O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Bajuwarisches Husarenstück

DER VOGELHÄNDLER
(Carl Zeller)

Besuch am
26. Januar 2024
(Premiere)

 

Gärtner­platz­theater, München

Wenn die Wiener in ihrem Carl Zeller, neben Franz von Suppè, Johann Strauß Sohn und Carl Millöcker, den vierten ihrer Operet­ten­klas­siker der „Goldenen Ära“ sehen, so hat wohl bis auf den heutigen Tage vor allem seine erfolg­reichste Operette Der Vogel­händler den entschei­denden Anteil an dieser Wertschätzung. Moritz West und Ludwig Held haben die urwüchsige und volks­tüm­liche Handlung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhun­derts in der Rhein­pfalz angesiedelt. Urauf­ge­führt am 10. Januar 1891 im Theater an der Wien, ist der Vogel­händler bis heute eine der meist­ge­spielten Operetten. Das liegt natürlich auch am Bekannt­heitsgrad vieler Ohrwürmer wie Grüß euch Gott, alle mitein­ander, Ich bin die Christel von der Post, Schenkt man sich Rosen in Tirol und Wie mein Ahn’l zwanzig Jahr sowie zwei Verfil­mungen. Am Gärtner­platz­theater in München hat nun Regisseur Bernd Mottl diesen Operet­ten­klas­siker als buntes und schrilles bajuwa­ri­sches Husaren­stück auf die Bühne gebracht. Der renom­mierte Regisseur, der am Gärtner­platz­theater sehr erfolg­reich auch Puccinis La Bohème insze­niert hat, trägt einen berühmten Namen. Sein Urgroß­onkel war Felix Mottl, der von 1907 bis 1911 General­mu­sik­di­rektor der Münchner Hofoper war. An einem Haus wie dem Gärtner­platz­theater, wo die Operette ein treues und begeis­te­rungs­fä­higes Publikum hat, ist die Messlatte und die Erwar­tungs­haltung bei einer Neuin­sze­nierung besonders hoch.  So ist die große Frage, wie der bayrische Vogel­händler beim Publikum ankommt.

Um es vorweg­zu­nehmen, mit großer Begeis­terung und Jubel, denn an diesem Abend stimmt einfach alles. Es ist eine durchweg klassisch-zeitlose Insze­nierung mit modernen Elementen, angesiedelt in Bayrischzell, mit einer witzig-komödi­an­ti­schen Dialog­fassung ohne unnötige Längen, mit viel Aktion und Tanz auf der Bühne, so dass es dem Zuschauer keine einzige Sekunde langweilig oder zu viel wird. Die bunten Kostüme, Dirndl wie Leder­hosen im Latex-Look, sind ein echter Hingucker, da hat sich Kostüm­bildner Alfred Mayer­hofer mal wieder selbst übertroffen. Die Geschichte selbst ist witzig, etwas frivol und für Regisseur Mottl eine Gesell­schafts­satire über Duckmäu­sertum, Korruption und Macht­miss­brauch und somit aktueller denn je, auch die Konflikte sind modern und zeitnah.

