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Albernheiten in Amors Garten

DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
26. Mai 2018
(Premiere)

 

Theater Münster

Don Giovanni ist und bleibt eine Heraus­for­derung. So richtig kann man diesem Drama giocoso nie gerecht werden. Am Theater Münster versucht Christian von Götz in Zeiten, wo der ewige Verführer meist als drama­tische oder psycho­pa­thische Figur darge­stellt wird, nun andere Wege zu gehen. Für von Götz ist die Oper eine spiele­rische Tragödie. Und das sieht man auf dem ersten Blick, wenn man den Zuschau­erraum betritt. Auf einem Steg vor dem Orches­ter­graben steht eine große hölzerne Kiste, auf der ein großes Schild befestigt ist: Finger weg! Eine schrille Rokoko-Gesell­schaft betritt bestens gelaunt die Bühne. Vorweg­ge­nommen sei gesagt, dass die Kostüme von Sarah Mitten­bühler, die auf geniale Weise die Kleidung des Rokoko überzeichnet und sie mit Petti­coats und hochge­stylten Perücken Richtung Rock und Pop rückt, zu den absoluten Höhepunkten der Produktion gehört. Aller­dings verspürt man als Zuschauer in dem warmen Theater auch von der ersten Sekunde an ein großes Mitleid mit den Akteuren. Die Premiere unter Tonnen von Makeup, Haaren und Bekleidung wird wahrlich zu einer schweiß­trei­benden Arbeit.

Zurück zu der obenge­nannten Kiste. Der Titelheld, gut zu erkennen an der Beule im Schritt, steigt in diese hinein. Leporello, charak­te­ris­tisch mit Harlekin-Muster bekleidet, setzt sich bewachend auf diese und die Gesell­schaft drapiert sich feixend drumherum. Ein Gewitter bricht zur Ouvertüre los, über den nackten Frauen­körper auf dem Vorhang krabbelt eine Spinne. Die Gesell­schaft schaudert, aber gleich­gültig gehen alle nach und nach ihres Weges. Doch dann muss sich ja Donna Anna neugierig durch eine geheime Seitentür in die Kiste hinein­schleichen, obwohl doch extra drauf steht „Finger weg“. Mit diesem Vorspiel hat von Götz an sich seine größte drama­tur­gische Aussage gemacht. Wohin die Reise seiner Insze­nierung geht, zeigt sich nur ein paar Minuten später. Der ermordete Komtur landet in der Kiste und verlässt diese beim Duett Don Ottavio – Donna Anna durch die Seitentür mit einem Schild in der Hand: tot! Der Humor soll den Abend vor falscher Dramatik retten, die Leich­tigkeit soll düstere Gedanken fernhalten. In der Überzeichnung sollen Charaktere beleuchtet werden. Eine inter­es­sante Idee, aber leider endet das zu oft in necki­schen Albern­heiten. Irgendwie lässt sich vermuten, dass Mozart an diesem teils derben, teils verspielten Humor seine Freude gehabt hätte.

