O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Die Bilder wurden als Werbematerial von der Compagnie zur Verfügung gestellt - Foto © Rhys Cozens

Klamauk und Kokolores

AFTERIMAGE/​WHY ARE PEOPLE CLAPPING
(Fernando Melo, Ed Myhill)

Besuch am
8. Dezember 2021
(Einma­liges Gastspiel)

 

Inter­na­tionale Tanzwochen Neuss, Stadthalle

Wenn es schief­läuft, dann auch richtig. Ein gutes Beispiel dafür liefern die Inter­na­tio­nalen Tanzwochen Neuss heute Abend ab. Früher musste man den Parkwächter sehr freundlich bitten, damit man noch auf den Parkplatz vor der Neusser Stadt­halle fahren durfte, weil man die eine Lücke kannte, die immer noch frei war. Heute wird man freundlich durch­ge­wunken. Es stehen ausrei­chend Plätze zur Auswahl. So freundlich und geduldig das Personal an der Einlass­kon­trolle auch ist, allmählich geht es einem ein bisschen auf die Nerven, permanent unter General­ver­dacht gestellt zu werden. Dafür kann selbst­ver­ständlich das Personal überhaupt nichts. Aber wenn die Regierung davon ausgeht, dass jeder Bürger poten­ziell einen gefälschten Impfausweis mit sich führt, ist es ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, einen fälschungs­si­cheren Impfausweis bereit­zu­stellen – und nicht, jedem Bürger Betrug zu unter­stellen. Wobei man vermutlich davon ausgehen kann, dass gerade bei Abend­ver­an­stal­tungen, die der Erbauung ihrer Besucher dienen, besonders viele Menschen mit gefälschten Papieren auftreten. Valide Zahlen dazu gibt es wieder einmal nicht. Auch bleibt die Frage offen, ob ein Besucher einer Tanzauf­führung, der einen gefälschten Impfausweis vorlegt, nicht dann auch gleich einen gefälschten Perso­nal­ausweis mit sich führt. Ganoven sind ja auch nicht doof. Vor allem nicht die, die in Tanzver­an­stal­tungen wollen.

Wer jetzt noch die gute Laune und Vorfreude bewahrt hat, sieht sich gleich der nächsten Prüfung gegenüber. Es scheint tatsächlich eine Korre­lation zwischen der Gender-Ideologie Kultur­schaf­fender und deren Verständnis von Recht­schreibung im Allge­meinen zu bestehen. Abend­zettel, wie der heute Abend verteilte, beispiels­weise zeigen signi­fikant mehr Recht­schreib­fehler neben dem Neusprech, der offenbar auch beim Kulturamt gepflegt wird. Auch der Ton wird rauer. „Zum Zeitpunkt der Druck­legung stand noch nicht fest, inwieweit während der Pausen der Sitzplatz verlassen werden darf“, steht im Abend­zettel geschrieben. Oha. Tatsache ist: Selbst in Neuss darf der Sitzplatz während einer Aufführung zu jedem Zeitpunkt verlassen werden. Ob dem Veran­stalter das gefällt oder nicht. Die verspro­chenen Ansagen hingegen bleiben aus. Auf dem Sitzplatz angekommen, was in der Stadt­halle nicht so ganz einfach ist, weil zwar Schilder auf die Masken­pflicht am Platz hinweisen, aber nicht auf die Sitzbe­reiche. Der Hinweis auf der Eintritts­karte „Tribüne rechts“ verschafft trüge­rische Sicherheit. Wenn man nämlich vor der Tribüne steht und sich danach orien­tiert, landet man auf der falschen Seite. Die Organi­sa­toren braucht das, da haben sie vollkommen recht, nicht weiter zu bekümmern. Das regeln die Besucher dann schon unter sich. Und genügend Zeit dazu haben sie ja. Denn der pünkt­liche Beginn ist auch in der Stadt­halle inzwi­schen völlig außer Mode geraten. So kann man noch einmal in Ruhe durch­atmen und sich auf das freuen, wofür man Geld ausge­geben hat.

