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RIO REISER – WANN, WENN NICHT JETZT?
(Rio Reiser)
Besuch am
11. November 2017
(Uraufführung)
Das Rheinische Landestheater Neuss macht Fehler. Vorgeworfen wird ihm laxer Umgang mit der Urheberschaft und ein Understatement, das dem Stück schadet. „Liederabend mit Live-Band“ als Vorankündigung eines Stückes, das voraussichtlich in den nächsten Jahren von Erfolg zu Erfolg eilen wird, ohne denjenigen zu nennen, der das Buch verfasst hat? Das ist mau. Und verdammt ungerecht. Hoffentlich wird Reinar Ortmann, der auch noch der für das Werk zuständige Dramaturg ist, diese Fehler ganz schnell korrigieren.
Denn was jetzt im großen Saal des Theaters zur Uraufführung kommt, ist nicht mehr und nicht weniger als sensationelles Polit-Theater, das die jüngere Zeitgeschichte en passant mit großen Gefühlen erzählt. In einer deutschen Gegenwart, in der der Turbo-Kapitalismus immer groteskere Formen annimmt, in der die 1968-er Generation und alles, wofür sie stand, nur noch spöttisch belächelt oder gar medial ins kriminelle Lager abgeschoben wird, erinnert das Landestheater an einen Künstler, der wie kaum ein anderer für das Lebensgefühl einer Zeit stand, in der Deutschland zum letzten Mal von Utopien träumte, ehe Disko-Kugel und Gewinnstreben ein für alle Mal die wertefreie Gesellschaft an den Abgrund trieben, an dem sie heute steht. Rio Reiser – Wann, wenn nicht jetzt? hat irgendjemand in Neuss das Stück genannt, das Sebastian Zarzutzki inszeniert hat.
| Musik | ![]() |
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Rio Reiser wurde 1950 in Berlin als Ralph Christian Möbius geboren. Seine gymnasiale Laufbahn brach er vorzeitig ab und begann eine Fotografenlehre, die er wiederum vorzeitig beendete, um sich ganz seiner Musik widmen zu können. Kult-Status erreichte er mit der Band Ton, Steine, Scherben, deren Sänger und Haupttexter er von 1970 bis 1985 war. Nach der Auflösung der Band startete Reiser eine Solo-Karriere. Am 20. August 1996 starb Rio an einer Ösophagus-Varizenblutung infolge eines langjährigen Alkohol- und Drogenmissbrauchs im nordfriesischen Fresenhagen. Soweit die nüchternen Fakten, die erstmal so gut wie nichts über einen einzigartigen Menschen und Künstler aussagen. Auch, dass er mit Junimond eines der schönsten Liebeslieder, mit König von Deutschland, Macht kaputt, was Euch kaputt macht oder Keine Macht für niemand nahezu hymnenartige Lieder geschrieben hat, hilft noch nicht viel weiter.
Warum er bis heute in vielerlei Hinsicht Ideal oder Idol ist, bringen die Neusser auf die Bühne. Sorgsam vermeiden sie, ein Musical zu gestalten. Und ebenso glatt rutschen sie glücklicherweise an einem Liederabend vorbei. Anna Lisa Grebe, Philipp Alfons Heitmann, Michael Meichßner und Stefan Schleue stellen kongenial abwechselnd Reiser oder Mitglieder der Gruppe Ton, Steine, Scherben dar. Im Wechselbad der Gefühle machen sie die Faszination des Sängers und seine politische Bedeutung sichtbar, indem sie an „Originalschauplätze“ führen und zeitliche Einordnungen durch kleine Erzählungen vornehmen. Wenn sie den Zuschauerraum stürmen und „besetzen“, entsteht eine Atmosphäre, die das Publikum begeistert. Die Grenze der Rampe ist gekonnt durchbrochen und bleibt für den Rest des Abends brüchig. Gegen Ende verwischt gar die Grenze zwischen Schauspielern und Publikum zugunsten einer eingeschworenen Fan-Gemeinschaft.
Ein Verdienst von Zarzutzki, auch wenn er mit der Personenführung ausgerechnet von Grebe gerade am Anfang offenbar Schwierigkeiten hat. Später findet sie selbst in die Rolle und kann ebenso begeistern wie ihre männlichen Kollegen. Die Bühne hat Jule Dohrn-van Rossum eher als Andeutungsraum aufgebaut. Im Hintergrund, erhöht und zunächst hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang verborgen, ist die Band untergebracht. Davor finden sich Podeststufen, die mit künstlichen Gras überzogen sind – Anspielung auf das ländliche Umfeld der späteren Wohngemeinschaft in Fresenhagen. Die Stufen werden je nach Bedarf mehrfach umgebaut. Vorne rechts ein Barock-Sofa, das eher als Rückzugsort dient. Bei den Kostümen greift Dohrn-van Rossum auf zeitloses Basics zurück. Alle vier Schauspieler sind gleichermaßen in graue Hemden und schwarze Hosen gekleidet, zwischenzeitlich darf auch mal ein goldfarbenes Sakko übergeworfen werden. Hier wäre sicher mehr möglich gewesen, aber das trägt der Gesamtwirkung nicht ab.

Ach ja, der Liederabend. Die Stimme von Rio Reiser ist unverwechselbar. Wer sie einmal gehört hat, hat sie im Blut. Die neuen Arrangements von Jürgen Dahmen sorgen dafür, dass der Eindruck der billigen Imitation vermieden wird. Und so dürfen die Schauspieler nach dem Stimmtraining mit Daniela Donatz mit Liedern brillieren, was das Zeug hält. Es entsteht ein eigenes Werk, das für sich steht und bis zur letzten Note überzeugend daherkommt.
Unterstützt werden die Sänger von der Band. An Klavier und Keyboard gefällt der musikalische Leiter Jürgen Dahmen. Das Schlagwerk bleibt dank Stefan Gesell in der Balance. Daniele Lucci steuert die E‑Gitarren bei, und der Bass ist bei Konstantin Wienstroer in besten Händen. So entsteht ein großartiges Klangbild, dass dank der technischen Unterstützung bei den Sängern immer ausgewogen bleibt. Lediglich bei Grebe müssen die Techniker noch nachjustieren. Denn ihre Stimme – so wird stellenweise deutlich – liegt weit über den Möglichkeiten, die an diesem Abend hörbar werden.
Das Publikum ist hin und weg. Das ganze Kaleidoskop der Danksagung findet statt, nicht enden wollend, als ob der Abend vollständig sei. Aber dann, bei den Zugaben, passiert es. Junimond wird gesungen – und ganz wunderbar. Endlich. Damit wird das Bild eines Menschen vervollständigt, der Politik und Gefühl als eins begriffen hat. Der sich taumelnd durch eine Wirklichkeit bewegte, die seine eigene war, die die der Gesellschaft hätte werden können. Und, wer weiß, möglicherweise in eine bessere Welt geführt hätte. Das Neusser Theater hat das in großartiger Weise auf die Bühne gebracht, mit all den Zwischentönen und der Absolutheit, die das Thema erfordert. Ob Rio Reiser in dieser Welt lediglich als blinder Passagier unterwegs war, also einer, der eigentlich nicht dazugehört, oder einer, der uns aus dem Abseits in Zukunft wieder auf den rechten Pfad führt, kann auch dieser Abend nicht klären. Aber das ist auch nicht der Anspruch. Das müssen die Zuschauer für sich selber klären.
Michael S. Zerban