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DIE NACHT DER BARBAREN
(Hervé Koubi)
Besuch am
22. November 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Die Internationalen Tanzwochen Neuss glänzen nicht nur auf ausgesprochen hohem Niveau, sondern überraschen auch immer wieder mit ausgefallenen Choreografien. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist der Auftritt von Hervé Koubi mit seiner Compagnie. Offenbar hat sich im Vorfeld herumgesprochen, dass hier vierzehn athletische Männerkörper auf der Bühne zu sehen sein werden, denn der Frauenanteil ist an diesem Abend gefühlt doppelt so hoch und hat sich noch einmal drastisch verjüngt.
Und selten wird man so sympathisch zu einem Tanzabend empfangen wie in der Neusser Stadthalle. Hervé Koubi selbst tritt ans Mikrofon, um die Gäste zu begrüßen. Der Franzose hat dazu seine Rede eigens ins Deutsche übersetzen lassen. Und da klingen selbst die „Würzeln“ herrlich. Großes Kompliment für so viel Höflichkeit! Der Choreograf ist in Cannes aufgewachsen, Hervé sei dort ein ebenso häufiger Vorname wie François, deshalb sei er der festen Überzeugung gewesen, Franzose zu sein, erzählt er. Sein Vater klärte ihn über seine algerische Herkunft auf. Für Koubi Anlass genug, sich mit dem für ihn bis dahin fremden Land auseinanderzusetzen. Seine Rede endet damit, dass seine Compagnie heute international aufgestellt ist, „weil es nur eine Kultur gibt, die der Menschheit“.
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Und damit hat er nichts anderes als die Überschrift seines Lebens wiedergegeben. 2010 ging Koubi nach Algerien, um zwölf Tänzer für das Stück Ce que le jour doit à la nuit – Die Schuld des Tages an der Nacht – zu besetzen. Bewusst verzichtete er dabei auf die Zeugnis-Qualifikation, sondern wählte Männer, die noch nie auf der Bühne gestanden hatten – aber über große Erfahrungen auf der Straße verfügten. Drei Jahre später fand die Premiere in Aix-en-Provence statt. Das Stück wurde ein Riesenerfolg. Wiederum zwei Jahre später setzte Koubi sein Konzept fort. Beim Internationalen Tanzfestival in Cannes präsentierte seine Compagnie Les nuits barbares ou les premiers matins du monde – Die Nacht der Barbaren oder der Morgen, an dem alles begann. Nach eigenen Angaben eine Zeitreise „zu den vergangenen Kulturen der so genannten barbarischen Völker rund um das Mittelmeer“.
Jetzt tritt also eine reine Männertruppe mit eben diesem Stück als deutsche Erstaufführung in der Stadthalle Neuss an. Und da ist vom theoretischen Überbau kaum noch die Rede. Vierzehn Männer, von denen jeder einzelne als Supermodel durchgehen könnte, stehen im Rudel da. Entblößter Oberkörper, Jeans und ein verlängerter Lendenschurz darüber. Funktionierte bereits in Ce que le jour doit à la nuit in ästhetisierter Form bestens. Und sieht jetzt noch besser aus, weil ursprünglicher. Und faszinierender, weil die Tänzer zunächst eine silberfarbene, funkelnde Maske tragen, die den ganzen Kopf umschließt.

In vier Szenen ist der Abend unterteilt, die immer wieder von einer Versammlung ausgeht, die an den Kopf der Medusa erinnert. Die löst sich in immer neuen Formationen auf, die ihrerseits durch solistische Streetdance- und HipHop-Einlagen durchbrochen werden. In der zweiten Szene wird höchst kunstvoll mit Messern gespielt, in der dritten Szene bekommt jeder zwei Stöcke in die Hand – die schwächste Stelle, weil den Männern nicht viel mehr dazu einfällt, als sie auf den Boden zu klopfen oder sich gegenseitig zuzuwerfen, was oft gelingt – im vierten Abschnitt sind die Tänzer ganz allein auf sich gestellt. Auch die Lendenschurze müssen weichen.
Ohne nach großen Interpretationen zu suchen, kann man sich einfach zurücklehnen und das Höchstmaß an Körperbeherrschung und Akrobatik genießen. Das Publikum schreckt auch vor Zwischenapplaus nicht zurück.
Und Koubi hat keine Angst vor Lautstärke. Wie in Neuss üblich, wird die Musik „vom Band“ gespielt. Von Wagner über Mozart bis Fauré wird die Musik eindrucksvoll mit algerischer Volksmusik gemischt. Abseits turnerischer Ausflüge der Tänzer gewinnt die Musik häufig an Übermaß – was nicht das Schlechteste ist.
Ohrenbetäubend abschließend auch der Applaus, vor allem als der Choreograf auf die Bühne kommt. Viele hält es dabei nicht auf den Sitzen. Wieder einmal durften die Neusser einen wirklich großen Abend moderner Tanzkunst erleben. Am 1. Dezember geht es weiter. Dann kommt das Nationale Tanztheater von Wales zu Besuch.
Michael S. Zerban