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DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
23. Mai 2019
(Premiere am 18. Mai 2019)
Es hätte eigentlich eine Wiedergutmachung sein können. Als man zu Beginn des Jahrtausends Wagners Ring in Münster erfolgreich zelebrierte, wurde 2003 Mozarts Entführung aus dem Serail gefühlt „mal eben zwischendurch“ als Spielplanergänzung gespielt und so fiel das Ergebnis dann auch aus. Die Aufführung ist nur deshalb noch im Gedächtnis geblieben, weil ein junger Tenor namens Daniel Behle einen Gastauftritt als Pedrillo hatte. 16 Jahre später ist es vor allem das Bühnenbild von Emily Bates, das die szenische Pleite von damals ausgleichen möchte. Als sich der Vorhang hebt, blickt man in einen großen Designerwohnraum. Bassa Selim interessiert sich offenbar für moderne Kunst und kann sich ein Luxus-Leben leisten. Mit vielen Details gelingt es Bates, dass das Einheitsbühnenbild über drei Akte nicht langweilig wird, und das ist schon eine Leistung.
Schon hier ahnt man, dass es mit einer Entführung aus einem Serail nichts wird. Regisseur Philipp Kochheim will von einer orientalischen Oper nichts wissen, sondern konzentriert sich mit seinem Dramaturgen Frederik Wittenberg auf die beiden Dreiecksbeziehungen, die das Libretto offenbart. Dafür werden sowohl der Chor als auch die historischen Dialoge aus dem Ablauf gestrichen und eine neue Vorgeschichte geschrieben. Es geht um Konstanze, die freiwillig seit einem Jahr bei ihrem Bassa Selim wohnt. Ihre Freunde Blonde und Pedrillo dürfen zu Gast sein, was den Sicherheitsbeamten Osmin im letzteren Falle nicht freut.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Was an sich ein diskutables Konzept ist, scheitert wie so oft an der Umsetzung. Belmonte, der seine Konstanze zurück erobern möchte, bricht also in die Wohnung des Bassa Selim ein und wird natürlich nicht von Osmin verhaftet und der Polizei übergeben, denn er hat ja noch drei Akte zu singen. Er soll laut Programmheft als erotischer, romantischer Liebhaber der Gegenpart zum reichen Mann sein, der Konstanze ein Leben in Luxus bietet. Auf der Bühne wird aber letztendlich nur ein Nerd wie aus der Sitcom Big Bang Theorie gezeigt. Die aktualisierten Dialoge mit englischen Einschüben samt den „modernen“ Aktionen wie auf dem Sofa abhängen und Kleider frustriert durch die Gegend werfen sind auch eher diesem Genre entnommen. Von der Schule der Liebenden in der Entführung, die Kochheim ja völlig zu Recht wie ein Vorläufer von Così fan tutte interpretiert, erfährt man leider viel zu wenig. Der aufklärerische Grundgedanke ist sowohl in dem finalen Gewaltverzicht von Bassa Selim zu finden, der in dieser Inszenierung mit den Worten „Osmin, die Herrschaften möchten dann gehen“ verhunzt wird, als auch in der Polarität der Paare. Auf der Bühne sieht man aber vor allem die vielseitigen Kostüme von Mathilde Grebot, die vor allem bei den beiden Frauen ungemein schön und abwechslungsreich auffallen.
Dank einer quicklebendigen Personenführung, die vom Ensemble mit Bravour ausgeführt wird, ist der Abend sicher nicht langweilig, aber immer wieder unlogisch. Weil die aktualisierten Dialoge sich so schwertun, einen sinnfälligen Übergang zur Musik herzustellen. Weil dieses Konzept nicht zur musikalischen Handlung passen will. Die Frage des Belmonte, ob Konstanze ihm nach einem Jahr Zusammenlebens mit dem Bassa treu geblieben ist, ist ebenso unsinnig wie die Empörung seiner Angebeteten. Dass Osmin, der anfangs wie ein missmutiger Leporello über die Bühne trabt, sich dann als unfähiger Sicherheitschef und Teilzeitmacho outet, später zu Blondes Vergewaltiger wird, ist eine Entwicklung, die so nicht nachvollziehbar ist.