Foto © Marie-Laure Briane

Die Geschichte entspinnt sich zwischen derber bajuwa­ri­scher Wirts­haus­sprache und höfischer Münchener Residenz, zwischen städti­scher Obrigkeit und Landbe­völ­kerung. In Bayrischzell herrscht große Aufregung. Der Kurfürst hat sich zur Jagd angesagt. Er möchte ein Wildschwein erlegen und eine Jungfrau empfangen. Mit beidem kann die etwas verschlagene Gemeinde nicht dienen. Die Wildschweine sind längst gewildert, und Jungfrauen gibt es auch schon lange nicht mehr. Deshalb ist Baron Weps, der Wald- und Wildmeister des Kurfürsten bereit, gegen ein hohes Bestechungsgeld dem Kurfürsten ein zahmes Hausschwein und eine Witwe vorzu­führen. Doch dann wird die Jagd kurzfristig abgesagt, für den Wildmeister fatal, denn Baron Weps speku­lierte auf ein Sümmchen aus der Gemein­de­kasse zur Tilgung der Spiel­schulden seines Neffen Stanislaus. Weps, der das Geld natürlich behalten möchte, lässt deshalb seinen Neffen Stanislaus als Kurfürsten auftreten, da den echten Adels­herrn im Dorf eh keiner kennt. Während­dessen trifft die Kurfürstin ein, um, als Bauern­mädchen verkleidet, ihren Gatten in flagranti zu erwischen, dessen Jagdlei­den­schaft eher den zweibei­nigen Rehen gilt. Gleich­zeitig kommt der Tiroler Vogel­händler Adam an, um seine Braut Christel, eine burschikose Postbe­amtin, zu besuchen. Die wiederum möchte beim Kurfürsten für Adam eine Stellung als Menagerie-Inspektor erbitten, damit die beiden endlich heiraten können. Es beginnt ein fröhliches Spiel der Verwechs­lungen, Eifer­süch­te­leien und Liebelei. Adam verlässt zunächst seine Christel wegen ihrer vermeint­lichen Liaison mit dem Kurfürsten und dem vermeint­lichen Bauern­mädchen Marie, die in Wirklichkeit die Herzogin ist, und Stanislaus selbst soll die alternde Baronin Adelaide heiraten, natürlich wegen ihres Reichtums. Viel Komik entsteht, wenn die höfisch-aristo­kra­tische Welt der Münchner Residenz auf das Milieu eines bayeri­schen Dorfes trifft und jeder die anderen hinters Licht führen oder deren wahre Neigungen und Absichten ergründen möchte. Am Ende wird alles gut, die Paare finden sich, und unter dem Bayeri­schen Staats­wappen ist alles herrlich weiß und blau.

Mottl zeichnet einer­seits ein Bild von starken und emanzi­pierten Frauen, die das Heft des Handelns jederzeit in der Hand haben, ohne dass die Männer hier zu unter­wür­figen Figuren degra­diert werden. Anderer­seits ist der Adam ein stolzer, viriler Tiroler Natur­bursch und Freigeist, der hemds­är­melig daher­kommt, in grüner Latex-Leder­tracht und etwas zu viel  Stolz. Die Christel, die in ihrer blauen Postuniform, postgelber Strumpfhose und gleich­far­biger Haarpracht an eine PanAm-Flugbe­glei­terin der fünfziger Jahre erinnert, entpuppt sich als fescher und resoluter Feger, die mit ihrem etwas depperten Adam doch so ihre liebe Mühe hat. Die Kurfürstin erscheint als Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht und das Zepter des Handelns in die Hand nimmt. Mottl bedient zwar durchaus die gängigen Operet­ten­kli­schees, die aber in seiner Insze­nierung einfach herrlich passen und höchste Unter­haltung garan­tieren. Das Bühnenbild von Friedrich Eggert zeigt im Vorder­grund ein bayeri­sches Wirtshaus mit weiß-blauen Rauten-Tapeten, Hirsch­ge­weihen und Kruzifix an den Wänden, während im Hinter­grund ein Holzpa­villon im Stile eines stillen Örtchens zu sehen ist. Die Bayerische Residenz ist ein großer Raum mit goldenen Türen, ausge­stattet mit einem fürst­lichen Bett und den Insignien der bayeri­schen Macht. Im Hinter­grund sieht man die Silhouette von München mit dem Liebfrauendom.

Die Kostüme von Alfred Mayer­hofer zeigen authen­tische Bayerische und Tiroler Tracht, mit dem einzigen Unter­schied, dass alle Kostüme im Latex-Look daher­kommen. Absolut vielseitig und bunt, auf jeden Fall was fürs Auge. Graf Stanislaus rosafar­bener Latex-Anzug amüsiert dabei genauso wie die Latex­le­der­hosen der Schuh­plattler. Hier hat sich Mottl etwas Grandioses einfallen lassen und die Münchner Schwulen-Schuh­plattler-Gruppe D’Schwuplattler in die Insze­nierung eingebaut, die mit ihren Latex­le­der­hosen nicht nur ein echter Hingucker sind, sondern auch profes­sionell schuh­platteln und eine witzige und intel­li­gente Berei­cherung der Insze­nierung sind. Mottl, der den Grundkern des Stückes nicht verändern, dafür aber eine Moder­nität in der Optik wollte, sagt über das Setting der Insze­nierung: „Es ist eine verfremdete Künst­lichkeit, eine Art Spiel­zeugland. Die Figuren sind relativ klar umrissen und bringen eine deutlich grelle Farbigkeit mit.“ Köstlich auch das Duett und die Choreo­grafie der beiden Profes­soren Süffle und Würmchen im schwarzen Latex-Anzug unter dem Bayeri­schen Staats­wappen, einer von vielen Höhepunkten des Abends.

