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Wenn die Wiener in ihrem Carl Zeller, neben Franz von Suppè, Johann Strauß Sohn und Carl Millöcker, den vierten ihrer Operettenklassiker der „Goldenen Ära“ sehen, so hat wohl bis auf den heutigen Tage vor allem seine erfolgreichste Operette Der Vogelhändler den entscheidenden Anteil an dieser Wertschätzung. Moritz West und Ludwig Held haben die urwüchsige und volkstümliche Handlung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Rheinpfalz angesiedelt. Uraufgeführt am 10. Januar 1891 im Theater an der Wien, ist der Vogelhändler bis heute eine der meistgespielten Operetten. Das liegt natürlich auch am Bekanntheitsgrad vieler Ohrwürmer wie Grüß euch Gott, alle miteinander, Ich bin die Christel von der Post, Schenkt man sich Rosen in Tirol und Wie mein Ahn’l zwanzig Jahr sowie zwei Verfilmungen. Am Gärtnerplatztheater in München hat nun Regisseur Bernd Mottl diesen Operettenklassiker als buntes und schrilles bajuwarisches Husarenstück auf die Bühne gebracht. Der renommierte Regisseur, der am Gärtnerplatztheater sehr erfolgreich auch Puccinis La Bohème inszeniert hat, trägt einen berühmten Namen. Sein Urgroßonkel war Felix Mottl, der von 1907 bis 1911 Generalmusikdirektor der Münchner Hofoper war. An einem Haus wie dem Gärtnerplatztheater, wo die Operette ein treues und begeisterungsfähiges Publikum hat, ist die Messlatte und die Erwartungshaltung bei einer Neuinszenierung besonders hoch. So ist die große Frage, wie der bayrische Vogelhändler beim Publikum ankommt.
Um es vorwegzunehmen, mit großer Begeisterung und Jubel, denn an diesem Abend stimmt einfach alles. Es ist eine durchweg klassisch-zeitlose Inszenierung mit modernen Elementen, angesiedelt in Bayrischzell, mit einer witzig-komödiantischen Dialogfassung ohne unnötige Längen, mit viel Aktion und Tanz auf der Bühne, so dass es dem Zuschauer keine einzige Sekunde langweilig oder zu viel wird. Die bunten Kostüme, Dirndl wie Lederhosen im Latex-Look, sind ein echter Hingucker, da hat sich Kostümbildner Alfred Mayerhofer mal wieder selbst übertroffen. Die Geschichte selbst ist witzig, etwas frivol und für Regisseur Mottl eine Gesellschaftssatire über Duckmäusertum, Korruption und Machtmissbrauch und somit aktueller denn je, auch die Konflikte sind modern und zeitnah.

Die Geschichte entspinnt sich zwischen derber bajuwarischer Wirtshaussprache und höfischer Münchener Residenz, zwischen städtischer Obrigkeit und Landbevölkerung. In Bayrischzell herrscht große Aufregung. Der Kurfürst hat sich zur Jagd angesagt. Er möchte ein Wildschwein erlegen und eine Jungfrau empfangen. Mit beidem kann die etwas verschlagene Gemeinde nicht dienen. Die Wildschweine sind längst gewildert, und Jungfrauen gibt es auch schon lange nicht mehr. Deshalb ist Baron Weps, der Wald- und Wildmeister des Kurfürsten bereit, gegen ein hohes Bestechungsgeld dem Kurfürsten ein zahmes Hausschwein und eine Witwe vorzuführen. Doch dann wird die Jagd kurzfristig abgesagt, für den Wildmeister fatal, denn Baron Weps spekulierte auf ein Sümmchen aus der Gemeindekasse zur Tilgung der Spielschulden seines Neffen Stanislaus. Weps, der das Geld natürlich behalten möchte, lässt deshalb seinen Neffen Stanislaus als Kurfürsten auftreten, da den echten Adelsherrn im Dorf eh keiner kennt. Währenddessen trifft die Kurfürstin ein, um, als Bauernmädchen verkleidet, ihren Gatten in flagranti zu erwischen, dessen Jagdleidenschaft eher den zweibeinigen Rehen gilt. Gleichzeitig kommt der Tiroler Vogelhändler Adam an, um seine Braut Christel, eine burschikose Postbeamtin, zu besuchen. Die wiederum möchte beim Kurfürsten für Adam eine Stellung als Menagerie-Inspektor erbitten, damit die beiden endlich heiraten können. Es beginnt ein fröhliches Spiel der Verwechslungen, Eifersüchteleien und Liebelei. Adam verlässt zunächst seine Christel wegen ihrer vermeintlichen Liaison mit dem Kurfürsten und dem vermeintlichen Bauernmädchen Marie, die in Wirklichkeit die Herzogin ist, und Stanislaus selbst soll die alternde Baronin Adelaide heiraten, natürlich wegen ihres Reichtums. Viel Komik entsteht, wenn die höfisch-aristokratische Welt der Münchner Residenz auf das Milieu eines bayerischen Dorfes trifft und jeder die anderen hinters Licht führen oder deren wahre Neigungen und Absichten ergründen möchte. Am Ende wird alles gut, die Paare finden sich, und unter dem Bayerischen Staatswappen ist alles herrlich weiß und blau.
