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Foto © O-Ton

Wenn Trolle Sirtaki tanzen

CHORKONZERT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
4. November 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Münster­land­fes­tival im Museum für Kunst und Kultur, Münster

Alle zwei Jahre möchte das Münster­land­fes­tival „Grenzen in Europa“ mit seinem Programm überwinden.  Bei seinem diesjäh­rigen Auftritt versucht es einen Spagat zwischen islän­di­scher und griechi­scher Musik, zwischen nördlichem Polar­kreis und dem Mittelmeer, – ein gewagtes Unterfangen.

Obwohl Jón Leifs schon mit 17 Jahren Island verlässt, um im Festland-Europa, etwa in Leipzig, Musik zu studieren, kehrt er bis zu seinem Lebensende immer wieder und über längere Zeit nach Island zurück, um in seiner Heimat  „irgendein Material“ zu suchen, das ihm als „Ausgangs­punkt für neue Musik“ dienen könnte.  Er will einen Funken finden, ein Feuer anzünden, von dem aus er islän­dische Töne mit der europäi­schen Musik­tra­dition verbinden und so beide befruchten kann. Denn über viele Jahrhun­derte hat Island die europäi­schen Entwick­lungen in der Musik verträumt und verschlafen. Erst 1926  gelingt es  Leifs mit dem Hamburger Philhar­mo­ni­schen Orchester, den Isländern ein philhar­mo­ni­sches Konzert vorzu­stellen. Das geeignete „Material“ findet er in der reichlich vorhan­denen und bis heute gepflegten Volks­musik der Insel, die in den langen, oft dunklen Winter­mo­naten eines  der wenigen kultu­rellen Lichter seiner „vater­län­di­schen Landschaften“ ist.

Mit einem starken Bläserruf und der Pauke beginnt Leifs‘ Island-Ouvertüre op.9 aus 2009, in der Bläser­klänge ertönen, die den Zuhörern kaum vertraut sein dürften. Schnell laufende Phrasen, marsch­ähn­liche Passagen und sehr emotionale Melodie­bögen wechseln über zahlreiche Rhythmen Klang und Stimmung, gemischt mit manchen Disso­nanzen zwischen Strei­chern und Bläsern – oft fremd­artige Klänge in eher dunklen Farben, die Hörner und Bratschen grundlegen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Publikum
Chat-Faktor

In der Island­kantate op. 13 von 1930 beginnen flirrende Streicher und ein kräftiger, klarer Chor, bei dem die Frauen­stimmen, vor allem die Soprane  klanglich im  Vorder­grund stehen. In einem stark rhyth­mi­schen Teil tritt der Chor zurück, die Fagott-Bläser treten stärker in den Vorder­grund. Immer wieder treten einzelne Bläser­gruppen in ein Wechsel­spiel mit dem großen Strei­cher­en­semble und bieten eine erzäh­lende Musik. Doch leider übermitteln weder die Melodien noch der Chor auch nur die Andeutung  des Inhaltes. Der Chor ist schlicht nicht zu verstehen, die in Deutsch vorge­tra­genen Chorstücke sind weder im Programmheft zu finden noch als Übertitel nachzu­lesen. Dabei spielt der Text bei Leifs durchaus eine wichtige Rolle, wenn etwa von „Islands junger Fahne“ oder „Tage voller Ehren­klang“ die Rede ist. Wer sind die „hohen, heiligen Sippen“ in der Kantate oder die Söhne, die aufge­fordert  werden: „Hand in Hand, sprecht den hohen Schwur“?

So bleibt der Eindruck der Leifs-Kompo­si­tionen durchaus zwiespältig. Häufig hat Boris Cepeda, der als Dirigent die erste Hälfte des Abends bestreitet, Probleme mit einem zu starken Orchester, das den Chor in den Hinter­grund drängt. Auch scheint die Kommu­ni­kation zwischen Dirigent und Chor nicht sicher, auf seinem nach drei Seiten abgeschlos­senen Balkon hat der Chor Probleme, präsent zu sein. Schade, dass der versierte und angesehene Konzertchor Münster nicht voll zur Entfaltung kommt.

Foto © O‑Ton

Mit dem Sprung nach Griechenland und dem Stück Oedipus Tyrannos von Mikis Theod­orakis, einer Ode für Streich­or­chester, ändern sich Stimmung und Rhythmus. Thorsten Schmid-Kapfenburg, Leiter der griechi­schen Hälfte des Abends, beginnt die Ode in mäßigem Tempo und einem ruhigen Rhythmus, die Celli legen den Grund für eine eher melan­cho­lische Stimmung. Ihre Abstimmung ist perfekt, sie klingen wie ein Instrument. Mit fünf Tänzen belebt Nikos Skalkottas das Programm und lockert die Stimmung spürbar auf. Volle Orches­ter­klänge, lebhaft-tänze­rische Passagen und schließlich ein sehr bewegter fünfter Tanz motivieren die Zuhörer zum ersten Mal an diesem Abend zu einem vollen, freund­lichen Applaus.

Ein griechi­scher Abend ohne die berühmt-bekannte Filmmusik aus dem Film Alexis Sorbas, ebenfalls von Theod­orakis kompo­niert und von Michael Cacoyannis  verfilmt, ist kaum vorstellbar. Und so freuen sich die Zuhörer, als der griechische Solist Georgios Evangelou auf seiner Bouzouki,  einer griechi­schen Version der Laute, die ersten Töne zupft, sie sogleich in die Beine gehen und den Rhythmus des Sirtaki vorgeben. Viele sehen im Geiste den legen­dären Anthony Quinn vor sich und möchten gleich mittanzen. Der Abend ist in Griechenland angekommen. Bei so viel Authen­ti­zität ist es schade, dass das Orchester das Tempo des griechisch-feurigen Tanzes nicht halten kann und verschleppt.

Der Spannungs­bogen von islän­di­scher zur griechi­schen Musik  verlangt vom Zuhörer hohe Aufmerk­samkeit und viel musika­lische Toleranz. Zweifellos sind die südlichen Rhythmen und Melodien eingän­giger und leichter zugänglich, die nördliche Musik scheint ein wenig die Landschaft zu spiegeln, aus der sie stammt. Mit ihren sehr unter­schied­lichen Formen, häufigen Rhyth­mus­wechseln und einer bezugs­reichen Symbol­sprache sind die Kompo­si­tionen des Isländers Leifs eher schwer zugänglich – übrigens ähnlich wie manche Werke darstel­lender Künstler, die zur Zeit ebenfalls im Münsterland gezeigt werden. Den Bogen zu finden zwischen diesen beiden geogra­fisch so entfernten Musik­welten bleibt dem Zuhörer überlassen.

Das Prinzip der Veran­stalter, möglichst  inter­es­sante Auffüh­rungsorte zu wählen, hat mit dem Foyer der Erwei­terung des Museums für Kunst und Kultur in Münster einen weiteren modernen, anspruchs­vollen Raum gefunden, der gut angenommen wird. Ob er sich aber für größere Musik­ensembles wie hier mit fast 100 Mitwir­kenden in Chor und Orchester eignet, ist eine andere Frage. Die Balkon-Platzierung des Chores entfernt diesen vom Dirigenten, der eingren­zende Balkon behindert die Klang­aus­breitung. Das wäre bei einer Kammer­be­setzung zweifellos anders.

Horst Dichanz

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