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WAS IHR WOLLT
(William Shakespeare)
Besuch am
24. Juni 2019
(Premiere)
Manchmal weiß man nicht, was man dem Neusser Shakespeare-Festival mehr wünschen soll, was das Wetter angeht. Regen schreckt die Menschen vom Besuch ab, bei Sonnenschein heizt das Globe-Theater mächtig auf. Heute gehen die Temperaturen über 30 Grad. Das Theater ist komplett ausverkauft. Und das Service-Personal zeigt sich vorbereitet. Fächer werden zum Kauf angeboten, beim Einlass gibt es für jeden, der möchte, eine Flasche Wasser. Dass selbst solche Maßnahmen nicht ausreichen, wird sich später zeigen.
Wie in jedem Festival-Jahr kommt auch heuer eine Inszenierung eines Shakespeare-Stücks des Rheinischen Landestheaters Neuss zur Aufführung, die am 19. Januar dieses Jahres Premiere auf der Bühne des Landestheaters feierte, ehe sie jetzt im Globe-Theater gezeigt wird. Dieses Jahr sind drei Aufführungen von Was ihr wollt in der Inszenierung von Alexander Manusch vorgesehen. Eine Komödie „mit Schmackes“, die turbulent inszeniert sein will. Achim Naumann d’Alnoncourt richtet die Bühne im Globe-Theater intelligent mit wenig Aufwand ein. Auf dem ersten Balkon gibt ein Vorhang Gelegenheit für Auftritte und schwungvolle Abgänge. Im Erdgeschoss gibt es auf der linken Seite eine Stiege und eine Leiter, die bis zum Balkon führt. Eine Tür eröffnet zusätzliche Möglichkeiten für Abgänge. Im Hintergrund bietet eine halbtransparente Fläche Platz für Projektionen, die nettes Beiwerk, aber nicht zwingend notwendig für die Handlung sind. Der Rest der Spielfläche ist frei für die ausgezeichnete Raumnutzung der Darsteller.

Die undankbarste Rolle des Abends hat sicher Richard Lingscheidt, der als Sebastian nicht nur ein paar kurze Auftritte verzeichnen kann, die auch noch – vielleicht bis auf die Schlussszene – vergleichsweise nichtssagend sind. Ganz im Gegensatz zu Schwester Viola, die als Hosenrolle angelegt ist und dafür sorgt, dass Kathrin Berg sich so richtig ausleben kann. Dass die Kussszene mit Olivia ursprünglich eine Szene zwischen Männern war, hat an diesem Abend wohl niemand im Kopf. Ansonsten stellt Manusch die homoerotischen Szenen gerne und ausführlich in den Vordergrund, ohne allerdings den Humor aus den Augen zu verlieren. Johanna Freyja Iacono-Sembritzki spielt eben diese Olivia mit viel Leidenschaft sowohl, was die ablehnende Haltung gegen Orsino angeht als auch, wenn es Zeit für amouröse Avancen und Liebesschwüre ist. Dem Orsino verleiht Pablo Guaneme Pinilla auch als Verlierer noch Größe. Die extremen Wechsel in der Rolle des Malvolio bekommt Hubertus Brandt gekonnt und mit Verve und viel Spielfreude in den Griff. Herrlich schnoddrig zeigt sich Emilia Haag als Narr. Tolldreist treibt es das Dreiergespann Stefan Schleue, Peter Waros und Josia Krug als Sir Tobey, Sir Andrew und Fabian. Als im ersten Rang ein Besucher kollabiert und die Sanitäter sofort zur Stelle sind, verfügt Schleue vehement eine Pause, damit die Helfer nicht auf das Spiel Rücksicht nehmen müssen, sondern effizient und zügig eingreifen können. Ebenso resolut sammelt Waros mittels Zuruf die Zuschauer wieder ein, die entgegen besseres Wissen aufgestanden sind und sich an den Ausgang gestellt haben. Schön, dass hier souveräne Schauspieler auf der Bühne stehen, die im rechten Moment selbst entscheiden, was zu tun ist. Dass es dafür ein paar Bühnenohrfeigen zusätzlich gibt, erfüllt das Publikum mit größtem Vergnügen. Linda Riebau versucht, ihren Wiedereinstieg in die Szene mit einem Lachanfall hinzubekommen, was nicht funktioniert, ihr aber viele Sympathien seitens der Zuschauer einbringt und die Rolle der Maria deutlich aufwertet.

Insgesamt ist es Manusch gelungen, die Komödie von 1601 ohne Schenkelklopfer, aber mit viel Witz in ein Fantasie-Heute zu übertragen. Daran haben die Darsteller großen Anteil, die die antiquierte Sprache weitestgehend in einen modernen Sprachfluss bringen. Ein noch größeres Kompliment gebührt ihnen, dass sie trotz des tropischen Klimas im Zelt die volle Leistung zeigen und hochkonzentriert im Text bleiben. Das bei Temperaturen, bei denen andere Leute schon Schwierigkeiten im Alltag haben, vollständige Sätze zu bilden. Die Musik, die Christian Kuzio beisteuert, kommt im Globe „vom Band“ und verliert damit an Wirkung, aber die Idee, mit der Gitarre des Narren zu kommunizieren, wird deutlich.
Wahrhaft beglückt, dankt das Publikum langanhaltend für eine zweieinhalb Stunden dauernde, aber klar erzählte Geschichte ohne Längen. In der kommenden Woche wird Twelfth Night noch einmal aus anderer Sicht erzählt werden. Dann wird Guy Retallack gemeinsam mit Bridge House Productions SE 20 Limited das Stück in einer Deutschlandpremiere auf Englisch zeigen.
Michael S. Zerban