetta im ersten Akt von Verdis La traviata. Nadia Zanatello und Stefan Hahn inter­pre­tieren es mit viel italie­ni­schem Schmelz, während der Rest des Ensembles als Reise­gruppe einen höchst veritablen Chor intoniert. Von Brindisi aus besteigen die Weltrei­senden die „Mongolia“, um als nächstes den Suezkanal zu passieren. Bei einer Tasse Mocca erklärt Ulasevych alias Blonde Lickleder in der unchar­manten Rolle des Osmin aus Mozarts komischer Oper Die Entführung aus dem Serail, wer hier das Sagen hat und flechtet aus den langen Haaren Lickleders erst mal einen Zopf.

Nach der Passage des Suezkanals geht es Kurs auf Indien, und Phileas Fogg hängt seinen Träumen nach, mit einer wunder­vollen Darbietung aus dem Liverpool Oratorio, dem ersten klassi­schen Werk von Paul McCartney, einge­leitet mit einem fulmi­nanten Klaviersolo von Thomas Jagusch. Ein absoluter Glanz­punkt an diesem Abend. Derweil wird Klytäm­nestra von ihrem Gewissen geplagt, träumt nicht gut. Ich habe keine guten Nächte singt Maria Helgath mit ausdrucks­vollem Mezzo­sopran die anspruchs­volle Arie aus der Oper Elektra von Richard Strauss, und das ganze Ensemble erscheint mit einem Schmet­terling in den Händen. Es sind wieder diese harten Übergange in Stil und Ausdruck, von Paul McCartney über Richard Strauss zu Wolfgang Amadeus Mozart, die das Publikum teilweise überfordern, sich in wenigen Momenten auf so unter­schied­liche musika­lische Epochen einzu­stellen. Als letztes Stück vor der Pause intoniert Nadia Zanotello die Elettra aus Mozarts Idomeneo, darge­stellt aber als die Roman­figur Aouda, eine indische Witwe, die von Fogg und seinen Gefährten vor dem sicheren Feuertod auf dem Schei­ter­haufen gerettet wird. Sehr gefühlvoll und intona­ti­ons­sicher wird diese „Wahnsinn­sarie“ von Zanotello darge­bracht. Doch wer als Zuschauer weder die Oper Idomeneo noch den Roman von Jules Verne kennt, der hat schon seine Schwie­rig­keiten, die Sängerin mit Kasten­zeichen auf der Stirn und indischem Sari in ihrer Doppel­rolle als Aouda und Elettra richtig einzuordnen.

 

Die anschlie­ßende Pause benötigen nicht nur die Sänger­dar­steller, auch das Publikum freut sich über eine kleine Erholungs­pause, um die vielen musika­li­schen Eindrücke zu verar­beiten. Dass dabei dem Publikum, das lediglich zehn Euro Eintritt für diesen überwäl­ti­genden musika­li­schen Abend gezahlt hat, in der Pause auch noch kostenlos Wasser und Gebäck angeboten wird, das ist schon mehr als außer­ge­wöhnlich und spricht für das schon fast familiäre Ereignis an diesem Abend.