Es gibt diese wenigen ruhigen Momente, wo das wahre Gefühlschaos zum Greifen nah ist. Wenn Marielle Murphy so mitfühlend Traurigkeit wart mir zum Lose singt und auf die Scherben des zerbrochenen Glases in ihrer Hand starrt, dann offenbart sich darin eine tiefe Unzufriedenheit in Konstanzes Dasein, die weder das Luxusleben noch Belmonte ausgleichen können. Der andere starke Moment wird vom Publikum boykottiert. Die beiden Paare verfallen nach dem Jubel auf die Liebe – Finale zweiter Akt – in einen Zustand der Lethargie. Kein Gespräch, keine Flucht. Minutenlanges Schweigen, was dem Großteil im Publikum wohl zu unheimlich wird. Klatschen, Lachen, Reden, sogar Zwischenrufe werden laut. Klassische Übersprungshandlungen eben, wenn es unangenehm wird. Ein paar Minuten später geht es dann zum Glück auf der Bühne wieder lebendig zu, und mit dem Verbrennen von Bassa Selims Hab und Gut verbreitet der um seine Geliebte gebrachte Besitzer die profane Botschaft, dass Konsumgüter nicht alles im Leben sind. Angesichts des Potenzials dieser Oper ist das viel, viel, viel zu wenig.
Dabei hätte Dirk Schäfer als moderner Bassa Selim doch das schauspielerische Potenzial gehabt, mit dieser Figur die richtigen Fragen zu stellen. In dieser Inszenierung wird der Schauspieler wie ein Rosen-Bachelor von RTL auf der Bühne verheizt, und weil Mozart die Figur ja nicht singen lässt, gibt ihm Kochheim ein bisschen Jazz. Selbst das kann Schäfer! Musikalisch ist der Abend überhaupt sehr viel näher an der Aussagekraft der Oper. Sowohl bei Marielle Murphy als auch bei Youn-Seong Shim lässt sich sagen, dass ihnen die allerletzte Glaubwürdigkeit in ihren Rollen noch abgeht. Der Tenor, der sich in Münster blendend weiterentwickelt hat, konzentriert sich eben sichtlich auf die Koloraturen, Melodien und Texte und kann so eine der schwierigsten Partien dieses Fachs sehr gut und zufriedenstellend bewältigen. Murphy behält trotz ihrer szenisch verordneten Diven-Hysterie die Ruhe und singt ihre drei großen Arien mit ihrem agilen und schönen Sopran emotional aus, nutzt dabei auch die großartig bewältigte Steigerung in Martern aller Arten aus, dem Publikum einen spontanen Schlussapplaus abzuringen. Die Höhe bräuchte noch eine leicht schönere Abrundung für den letzten Feinschliff.

Das andere Paar ist auf den Punkt serviert. Martha Eason ist einfach ein Blondchen durch und durch. Kein süßes Soubrettchen, sondern ein aufblühender, frecher Sopran mit sicherer Technik und selbstbewusster Körpersprache. Pascal Herington ist ein Paradebeispiel für den modernen Spieltenor, der das Frisch zu Kampfe voll aussingt, anstatt zu kneifen. Das hört man selten! Christoph Stegemann – leicht erkältet wirkt er – verfügt über alle Höhen und Tiefen der Partie, durch die er sich mit schlank geführtem Bass bewegt, kann aber die Wirkungskraft dieser Partie nicht ganz abrufen.
Dirigent Stefan Veselka geht zwei Risiken ein. Zunächst einmal lässt er das Sinfonieorchester in historischer Manier vibratolos und transparent musizieren. Dadurch hört man Mozarts Herzschlagmusik noch genauer, aber auch die falschen Töne und Einsätze sehr deutlich und davon gibt es in der zweiten Vorstellung doch recht viele. Aber: Zum anderen wählt er in den vokalen Schlagabtauschen sehr zügige Tempi, so dass die Musik hinter der lebendigen Szene nie zurückbleibt, sondern im Gegenteil erst wirklich ihr Motor wird. Letztendlich wird das Risiko trotz der vielen Fehler belohnt, denn man lässt sich von den knalligen Trompeten und den kernigen Pauken mitreißen und genießt die Farben der Holzbläser, die dieses Innehalten der Musik wie eine sanfte Brise durchwehen.
Ein gemischtes Publikum, in dem jüngere Besucher meistens ruhiger zuhören können als die älteren, reagiert mit kurzem, aber doch sehr lebhaftem Beifall auf eine diskutable Vorstellung. Im Rausgehen hört man von vielen Seiten den Unmut, über den viel zu kurzsichtig interpretierten Begriff der Aufklärung.
Christoph Broermann