Die letzte Revue

DIE KURZE GESCHICHTE DER MENSCHHEIT
(Sebastian Zarzutzki)

Besuch am
14. November 2018
(Urauf­führung am 10. November 2018)

 

Rheini­sches Landes­theater Neuss

Das Problem an einer Weltun­ter­gangs­revue ist, dass sie, ihrem Thema folgend, das letzte ist, was man als Zuschauer zu sehen bekommt. Das Gute an einer Weltun­ter­gangs­revue ist, dass sie meist abstrus ist, so dass man sich anschließend noch darüber unter­halten kann. Ein solches Unter­hal­tungs­stück hat Sebastian Zarzutzki jetzt für das Rheinische Landes­theater Neuss entwi­ckelt und auf die Bühne gebracht. Grundlage dafür ist der Verkaufs­schlager Die kurze Geschichte der Menschheit, ein Sachbuch von Yuval Noah Harari, Geschichts­pro­fessor an der Hebräi­schen Univer­sität Jerusalem, das 2011 erschien.

Auf mehr als 500 Seiten schildert der Autor eine eher skeptische Auffassung der mensch­lichen Entwicklung. Seiner Ansicht nach hat jede der vier Entwick­lungs­stufen, die er ausmacht, den Menschen seinem Untergang näher­ge­bracht. Die kognitive und die landwirt­schaft­liche Revolution, die Verei­nigung der Menschheit und die wissen­schaft­liche Revolution haben dafür gesorgt, dass der Mensch des Menschen und seiner Umwelt größter Feind ist. Der Unter­hal­tungswert des populär­wis­sen­schaft­lichen Buches ist aufgrund der ungewöhn­lichen Thesen hoch.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Wie nun bringt man einen solchen Schmöker in einem überschau­baren Zeitrahmen auf die Bühne, noch dazu mit Musik und ohne wesent­liche Handlung? Am liebsten mit viel Fantasie, sagt Zarzutzki und begibt sich mit seinem Team frisch ans Werk. Jule Dohm-van Rossum hat zwei Etageren auf der Bühne einander gegen­über­ge­stellt und dazwi­schen eine fahrbare Treppe eingehakt, die erst später in den Blick kommt, wenn die Vorhänge von den Regalen fallen. In der unteren Ebene sind die Musiker unter­ge­bracht, darüber entstehen weitere Podeste. Vor den Aufbauten gibt es noch ein wenig Spiel­fläche für die vier Schau­spieler, die sie später mehr oder weniger sinnvoll in den Saal ausweiten. Die Ausstattung ist somit reichlich sparta­nisch, aber wirkungsvoll und durch­dacht. Nicht viel anders verhält es sich mit den Kostümen, die an die 1980-er Jahre erinnern. In Verbindung mit Frisuren und Masken entsteht ein authen­ti­scher Bezug zur Musik. Das ist gelungen und wirklich fanta­sie­be­haftet. Weniger gelungen ist die Technik. Das Licht wird eher sparsam einge­setzt, kommt mehr als einmal mit Verspätung. Und die Mikro­fo­nierung wirft Zweifel auf.

Keine Zweifel gibt es bei den Schau­spielern. Die haben jede Menge Text zu absol­vieren. Das schaffen sie nahezu fehlerfrei und mit begeis­terndem Ausdruck. Dabei dürfen sie auch durchaus den einen oder anderen Spaß unter­bringen, ohne sich anzubiedern. Kathrin Berg absol­viert neben Text und Gesang noch beacht­liche Kletter­touren. Johanna Iacono-Sembritzki muss sich zwischen­durch in die Publi­kums­reihen begeben, setzen und bedeu­tungsvoll gucken. Das erschließt sich nicht so recht, was nicht an der Leistung der Darstel­lerin, sondern eher an einer einfalls­losen Regie liegt. Richard Lingscheidt glänzt in seinem Major-Tom-Kostüm, muss aber darstel­le­risch ebenfalls weit hinter seinen Leistungen zurück­bleiben. Auch für Rainer Scharenberg gibt es wenig Sinnvolles zu tun.

Foto © Björn Hickmann

Bleibt also das, was die Revue ausmachen soll: der Gesang. Hier hat Zarzutzki die Schau­spieler vor eigentlich unlösbare Aufgaben gestellt. Obwohl sie hervor­ra­gende Unter­stützung durch die Musiker Jürgen Dahmen und Stefan Gesell erfahren, sind die ausge­wählten Stücke außer­or­dentlich anspruchsvoll. Begonnen beim Final Countdown von Europe, über Space Oddity, das David Bowie Weltruhm einbrachte, weiter zu den Sweet Dreams von Eurythmics. Gilt es so weit vor allem gesang­liche Heraus­for­de­rungen zu meistern, kommt bei Liedern von Frank Sinatra wie That’s Life oder My Way oder einem Sänger wie Tom Waits mit seinem Titel God’s Away On Business die Persön­lichkeit hinzu. Und da ist Scharen­bergs Stimme einfach nicht versoffen und drogen­ver­seucht genug, um ein echtes Waits-Feeling zu vermitteln. Lingscheidt ist kein Sinatra, beein­druckt, nein begeistert statt­dessen mit Die Länder unserer Erde in fehler­freiem Vortrag. Dass beim Final Countdown ebenso wie bei In the Navy kaum etwas vom Gesang der Solisten zu verstehen ist, bestärkt den Verdacht, dass hier etwas mit den Mikro­fonen nicht stimmt.

Das schreckt das spärlich erschienene Publikum der zweiten Aufführung nicht. Die Schau­spieler und Musiker ziehen die Besucher in ihren Bann und fesseln sie einein­viertel Stunden lang. Nach rauschendem Beifall gibt es noch ein Medley der vorge­tra­genen Titel. Ob man den Thesen Hararis folgen möchte oder nicht, Zarzutzki gelingt es, das Denken aufzu­lo­ckern. Mehr kann man vom Theater kaum erwarten.

Michael S. Zerban

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