Moritz Kugler und Gillian Crichton – Foto © Bural Kücük

Der zweite Teil geht auf demselben hohen musika­li­schen Niveau weiter, der wiederum durch einen Hornruf einge­leitet wird. Zanotello alias Aouda eröffnet den zweiten Teil mit einem Zitat der großen Wagner-Sängerin Anja Silja: „Es ist gefährlich und unpro­fes­sionell, sich mit einer Rolle wirklich zu identi­fi­zieren. Wenn ich von einer Partie sagen könnte, das ‚bin ich‘, wäre sie für mich nicht mehr darstellbar. Man kann nur Ähnlich­keiten schaffen.“ Es ist ein Zitat aus  Siljas Buch Die Sehnsucht nach dem Unerreich­baren – Wege und Irrwege aus dem Jahre 1999, das auch Titel­geber für die program­ma­tische Gestaltung des Abends ist. Mit der Arie Es gibt ein Reich, wo alles rein ist aus der Oper Ariadne auf Naxos von Richard Strauss widmet sich Zanotello einem äußerst anspruchs­vollen Stück, das einst von Elisabeth Schwarzkopf und Jessye Norman in Perfektion einge­spielt wurde. Zu Beginn gestaltet Zanotello die Arie etwas zurück­haltend mit sonorer Mittel­stimme und tiefer Brust­stimme. Die Arie ist anspruchsvoll, und Zanotello gibt ihr mit dem Tempo Vorwärts­drang und Prägnanz. Als sich das Stück seinem Höhepunkt nähert, wächst ihre Stimme und blüht schließlich bei „An dich werd‘ ich mich ganz verlieren“ auf. Eine wunderbare Darbietung. Die noch entrückten Zuschauer werden aber ganz schnell von Wolfgang Schlick an der Helikon-Tuba aus ihren Träumen gerissen, der ein lautes Elefan­ten­ge­tröte fabri­ziert. Wir sind wieder bei Jules Verne, mittler­weile hat Phileas Fogg den Elefanten Kiouni seinem Besitzer im indischen Weiler Kholby abgekauft und nach einigen Abenteuern gibt Fogg Kiouni dem Begleiter als Geschenk.

Mittler­weile sind die Weltrei­senden in Hongkong angekommen, und Passe­partout wird von Mr. Fix zum Opium­rauchen einge­laden, um ihn von Phileas Fogg und Aouda zu trennen. Dazu erklingt fulminant am Klavier In der Halle des Bergkönigs  aus der Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg. Das Opium und die aufla­dende Musik Griegs zeigen ihre Wirkung, Passe­partout ist völlig bekifft und träumt, er wäre Parsifal, und im Traum erscheinen ihm zunächst die Blumen­mädchen, dann Kundry. Parsifal ist von den Blumen­mädchen zunächst faszi­niert, beschließt dann aber, ihren Verlo­ckungen zu entfliehen. In diesem Moment ruft Kundry ihn bei seinem Namen. Gebannt lauscht der Knabe ihrer Erzählung vom traurigen Schicksal seiner Eltern. Tröstend, aber mit der Absicht, ihn in die Liebe einzu­führen, schließt sie ihn in ihre Arme. Diese lange Szene aus dem zweiten Aufzug von Richard Wagners Bühnen­weih­fest­spiel Parsifal ist ein weiterer Höhepunkt des Abends. Die Solis­tinnen singen die Blumen­mädchen, der Bariton Moritz Kugler gibt den Parsifal mit warmem Timbre, und die Mezzo­so­pra­nistin Gillian Crichton zeigt mit warmer Mittellage und drama­ti­schem Ausdruck in den Höhen, das diese Partie ihr ideal liegt. Nach Kundrys Kuss erwacht Passe­partout wieder, er hat das Schiff „Carnatic“ verpasst und statt­dessen auf der „Tancadére“ eingeschifft.

Das nächste Ziel ist das japanische Yokohama. Während­dessen schwärmen sich Phileas Fogg und Aouda an, mit dem wunder­baren Duett All I ask of You aus Andrew Lloyd Webbers Musical The Phantom of the Opera. Zanotello als Christine und Hahn als Raoul haben für diese roman­tische Darstellung einen großen Sonder­ap­plaus verdient. Wir sind ja in Yokohama, und die junge Sopra­nistin Nanami Chiba gibt hier eine Inten­dan­ten­tochter, die die Arie der Julia Strah­lender Mond aus der Operette Der Vetter aus Dingsda von Eduard Künneke mit glocken­hellem Sopran und leuch­tenden Höhen intoniert. Dann trifft sie auf Passe­partout und singt mit ihm das Duett: Mädel guck … Das ist die Liebe die dumme Liebe aus Emmerich Kálmáns Csárdás­fürstin. Chiba als Stasi und Moritz Kugler als Boni schmachten sich da herrlich an. Der nächste Höhepunkt ist das Lied Sakura Yokochô des japani­schen Kompo­nisten Yoshitaka Nakada aus dem Jahre 1962, ein melan­cho­li­sches Lied über die Kirsch­blüte an der Sakura Straße, sehr innig von Chiba in ihrer Mutter­sprache japanisch vorge­tragen, ein ganz beson­derer Moment.

