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BENEFIZ-KONZERT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
18. Juni 2023
(Einmalige Aufführung)
Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten interessieren sich immer weniger für ihren Auftrag. Stattdessen gerieren sie sich lieber selbst als politische Aktivisten. Die Folgen zeigen sich in einer aktuellen Studie. Immer weniger Menschen interessieren sich für Nachrichten, die Glaubwürdigkeit der Medien nimmt beständig ab. Ein weiterer „Coup“ ist den Verantwortlichen in den Nachrichtenredaktionen fast unbemerkt gelungen. Passiert irgendwo eine Katastrophe, über die eine öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung berichtet, wird gleich anschließend die Nummer eines Spendenkontos eingeblendet, dass die Spenden zu den großen Hilfsorganisationen lenkt. Das nimmt schon den Ruch mafiöser Strukturen an, und der Zuschauer merkt es in der Regel nicht einmal. Schließlich ist es doch gut, wenn der Spendenwillige sich nicht weiter darum kümmern muss, ob seine Spende an die richtige Stelle kommt, wenn die Öffentlich-Rechtlichen das anscheinend schon geprüft haben. Sonst würden sie doch die Konten nicht empfehlen. Falsch gedacht. Die Nachrichtenredaktionen folgen auch hier ihrer Ideologie. Geld kommt zu Geld, ist die Devise im kapitalistischen System. Um das zu stützen, ist die Hilfe der ÖRR hilfreich.
Wer darunter zu leiden hat, wird bei ein wenig Nachdenken klar. Das sind die kleineren Hilfsorganisationen, die häufig mit erheblich höherem ehrenamtlichem Einsatz dafür sorgen, dass möglichst viel Geld bei den Bedürftigen ankommt. Ein Beispiel dafür ist die Schnelle Nothilfe Neuss. Ein kleiner Verein, den Neusser Bürger gründeten, als sie vom Angriffskrieg auf die Ukraine erfuhren. Ihr Bedürfnis: In Neuss und in der Ukraine Menschen zu helfen, die durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen werden. Solidarität zeigen. Es kann und soll hier nicht geprüft werden, ob die Hilfsmaßnahmen des Vereins sinnvoll sind. Vermutlich ist eine Prüfung ohnehin hinfällig, denn der Verein handelt unter den wachsamen Augen der Neusser Bürger- und Unternehmerschaft. Hilfsmittel werden ständig in die Ukraine transportiert. Womit? Mit Lastkraftwagen Neusser Unternehmer und deren Fahrern. Stolz berichten die Vereinsmitglieder darüber, was sie geschafft haben. Trotzdem ihr Spendenkonto nicht in Nachrichtensendungen von ARD, ZDF und Konsorten eingeblendet wird. Dabei ist auch hier Geld dringend vonnöten. Denn trotz der gewaltigen Hilfsbereitschaft der Neusser Bürger reicht Idealismus nicht aus. Der Sprit für die Tieflader, die in die Ukraine geschickt werden, muss ebenso bezahlt werden wie die Generatoren, die angeschafft worden sind. Sachspenden verschwinden nicht in Lagern, sondern werden unter den Augen der Neusser an Flüchtlinge aus der Ukraine verteilt. Davon, dass es hier mit rechten Dingen zugeht, sprechen nicht nur Urkunden vom Lion’s Club, Bundestagsabgeordneten oder dem Bürgermeister, sondern auch der Einsatz von Jeremias Mameghani.

Er ist Rechtsanwalt, passionierter Pianist, ehrenamtlich im Katastrophenschutz tätig und organisiert immer wieder Benefiz-Konzerte, um Geld für die Ukraine zu sammeln. Als er von der Zerstörung des Kachowka-Staudamms und der nachfolgenden Flutwelle erfuhr, war ihm sofort klar, dass er handeln musste. Was sich Bürgern, die im ÖRR mit ein paar Agentur-Bildern abgespeist werden, nicht sofort erschließt: Das erste, was im Katastrophen-Gebiet Mangel und Krankheiten auslöst, ist das fehlende Trinkwasser. Ein Blick auf den Kalender ließ ihn leicht schwindeln. Die Sommerferien stehen kurz bevor, dann sind die potenziellen Geldgeber aus Neuss im Urlaub. Binnen neun Tagen organisierte er ein Benefiz-Konzert. Ja, er verfügt über Netzwerke, trotzdem müssen all die Leute auch Zeit haben, um mal eben am Sonntagabend ein Konzert zu veranstalten. Pfarrer Jörg Zimmermann aus dem Gemeindezentrum Martin-Luther-Haus in Neuss stellte sofort und zum wiederholten Mal seinen Gemeindesaal zur Verfügung. Die Musiker sagen zu, auch die, die gerade eigentlich wirklich Besseres zu tun hätten. Gleich mehr dazu. Jetzt müssen nur noch Menschen kommen, die das gemeinsame Ziel unterstützen wollen. Die Zuschauer.
