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BRITISCHES UNDERSTATEMENT
(Benjamin Britten et al.)
Besuch am
19. Mai 2019
(Einmalige Aufführung)
Es sind oft die kleinen Dinge, die ihren besonderen Zauber entfalten und aus einem Orchester das Orchester einer Stadt machen. Martin Jakubeit schafft so einen Moment mit einem Blumenstrauß. Den überreicht er der Geigerin Amane Horie, die einen Vertrag in Stuttgart bekommen hat und damit die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein verlässt. Es liegt im Wesen der Kammerakademie, dass es zu ihren größten Erfolgen gehört, wenn sie einen jungen Musiker in eine Festanstellung verliert.
Und noch ein Abschied steht bei diesem letzten Konzert in der laufenden Spielzeit an. Isabelle van Keulen verlässt die Akademie als Artist in residence – um in der kommenden Spielzeit als Künstlerische Leiterin in der Doppelspitze mit dem Chefdirigenten Christoph Koncz für weitere drei Jahre zurückzukehren. Bereits im Vorfeld des Konzerts hat van Keulen erläutert, warum sie sich über diese Entscheidung besonders freut. Schließlich handele es sich bei der Kammerakademie um junge Musiker, die mit „Frische und Begeisterungsfähigkeit“ das Musizieren nicht alltäglich nähmen.
Alltäglich ist an diesem Abend unter dem Titel Britisches Understatement gar nichts. Auf dem Programmzettel stehen die Komponisten Arvo Pärt, Benjamin Britten und Paul Hindemith. Da hat sich einer was getraut. Aber das Vertrauen in die Jungmusiker scheint grenzenlos. Der Saal im Zeughaus ist ausverkauft. Das hat man wirklich nicht alle Tage. Wenigstens eins ist gleichgeblieben: Der Programmzettel ist in Aussehen und Gestaltung denkbar unspektakulär, punktet aber mit klug geschriebenen Texten und lässt fast keine Wünsche offen.

Mit einem Glockenschlag beginnt das Konzert. Gerade mal sechs Minuten nimmt sich Arvo Pärt für seinen Cantus in memoriam Benjamin Britten Zeit, seinen letzten Gruß an den britischen Komponisten, nachdem der am 4. Dezember 1976 verstorben war. Die jungen Streicher haben das Stück verstanden, und so fallen die Nuancen und Stimmungen deutlich aus, anstatt im Klangmatsch zu ermüden. Ein großartiger und überragend gelungener Einstieg.
Es gehört zu den Besonderheiten von Isabell van Keulens Arbeit, dass sie die musikalische Leitung eines Abends so gut wie nicht erkennen lässt. Die anspruchsvolle Solo-Bratsche bei Benjamin Brittens Lachrymae lässt sie sich allerdings nicht nehmen. Es ist ein Stück, das seine Modernität auf der Basis von John Dowlands Liedern hinter sich lässt; und wer will, mag daraus schon etwas wie eine Todesahnung heraushören, entstand das Werk doch im Todesjahr Brittens. Zu den besten des Abends gehört es nicht, auch wenn der Vortrag meistenteils einwandfrei ist. Da fährt die Akademie mit der folgenden Simple Symphony ein ganz anderes Kaliber auf. Der gerade mal 20-jährige Britten weist am Ende seines Studiums schon eine beeindruckende Reife auf, die umso bedeutender ist, als er hier auf Jugendwerke referiert. Die Akademie zeigt hier nach viel Witz im durchgängig gezupften zweiten Satz Playful Pizzicato auch die Fähigkeit zur großen Sinfonik und Süße mit Sentimental Sarabande. Im Frolicsome Finale dürfen die Streicher dann wieder einen Hang zur Dramatik zeigen, der den Hörer lebhaft erfrischt.
So ist es recht. Nach der Pause erscheinen die Besucher wieder vollständig auf ihren Plätzen. Die Musik von Paul Hindemith leitet den zweiten Teil des Abends ein. Eine Trauermusik für Viola und Streicher soll es sein, die anlässlich des Todes von König George V. 1936 entstand. Ein eher meditativer, wundervoller „Gesang“, der die acht Minuten vorüberfliegen lässt, auch, weil van Keulen hier als Solistin wahrhaft brillieren darf. Kurzweilig geht es weiter. Aus einem Thema seines Lehrers Frank Bridge gestaltete Britten zehn Variationen, deren verschiedene Charakteristika vom Marsch über die Arie bis zum Walzer die jungen Musiker differenziert und farbenfroh vortragen. Auch hier steht die Bratsche im Mittelpunkt, und van Keulen zeigt, was in dem Instrument steckt, von dem Bratschisten sagen, es sei das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt.
Mit dem Programm ragt die Deutsche Kammerakademie weit über das übliche deutsche Konzertgeschehen hinaus. Ein mutiger und damit würdiger Abschluss der Spielzeit, den das Publikum zu würdigen weiß. Nach der Zugabe der Aria italiana wird das Orchester begeistert gefeiert. Und im Hinausgehen bringt es eine Besucherin auf den Punkt, als sie ihrem Begleiter mit überschwänglicher Freude zuruft: „Ein Abend der Schönheit.“
Michael S. Zerban