Die Fahrt über den Pazifik erfolgt mit der „General Grant“, das Schiff ist mittler­weile in San Francisco angekommen, und wir sind wieder bei Mozart angekommen, bei Don Giovanni. Zunächst erklingt das drama­tisch-lyrische Duett Don Ottavio, son morta, sehr gefühlvoll von der Sopra­nistin Domenica Radlmaier als Donna Anna und dem Tenor Berthold Schindler als Don Ottavio in einem kurzen Gastauf­tritt in histo­ri­schen Kostümen darge­boten. Mit der anschlie­ßenden großen drama­ti­schen Arie Or sai chi l’onore der Donna Anna zeigt die Radlmaier eindrucksvoll, in welche Richtung der künst­le­rische Weg der noch jungen Sopra­nistin hinführen kann.

Nach diesem starken Auftritt kommt der nächste Einschnitt. Man ist mittler­weile in den Rocky Mountains, und Hans Dornecker am Akkordeon intoniert Country Roads von John Denver, ein schon sehr krasser Kontrast zu Mozart. Weiter geht es wieder mit Wagner, und Mr. Fix alias Wotan wird im Rheingold von einem Raben überrascht. Es ist die große Szene Abendlich strahlt der Sonne Auge, bevor Wotan mit seiner Gattin Fricka und den Göttern in die Burg Walhall einzieht. Lickleder kommt hier mit der Darbietung aller­dings an seine sänge­ri­schen Grenzen, der Rheingold-Wotan ist zu hoch für ihn gelagert, und in den drama­ti­schen Höhen quält er sich. Witzig dagegen der Auftritt von Helgath, die als tanzender Rabe Wotans zeigt, dass sie nicht nur eine exzel­lente Mezzo­so­pra­nistin ist, sondern auch sehr viel von körper­lichem Ausdruck versteht. Es geht mit Wagner weiter, doch zuvor intoniert Dirk Rabe an der Gitarre den alten Kultsong Don‘t be cruel von Elvis Presley. Cool inter­pre­tiert, trotzdem zwischen zwei großen Wagner-Szenen etwas deplat­ziert. Mit der großen Szene Wotan – Fricka aus dem zweiten Aufzug der Walküre folgt der nächste Höhepunkt. Der Walküren-Wotan liegt Lickleder deutlich besser, und Kouby zeigt mit einem fulmi­nanten Auftritt als Götter­gattin Fricka, dass sie das Potenzial hat, diese anspruchs­volle Partie in nicht allzu ferner Zukunft auch auf der Bühne zu verkörpern, wenn sie die Chance dazu erhält. Das Götter­gat­ten­duell endet in einem Boxkampf, in dem Wotan natürlich den Kürzeren zieht und auch Passe­partout wird von Fricka nieder­ge­streckt. Anschließend bekommt Passe­partout in Arizona Hunger, und welche Arie wäre passender als Rallala Rallala … Hunger ist der beste Koch des Besen­binder Peter aus Engelbert Humper­dincks Hänsel und Gretel.