Foto © Rhys Cozens

Zu Gast ist an diesem Abend die National Dance Company Wales mit zwei alten Stücken und einer Choreo­grafie aus diesem Jahr. Begonnen wird mit der Choreo­grafie After­image von Fernando Melo aus dem Jahr 2019. Yoko Seyama hat eine dunkle bis schwarze Bühne gebaut, in deren Mitte es eine Spiegel­fläche gibt. Davor sind ein Tisch und zwei Stühle aufge­stellt. Zu Geräu­schen, die aus dem Saallaut­sprecher quellen und nahe an der Verlet­zungs­gefahr für das Gehör entlang­quiet­schen, setzen sich Menschen an den Tisch und legen sich darauf. Der Spiegel­trick, der die Fläche hinter dem Spiegel sichtbar werden lässt, ist alt. Und Peter Lundin setzt ihn mit seinem Licht­design gekonnt um. Nur: getanzt wird hier nicht. Nach rund 18 Minuten ist die gepflegte Lange­weile vorüber. Wie zu erwarten, setzt nun Verwirrung ein. Ist das eine Pause oder nur eine Umbau­pause? Schließlich entscheiden die Zuschauer. Vor der Tür macht sich Unmut über das eben Gezeigte breit, der so deutlich geäußert wird, dass er hier nicht wieder­ge­geben werden soll. Anschließend stellt sich heraus, dass für das Abräumen von ein paar Möbeln und dem Einschalten zweier Glühbirnen-Girlanden 20 Minuten veran­schlagt wurden.

Die Choreo­grafie von Ed Myhill mit dem Titel Why are People Clapping – warum Menschen klatschen – war 2018 die erste Arbeit des Tänzers der National Dance Company Wales und wurde inspi­riert von dem Stück Clapping Music von Steve Reich. Sie dauert eine Viertel­stunde, und das sind exakt 15 Minuten zu viel. Die Tänzer können klatschen, aber nicht so lange, dann muss das Klatschen von der Festplatte einge­spielt werden. In einer Art Battle sind ziemlich einfalls‑, lustlose und unpräzise Tanzein­lagen zu erleben, ehe zwei Tänzer die Pantomime einer Tennis­partie zeigen. Dann scheint doch noch der Tanz zu beginnen. Aber nein, zum Klatschen zeigen die Tänzer, wie sie reiten. Das ist nicht mal Kinder­ge­burtstag. Das ist Klein­kunst der überflüs­sigsten Sorte. Dabei geht den Tänzern offenbar auch noch jedes Rhyth­mus­gefühl ab. Immer wieder gibt es Patzer. Als sei das nicht genug, scheint der Ideen­reichtum Myhills nach der Hälfte der Zeit erschöpft, so dass er sich wiederholt. Ja, da hat das begeis­te­rungs­fähige Neusser Publikum einiges zu lachen. Nur dass das hier kein Comedy-Abend ist. Nach dieser Peinlichkeit gibt es wieder eine Pause von 20 Minuten.

Zeit genug, einen Blick auf die Ankün­digung im Abend­zettel für die dritte Choreo­grafie zu werfen. „In düsterer Atmosphäre finden wir uns auf einem surrealen Spiel­platz innerhalb eines Parks wieder. Nostal­gische Spiele erinnern an die damalige Zeit und die gegen­wertige Wahrheit wird uns vor Augen geführt“, heißt es im Origi­nal­zitat. Eine Google-Übersetzung ist dagegen reine Sprach­kunst. Düstere Atmosphäre gab es bereits zu Beginn des Abends, Spiele gab es ausrei­chend im Mittelteil. Und damit soll es dann auch genug sein. Diese Tanzcom­pagnie hat uns genügend Lebenszeit unter unwür­digen Umständen gestohlen. Das braucht man nicht auf die Spitze zu treiben.

Die Inter­na­tio­nalen Tanzwochen Neuss haben in dieser Spielzeit viel an Vertrauen eingebüßt. Zwei Veran­stal­tungen bleiben noch. Zwei gute Gelegen­heiten, Vokabular, Service und Organi­sation, aber auch die Qualität der geladenen Compa­gnien zu überprüfen, um sich für die kommende Spielzeit zu empfehlen. Bislang ist das nicht gelungen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: