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DIE WIDERSPENSTIGE
(nach William Shakespeare)
Besuch am
17. Juni 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Im Programmheft des Shakespeare-Festivals im Globe-Theater Neuss ist für diesen Tag Die Zähmung der Widerspenstigen mit einer kurzen Inhaltsangabe des Shakespeare-Stücks aufgeführt. „Wir wollen sehen, was die Bremer daraus machen“, schließt der kurze Text. Was die Company daraus macht, kündigt sie in ihrem Programmheft an. Regisseur Ralf Siebelt verwebt den Roman Die störrische Braut von Anne Taylor mit der Zähmung der Widerspenstigen. „Dem sind wir nachgegangen und haben eine zeitgenössische Komödie formuliert, eine Familiengeschichte, ein Frauenschicksal. Shakespeares Original taucht darin als surreale Fantasiewelt auf, als Alptraum, als verzerrte Welt. Aber auch als Möglichkeit, aus der realen Geschichte auszusteigen, mit den Verhältnissen, die einfach nicht mehr so sein dürfen wie vor 400 Jahren, zu spielen, sie zu überprüfen, sie auszustellen und anzuprangern“, sagt Simone Sterr, die gemeinsam mit Siebelt den Text für das neue Stück Die Widerspenstige erarbeitet hat.
Die Bühne ist eine Mischung aus Privathaushalt und Labor, die in die Bühnenverhältnisse des Globe-Theaters hineingepresst wird. Am linken Bühnenrand ein Labortisch, ein Kühlschrank mit Mikrowelle obenauf, davor ein Schreibtisch, über dem verschiedene Geräte, Infusionsflaschen, Leitungen und so weiter hängen. Rechts ist eine Kommunikationsstation aufgestellt, von der aus eine Art „Alexa“ angesprochen werden kann, Videotelefonie möglich ist und nicht genau definierte Lichter blinken. Darüber hängt noch ein Sack, der sich später als Aufbewahrungsort für ein Hochzeitskleid entpuppen wird. Im Mittelpunkt ist ein Tisch aufgebaut, der eine Art Oberbühne darstellt. Hier findet also kein Theater im Globe statt, sondern der Bühnenaufbau von der Premiere am 12. April im Theater am Leibnizplatz in Bremen wird in die Spielfläche eingepasst. Das kann man so machen, andere Ensembles bemühen mehr Fantasie, was die Anpassung an das Neusser Kleinod angeht. Heike Neugebauer ist für diese Bühne wie für die Kostüme verantwortlich. Sie entscheidet sich für zeitgenössische Kostüme – schließlich soll es ja eine zeitgenössische Komödie werden – und findet raffinierte Lösungen für Käthchen, die zunächst im unförmigen Overall auftritt, um sich später in rotem T‑Shirt und noch später im Brautkleid zu präsentieren. Und damit geht es in die neue Geschichte, die sich die Bremer ausgedacht haben.

Käthchen ist eine frustrierte Studienabbrecherin ohne Beziehung Mitte 30, die sich für Paläo-Geografie interessiert und sich um den Haushalt ihres Vaters kümmert, der als Professor die Immunsituation von Mäusen erforscht. Mit im Haushalt lebt die 15-jährige Schwester Bibi, die ihren Freund und Nachhilfelehrer Eddie mit durchfüttert. Dem russischen Assistenten des Vaters, Pjotr, droht die Ausweisung aus Deutschland. Deshalb soll Käthchen mit ihm eine Scheinehe eingehen. Als sie schließlich einwilligt, gerät alles vollends aus dem Ruder. Aber am Ende steht ein Ja. Siebert durchmischt die Story mit Zitaten aus Der Widerspenstigen Zähmung, die durch das Licht von Torsten Ehlen, Kai Henkhus und Thomas Rechler, die auch für die Ton-Einspielungen zuständig sind – sehr unscharf allerdings – abgegrenzt werden. Videos von Iris Holstein unterstützen die Handlung eher marginal. Und so entsteht eine Szene, die zwischen Klamauk und Unverständnis schwankt. Albernes Boulevardtheater wechselt mit Shakespeare-Theater, die Grenzen verwischen, Klamotte von Vegetariern, Übelkeit erregendem Essen und Klischees von Weltverbesserern verwässern die Botschaft, die eigentlich den Rollenwechsel von Käthchen in der Jetzt-Zeit zeigen will. Das Lachen der Zuschauer versiegt allmählich, einige verlassen die Vorstellung vorzeitig.
Das liegt auch an der Leistung der Darsteller, die in all der Verwirrung selbst nicht mehr zurecht zu kommen scheinen. An die Haspler gewöhnt man sich, an die Vermischung der Szenen kaum. Den Persönlichkeiten, die da auf der Bühne agieren, ist zu verdanken, dass man dem Abend zumindest auf Boulevard-Ebene etwas abgewinnen kann. Svea Meiken Auerbach überzeugt als Käthchen. Tim Lee muss mit dem Regie-Einfall leben, aus allen ü ein u zu machen, was er immerhin konsequent verfolgt. Erik Rossbander mimt ordentlich den Vater. Simon Elias spielt ebenso engagiert wie Nora Rebecca Wolf den Revoluzzer.
Aus einem ernsten Thema eine Komödie entstehen zu lassen, hat immer schon zum Schwierigsten gehört, was ein Theater leisten kann. Hier ist es gründlich schiefgegangen. Slapstick, Kopulationsaufdringlichkeiten, selbst wenn sie in Geschlechter-Rollenwechseln stattfinden, und flache Dialoge tragen sicher nicht dazu bei, Shakespeare und sein Frauenbild kritisch zu hinterfragen, auch wenn der Anspruch löblich ist. Und so bleibt der Applaus an diesem Abend auf höflichem Niveau.
Am kommenden Mittwoch steht King Lear von der Bremer Shakespeare Company auf dem Programm. Da ist zu hoffen, dass die Schauspieler mehr Tiefgang geboten bekommen. Dass die Bremer das leisten können, steht außer Frage.
Michael S. Zerban