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KÖNIG LEAR
(William Shakespeare)
Besuch am
19. Juni 2019
(Gastspiel)
Die Gründe, warum Festivals und immer mehr Festivals gegründet werden, sind so vielschichtig wie das Leben selbst. Dass ein Festival erfolgreich wird und bleibt, ist letztlich aber immer auf einen Grund zurückzuführen. Es bietet etwas Außergewöhnliches, das Menschen von nah und fern und immer wieder anlockt. Das kann schon mal die ganz besondere Atmosphäre, das können schon mal ausgefallene bauliche Anordnungen sein, letztlich funktionieren aber weder der „(Shakes-)Biergarten“ noch die Burgruine, wenn das Festivalprogramm nicht das Ausgefallene bietet, das die Besucher über viele Stunden auf oft unbequemen Sitzgelegenheiten verbringen lässt.
Beim Shakespeare-Festival in Neuss kommen sicher mehrere Gründe zusammen. Eine angenehme Anreise auf einen kostenfreien Parkplatz, Service-Personal, das sich wirklich bemüht, an alles zu denken, ein ungewöhnliches, aber kuscheliges Festival-Areal, eine ausgefallene Spielstätte mit dem Globe-Theater – und eben ein Programm, das sich immer wieder durch originelle Auftritte auszeichnet. Zu den Festival-Teilnehmern der ersten Stunde gehört die Bremer Shakespeare Company, deren Name auf dem Festivalgelände mit Wohlklang genannt wird. Aber in diesem Jahr ist wohl der Wurm drin. Nach der verunglückten Aufführung von der Widerspenstigen zwei Tage zuvor, steht jetzt König Lear auf dem Zettel. Vorab aber sind die Besucher mit einem ganz anderen Thema beschäftigt. Das erste Gewitter seit Tagen geht über Neuss hinab. Es hatte sich den ganzen Tag über schon angekündigt, aber pünktlich zum geplanten Wechsel vom Festival-Zentrum zum Globe-Theater öffnen sich die Himmelsschleusen. Selbstverständlich haben die Helfer das alles im Griff. Mit Schirmen stehen sie bereit, um die Gäste trockenen Hauptes in die Spielstätte zu geleiten. Und wer erst mal im geschützten Bau ist, kann das Prasseln des Regens auf das Dach des Theaters sogar als atmosphärische Ergänzung genießen.

Damit den aufregendsten Moment des Abends beschrieben haben zu wollen, wäre sicher übertrieben. Aber weit davon entfernt ist die Inszenierung von Bernd Freytag nicht. Um seinen Regie-Ansatz mit minimalistisch zu beschreiben, fehlt es an der künstlerischen Qualität. Einfallslos, lieblos, fantasielos trifft diese Aufführung eher. Wieder hat die Bremer die Einladung nach Neuss nicht beflügeln können, sich über die Spielstätte Gedanken zu machen, die sich so hervorragend für dreidimensionale Einsätze anbietet. Vielmehr erinnert das an eine Schultheater-Produktion im Niedrig-Etat-Bereich. Christine Gottschalk hat als Bühne drei Etageren im Hintergrund nebeneinander aufgebaut, über die es ständige Auf- und Abtritte gibt. Als besondere Attraktion versammelt sich der Chor hinter den Etageren und stützt die Hände vornübergebeugt darauf. Bei den Kostümen hat Heike Neugebauer auf historisch anmutende Gewänder zurückgegriffen, spröde und nur entfernt die – wechselnden – Machtstrukturen andeutend. Die Toneinspielungen von Mark Polscher klingen technisch wie künstlerisch dilettantisch. Ob Bernd Wolf und Thomas Rechter, eigentlich für das Licht zuständig, überhaupt anwesend sind, ist nicht bekannt. Aber so viel Putzlicht hat man selten gesehen. Freytag verlangt vom Ensemble nicht viel. Eine aufwändige Gangart des Narren, kuriose Fortbewegungsarten, wenn es darum geht, Gloucester nach Dover zu bringen. Schlicht blödsinnig. Und das ist alles in allem ziemlich ungerecht gegen das Ensemble, dem man anmerkt, dass hier sehr viel mehr möglich gewesen wäre.
Mit Erik Roßbander einen King Lear zu erarbeiten, muss ein Füllhorn an Möglichkeiten darstellen. Eine Andeutung davon ist an diesem Abend zu spüren. Cordelia wird hier als verstörte Cordelia interpretiert, die schließlich als Jeanne d’Arc autistische Züge annimmt. Theresa Rose nimmt dazu Positionen ein und verharrt darin. Und sie bekommt keine Möglichkeit, ihre Wut über eine derart eindimensionale Darstellung zu äußern. Mit Svea Maiken Auerbach als Goneril und Petra-Janina Schulz als Regan hat Freytag zwei großartige „böse“ Schwestern zur Verfügung. Die steifen Auftritte zeigen keinen Hochmut, sondern Einfallslosigkeit des Regisseurs. In Bruchteilen von Momenten dürfen die Schauspielerinnen zeigen, dass da viel mehr möglich gewesen wäre. Ein wahrer Lichtblick ist Tobias Dürr als Narr und Kent, die bei fehlenden Kostümwechseln kaum auseinanderzuhalten sind. Aber das ist zu diesem Zeitpunkt auch schon egal. Peter Lüchinger stellt den Grafen Gloucester dar, der sich weiße Schminke über die Augen schmiert, um zwei herausgerissene Augen zu zeigen. Dank seiner Überzeugungskraft nimmt man ihm das ab, obwohl das wirklich weniger als das Minimum an Dramatik ist. Gleich vier Rollen übernimmt Markus Seuß und befindet sich damit im Umkleide-Stress. Er übernimmt das mit der nötigen Professionalität und schafft damit noch weniger Versprecher als die anderen. Tim Lee sorgt in seiner Sterbeszene als Edmund gar für unfreiwillige Lacher. Für ein Drama dann wohl das endgültige Todesurteil.
Offenbar hat sich auch dieses Stück niemand im Vorfeld angesehen, obwohl es bereits vor fünf Jahren Premiere hatte. Damit hat sich die Bremer Shakespeare Company nicht nur zum zweiten Mal ein Armutszeugnis ausgestellt, sondern auch das Festival schon in der ersten Woche in eine ziemliche Schieflage gebracht. Darüber kann auch der überschwängliche Applaus des Publikums an diesem Abend für die Schauspieler nicht hinwegtäuschen.
Am kommenden Wochenende tritt das Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg mit Shakespeare at the Opera an. Auch, wenn noch nicht ganz klar ist, was Shakespeare mit der Oper zu tun hat, sind schöne Stimmen schon jetzt garantiert. Eine gute Gelegenheit also, dem Festival die nötige Wendung zu geben.
Michael S. Zerban