Mottl zeichnet einerseits ein Bild von starken und emanzipierten Frauen, die das Heft des Handelns jederzeit in der Hand haben, ohne dass die Männer hier zu unterwürfigen Figuren degradiert werden. Andererseits ist der Adam ein stolzer, viriler Tiroler Naturbursch und Freigeist, der hemdsärmelig daherkommt, in grüner Latex-Ledertracht und etwas zu viel Stolz. Die Christel, die in ihrer blauen Postuniform, postgelber Strumpfhose und gleichfarbiger Haarpracht an eine PanAm-Flugbegleiterin der fünfziger Jahre erinnert, entpuppt sich als fescher und resoluter Feger, die mit ihrem etwas depperten Adam doch so ihre liebe Mühe hat. Die Kurfürstin erscheint als Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht und das Zepter des Handelns in die Hand nimmt. Mottl bedient zwar durchaus die gängigen Operettenklischees, die aber in seiner Inszenierung einfach herrlich passen und höchste Unterhaltung garantieren. Das Bühnenbild von Friedrich Eggert zeigt im Vordergrund ein bayerisches Wirtshaus mit weiß-blauen Rauten-Tapeten, Hirschgeweihen und Kruzifix an den Wänden, während im Hintergrund ein Holzpavillon im Stile eines stillen Örtchens zu sehen ist. Die Bayerische Residenz ist ein großer Raum mit goldenen Türen, ausgestattet mit einem fürstlichen Bett und den Insignien der bayerischen Macht. Im Hintergrund sieht man die Silhouette von München mit dem Liebfrauendom.
Die Kostüme von Alfred Mayerhofer zeigen authentische Bayerische und Tiroler Tracht, mit dem einzigen Unterschied, dass alle Kostüme im Latex-Look daherkommen. Absolut vielseitig und bunt, auf jeden Fall was fürs Auge. Graf Stanislaus rosafarbener Latex-Anzug amüsiert dabei genauso wie die Latexlederhosen der Schuhplattler. Hier hat sich Mottl etwas Grandioses einfallen lassen und die Münchner Schwulen-Schuhplattler-Gruppe D’Schwuplattler in die Inszenierung eingebaut, die mit ihren Latexlederhosen nicht nur ein echter Hingucker sind, sondern auch professionell schuhplatteln und eine witzige und intelligente Bereicherung der Inszenierung sind. Mottl, der den Grundkern des Stückes nicht verändern, dafür aber eine Modernität in der Optik wollte, sagt über das Setting der Inszenierung: „Es ist eine verfremdete Künstlichkeit, eine Art Spielzeugland. Die Figuren sind relativ klar umrissen und bringen eine deutlich grelle Farbigkeit mit.“ Köstlich auch das Duett und die Choreografie der beiden Professoren Süffle und Würmchen im schwarzen Latex-Anzug unter dem Bayerischen Staatswappen, einer von vielen Höhepunkten des Abends.

