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SEELE
(Diverse Komponisten)
Besuch am
9. März 2024
(Premiere)
Was macht eigentlich ein gutes Stadttheater aus? Darüber mögen die Ansichten weit auseinander gehen. Ein untrügliches Zeichen aber ist sicher, wenn die Ensemble-Mitglieder so weit gefördert werden, dass sie an der Entwicklung von Stücken maßgeblich beteiligt werden oder sogar eigene Stücke auf die Bühne bringen. Für Peter Carp gehörte das in seiner Zeit als Intendant des Oberhausener Theaters zum guten Ton. Das wird wohl auch Peter Waros so erlebt haben. In Rostock geboren, studierte er in seiner Heimatstadt Schauspiel. Nach vier Jahren in Luzern arbeitete er von 2008 bis 2017 am Theater Oberhausen. 2018 ging er an das Rheinische Landestheater Neuss. Hier präsentiert er heute Abend sein eigenes Konzert auf der Studiobühne.

Der Trend, nicht nur im Theater, geht ja dahin, dass alles lustig oder mindestens unterhaltsam ist. Ablenkung ist besser als Hinterfragen. Waros will dem mit seinen Liedern etwas entgegensetzen. Unter dem Titel Seele kündigt er bewusst einen melancholischen Liederabend an. Er verspricht einen sehr persönlichen Abend, „der zum Nachdenken anregen soll und die tiefer verborgenen Saiten des Lebens zum Schwingen bringen kann“. An seine Seite hat er Volker Kamp geholt. Der hat am ArtEZ in Arnheim Jazz- und Popularmusik mit den Hauptfächern E- und Kontrabass studiert und sich später zum Multiinstrumentalisten entwickelt. Neben vielfältigen Einsätzen unter anderem in den Bereichen Jazz, Blues und Rock ist er auch als Theatermusiker beschäftigt.
Zwar bleibt der Ansturm eines Komödienabends aus, aber immerhin ist das Studio gut besucht. Die Bühne kommt ohne jeden Schmuck aus. Die dort aufgebauten Instrumente sind an sich schon eindrucksvoll. Das Klavier ist „falsch herum“ aufgebaut, so dass der Spieler mit dem Rücken zum Publikum sitzen muss. Daneben stehen E‑Gitarre und E‑Bass, eine Bouzouki und ein Kontrabass, davor ist Platz für ein Xylophon. Alles ordentlich verkabelt und damit elektronisch verstärkt. Auch die Stimmen werden mit Mikrofonen verstärkt. Wenige Scheinwerfer setzen die Szene eindrucksvoll, aber punktgenau ins rechte Licht. Und man darf es vorwegnehmen: Die Technik leistet hochpräzise Arbeit auch dann, wenn die Mikrofonierung an ihre Grenzen gerät.

Die Aufführung beginnt mit Nie geboren von Nico Suave am Klavier. Wer danach eine Begrüßung oder Erläuterung erwartet, wird enttäuscht. Gruß- und wortlos geht es durch den Abend. Das nimmt der Aufführung viel an möglicher Nähe, die ihr Titel doch impliziert. Stattdessen geht es weiter mit In diesem Moment von Roger Cicero im Arrangement für E‑Gitarre und Stimme. Wie auch bei den folgenden Arrangements gefällt, dass Kamp sich sehr zurücknimmt und tatsächlich auf die Begleitung konzentriert. Wenn Waros sich auf gesangliche Ausflüge wie ins Falsett einlässt, gerät er für das geschulte Ohr an gefährliche Grenzen. Aber schließlich ist das eine Darbietung von Popsongs wie Woran hältst du dich fest, wenn alles zerbricht der 28-jährigen Ravensburger Sängerin Lotte und kein Operngesang. Und die Stimme reicht, das Publikum emotional zu erreichen. 17 Lieder haben die beiden mitgebracht, die Waros voneinander abgrenzt, indem er bedeutungsvoll ein bis drei Töne auf dem Klavier anschlägt. Hier wäre der Platz gewesen, etwas über die Lieder zu erzählen. Dann hätten auch die älteren Besucher möglicherweise erfahren, dass es sich großenteils um brandaktuelle Pop-Songs handelt wie das Narbenherz von Michél von Wussow, der Aufstehmensch von Alexa Feser oder 5 Meter Mauern der Gruppe Elen, deren Song durch die Interpretation eines 18-Jährigen in einer Fernsehshow im vergangenen Jahr ungeheure Popularität bei den Jugendlichen erfuhr.
Eine sehr schöne Ausnahme erfährt ein Volkslied aus dem 17. Jahrhundert. 1646 hatte Pater Johann Werlin Es geht eine dunkle Wolk in seiner Liederhandschrift veröffentlicht. Das Lied wurde später um zwei Strophen erweitert. Kamp nimmt das zum Anlass, auf ein für diesen Abend ungewöhnliches Instrument zuzugreifen und so das Ausgefallene zu unterstreichen. Nach mehr als einer Stunde ununterbrochener Musik, die noch die eine oder andere kleine Überraschung beinhaltet, sind dann auch alle Beteiligten erschöpft, was das Publikum nicht daran hindert, den beiden Musikern lange und herzlich zu applaudieren. Caroline Stolz, die Ende kommender Woche die Premiere ihrer letzten Inszenierung als Intendantin feiern darf, lässt es sich nicht nehmen, Waros und Kamp persönlich Blumensträuße zu überreichen. Die besondere Form der Wertschätzung wird dem Abend insgesamt gerecht. Und so ist zu begrüßen, dass es am 13. März und 7. April Folgevorstellungen von Seele geben wird.
Michael S. Zerban