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OTHELLO
(William Shakespeare)
Besuch am
19. April 2018
(Premiere am 3. März 2018)
Es ist gute Tradition am Rheinischen Landestheater Neuss, dass ein Stück einstudiert wird, das bereits auf das Shakespeare-Festival hinweist und dort auch noch einmal aufgeführt wird. In diesem Jahr hat sich das Haus für Othello entschieden und den Regisseur Mario Holetzeck mit der Inszenierung beauftragt.
Holetzeck hat die deutsche Textfassung von Marius von Mayenburg gewählt, die weniger um eine möglichst getreue Übersetzung des Originals als vielmehr um eine behutsame Übertragung in die Gegenwartssprache bemüht ist. Das ist großenteils gelungen und erfordert aus Sicht der Regie nur weniger Eingriffe. Über die man dann auch diskutieren kann. Holetzeck erzählt eine spannende, kurzweilige Geschichte mit überwiegend ekligen Typen, die ziemlich gestört sind und mit einem nicht mehr ganz zeitgemäßen Macho-Gehabe auftreten. In seiner Konzeption soll das Fremde im Vordergrund stehen und damit die Handlung Bezug zum Heute finden. Dazu muss der Doge Othello mehrfach mit politisch unkorrekten Begriffen wie „Neger“ beschimpfen. Überhaupt entgleist die Sprache gern häufig in Abgründe. Provozieren kann der Regisseur damit wirklich niemanden mehr. Es ist einfach nur überflüssig. Aber dient hier offenbar der theatralischen Überhöhung. Fremd ist hier allenfalls die permanente Intrigensituation, mit der Menschen, die immer noch in einer scheinbar überholten Wertewelt leben, schlecht umgehen können. Der „Mohr“ hat längst ausgedient. Und auch wenn er als Albino auftritt, damit umgeht Holetzeck die Diskussion um den schwarz angemalten Othello, interessiert das heute wirklich keinen halbwegs intelligenten Menschen mehr.
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Die Bühne von Juan Leon ist im Hintergrund mit schrägstehenden Wänden aufgefüllt, die Raum für Abgänge bieten, im Vordergrund gibt es wahlweise Spielraum, einen Billard-Tisch oder ein Sofa, das als Bett dient. Rechts ist ein Klavier aufgestellt. Zwischenzeitlich fallen Camouflage-Netze auf die Bühne, die die Kriegssituation auf Zypern veranschaulichen sollen. Viel Nebel unterstreicht das Licht, das sehr spotorientiert arbeitet, wenn nicht gerade die Saalbeleuchtung mit ins Spiel kommt. Alide Büld hat wunderbare Kostüme entworfen, die den militärischen Charakter nur andeuten und gleichzeitig mit harlekinesken Masken auf den venezianischen Karneval anspielen. Und sieht man von den albernen und reichlich unbeholfen wirkenden Schaukämpfen ab, fasziniert das Stück immerhin über fast drei Stunden.

Auch in dieser Fassung hat Jago den größten Wortanteil. Michael Meichßner überzeugt mit süffisantem und erkenntnisreichem Spiel. Er ist der eigentlich Fremde, der Manipulator – und das ist wunderbar herausgearbeitet – am Ende der betrogene Betrüger. Andreas Spaniol gibt einen Othello, der grandios in die Eifersuchtsfalle tappt und dafür mit dem Leben bezahlt. Seine Albino-Rolle ist einen Hauch überzeichnet, aber schließlich hat der Regisseur da auch eine richtig gute Idee gehabt, da sei es ihm gegönnt. Als Cassio kommt Philipp-Alfons Heitmann gelungen rüber, Stefan Schleue übertreibt es mit dem Roderigo ein wenig. In ihrer Schlüsselrolle als Desdemona hätte man Juliane Pempelfort etwas mehr Sinnlichkeit und etwas weniger Gewalt gewünscht, aber das liegt am Regisseur. Pempelfort selbst spielt in jeder Sekunde überzeugend und erreicht schließlich die Herzen der Zuschauer. Der Doge schließlich ist mit Joachim Berger überragend besetzt. Nicht nur im Schauspiel ist er großartig besetzt. Sondern auch als Sänger macht er mehr Eindruck, als die Zuschauer zu würdigen wissen.
Denn Hotzeleck überwindet eindeutig die Grenzen zwischen Sprech- und Musiktheater. Und da präsentiert sich Berger einfach mal als großartiger Bass, wenn er In diesen heil’gen Hallen, die berühmte Arie des Sarastro aus der Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart, einbaut. Auch Tod ist ein langer Schlaf, ein Kanon von Haydn, ist eindrucksvoll vorgetragen. Und die Klaviermusik von Johannes Still findet ihren formidablen und mitunter humorvollen Einsatz im Geschehen. Die Einspielungen, unter anderem von Pink Floyd, immer bestens gewählt, bringen überflüssig ein bisschen Hörfunk-Touch in die Handlung. Eine Live-Einspielung hätte hier deutlich für mehr Eindruck gesorgt. Das aber nur als Randbemerkung. Insgesamt funktioniert die Vermischung der Genres für eine deutliche Steigerung des Geschehens.
Zwei Mal wird das Stück während des Shakespeare-Festivals vom 7. Juni bis zum 7. Juli noch gezeigt. Mit viel Aufwand. Denn es erfolgt eine komplette szenische Anpassung an die Gegebenheiten im Globe-Bau. Und der Besuch lohnt allemal. Das bezeugt das Publikum im Rheinischen Landestheater Neuss, das mit herzlichem Applaus sein Gefallen bekundet.
Michael S. Zerban