Domenica Radlmaier und Moritz Kugler – Foto © Bural Kücük

Während­dessen entdeckt Helgath immer noch als Wotans Rabe den Hügel von Alexander Strauch. Strauch hat dieses  zeitge­nös­sische Lied am 18. Mai 2001 im IC 523 „Amali­enburg“ auf der Fahrt zwischen Nürnberg und Augsburg auf ein Gedicht von Diana Kempff kompo­niert, und Maria Helgath und Vera Senkovskaja  inter­pre­tieren es mit sehr starkem Ausdruck. Es ist das einzige Stück in diesem Programm, das kein Wunsch der Solisten war, sondern von Wuss mit aufge­nommen wurde. Nach einem Helikon-Tuba-Solo ist die Reise­gruppe mittler­weile in New York angekommen, und die Inten­dantin der MET hat ein Problem mit den Prima­donnen. Ulasevych legt erneut einen begeis­ternden Auftritt hin mit dem Lied der Harriet Ach wir armen Prima­donnen aus der Operette Der arme Jonathan von Carl Millöcker. Auch Elvis alias Dirk Rabe an der Gitarre darf nochmal ran, mit einer fetzigen Inter­pre­tation von Blue Suede Shoes. Passend zur Location New York singt Anne Morrant in Street Scene von Kurt Weill von ihren Jugend­träumen, Julia Thornton inter­pre­tiert das Lied mit viel Gefühl.

Die Reise in 80 Tagen um die Welt nähert  sich dem Ende, es erfolgt die Überfahrt nach Großbri­tannien mit der „Henrietta“. Phileas Fogg tritt auf als August Kuhbrot, der erste Fremde aus der Operette Der Vetter aus Dingsda von Eduard Künneke mit dem Klassiker Ich bin nur ein armer Wander­gesell. Hahn singt dieses Lied mit viel Gefühl und tenoralem Schmelz. Er bringt anschließend die Kapitänin des Schiffs dazu, den Kurs zu ändern. Um Tempo zu machen, werden die hölzernen Teile im Schiffs­kessel verbrannt, was zu einer großen Explosion führt, aber die Reisenden bleiben unver­letzt. In Großbri­tannien angekommen, entdeckt Passe­partout alias Graf Danilo Danilo­witsch seine alte Liebe Hanna Glawari, die er zu Beginn der Reise in Paris kennen­ge­lernt hatte. Die Freude über das Wieder­sehen drücken Sie in dem Liebes­duett Lippen schweigen aus der Operette Die Lustige Witwe von Franz Lehár sehr innig aus. Phileas Fogg erscheint in letzter Sekunde wieder im Reform Club London und gewinnt seine Wette. Seiner Aouda macht er als Prinz Sou-Chong mit dem Herzens­bre­cherlied Dein ist mein ganzes Herz aus Lehárs roman­ti­scher Operette Das Land des Lächelns eine Liebes­er­klärung. Und Mr. Fix alias Georg Lickleder macht sich auf den Weg nach neuen Ideen und zeigt, dass er nicht nur über einen markanten Bass verfügt, sondern auch an der Gitarre zu reüssieren weiß.

Nach über dreiein­viertel Stunden geht ein langer und bewegender Musik­thea­ter­abend zu Ende. Das Publikum, das tapfer durch­ge­halten hat, spendet am Schluss lautstarken Applaus und jubelt zurecht den Solisten zu, die so ganz unter­schied­liche Facetten ihres Könnens gezeigt haben. Henri Bonamy, der die einzelnen Stücke mit großem Engagement von der Seite dirigiert hat, und vor allem Thomas Jagusch für eine Mammut­leistung am Klavier haben sich an diesem Abend einen großen Sonder­ap­plaus für ihre überzeu­gende Darbietung verdient. Und neben den wunder­baren solis­ti­schen Stücken überzeugen die Solisten unisono und völlig unprä­tentiös als Ensemble, auch eine wunderbare Erfahrung. Kristina Wuss hat es geschafft, die litera­rische Weltreise in eine musika­lische umzuwandeln, auch wenn der Sprung zwischen den Genres und den Stilen manchmal grenz­wertig ist. Aber so ist das auf einer Weltreise, da begegnet man so manchem Unvor­her­ge­se­henem. Den Sängern, die sich an diesem Abend mit so vielen Facetten ihrer Kunst präsen­tiert haben, bleibt nur zu wünschen, dass sie auf ihrem weiteren künst­le­ri­schen Weg Erfolg haben werden. Und Wuss ist schon wieder in den Proben für das Stück In der Strömung, das am 10. Februar im Deutschen Jagd- und Fische­rei­museum München Premiere haben wird.

Andreas H. Hölscher

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