Foto © Marie-Laure Briane

Musika­lisch und sänge­risch ist einsame Spitze, was das Ensemble des Gärtner­platz­theaters auf die Bühne bringt. Matteo Ivan Rašić, ein wasch­echter Tiroler, gibt den Vogel­händler Adam mit übermü­tigem und stolzem Habitus, einschließlich tenoralem Glanz und Strahl­kraft in den großen und bekannten Arien, die jeder im Ohr hat. Sein Auftrittslied Grüß euch Gott, alle mitein­ander kommt spritzig daher, macht sofort Lust auf mehr. Für das große Duett Schenkt man sich Rosen in Tirol mit Sophia Brommer gibt es langan­hal­tenden Szenen­ap­plaus, und auch für sein zweites großes Lied, Wie mein Ahn’l zwanzig Jahr, erhält Rašić Ovationen. Julia Sturzlbaum als Christel rockt die Bühne des Gärtner­platz­theaters. Sie weiß mit hohem Kolora­tur­sopran und feschem und kokettem Spiel zu begeistern, ihr Auftrittslied reißt das Publikum mit, und auch im Terzett Kämpfe nie mit Frau‘n mit Stanislaus und Adam setzt Sturzlbaum die Duftnoten und wird mit ihrem Auftritt zum umjubelten. Sophia Brommer gibt die Partie der Kurfürstin mit strah­lendem lyrischem Sopran und großem Ausdruck, ihr Spiel ist von einer natür­lichen Grandezza geprägt. Wunder­schön auch ihre große Arie zu Beginn des dritten Akts, Als geblüht der Kirschenbaum, sehr gefühlvoll mit zarten Piano­tönen vorge­tragen. Besser kann man die Partie kaum noch anlegen.

Regina Schörg kann durch ihre physische Präsenz, durch ihren kräftigen Mezzo­sopran und durch ihr komisch-burschi­koses Spiel als Baronin Adelaide überzeugen. Alexander Grassauer gibt den gelackten Baron Weps mit großer Geste und wohltö­nendem Bariton und ist für die Rolle einfach eine Bank. Alexandros Tsilo­gi­annis als Graf Stanislaus weiß mit schön­ge­färbtem Belcanto-Tenor und komödi­an­ti­schem Spiel zu gefallen, und der junge Tenor Caspar Krieger lässt in der Rolle des Schneck als Bürger­meister von Bayrischzell stimmlich und spiele­risch aufhorchen. Unschlagbar komisch sind Juan Carlos Falcón und Lukas Enoch Lemcke im Duett als Süffle und Würmchen. Herrlich komisch und bayrisch derb Angelika Sedlmeier als Wirtin Frau Nebel und Sushila Sara Mai als Kellnerin Jette. Ein Sonderlob verdient Thomas Schechinger für sein Spiel mit der Zither auf der Bühne.

Der Chor des Gärtner­platz­theaters ist von Pietro Numico hervor­ragend einstu­diert, zeigt große Spiel­freude und tänze­rische Fertig­keiten. Karl Alfred Schreiner bringt mit seiner fetzigen Choreo­grafie das gesamte Ensemble zum Dauer­tanzen, da ist zu keinem Zeitpunkt Still­stand auf der Bühne. Anthony Bramall, ehema­liger GMD am Gärtner­platz­theater, ist für die Produktion nach München zurück­ge­kehrt. Am Pult des Orchesters des Gärtner­platz­theaters lässt er einen flotten und spannungs­reichen Zeller spielen, begleitet Sänger und Chor mit großem Engagement und Gefühl für die beson­deren Momente und zeigt, dass nicht nur große Oper sein Metier ist, sondern auch seine beson­deren Quali­täten für dieses Genre. Das Publikum ist am Schluss restlos begeistert, es gibt großen Jubel für das gesamte Ensemble, einschließlich Regieteam und den Schwu­plattlern. Die fetzige und mitrei­ßende Insze­nierung zeigt wieder mal deutlich, dass das Genre Operette leben­diger denn je ist, wenn man sie nur entstaubt, in modernem und buntem Gewand und immer mit einem Augen­zwinkern auf die Bühne bringt. Diese Insze­nierung dürfte der nächste Dauer­brenner am Gärtner­platz­theater werden, in der laufenden Spielzeit wird die Produktion noch achtmal zu sehen sein.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: