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Foto © FME

Hier gilt’s der Kunst

PARADE – DAS MUSICAL
(Jason Robert Brown)

Besuch am
11. November 2017
(Premiere am 10. November 2017)

 

Freien-Musical-Ensemble-Münster, Konzertsaal Freie Waldorf­schule Münster

Manche Projekte brauchen eine zweite Chance. Bereits 2014 stand das Musical Parade auf dem Spielplan des Freien-Musical-Ensemble Münster, in Westfalen bekannt unter dem Kürzel FME. Doch ihre Spiel­stätte, der Konzertsaal der Freien Waldorf­schule Münster, erlitt gleich einen doppelten Wasser­schaden und das in einer Phase, wo bereits das gesamte Konzept, die Bühne, die Texte feststanden. Wer das FME kennt, weiß, was für ein Rückschlag das engagierte Team gewesen sein muss. Denn das knapp über 100 Mitglieder zählende Ensemble erschafft die gesamte Produktion aus eigener Kraft. Kostüme werden ausge­liehen, selbst genäht, auf Flohmärkten gekauft, Bühnen­bilder selbst gebaut. Alle arbeiten ehren­amtlich an diesem Projekt, das seit der Gründung 1999 von Ingo Budweg geleitet wird. Budweg, dessen Lebensweg immer von der Musik mitge­prägt wird, ist eigentlich Oberarzt in einem örtlichen Krankenhaus. So ist fast jedes Mitglied des Ensembles nicht in erster Linie Musiker. Was viele als Laien abtun, wird anerkennend als semi-profes­sionell bezeichnet, und kann eine Wirkung haben, die Profes­sio­na­lität übertrifft.

Für das mittler­weile 15. Projekt kehrt das Ensemble zu dem Plan von 2014 zurück, und das ist ehrgeizig, da es die Erstauf­führung von Parade auf den deutschen Bühnen ist. 1998 wurde das Musical, dessen Texte von Alfred Uhry stammen, am Broadway urauf­ge­führt. Trotz einiger Tony Awards hielt sich das Musical aller­dings nicht lange im Programm und hat es seitdem zu wenigen Auffüh­rungen in USA, Großbri­tannien und Australien gebracht. Der Stoff ist eben nicht ein 08/15-Plot, denn hinter dem Titel versteckt sich ein antise­mi­ti­sches Drama nach einer wahren Begebenheit. Während 1913 in der Stadt Marietta die Parade zum Konfö­de­rierten-Gedenktag statt­findet, soll der aus New York stammende Jude Leo Frank das junge Mädchen Mary Phagan, die in seiner Fabrik für einen Hungerlohn arbeitet, verge­waltigt und ermordet haben. Obwohl es keine eindeu­tigen Beweise für seine Schuld gibt, wird Frank in einem sehr fragwür­digen Prozess zum Tode verur­teilt. Der Gouverneur des Staates rollt auf Bitten von Franks Frau Lucille recht­zeitig den Fall wieder auf, stößt auf diverse Absprachen und Ungereimt­heiten und setzt die Hinrichtung aus. Der Lynch­justiz aufrich­tiger und aufge­brachter Bürger kann Leo Frank aber nicht entkommen.

Der grüne Baum, an dem Leo Frank am Ende aufge­hängt wird, ist am rechten Rand der Bühne wie ein mahnendes Symbol stets gegen­wärtig. Ansonsten haben Christoph Bürger­stein und Sonja Raske die große Bühne des Konzert­saals sehr klug einge­teilt. Rechts auf der Vorder­bühne ist die Gefäng­nis­zelle Leos, links ein bürokra­ti­scher Raum flexibel nutzbar durch schnelle Umwand­lungen. Die große Haupt­bühne wird für die Massen­szenen einge­setzt. Ein optisches Vergnügen – denn angedeutet wird hier nichts, sondern mit Kulissen und Requi­siten garniert. Dazu haben Matthias Betke und Viktoria Schmitz die Aufsicht über die ebenfalls sehr abwechs­lungs­reich und opulent einge­setzten Kostüme.

