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STREICHERSPIEL UND SERENADEN
(Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein)
Besuch am
18. Februar 2018
Der Name täuscht und steht für eine gerade mal 40 Jahre währende Nutzung des ab 1637 errichteten Klostergebäudes am Neusser Neumarkt. Von 1815 bis 1855 mietete der preußische Staat die Kirchenräume an, die sich seit etwa 1802 in städtischem Besitz befinden, um sie als Lagerraum für Waffen und anderes militärisches Material zu nutzen. In den Folgejahren diente das Zeughaus als Schule, wurde als Theatersaal der Vorläufer des unweit liegenden Rheinischen Landestheaters Neuss und wird heute, mit modernster Haustechnik und einer blendenden Akustik ausgestattet, als Konzertsaal und „Event-Location“ genutzt.
An diesem Sonntagvormittag herrscht ein ziemliches Gedränge im Foyer. Wieder einmal, wie üblich, wenn die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein auftritt, ist die bevorstehende Aufführung ausverkauft. Im sonnendurchfluteten Konzertsaal breitet sich eine prächtige Stimmung aus. Alle brennen darauf, die neue artist in residence, Isabelle van Keulen, und ihre Arbeit näher kennenzulernen. Man hat ja schon viel von ihr gehört, erst wenige haben sie erlebt. Doch noch spannt Orchestermanager Martin Jakubeit das Publikum mit einleitenden Worten auf die Folter, ehe die neue Künstlerische Leiterin des Orchesters das Podium betritt.
Die Kammerakademie ist an diesem Morgen mit 22 Streichern angetreten. Es herrscht eine ungewöhnliche Atmosphäre. Hier sind junge Menschen am Anfang ihrer Karriere versammelt, die was erreichen wollen und gut vorbereitet sind. Vom eigenen Können überzeugt, präsentieren sie zum Einstieg das Satzpaar Adagio und Fuge c‑Moll. Wolfgang Amadeus Mozart ist ja für eine Matinee immer gut. Etwas anspruchsvoller wird es da schon mit dem Violinkonzert in d‑Moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die überschießenden Fantasien eines Vierzehnjährigen schwelgen zwischen Zitaten und eigenen überbordenden Ideen.
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Isabelle van Keulen moderiert das Konzert Streicherspiel und Serenaden anekdotisch und von leichter Hand. Verschmitzt kündigt sie das folgende Stück mit der größtmöglichen Drohung für das herkömmliche Konzertpublikum an. Zwölftontechnik. Ja, da geht ein Raunen durch den Saal. Die Geigerin, die gleichzeitig als Dirigentin des Orchesters fungiert, kann das Publikum beruhigen. Immerhin sei die Musik ja auch schon über 67 Jahre alt. Erleichtertes Lachen im Saal. Das hat schon etwas Bizarres. Zu Mozarts Zeiten waren rund 95 Prozent aller Aufführungen zeitgenössisch. Heute hat sich das Verhältnis quasi umgekehrt – und die Menschen zucken noch zusammen, wenn ein Stück aufgeführt wird, das 70 Jahre alt ist. Bei Neuer Musik kann man nicht vorsichtig genug sein. Schon mutig, ein solches Werk nach der Pause aufzuführen. Üblicherweise werden solche „gewagten Experimente“ vor der Pause durchgeführt, damit das Publikum bleibt.
Witold Lutostawskis Musique funèbre ist eine Hommage an Béla Bartók und erweist sich mit Abstand als das aufregendste, stürmischste Stück des Vormittags. Die jungen Musiker zelebrieren das mit der gleichen Brillanz und Transparenz, mit der sie sich in der Romantik austoben. Van Keulen hat die Arbeit des Einstudierens im Vorfeld geleistet und kann sich jetzt auf Andeutungen verlassen, die die Nachwuchsstreicher dankbar aufgreifen. Gern schaut man da auch schon mal auf den Nebenmann, um Orientierung zu finden.
Gegen die Inbrunst Lutostawskis wirkt die Serenade Antonin Dvoráks geradezu parfümiert. Da genießt man die Walzertakte, die von der Kammerakademie geradezu swingend transportiert werden, aber die Aufregung eines Lutostawski wird hier nicht erreicht. Was mit den Leistungen des Orchesters sicher nichts zu tun hat.
Konzerte, die zu Zeiten stattfinden, in denen der Kirchgang vorgesehen ist, können nicht die gleiche Wirkung erreichen wie am Abend, egal, wie viel Sekt gereicht wird. Aber dass hier ein neuer Arbeitsstil gepflegt wird, zeigt sich nicht nur in den abschließenden Umarmungen van Keulens, die sie an die erreichbaren Musiker verteilt.
Und das Publikum ist begeistert. Verspätung wie Zugabe werden souverän hingenommen. Die Zeiten, in denen der Braten im Ofen schmort, sind wohl endgültig vorbei. Schade eigentlich.
Michael S. Zerban