Musikalisch und sängerisch ist einsame Spitze, was das Ensemble des Gärtnerplatztheaters auf die Bühne bringt. Matteo Ivan Rašić, ein waschechter Tiroler, gibt den Vogelhändler Adam mit übermütigem und stolzem Habitus, einschließlich tenoralem Glanz und Strahlkraft in den großen und bekannten Arien, die jeder im Ohr hat. Sein Auftrittslied Grüß euch Gott, alle miteinander kommt spritzig daher, macht sofort Lust auf mehr. Für das große Duett Schenkt man sich Rosen in Tirol mit Sophia Brommer gibt es langanhaltenden Szenenapplaus, und auch für sein zweites großes Lied, Wie mein Ahn’l zwanzig Jahr, erhält Rašić Ovationen. Julia Sturzlbaum als Christel rockt die Bühne des Gärtnerplatztheaters. Sie weiß mit hohem Koloratursopran und feschem und kokettem Spiel zu begeistern, ihr Auftrittslied reißt das Publikum mit, und auch im Terzett Kämpfe nie mit Frau‘n mit Stanislaus und Adam setzt Sturzlbaum die Duftnoten und wird mit ihrem Auftritt zum umjubelten. Sophia Brommer gibt die Partie der Kurfürstin mit strahlendem lyrischem Sopran und großem Ausdruck, ihr Spiel ist von einer natürlichen Grandezza geprägt. Wunderschön auch ihre große Arie zu Beginn des dritten Akts, Als geblüht der Kirschenbaum, sehr gefühlvoll mit zarten Pianotönen vorgetragen. Besser kann man die Partie kaum noch anlegen.
Regina Schörg kann durch ihre physische Präsenz, durch ihren kräftigen Mezzosopran und durch ihr komisch-burschikoses Spiel als Baronin Adelaide überzeugen. Alexander Grassauer gibt den gelackten Baron Weps mit großer Geste und wohltönendem Bariton und ist für die Rolle einfach eine Bank. Alexandros Tsilogiannis als Graf Stanislaus weiß mit schöngefärbtem Belcanto-Tenor und komödiantischem Spiel zu gefallen, und der junge Tenor Caspar Krieger lässt in der Rolle des Schneck als Bürgermeister von Bayrischzell stimmlich und spielerisch aufhorchen. Unschlagbar komisch sind Juan Carlos Falcón und Lukas Enoch Lemcke im Duett als Süffle und Würmchen. Herrlich komisch und bayrisch derb Angelika Sedlmeier als Wirtin Frau Nebel und Sushila Sara Mai als Kellnerin Jette. Ein Sonderlob verdient Thomas Schechinger für sein Spiel mit der Zither auf der Bühne.
Der Chor des Gärtnerplatztheaters ist von Pietro Numico hervorragend einstudiert, zeigt große Spielfreude und tänzerische Fertigkeiten. Karl Alfred Schreiner bringt mit seiner fetzigen Choreografie das gesamte Ensemble zum Dauertanzen, da ist zu keinem Zeitpunkt Stillstand auf der Bühne. Anthony Bramall, ehemaliger GMD am Gärtnerplatztheater, ist für die Produktion nach München zurückgekehrt. Am Pult des Orchesters des Gärtnerplatztheaters lässt er einen flotten und spannungsreichen Zeller spielen, begleitet Sänger und Chor mit großem Engagement und Gefühl für die besonderen Momente und zeigt, dass nicht nur große Oper sein Metier ist, sondern auch seine besonderen Qualitäten für dieses Genre. Das Publikum ist am Schluss restlos begeistert, es gibt großen Jubel für das gesamte Ensemble, einschließlich Regieteam und den Schwuplattlern. Die fetzige und mitreißende Inszenierung zeigt wieder mal deutlich, dass das Genre Operette lebendiger denn je ist, wenn man sie nur entstaubt, in modernem und buntem Gewand und immer mit einem Augenzwinkern auf die Bühne bringt. Diese Inszenierung dürfte der nächste Dauerbrenner am Gärtnerplatztheater werden, in der laufenden Spielzeit wird die Produktion noch achtmal zu sehen sein.
Andreas H. Hölscher