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ON THE ROAD AGAIN
(Björn Hayer)
Besuch am
19. November 2024
(Premiere am 9. November 2024)
Es ist lange her, dass man die Studiobühne im Keller des Rheinischen Landestheaters Neuss, die jetzt Kleine Bühne genannt wird, in so großer Aufmachung gesehen hat. Überhaupt ist der Aufwand, der für ein Stück auf der Kleinen Bühne getrieben wird, mindestens eindrucksvoll. Der Autor, Literaturwissenschaftler und Kulturjournalist Björn Hayer wurde beauftragt, einen Text zu schreiben, eine Musikerin mit einer Komposition befasst, das Leitungsteam offiziell ausgeschrieben. In einem mehrstufigen Bewerbungsverfahren wurde sodann das Leitungsteam ausgewählt. Das ist in einem umfangreichen Programmbüchlein nachzulesen.
Für das Stück, das nicht Wieder auf der Straße heißt, sondern On the Road Again, hat Hayer Gedichte verschiedener deutschsprachiger Lyriker in Versatzstücken miteinander verknüpft und das Ganze mit der Orpheus-Eurydike-Geschichte verbandelt. Rainer Maria Rilke und Mascha Kaléko stehen im Vordergrund, daneben gibt es Äußerungen von Friedrich Hölderlin, Wilhelm Müller, Ingeborg Bachmann, Heinz Kahlau, Günter Kunert, Oswald Egger und Hayer selbst.
Ausstatterin Zoe Leutnant schafft den Rahmen für die Aufführung. Vor dem Hintergrund ist Stoff aufgezogen, der sich auf dem davor fortsetzt. Darauf sind kleine Zelte aufgebaut, die später zusammengeklappt werden können – kleine Heime, die zwischendurch auch mit elektrischen Kerzen beleuchtet werden und ihre Schutzfunktion verlieren, wenn es auf die Straße geht. Inmitten dieser Landschaft ein Synthesizer und ein E‑Piano, die gebraucht werden, um einen wesentlichen Teil der Aufführung zu bestreiten. Liebhaber von Trainingsanzügen und Turnschuhen werden die Kostümideen Leutnants mögen. Die Reise findet ihren Niederschlag in den Rucksäcken, die zwischenzeitlich getragen werden. Gelungen ist sicher der Einfall, die Brust metaphernhaft zu öffnen, indem die Protagonisten Lungenflügel auf ihren T‑Shirts tragen.

Auch die Arbeit der Regisseurin Marlene Schleicher gefällt, sorgt sie doch für angemessene Bewegung im Raum und erfreut mit unaufdringlichen Einfällen. Da halten sich beispielsweise die Akteure Mikrofone gegenseitig an die Brust, um die Erregungskurve des Pulses zu verdeutlichen. Oder sie zeigt die Beschwernisse der Reise mit dem Versuch, eine Konservendose zu öffnen, wenn man den Dosenöffner nicht griffbereit hat. Schön auch, die verunglückte Kommunikation des voneinander getrennten Paares mit Bergen an hereingetragenem Papier darzustellen.
Vera Hannah Schmidtke und Johannes Bauer kommt die Aufgabe zu, die Text-Versatzstücke aus den Gedichten eben nicht zu deklamieren, sondern sie dialogartig aufzubauen. Das gelingt beiden ausgesprochen gut, selbst zahlreiche Wiederholungen finden einen neuen Rhythmus. Schöne bis geheimnisvolle Sätze sind da zu hören, wie etwa Rilkes „Bist Du so müd? Ich will Dich leise leiten aus diesem Lärm, der längst auch mich verdross“ oder „Lass mich das Pochen deines Herzens spüren, dass ich nicht höre, wie das meine schlägt“ von Kaléko. „Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten. Schau hinterm Wald, in dem schauernd schreiten. Harrt schon der Abend wie ein helles Schloss“, sind ebenfalls Zeilen von Rilke, die Lust bereiten, sich mit dem Werk des Dichters über den Abend hinaus zu beschäftigen. Schmidtke und Bauer gelingt es mit ihrem Vortrag, ein Publikum, das immer häufiger zu glauben scheint, man ginge ins Theater, um zu lachen, zur ernsthaften gedanklichen Auseinandersetzung zu führen. Dafür ein Bravo.
Und bei solcher Zumutung bleibt es nicht. Denn ein wesentlicher Bestandteil des Abends sind die Kompositionen von Paulina Sofie Kiss und Mylène Kroon, also Gegenwartsmusik. Kroon führt die Musik auf der Bühne auf, singt auch selbst und übernimmt die Statistenrolle der Botin. Mag man zwischen den gesungenen und gesprochenen Texten noch einen Zusammenhang herstellen, fällt das bei der Musik schwerer. Aber das ist ja auch kein Muss. Jedenfalls geht der Vortrag über die „übliche“ Theatermusik hinaus und ist damit als Gewinn zu verbuchen.
Nach einer knappen Stunde ist Orpheus – wieder einmal – allein, aber wortlos zurückgeblieben. Dem Publikum gefällt der Abend, auch wenn es keine Komödie gab. Wirklich überzeugt der Versuch, Lyrik in komplexer Form auf die Bühne zu bringen und ihr damit die verdiente Popularität zurückbringt, so sehr, dass eine Fortsetzung wünschenswert erscheint. Vielleicht sogar mit weniger Aufwand.
Michael S. Zerban