Es sind immer zu wenige. Mameghani kennt das schon. Und die Summen, die bei solchen Konzerten eingespielt werden, könnten immer höher sein. Aber der Mann glaubt an die kleinen Dinge im Leben. Den steten Tropfen und so weiter. An diesem Nachmittag, draußen herrscht schwüle Hitze, kein Mensch geht freiwillig vor die Tür, ist der Saal außerordentlich gut besucht. Mameghani selbst eröffnet das Konzert mit einem Menuett von Händel und einem Walzer von Chopin. Iryna Schum hat als Generalkonsulin der Ukraine von Amts wegen sicher keine Verpflichtung, zu solch einer vergleichsweise kleinen Veranstaltung zu kommen. Und die Zeit hat sie eigentlich sowieso nicht. Aber sie freut sich, dabei sein zu dürfen. Ihre Ansprache ist so angenehm kurz wie eindrucksvoll. Neben Worten der Dankbarkeit, die bei ihr nicht nach Floskeln klingen, eröffnet sie die im Tagesgeschehen viel zu oft vergessene Vision eines geeinten Europas.
Fast schon religiös wird es, wenn Mameghani gemeinsam mit Violina Petrychenko Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit und Schafe können sicher weiden von Johann Sebastian Bach spielt. Petrychenko hätte aus Sicht ihres Freundes und von Hund Spike an diesem Tag sicher Besseres zu tun gehabt. Es ist ihr Geburtstag. Aber es ist ihr ein Herzensanliegen, diesen Tag genau so zu verbringen: mit einem Konzert für ihre Heimat. Also können die beiden sich aussuchen, wie sie ihren Geburtstag feiern wollen. Ohne sie oder im Konzert. Also sind die beiden mit nach Neuss gekommen.

Gekommen ist auch Kateryna Kostiuk, geboren in Kiew. Sie spielt inzwischen bei den Ersten Geigen der Niederrheinischen Sinfoniker. Und macht als Solistin eine wunderbare Figur, wenn sie mit Petrychenko ausschließlich ukrainische Komponisten interpretiert. Moment der Verzweiflung, eine Elegie zum Gedenken an Taras Schewtschenko, den Nationaldichter, der den Grundstein zur Schaffung der modernen ukrainischen Literatur legte, hat Mykola Lysenko komponiert. Yakiv Stepovyi geht in seiner Fantasie Präludium zum Gedenken an Taras Schewtschenko sehr viel dramatischer vor.
Aleksey Semenenko ist in Odessa geboren. Er studierte Geige, lebte eigentlich längst in Deutschland, als er kurz vor Kriegsausbruch noch ein Konzert in Kiew gab. Und anschließend um seine Rückkehr nach Deutschland kämpfen musste, wo er eine Professur an der Folkwang-Universität innehat. Ein höchst sehenswertes Video mit ihm stellt ihn als Person vor. Heute Nachmittag spielt er eine Caprice von Myroslav Skoryk, hochmodern, er nennt das „kämpferisch“. Mit seiner Frau Inna Firsova am Klavier trägt er Allegretto und Tanz aus dem Hutsulischen Tryptich vor.
Nach der Pause gerät der Zeitplan bedenklich ins Wanken. Aber kaum jemand traut sich, die Vertreter der Schnellen Nothilfe Neuss zu unterbrechen, wenn sie von ihrem Einsatz berichten. Endlich darf Firsova die Jeux d’Eau von Maurice Ravel wie springende Wassertropfen aus dem Klavier plätschern lassen. Sie ist so etwas wie ein Wunderkind, studierte in Hamburg, sammelt Preise wie andere Briefmarken und bildet mit Semenenko ein Duo. Und wirklich, von ihr hätte man gern noch mehr gehört. Aber die Zeit drängt so sehr, dass auch Petrychenko und Kostiuk ihr Programm einkürzen. Dabei liegt die Entscheidung bei den Musikerinnen. Das Publikum folgt der aufregenden Musik zu diesem Zeitpunkt ohne jegliches Murren. Das gilt für das Lied von Andrij Schtogarenko ebenso wie für die drei folgenden Stücke von Skoryk. Mit dem Spanischen Tanz, der Elegie und der Karpatischen Fantasie nehmen Geigerin und Pianistin das Publikum absolut gefangen. Es ist, so darf man ohne Übertreibung sagen, ein großer Abend für die ukrainischen Komponisten. Und da fügt sich die Zugabe mit der Melodie von Skoryk, sein populärstes Werk, das inzwischen so etwas wie ein Stück des Widerstands geworden ist, nahtlos ein.
Nach einem solchen Abend, der zuvörderst das Einsammeln von Geld zum Ziel hat, darf man fragen: Muss ein führendes überregionales Kulturmagazin über eine solche kleine, örtlich begrenzte Veranstaltung berichten? Die Antwort ist einfach. In einer Zeit, in der öffentlich subventionierte Kulturinstitute ihre Gelder dazu missbrauchen, Ideologien unters Volk zu bringen, werden Veranstaltungen, die Zeichen der Solidarität setzen, immer wichtiger. Sie sind diejenigen, die die Humanität der Kultur, für die Deutschland einst berühmt war, hochhalten. Und da sollte niemand davor zurückschrecken, ein solches Konzert – und warum nicht im Nachhinein? – zu unterstützen.
Michael S. Zerban