Konservativer Vortrag

STERNSTUNDE DES GESANGS
(Christian Gerhaher, Gerold Huber)

Besuch am
7. September 2018
(Einma­liges Gastspiel)

 

Zeughaus-Konzerte Neuss

Neuss ist berühmt. Für sein Schüt­zenfest. Über die Landes­grenzen hinaus. Der dazuge­hörige Umzug wird vollum­fänglich vom Westdeut­schen Rundfunk im Fernsehen übertragen. Ist auch eine Form der Kultur­be­richt­erstattung. Bunt, laut und lang. Bei anderen Kultur­er­eig­nissen hält sich der Sender bedeckt. Schade, eigentlich.

Kultur­re­ferent Rainer Wiertz ist in Neuss verant­wortlich für die Program­mierung des Shake­speare-Festivals, die Inter­na­tio­nalen Tanzwochen Neuss und die Zeughaus­kon­zerte. Da hat man sich einen Urlaub redlich verdient, in dem man auch nichts mit Tanz, Gesang und Musik zu tun hat. Und wer sitzt ihm gegenüber, als er in seiner Pension am Urlaubsort vor zwei Jahren zu Abend isst? Christian Gerhaher. Ist normal, oder? Man kommt ins Gespräch. Und Wiertz kann es sich nicht verkneifen zu fragen, ob der Bariton nicht auch mal in Neuss auftreten will. Selbst­be­wusstsein hilft. „Na klar“, lacht Gerhaher, „ich komme auch gern nach Neuss.“ Das lässt sich Wiertz nicht zwei Mal sagen. Und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um einen Auftritt des Sängers zu ermög­lichen, der inzwi­schen eher selten auf Bühnen unterwegs ist, die nicht in den Metro­polen dieser Welt liegen.

Gerhaher kommt, der WDR nicht. Ein Frank­furter, der sich an diesem Abend eher zufällig in Neuss aufhält, ist beglückt. „In 80 Metern Luftlinie zur Alten Oper in Frankfurt wohne ich – und meinst du, ich bekomme eine Karte für ein Gerhaher-Konzert? Nichts da. Nach Neuss muss ich kommen, um ihn zu erleben“, feixt der Geschäftsmann. Und er wird nicht enttäuscht.

Urlaubs­be­kannt­schaft: Gerold Huber, Rainer Wiertz und Christian Gerhaher – Foto © O‑Ton

Mit Liedern nach Friedrich Rückert, dem Schwa­nen­gesang – so bezeichnet man unter anderem das letzte Werk eines Kompo­nisten oder Dichters, in diesem Fall geht es um die Gedichte von Friedrich Rellstab, die Franz Schubert vertont hat – Liedern nach Heinrich Heines Gedichten und der Taubenpost von Johann Gabriel Seidl hat sich Gerhaher ein eher konser­va­tives Programm vorge­nommen. Aber wenn ein Sänger singt, was er am besten kann, ist damit auch ein beson­deres Erlebnis gewährleistet.

Und der Bariton enttäuscht die Besucher im nahezu ausver­kauften Zeughaus nicht. An das Klavier gelehnt und von dort nicht wegzu­be­wegen, zeigt er die ganze Bandbreite sänge­ri­schen Könnens, geht in den Tonlagen bis an die Grenzen, überrascht durch gekonnte Brüche und gewagte Stimm­la­gen­wechsel und bleibt vom Piano bis zum Forte textver­ständlich. An diesem Abend lernen die Besucher, wie roman­tische Lieder klingen müssen. Und es gibt wohl keinen Zweifel daran, dass die Lieder zur Zeit ihrer Entstehung nicht halb so gut geklungen haben. Schließlich ist Gerhaher erst 1969 geboren.

Mit Gerold Huber hat Gerhaher einen konge­nialen Partner am Klavier gefunden, der das Einfüh­lungs­ver­mögen des Sängers am Flügel nachver­folgt. Wer so an einem fremden Flügel spielt, ist in der Weltklasse zuhause.

Ob man eine solche Stern­stunde des Gesangs, wie das Zeughaus-Konzert ein wenig pathe­tisch, aber letztlich zutreffend, übertitelt ist, derart konser­vativ gestalten muss, mögli­cher­weise das Kunstlied überhaupt nur im Frack gesungen werden kann, sei dahin­ge­stellt. Das Publikum nimmt es mindestens in Kauf und überschlägt sich vor Freude. „Bravo“-Rufe werden laut. Und nach zwei Zugaben weiß auch der letzte Zuschauer, dass er hier und heute in Neuss einen ganz beson­deren Abend erlebt hat.

Michael S. Zerban

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