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KLANGWANDERUNG
(Misha Alperin, Evelina Petrova)
Besuch am
9. Juni 2025
(Einmalige Aufführung)
Wenn es etwas gibt, was typisch für die Museumsinsel Hombroich in Neuss ist, dann ist es sicher die Verbindung von Natur und Kunst. Inmitten einer üppig wuchernden Landschaft aus Gräsern, Bäumen und Teichen findet man die Kunst nicht nur im natürlichen Raum, sondern auch in ausgefallener Architektur. Und so gehört obligatorisch zum zweijährlich an Pfingsten stattfindenden Inselfestival, eine Klangwanderung zu veranstalten. Vor zwei Jahren hatte man die Veranstaltung aus bautechnischen Gründen auf die Raketenstation verlegen müssen, in diesem Jahr darf sie nun wieder im Museum Insel Hombroich stattfinden. Programmplaner Rainer Wiertz ist es gelungen, für den Spaziergang zwei außergewöhnliche Musikerinnen zu gewinnen.

Seit etwa zwei Jahren arbeiten Saxofonistin Asya Fateyeva und Akkordeonistin, Komponistin und Vokalistin Evelina Petrova zusammen. Die eine reist aus Hamburg, die andere aus Norwegen an, um ihr gemeinsames Programm Imaginary Folklore vorzustellen. Zusammen klingen sie, als kämen sie aus einer Wohngemeinschaft, in der sie täglich proben. Zum Titel des Programms sagt Fateyeva, es klingt nach Folklore, es könnte Folklore sein, aber in unseren Köpfen ist es viel schöner als Folklore. Ein erhellendes, englischsprachiges Video erzählt von der Arbeit der beiden. „Inspiriert von originalen Kompositionen und tief verwurzelt in der dramatischen und musikalischen Essenz der Volksmusik erschaffen Asya Fateyeva und Evelina Petrova ein weites, experimentierfreudiges Feld. Ihre Kunst entfaltet die Vorstellungskraft und widmet sich der Schaffung klanglicher Bilder, die von der Magie traditioneller Musik und Erzählkunst genährt werden. In dieser poetischen Fusion laden sie die Zuhörer ein, eine klangliche Reise zu erleben, bei der zeitgenössische Elemente mit dem reichen Gewebe der Folklore verschmelzen und fesselnde akustische Geschichten entstehen“, beschreiben die beiden, was die Besucher am frühen Nachmittag des Pfingstmontages erwartet. Die treffen sich am „Turm“. Karl-Heinrich Müller, Stiftungs- und Museumsgründer, inspirierte den Bildhauer und Zeichner Erwin Heerich, für das Gelände zehn begehbare Skulpturen zu erschaffen. Eine davon ist der Turm, 1989 fertiggestellt und zehn Meter hoch, breit und lang – und an diesem Nachmittag zu eng, um alle Besucher zu fassen. Los geht es mit Vogelgezwitscher, Petrova pfeift und Fateyeva antwortet mit dem Saxofon. Vom ersten Augenblick an entführen die beiden ihr Publikum in eine zauberische Natur. Nach den beiden Werken Mountain Dance und Sofa von Misha Alperin, einem ukrainischen Jazz-Pianisten, der 2018 in Oslo starb, geht es über Kieswege weiter zur nächsten Station.

Es ist wohl das, was sich am besten als „Schmuddelwetter“ beschreiben lässt. Der Himmel grau und wolkenverhangen, Temperaturen, die gerade mal an den 20 °C kratzen – aber immerhin, es bleibt trocken. Zügig geht es weiter zum Labyrinth, einem Gebäude, das 1988 fertiggestellt und in dem gerade die ursprüngliche Sammlungspräsentation wiederhergestellt wurde. Hier gibt es Rechenka, Lullaby und Talan, drei Stücke, bei denen man schon sehr genau die Ohren spitzen muss. Denn nicht auf die großen Effekte zielen die Musikerinnen ab, vielmehr wird hier der sanfte Ton gepflegt, die Feinheiten zählen zwischen den Gesängen, wenn die beiden ihren Dialog vorantreiben und Petrova singt. Unverständlich, norwegisch, russisch, türkisch? Keine Ahnung, aber es klingt gut. Es ist, als höre man die alten Geschichten aus dem Dorf, die Geschichten von einer besseren Welt, die sich die Alten im Dorf erzählen. Im blendend weißen Raum, zwischen Skulpturen und Bildern, verliert man Zeit und Raum und hat Lust, sich auf das einzulassen, was Fateyeva und Petrova auf ihren Instrumenten sanft und höchst kunstvoll darbieten. Auch in diesem Jahr wird es wieder eine Wanderung ohne wesentliche Sitzmöglichkeiten. Beim Durchschnittsalter der Besucher eine Zumutung.
Die dritte Station schafft Abhilfe. Es geht zum Stuhlkreis von Anatol Herzfeld. 1991 hat der Schmied, Künstler und Polizist Das Parlament geschaffen, 27 Stühle, die Thronen gleichen, zu jeder Zeit für die „große Runde“ gesprächsbereit, ohne die Möglichkeit, handgreiflich zu werden unter der Eiche, die den Platz, der an eine frühere Kultstätte, ein Thing, erinnert, zur Hälfte überschattet. Stühle aus Stahl, die keinen Raum für Gemütlichkeit bieten, sondern an eine raue Vergangenheit erinnern und gleichzeitig Platz für Utopie schaffen. Von den Besuchern missbraucht oder wenigstens zweckentfremdet, die zu zweit darauf sitzen und die gewollte Distanz zerstören. Großartige Anarchie des Zusammenseins.
Wer möchte in dieser Situation noch wirklich glauben, dass die Musikerinnen den Platz noch nie zuvor gesehen haben? Kein Mensch. Die haben doch schließlich ihre Musik, die Kompositionen Petrovas, die immer von Improvisationen umspielt und durchbrochen werden, exakt auf diesen Raum abgestimmt. So zumindest hört es sich an bei Vechio letrose/Ritual Dance, Wedding und Novgorod. Glaubt noch irgendjemand an Feen, die mit ihrer Musik Magie ausüben? Wohl kaum. Oder. An diesem Nachmittag auf der Waldlichtung schon ein bisschen. Ganz insgeheim. Lang dauert der Applaus, ehe die Besucher sich in alle Himmelsrichtungen verlieren.
Michael S. Zerban