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Sprechen wir über Revolution

BUNDESJUGENDBALLETT
(Diverse Choreografen)

Besuch am
11. Dezember 2018
(Einma­liges Gastspiel)

 

Inter­na­tionale Tanzwochen Neuss, Stadt­halle Neuss

Die Inter­na­tio­nalen Tanzwochen Neuss in der Stadt­halle sind in vollem Gange. 1983 gegründet, stellen sie ein Forum des inter­na­tio­nalen, zeitge­nös­si­schen Tanzes dar und erfreuen sich weit über die Stadt­grenzen hinaus größter Beliebtheit. Und so ist die Stadt­halle auch an diesem Abend wieder einmal so gut wie ausver­kauft. Zu Gast ist das Bundes­ju­gend­ballett, das 2011 von John Neumeier ins Leben gerufen wurde. Das Ensemble besteht aus acht inter­na­tio­nalen Tanzta­lenten mit abgeschlos­sener Berufs­aus­bildung im Alter von 18 bis 23 Jahren, die mit gleich­alt­rigen Künstlern anderer Genres zusam­men­ar­beiten. Jeder Tänzer gehört der Compagnie maximal zwei Jahre an und erwirbt in dieser Zeit auf dem Fundament klassisch-akade­mi­scher Techniken Kennt­nisse in der Einstu­dierung von Werken der Ballett­ge­schichte, aber auch Fertig­keiten in der inter­dis­zi­pli­nären Neuer­ar­beitung von eigenen Stoffen.

Der Abend beginnt mit einer erfreu­lichen Nachricht. Sechs junge Musiker betreten die Seiten­bühne, um die Aufführung mit Live-Musik zu gestalten. Und die acht Tänzer des Bundes­ju­gend­bal­letts absol­vieren das Programm nach besten Kräften. Da gilt es, Auszüge aus Muted, einer Choreo­grafie aus dem Jahr 2012 von Sasha Riva zur Musik von Peteris Vasks, nachzu­tanzen. Älter geht immer: 1994 entwi­ckelte John Neumeier für sein Ballett in Hamburg In the Blue Garden. Auszüge daraus gibt es zur Musik von Maurice Ravel. Ebenfalls 2012 zeigte Natalia Horecna erstmalig ihr Stück Dressed up in Tissue Paper zur Musik von Betty Walker. Das sind alles durchaus anspruchs­volle Werke, und die Nachwuchs­tänzer schlagen sich mit achtbarem Erfolg. Dass da noch nicht jeder Griff sitzt und die Exzellenz fehlt, alles wie eingeübt aussieht, geht vollkommen in Ordnung. Zumal dann, wenn es an einigen Stellen in eine Art Riefen­stahl­scher Filmäs­thetik abrutscht. So etwas braucht man jungen Leuten selbst dann nicht zuzumuten, wenn es der Übung „klassisch-akade­mi­scher Techniken“ gilt. Am Ende kommt die Musik dann doch wieder aus dem Lautsprecher, wenn noch die Choreo­grafie Dumbarton Oaks gezeigt wird, eine Arbeit des Bundes­ju­gend­bal­letts aus dem vergan­genen Jahr zu Igor Stravinskys gleich­na­migem Konzert. Das ist alles ein bisschen mühsam, konven­tionell und – sind wir ehrlich – eigentlich hatte man sich von den jungen Leuten ein wenig mehr erwartet. Die leere Bühne in eher fanta­sie­losem Licht rundet den eher langwei­ligen Gesamt­ein­druck ab.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die Rückkehr aus der Pause fällt schwer, einige Besucher haben sich entschieden, lieber den Abend zu Hause zu verbringen. Träge fällt der Blick auf die Bühne. Auf der ist in der Pause fleißig gearbeitet worden. Der Flügel ist von der Seiten­bühne auf die Haupt­bühne hinten links gewandert. Davor ist ein E‑Piano aufgebaut. Auf der ganzen Bühne sind jetzt halboffene Kisten verteilt. Und als das Licht ausgeht, bricht ein Sturm los. Mit dem Programm BJB Songbook – What We Call Growing Up aus dem vergan­genen Jahr zeigen die jungen Leute dem Publikum in der Neusser Stadt­halle mal, wo der Hammer hängt und welches Potenzial modernes, frisches Ballett hat. Ab jetzt gibt es alles, was das Herz begehrt. Die Musiker haben ihre schwarzen Roben abgelegt, auf der Bühne wuselt ein bunter Haufen junger Leute, die sich in „Privat­kla­motten“ zu Live-Gesang und ‑Musik auf dem Niveau einer West Side Story bewegen. Und das bedeutet nicht eine Figur weniger Ballett. Gut, vom Spitzentanz ist nichts mehr zu sehen, aber den gab es vor der Pause auch nur ausge­sprochen sparsam. Statt­dessen werden die Mikrofone ausge­packt. Jocelyn Homadi-Sewor stößt zur Truppe, um gemeinsam mit Clara Bauer, Stephan Püschel, Kellen McDaniel und Aike Errenst zu singen. Letztere wechselt zudem noch zwischen Flügel und E‑Piano.

Foto © Silvano Ballone

Es gäbe noch viele Namen zu nennen an diesem Abend. Sie alle singen, tanzen, sprechen wie entfesselt. Da geht einem – selbst beim Liebes­schmerz – das Herz auf. Und wie gut sich modernes Ballett um andere Künste ergänzen lässt oder umgekehrt, wird in den zehn Nummern um Bezie­hungs­stress oder Abschieds­schmerz nur allzu deutlich. Gegen Ende erfährt das Programm, dem auch das Publikum inzwi­schen begeistert folgt, noch eine politische Wende. In der selbst erarbei­teten Choreo­grafie Humanity aus dem vergan­genen Jahr wird die Hoffnung auf eine bessere Gesell­schaft deutlich. Und die ist – mögli­cher­weise – nur durch eine Revolution zu erreichen.

„Weißt Du es nicht? Sie sprechen über eine Revolution. Es klingt wie ein Flüstern. Arme Leute erheben sich und werden ein Teil davon, arme Leute erheben sich und nehmen sich, was ihres ist“, singt Homadi-Sewor im besten Tracy-Chapman-Sound. Nach und nach versammeln sich die poor people auf der Bühne, um ihren großen Tanzabend zu krönen.

Das Publikum rast. Dröhnend donnern die Schuhe auf dem Saalboden, Jubel erfüllt die Stadt­halle, viele Menschen erheben sich, um zu applau­dieren. Nein, da ist keiner dabei, der sich eine Revolution wünscht. Aber dass die jungen Leute ihren eigenen Weg gehen wollen, ist mehr als ein Versprechen. Es ist Hoffnung, und die ist in dieser Weihnachtszeit höchst willkommen.

Michael S. Zerban

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