Der Grund­stein für großes Theater ist gelegt, Ingo Budweg und Canan Toksoy besorgen mit der Insze­nierung den Rest. Das ist alles andere als leicht, denn im Libretto wird mit zahlreichen Überblen­dungen gearbeitet. Aber mit Hilfe der Licht­technik von Georg Weigang und Holger Blumberg und einge­fro­renen Bewegungen entwi­ckeln sich auf der Bühne spannende Momente, wo die Konzen­tration von links nach rechts, in die Mitte und wieder zurück­springt. Dazu sind auch die Charaktere auf der Basis des Librettos sehr deutlich ausge­ar­beitet. So ist Leo Frank in seiner eigen­bröt­le­ri­schen, fast exzen­tri­schen Art über weite Strecken kein Sympa­thie­träger. Man kann sich vorstellen, wie der realen Figur genau dieser Umstand zum Verhängnis wurde.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Auch die Musik des Kompo­nisten Jason Robert Brown arbeitet mit düsteren und disso­nanten Einschnitten, um sowohl bei Frank als auch bei den fragwür­digen Aktionen der Bürger und Staats­or­ganen die Abgründe hinter einer ehrbaren Fassade aufzu­decken. Als Rahmen und kleines Leitmotiv taucht immer wieder das Element der Parade auf. Das Orchester darf sich zu dem auch noch über eine ganze Palette von musika­li­schen Einflüssen austoben: Rock-Pop, Blues, Gospel und Dixie, um nur einige zu nennen. An den passenden Stellen wird auch das Tanzbein geschwungen. Johanna Lammert sowie Katrin Wegener haben das sehr schön choreo­gra­fiert. Auch hier ist beachtlich, wie sich das Orchester unter der ruhigen Leitung von Budweg die teilweise sehr schnellen Wechsel, die Übergänge der Rhythmen meistert. Thorsten Brinkmann hat die schwierige Aufgabe, den Ton einzu­fangen und wieder­zu­geben. Im Forte kolli­dieren die geballten Klänge etwas zu sehr, und das Endergebnis ist leicht verzerrt. Ansonsten funktio­niert die Technik ausgezeichnet.

Das gesamte vokale Ensemble zieht mit. Rein gesangs­tech­nisch darf man ruhig nochmal daran erinnern, dass man es hier nicht Berufs­mu­sikern zu tun hat. Da geht schon mal der ein oder andere Ton daneben. Aber so wie man das Engagement für das Projekt visuell schon bewundern muss, so kulmi­niert es durch den vokalen Einsatz jedes einzelnen zu einem Erlebnis. Hier wird nichts gespielt, hier wird gelebt – und das trotz der eben genannten Einschränkung auf einem sehr guten Niveau und vor allem mit emotio­naler Nachhal­tigkeit. Gleich­zeitig hört und sieht man Künstler aller Altersklassen.

Foto © FME

Ekaterina Garina ist mit 16 Jahren die Jüngste auf der Bühne und offenbart große Nachwuchs­qua­li­täten. Jeden Namen der 26-köpfigen Beset­zungs­liste hier aufzu­führen, würde den Rahmen sprengen. Ein Pauschallob für das Kollektiv vorab muss daher genügen, es folgen weitere Highlights aus der Besetzung: Frank Janßen gibt einen fast neuro­tisch schwachen, misstraui­schen Leo Frank und das so überzeugend, dass man ihn fast für eindi­men­sional halten könnte. Wäre da nicht die Gerichts­szene, wo er den Täter spielen muss, wie ihn sich der Mob vorstellt. Der Wechsel zwischen diesen beiden Gesichtern setzt seiner Darbietung die Krone auf. Lucille Frank wandelt sich im Laufe des Abends von einer die Ehe hinter­fra­genden Frau, die dann bis zum Ende zu ihrem Mann steht, Katharina Data setzt das überzeugend um. Melvin Schulz-Menningmann spielt den ehrgei­zigen, unsym­pa­thi­schen Staats­anwalt Hugh M. Dorsey mit viel Energie. Ein wahnsin­niges Talent steht mit Sönke Westrup auf der Bühne, der als Britt Craig die Schlag­zeilen sucht.

Die Solisten, der Chor, die Musiker – sie erklimmen gemeinsam manchen emotio­nalen Gipfel an diesem Abend, den Berufs­mu­siker vielleicht nicht sähen. Man spürt die Energie der Gruppe und das vermischt sich mit einem Stück, das selbst viele Emotionen mit sich bringt. Es ist ein langer Abend, fast vier Stunden dauert er inklusive Pause, aber er ist keine Minute langweilig. Vielleicht ist Parade einfach zu lang geworden, was dem Stück den großen Durch­bruch vermas­selte. Oder es ist einfach zu unbequem, weil man sich selbst während der Aufführung hinter­fragt, wo die eigenen Vorur­teile und Ausgren­zungen sind. In Münster wird das Stück jeden­falls zum Erfolg. Bei so vielen Akteuren sind die Fans natürlich in der Überzahl, der stürmische Applaus wird fast zum Selbst­läufer. In diesem Rahmen ist es einfach möglich, dass Budweg noch emotionale Worte an seine Eltern richtet. Und alle singen seinem Vater ein Happy Birthday. Auch das ist ein Flair, dass zu den Auffüh­rungen profes­sio­neller Theater­be­triebe nicht passen würde. Aber nach einer profes­sio­nellen Aufführung von Menschen, die das nur für die Kunst gemacht haben, kann man solche Gefühls­aus­brüche gut verstehen.

Bis zum 3. Dezember ist Parade – das Musical noch neunmal zu sehen. Ein Besuch lohnt sich allein schon wegen des mutigen Unter­fangens, wegen der Künstler. Aber auch, damit Opfer wie Mary Phagan und Leo Frank nicht in Verges­senheit geraten. Frank ist bis heute übrigens nicht rehabi­li­tiert. Er hatte keine zweite Chance.

Christoph Broermann

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