Attes­tieren muss man dieser Produktion, dass noch nie so viel auf der Münste­raner Bühne bewegt wurde wie hier. Lukas Noll hat dafür eine passende Kulisse bereit­ge­stellt. Zunächst wird nur die Fläche um den Orches­ter­graben benötigt. Doch was ist das? Mit Öffnen des Vorhangs wird eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten wach. Da wölbt sich ein Garten auf der Hinter­bühne, dessen Grund­struktur dem Münste­raner Opern­be­sucher bekannt sein dürfte. Es ist Roland Aeschli­manns geniale fotogra­fische Linsen­kon­struktion, die er Anfang des Jahrtau­sends für den Ring des Nibelungen in Münster gebaut hatte, und die hier nun recycelt wird. Natürlich mit einem neuen Anstrich. Blumen sind das Leitthema und auch hier wird mit zwei verwel­kenden Blüten im Vorder­grund zumindest angedeutet, dass im Garten des Amor nicht alles zum Besten läuft. Dafür laufen die Sänger auf Hochtouren, wobei sich einige Bewegungs­muster über den Abend etwas abnutzen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Dass die Sänger angesichts ihres Körper­ein­satzes und der Wärme überhaupt noch Töne produ­zieren können, nötigt den größten Respekt ab. Vielleicht ist es auch die Erklärung dafür, dass die vokale Ausdrucks­kraft hinter der szeni­schen Darstellung zurück­bleibt. Das betrifft auch den Titel­helden. Filippo Betto­schis Bariton kann nicht das nötige Charisma für die Partie abrufen, die seine körper­liche Agilität unter­mauern würde. Tadellos die Töne produ­zierend, wirkt sein Gesang etwas blass. Von Kathrin Filip würde man sich als Zerlina manch schöneres Legato und eine rundere Höhe wünschen. Wie bei ihr klingt auch das Italie­nisch des Masetto – zupackend inter­pre­tiert von Christoph Stegemann – etwas zu deutsch. Womöglich liegt es daran, dass die Sänger von den deutschen Rezita­tiven in der Übertragung von Walter Felsen­stein zu den italie­ni­schen Texten der Arien und Ensembles wechseln müssen. Stephan Klemm gibt dem Komtur in der Final­szene die nötige Autorität. Nina Koufo­christou ist eine Donna Anna mit einem etwas leicht­ge­wich­tigen Grundton, aber dafür schöner lyrischer Färbung und sauberen Kolora­turen. Den passenden Kontrast dazu bietet Kristi Anna Isene, deren Donna Elvira einen drama­ti­scheren Tonfall besitzt. Ihr Mi tradi ist nahe dran an dem, was man an unter einer technisch und emotional bestens inter­pre­tierten Mozart-Arie versteht. Das kann nur noch der Tenor überbieten: Nachdem Dalla sua pace dem Strich zum Opfer gefallen ist, nutzt Youn-Seong Shim die zweite Arie Il mio tesoro für einen wunder­baren Augen­blick, der nur der Musik gehört. Sein voller Ton straft seine von der Regie verordnete ängst­liche Darstellung Lügen. Sein Legato ist lang und bruchlos, die Höhe sitzt auf dem Körper. Ein Triumph für Shim, der seit 2011 seine Zuver­läs­sigkeit im Münste­raner Ensemble konse­quent unter Beweis stellt. Ebenso gut läuft der Abend für Gregor Dalal, dessen mächtiger Bass-Bariton in der Rolle des Leporello zunächst etwas ungewöhnlich für heutige Hörge­wohn­heiten klingt, aber mit seiner Bühnen­präsenz absolut konform geht. Auch er ist seit 2012 ein Ensem­ble­mit­glied im besten Sinne mit einer großen Spann­weite im Reper­toire. Herrlich, wie locker er mit einer wunderbar komischen Panne umgeht. Beim Rollen­tausch mit Don Giovanni fällt ihm dessen Perücke vom Kopf in den Orches­ter­graben hinein – direkt vor den Augen Donna Elviras, die ja getäuscht werden muss. Wie er mit ihr kommu­ni­ziert und gleich­zeitig Dirigent Golo Berg auf das Missge­schick aufmerksam macht, ist lustiger und erfri­schender als viele andere Teile der Inszenierung.

Foto © Jörg Landsberg

Auf das Dirigat das neuen musika­lische Leiter des Hauses war man im Vorfeld sehr gespannt, im Nachhinein kann man sagen, dass seine Inter­pre­tation ein bisschen zu brav im Vergleich zur Insze­nierung wirkt. Er setzt auf schöne Details, spielt mit einem Aufbau in der Lautstärke und hält bis auf wenige Ausnahmen Bühne und Orchester sehr gut zusammen. Das Sinfo­nie­or­chester Münster klingt erstaun­li­cher­weise anfangs alles andere als souverän. Die Ouvertüre beginnt matt und unsauber. Vor allem aus den Abtei­lungen der Holz- und Blech­bläser hört man viele kleine Ungenau­ig­keiten. Über den ersten Akt hinweg steigern sich die Instru­men­ta­listen. Passend mit den oben erwähnten Arien im zweiten Akt ist auch das Orchester da. Ein wunder­schöner Teppich geknüpft aus diesen Harmonien, die Mozart geschrieben hat, schön deutlich ausgelegt für die Ohren.

Wie immer in den letzten Vorstel­lungen ist der von Inna Batyuk einstu­dierte Chor mit Verve dabei. Und auch Verena Hierholzer in der aufge­wer­teten Rolle der Zofe von Donna Elvira bringt der Aufführung noch einen weiteren Faktor Spiel­freude. Insgesamt mit Bühne und Licht ein schönes Gesamt­kunstwerk, während man über die etwas alberne Deutung durchaus geteilter Meinung sein kann.

Dem Publikum scheint es gefallen zu haben, wenngleich viele die gute Laune auf der Bühne so deuten, dass man sich gut gelaunt während der Vorstellung austau­schen darf. Immerhin wird viel gelacht an diesem Abend. Der Applaus ist zwar diffe­ren­zierend, aber immer sehr positiv. Für die Insze­nierung gibt es auch viele Bravo-Rufe und keine Ablehnung. Die standing ovations kommen obligat kurz vor Ende des Beifalls.

Rebecca Hoffmann

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