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Foto © Michel Cavalca

Martialisches fürs Auge

DIE NACHT DER BARBAREN
(Hervé Koubi)

Besuch am
22. November 2017
(Einma­liges Gastspiel)

 

Inter­na­tionale Tanzwochen Neuss, Stadthalle

Die Inter­na­tio­nalen Tanzwochen Neuss glänzen nicht nur auf ausge­sprochen hohem Niveau, sondern überra­schen auch immer wieder mit ausge­fal­lenen Choreo­grafien. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist der Auftritt von Hervé Koubi mit seiner Compagnie. Offenbar hat sich im Vorfeld herum­ge­sprochen, dass hier vierzehn athle­tische Männer­körper auf der Bühne zu sehen sein werden, denn der Frauen­anteil ist an diesem Abend gefühlt doppelt so hoch und hat sich noch einmal drastisch verjüngt.

Und selten wird man so sympa­thisch zu einem Tanzabend empfangen wie in der Neusser Stadt­halle. Hervé Koubi selbst tritt ans Mikrofon, um die Gäste zu begrüßen. Der Franzose hat dazu seine Rede eigens ins Deutsche übersetzen lassen. Und da klingen selbst die „Würzeln“ herrlich. Großes Kompliment für so viel Höflichkeit! Der Choreograf ist in Cannes aufge­wachsen, Hervé sei dort ein ebenso häufiger Vorname wie François, deshalb sei er der festen Überzeugung gewesen, Franzose zu sein, erzählt er. Sein Vater klärte ihn über seine algerische Herkunft auf. Für Koubi Anlass genug, sich mit dem für ihn bis dahin fremden Land ausein­an­der­zu­setzen. Seine Rede endet damit, dass seine Compagnie heute inter­na­tional aufge­stellt ist, „weil es nur eine Kultur gibt, die der Menschheit“.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Und damit hat er nichts anderes als die Überschrift seines Lebens wieder­ge­geben. 2010 ging Koubi nach Algerien, um zwölf Tänzer für das Stück Ce que le jour doit à la nuit – Die Schuld des Tages an der Nacht – zu besetzen. Bewusst verzichtete er dabei auf die Zeugnis-Quali­fi­kation, sondern wählte Männer, die noch nie auf der Bühne gestanden hatten – aber über große Erfah­rungen auf der Straße verfügten. Drei Jahre später fand die Premiere in Aix-en-Provence statt. Das Stück wurde ein Riesen­erfolg. Wiederum zwei Jahre später setzte Koubi sein Konzept fort. Beim Inter­na­tio­nalen Tanzfes­tival in Cannes präsen­tierte seine Compagnie Les nuits barbares ou les premiers matins du monde – Die Nacht der Barbaren oder der Morgen, an dem alles begann. Nach eigenen Angaben eine Zeitreise „zu den vergan­genen Kulturen der so genannten barba­ri­schen Völker rund um das Mittelmeer“.

Jetzt tritt also eine reine Männer­truppe mit eben diesem Stück als deutsche Erstauf­führung in der Stadt­halle Neuss an. Und da ist vom theore­ti­schen Überbau kaum noch die Rede. Vierzehn Männer, von denen jeder einzelne als Super­model durch­gehen könnte, stehen im Rudel da. Entblößter Oberkörper, Jeans und ein verlän­gerter Lenden­schurz darüber. Funktio­nierte bereits in Ce que le jour doit à la nuit in ästhe­ti­sierter Form bestens. Und sieht jetzt noch besser aus, weil ursprüng­licher. Und faszi­nie­render, weil die Tänzer zunächst eine silber­farbene, funkelnde Maske tragen, die den ganzen Kopf umschließt.

Foto © Nathalie Sternalski

In vier Szenen ist der Abend unter­teilt, die immer wieder von einer Versammlung ausgeht, die an den Kopf der Medusa erinnert. Die löst sich in immer neuen Forma­tionen auf, die ihrer­seits durch solis­tische Street­dance- und HipHop-Einlagen durch­brochen werden. In der zweiten Szene wird höchst kunstvoll mit Messern gespielt, in der dritten Szene bekommt jeder zwei Stöcke in die Hand – die schwächste Stelle, weil den Männern nicht viel mehr dazu einfällt, als sie auf den Boden zu klopfen oder sich gegen­seitig zuzuwerfen, was oft gelingt – im vierten Abschnitt sind die Tänzer ganz allein auf sich gestellt. Auch die Lenden­schurze müssen weichen.

Ohne nach großen Inter­pre­ta­tionen zu suchen, kann man sich einfach zurück­lehnen und das Höchstmaß an Körper­be­herr­schung und Akrobatik genießen. Das Publikum schreckt auch vor Zwischen­ap­plaus nicht zurück.

Und Koubi hat keine Angst vor Lautstärke. Wie in Neuss üblich, wird die Musik „vom Band“ gespielt. Von Wagner über Mozart bis Fauré wird die Musik eindrucksvoll mit algeri­scher Volks­musik gemischt. Abseits turne­ri­scher Ausflüge der Tänzer gewinnt die Musik häufig an Übermaß – was nicht das Schlech­teste ist.

Ohren­be­täubend abschließend auch der Applaus, vor allem als der Choreograf auf die Bühne kommt. Viele hält es dabei nicht auf den Sitzen. Wieder einmal durften die Neusser einen wirklich großen Abend moderner Tanzkunst erleben. Am 1. Dezember geht es weiter. Dann kommt das Nationale Tanztheater von Wales zu Besuch.

Michael S. Zerban

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