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Foto © O-Ton

Zu Ehren des Dichters

EFFI BRIEST UND DIE KUNST DES EHEBRUCHS
(Christian Filips, Wolfgang Katschner)

Besuch am
23. März 2019
(Einmalige Aufführung)

 

10. Aequinox-Musiktage zur Tag- und Nachtgleiche,
Kultur­kirche (Pfarr­kirche) Neuruppin

Wenn eine Stadt einen Dichter­fürsten, berühmt gewor­denen Opern­kom­po­nisten oder eine sonstige Person des öffent­lichen Lebens für sich rekla­miert, weil derjenige vor ein paar hundert Jahren mal dort geboren wurde, hat die Medaille immer zwei Seiten. Einer­seits ist von der Stadt in der Regel nicht bekannt, dass sie den neuen Erden­bürger in irgend­einer Form gefördert hätte, auf die sie späterhin besonders stolz sein könnte, anderer­seits gibt es natürlich ein Interesse von Menschen aus aller Welt zu wissen, wo die berühmte Person geboren wurde, aufge­wachsen ist und so weiter.

Ja, es stimmt. Theodor Fontane, Urheber solch bedeu­tender litera­ri­scher Werke wie Effi Briest, Poggen­puhls und Der Stechlin, ist zufällig in Neuruppin geboren. Und er verlebte die ersten sieben Jahre seines Lebens dort. Später besuchte er noch für ein Jahr das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium. Viel später erwähnte er Neuruppin in seinen Schriften. Das war’s aller­dings. Für die Stadt ausrei­chend Grund, sich „Fonta­ne­stadt“ zu nennen. Immerhin steht in der Stadt sein Geburtshaus und ein Denkmal. Ach ja, und eine Riesen­party ist dieses Jahr auch vorge­sehen, denn Fontanes Geburt jährt sich im Dezember zum 200. Mal.

Eva Mattes und Christian Filips – Foto © O‑Ton

Die Aequinox-Musiktage zur Tag- und Nacht­gleiche feiern schon mal vor. Tradi­tionell findet am Samstag­abend der Höhepunkt des Festivals statt – seit zehn Jahren geht das jetzt schon so. Nach eigenem Bekunden wusste Wolfgang Katschner, Künst­le­ri­scher Leiter des Festivals und der Lautten Compagney, zunächst gar nicht, welches Thema sich für den Höhepunkt eignet. Seine Presse­spre­cherin, Nora Gores, wies ihn darauf hin, dass Effi Briest ein schönes Thema sein könnte. Aus der Idee entwi­ckelten Christian Filips, Dramaturg des Festivals, und Katschner das Programm Effi Briest und die Kunst des Ehebruchs. Mit der Kultur­kirche haben sie auch einen geeig­neten Auffüh­rungsort gefunden. Seit langem entwidmet, bietet die ehemalige Pfarr­kirche Raum für eine ausrei­chend große Bühne und rund 500 Gäste sowie eine hervor­ra­gende Akustik. Eine gute Wahl, denn die Kirche ist ausverkauft.

Das Konzept von Filips und Katschner ist so einleuchtend wie gut. Verkürze die Seiten­zahlen des Romans von 300 auf 30, ohne wesent­liche Inhalte wegzu­lassen, reichere die Lesung mit passenden Musik­stücken verschie­dener Ensembles an und schon hast du eine Show, wie sie kaum spannender sein kann. Der Nachteil an einem solchen Konzept könnte allen­falls sein, dass du einen Drama­turgen mit der Durch­führung beauf­tragst. Und der dann kein Maß mehr findet. Was es als Theater­stück gerade mal auf knapp zwei Stunden bringt, wird als „Singspiel“ bei den Aequinox-Musik­tagen gute dreieinhalb Stunden lang. Das Wagnersche Ausmaß ist ein bisschen zu viel des Guten, vor allem, wenn man den Gesamt­zu­sam­menhang sieht, in dem die Veran­stal­tungs­häu­figkeit ohnehin mehr einem Marathon denn einem Festival gleicht, das auch mal Zeit zur Besinnung bietet.

Aurora Peña – Foto © O‑Ton

Das gilt auch dann, wenn die Einzel­kom­po­nenten des Werks jedes für sich hervor­ragend sind. Am Ende sind die Zuschauer einfach nur noch erschöpft. Fleißige Festi­val­be­sucher haben zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Auffüh­rungen gesehen und damit rund drei Stunden „im Theater“ verbracht. Am Abend verkündet Katschner, was dem Publikum bevor­steht. Eva Mattes und Christian Filips lesen eine gekürzte Fassung von Effi Briest, aufge­teilt in Kapitel, die von Auftritten des Calmus Ensemble, der Lautten Compagney, einem Bläser­quintett der Musik­schule des Landkreises Ostpri­gnitz-Ruppin, und nicht zuletzt der Opern­sän­gerin Aurora Peña musika­lisch ergänzt werden. Musika­lisch reicht das Spektrum vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Material in Hülle und Fülle.

Das Bläser­quintett eröffnet von der Empore mit Claudio Monte­verdi und Samuel Scheidt. Da klingt so einiges noch nach Nachwuchs, was aber vollkommen in Ordnung geht. Auch das Calmus Ensemble, fünf Sänger der Spitzen­klasse, bietet Madrigale von Carlo Gesualdo von der Galerie aus an. Mit der Arie Ah mio cor aus der Oper Alcina von Georg Friedrich Händel betritt Peña die Bühne – mit Textbuch. Und das schlägt die Sängerin auch auf, als sie Da tempeste aus Händels Giulio Cesare darbietet. Ein paar der bekann­testen Arien von Händel sollte eine Spezia­listin für Alte Musik schon drauf haben, ohne sie vom Blatt singen zu müssen. Und vor allem Feinheiten. Diese Arien hat man schon häufig überzeu­gender gehört. Während sich das zunächst glück­liche Geschick der Effi Briest allmählich zum Drama wandelt, glänzt das Calmus Ensemble mit Stücken von Henry Purcell und Ludwig Senfl. Kongenial präsen­tiert sich die Lautten Compagney, die sich mit Steve Reichs Clapping Music und Peter Bauers Segreto più intimo weitere Lorbeeren verdient.

Und während Eva Mattes und Christian Filips sehr erfolg­reich gegen das Textvo­lumen ankämpfen, das so umfang­reich ist, dass selbst Mattes stolpert, geht Effi ihrem Tod entgegen. Nicht ohne einen letzten, leicht humoris­ti­schen Ausflug mit Georg-Kreisler-Liedern. Dass das Calmus Ensemble mit Liedern von Sting endet, schließt eine gelungene Zeitreise passend ab.

Insgesamt eine gelungene Reise durch einen starken Roman, auch wenn mehr Kürzungen möglich gewesen wären und man das Publikum so verwöhnt hätte. Verwöhnt werden sie aller­dings auch in der Zugabe mit der Virtuo­sität der Lautten Compagney. Vielleicht sind es auch nur die behäbigen Übergänge zwischen den einzelnen Nummern, die aus dem so gut gedachten Singspiel eine mitunter anstren­gende Geschichte machen. Trotz aller Längen ist das Publikum am Ende begeistert und applau­diert langan­haltend, ehe es sich erschöpft auf den Heimweg macht.

Michael S. Zerban

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