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St.-Quirinus-Münster Neuss - Foto © Michael Durwen

Aus aller Welt Zungen

LUTHER SEI DANK
(Martin Luther, Heinrich Ignaz Franz Biber)

Besuch am
15. Oktober 2017
(Einmalige Aufführung)

 

St. Quirinus, Neuss

Fast alle evange­li­schen und zahlreiche katho­lische Kirchen­ge­meinden feiern in diesem Jahr das 500-jährige Jubiläum der Refor­mation, der Erneuerung und Verän­derung der Kirche durch Martin Luther. Auch die St.-Quirin-Gemeinde in Neuss erinnert mit einem Münster­konzert an den Luther­schen Thesen­an­schlag im Jahr 1517. In einer gelun­genen Kombi­nation von Luther­schen Liedern und Chorälen mit einer großen Missa Alleluja aus dem barocken Musikwerk des Öster­rei­chers Heinrich Ignaz Franz Biber lädt sie zu einem bewegenden Konzert ein. Unter der versierten Leitung des rührigen Münster­kantors Joachim Neugart präsen­tieren der Kammerchor Capella Quirina Neuss, der Münsterchor Neuss und das Barock­ensemble Sonare, ebenfalls Neuss, ein anspruchs­volles kirchen­mu­si­ka­li­sches Programm. Neugart hat nicht nur zahlreiche bekannte Choräle und Lieder einstu­diert, er verlangt vom Orchester, den Chören und den Zuhörern musika­lische Konzen­tration, wenn er ihnen mit Bachschen Bearbei­tungen der bekannten Luther-Lieder komplexe Musik vorsetzt. Um seine eigenen Ansprüche und Bachs Anfor­de­rungen zu verwirk­lichen, hat der Kantor das Barock­ensemble um sechs Trompeten, zwei Cornettini, drei Posaunen und eine gut hörbare Pauke erweitert.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Publikum
Chat-Faktor

In dem riesig-wuchtigen, dreischif­figen Quiri­nus­münster im Zentrum von Neuss wird der Mensch, der Besucher seiner wahren Größe bewusst, er fühlt sich bald klein. Und selbst ein 36-stimmiger Chor und ein Orchester mit mehr als 20 Musikern füllen nicht einmal den Altarraum. Doch wenn Dirigent Joachim Neugart den Einsatz gibt und Chor und Orchester Luthers Adventslied Nun komm, der Heiden Heiland anstimmen, ist die Kirche fast nicht groß genug, diesen volumi­nösen Klang zu fassen. In flottem Tempo beginnen Streicher und Bläser die Bach-Bearbeitung dieses fröhlichen Advents­liedes, dem Bach lange Zwischen­spiele widmet, bevor er mit einem undra­ma­ti­schen Schluss endet.  Es folgen die Bearbeitung der Kantate Nun komm, der Heiden Heiland und das fromm-emotionale Luther-Lied Verleih uns Frieden. Besinnlich und sanft, durchaus bewegend, nimmt Luther hierin Elemente aus einem grego­ria­ni­schen Wechsel­gesang auf. In schöner Harmonie treten die Frauen­stimmen in einen musika­li­schen Dialog. Luther vergisst nicht, die Obrigkeit in sein musika­li­sches Gebet mit einzu­schließen: Gib unserm Fürsten und aller Oberkeit fried und gut Regiment.

Neugart hat den Musik­abend um die Missa Alleluja des öster­rei­chi­schen Barock­kom­po­nisten Heinrich Ignaz Franz Biber arran­giert und nutzt die „mehrchörige Prunk­kom­po­sition“ als Leitfaden. Er folgt dem Brauch,  die unter­schied­lichen „Chöre“ dieser Kompo­sition im Kirchen­schiff wechselnd zu positio­nieren, was einen leben­digen Effekt erzielt. In vielstim­miger Besetzung führt Neugart mit dem Kyrie und dem Gloria in die Missa ein, die Chorstimmen, gut besetzten Trompeten und Posaunen und die immer wieder präsente Pauke wachsen zu einem mächtigen Tonge­bäude zusammen, das die Zuhörer mit einem Fortissimo-Amen beeindruckt.

Joachim Neugart – Foto © Lothar Berns

Die Bach-Bearbei­tungen der Luther-Lieder Nun bitten wir den Heiligen Geist und Komm Heiliger Geist Herre Gott präsen­tieren Neugart und der Chor von verschie­denen Orten im Münster­ge­wölbe und schaffen damit eine sehr dichte, gefühl­volle Stimmung. Auch das Luther-Lied Wir glauben all an einen Gott setzt eine besinn­liche, fast melan­cho­lische Stimmung fort, bevor Chor und Orchester beim Credo der Missa wieder mehr Bewegung in die Musik bringen und kraft­volle Herren­stimmen erneut die Stimmung wechseln. Bachs Bearbeitung des Luther-Liedes Gott sei gelobet beein­druckt durch den Wechsel von jubilie­renden und langsam-medita­tiven Passagen mit rezita­tivem Charakter.

Wieder fügt Neugart zwei Sätze der Missa, diesmal das Sanctus und das Benedictus ein, bevor die Bach-Bearbeitung des Liedes Vater unser im Himmel­reich Chor und Zuhörer gefangen nimmt und eine rührend-innige Stimmung verbreitet. Luthers Übersetzung der Antiphon Media Vita bildet den Ausgangs­punkt des eher verhalten religiösen deutschen Liedes Mitten wir im Leben sind. Im abschlie­ßenden Agnus Dei der Missa erhalten die Chorstimmen noch einmal Gelegenheit, ihr Können zu zeigen. Sie beenden einen klang­reichen, oft gefühls- und stimmungs­reichen Abend mit einem großen Finale, das sich zigfach im Kirchenraum bricht.

Die Zuhörer, ein eher graues Publikum, erleben einen Luther-bezogenen Musik­abend, in dem durch die geschickte Kombi­nation einer „hochba­rocken Messe­kom­po­sition“ mit einfachen, aber berüh­renden und theolo­gisch bedeu­tenden Luther­liedern die religiöse Seite und Botschaft der Luther­schen Refor­mation vielfältige Klang­formen annimmt. Bibers großartige Messe spiegelt den Anspruch und die Pracht der etablierten Kirche wider, während Luthers einfache und eingängige Liedkom­po­si­tionen den religiös-theolo­gi­schen Kern „seiner“ Refor­mation betonen, mit denen „das Volk aus aller Welt Zungen“ zu Gottes Lobgesang ruft. Das konzert­er­fahrene, angenehm konzen­trierte Publikum hält sich mit Zwischen­ap­plaus erfreulich zurück, um sich nach der Aufführung begeistert und angerührt mit lang  anhal­tendem Beifall für diese musika­lisch-refor­ma­to­rische Botschaft zu bedanken.

Horst Dichanz

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