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DAS LEBEN MUSS NOCH VOR DEM TOD ERLEDIGT WERDEN
(Erich Kästner)
Besuch am
4. April 2024
(Einmalige Aufführung)
Theater, zumindest solche, die sich nicht inzwischen als ideologische Horte begreifen, werden in bürgerlichen Kreisen immer noch als Zentren intellektueller Auseinandersetzung verstanden. Und da gehören Lesungen mit zum regelmäßigen Spielbetrieb. Allerdings sind die Erwartungen an solche Lesungen andere als die beim Besuch einer Buchhandlung. Hier darf man auf besondere sprecherische Leistungen hoffen, die im besten Fall noch einmal eine andere Sichtweise auf einen Stoff bewirken, eine Einordnung des gelesenen Werkes und gern auch theatralische Mittel, die zu neuen Impulsen führen. Das Rheinische Landestheater Neuss hat gerade mit Das ukrainische Tagebuch meiner Mutter gezeigt, wie so etwas funktionieren kann.

Am 29. Juli jährt sich der Todestag Erich Kästners zum 50. Mal. Wenn sein Name fällt, haben Millionen von Menschen die Titel der Kinderbücher vor Augen, die sie gelesen und nie wieder vergessen haben: Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton, Das doppelte Lottchen und Das fliegende Klassenzimmer sind seine bekanntesten Werke, die seit 1929 in 59 Sprachen übersetzt und unzählige Male verfilmt wurden. Grund genug also, sich dieses Menschen zu erinnern, der es so fabelhaft versteht, Kinder mit wunderbaren Abenteuern und viel Sozialkritik zu begeistern. Geboren wurde Kästner 1899 in Dresden. Im Ersten Weltkrieg zog er sich eine lebenslange Herzschwäche zu. Nach dem Krieg studierte er in Leipzig Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft. Dort wurde er auch zum Dr. phil. promoviert. Sein Geld verdiente er als Journalist, Theaterkritiker und Lyriker, wenn er in den ersten Jahren nicht als Parfümverkäufer oder für einen Buchmacher arbeitete.1927 ging er nach Berlin, wo er bis 1945 wohnen blieb.
Es ist verrückt. Während viele Künstler, die vor den Nationalsozialisten ins Ausland flohen, für ihre „Feigheit“ geschmäht wurden, musste Kästner sich vorhalten lassen, dass er blieb, obwohl seine Bücher zu den ersten gehörten, die verbrannt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog Kästner nach München, wo er bis zu seinem Tod 1974 lebte. 2016 erschien der deutsch-österreichische Spielfilm Kästner und der kleine Dienstag in der Regie von Wolfgang Murnberger. Ein Juwel mit einem begeisternden Florian David Fritz in der Rolle von Kästner, das man in diesem Jahr wohl noch häufiger im Fernsehen sehen kann und sich nicht entgehen lassen sollte.
Wie geht man als Theater mit diesem Jahrhundert-Schriftsteller um? Man könnte eines seiner Kinderbücher als Stück auf die Bühne bringen. Man könnte Lesungen aus diesen wunderbaren Werken veranstalten. Aber reicht es wirklich, ihn auf diese Bücher zu reduzieren? Das Rheinische Landestheater Neuss entscheidet sich für eine Lesung aus heute weniger bekannten Arbeiten, die aber viel eher einen Blick auf den Menschen werfen. Dazu gehört Fabian, ein Roman, der vor seiner Veröffentlichung „entschärft“ wurde und den Sven Hanuschek 2013 in einer rekonstruierten Originalfassung unter dem Titel Der Gang vor die Hunde erneut herausgab. Wenn man das mit Notabene 45, seinen Tagebuchaufzeichnungen aus den letzten Kriegstagen, kombiniert, sollte sich doch ein schöner Abend ergeben, der Kästner gerecht wird. Und dann gibt es doch noch dieses originelle Zitat von ihm, aus dem man, indem man es verkürzt, einen vielversprechenden Titel für den Abend finden kann: Das Leben muss noch vor dem Tode erledigt werden.

Vor der vollbesetzten Tribüne im Studio des Theaters sind zwei einfache Tische aufgebaut, die so aussehen, als seien sie der Kantine entliehen, mit zwei Stühlen dahinter. Der Rest der Bühne ist leer. Fenna Benetz und Johannes Bauer nehmen Platz. Sie werden lesen. Benetz stammt aus Oldenburg, hat in Frankfurt am Main Schauspiel studiert und ist seit zwei Jahren im Ensemble des Theaters. Bauer ist in Eggenfelden, Niederbayern, geboren, studierte in Linz und gehört seit vier Jahren zum Ensemble. Bauer übernimmt es, aus Der Gang vor die Hunde zu lesen, Benetz liest im Wechsel aus Notabene 45. So weit, so gut. Beide treten im lässigen Freizeit-Look auf. Bei den Sprecherwechseln gibt es auch einen Lichtwechsel und ein paar Takte Musik. Etwas irritierend vielleicht, dass die beiden mit ein paar schlechten Fotokopien auskommen, aber das ist schließlich ihre Sache. Begrüßung und Einleitung entfallen, die Texte sind nicht aufeinander abgestimmt, Dialoge oder Überleitungen finden nicht statt. Gut, wenn die Texte für sich wirken sollen, mag das dramaturgisch gewollt sein.
Dann aber darf man erwarten, dass die Texte so gelesen werden, dass sie ihre volle Wirkung entfalten. Immerhin bemühen die beiden sich, nicht gelangweilt zu wirken, während der andere liest – und das gelingt auch über weite Strecken. Es beginnt eine Vorlese-Stunde. In den hinteren Reihen murren einige Besucher, weil sie das Gesagte kaum hören. Aber wenn man mucksmäuschenstill ist, scheint es im Großen und Ganzen ja doch zu gehen. Zumindest funktioniert es so weit, dass man die Holperer und Versprecher, die falschen Intonationen deutlich mitbekommt. Das ist ein bisschen wenig, und da helfen auch die sympathischen Erscheinungen der beiden nicht. Schlecht vorbereitet ist schlecht vorbereitet. Genau dieser Eindruck bleibt auch dann, wenn wenigstens Benetz hier und da eine schöne Passage gelingt. Zum Abschluss gibt es noch eine satte Publikumsblendung, die sich allmählich zur Routine des Theaters zu entwickeln scheint.
Das Publikum applaudiert brav, und der Stoff ist so interessant, dass der Buchhändler, der seinen Stand mit Werken von Erich Kästner vor dem Saal aufgebaut hat, an diesem Abend offenbar ein gutes Geschäft macht. Dann hat es sich wohl gelohnt.
Michael S. Zerban