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THE BATTLE
(Diverse Choreografen)
Besuch am
22. November 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Die Internationalen Tanzwochen in Neuss haben die Compagnie Introdans aus den Niederlanden in die Stadthalle eingeladen, und die wartet mit einem ungewöhnlichen Programm auf. Der Abend beginnt mit einem Film. Und der erklärt die Besonderheit dieses Abends. 75 Jahre ist der Kampf um die Brücke von Arnheim, dem Sitz der Compagnie, her. Der Film zeigt historische Aufnahmen, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, die unter anderem von der Nacht erzählen, als „Pilze“ vom Himmel fielen. Es waren die Fallschirme der Alliierten, die weiß vom Nachthimmel herunterleuchteten und so viel Hoffnung brachten. Bei allem Leid damals haben Menschen in den Niederlanden und Deutschland 75 Jahre lang keinen Krieg mehr erlebt. Wenn das kein Wunder ist. Das erlebte auch die Eusebiuskerk in der Stadt. Im Bombardement wurde sie weitgehend zerstört und nach dem Krieg wieder aufgebaut. Seitdem steht sie für den Frieden. Und stellt ungewollt die Verbindung zum heutigen Abend her.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Als erstes steht die Missa brevis von Zoltán Kodály auf dem Programm. José Limón hat sie 1958 zum ersten Mal vertanzt. Und zum 70. Geburtstag der Limón Dance Company „erhielt Introdans als erste niederländische Compagnie die Zustimmung, José Limóns Messe aufzuführen“. Die Freude darüber ist durchaus nicht ungeteilt. Ming Cho Lee hat die 17 Tänzer in Kostüme gesteckt, die an Prüderie kaum zu überbieten sind – was ja angesichts der Kirchenmusik noch angebracht sein mag. Viel schwieriger zu lösen ist allerdings der Konflikt zwischen der Musik und dem Tanz. Da fährt Limón große Tableaus auf und macht sie mit Miniatur-Trippelschritten wieder klein. Prozessionsfigurähnliche Bilder und angenäherte Mönchsbewegungen scheinen ideal vertanzt, widerstreben aber der sakralen Annäherung. Dazu dröhnt aus den Boxen die Missa brevis so gewaltig, dass sie allen Tanz überstrahlt. Nein, so richtig glücklich möchte man mit dieser Choreografie nicht werden. Dass eine solche Gestaltung in den 1960-er Jahren viel Aufsehen erregte, mag schon sein. Heute bleibt davon wenig. Zumal in Neuss offenbar eine reduzierte Version gezeigt wird.

Nach der Pause ist nicht länger von Krieg und Kirche die Rede. „Wie ein Übergangsritus oder eine Wanderung durch die Wüste mit unbekanntem Ziel“, beschreibt Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui seine Arbeit Qutb. Zur Musik von Felix Buxton, Fahrettin Yarkin, Sufi Vocal Masters and Mono & World’s End Girlfriend, einer Melange, die in erster Linie orientalisch geprägt ist, drehen sich die Körper zweier Tänzer und einer Tänzerin um eine Achse, wie es der Titel der Choreografie beschreibt. Kimie Nakano hat dazu Kostüme entworfen, die viel Freizügigkeit bieten, ohne mit Nacktheit beeindrucken zu wollen. Fabiana Piccioli setzt beim Licht nicht immer passende Spots, die einiges der Dunkelheit anheimgeben. Warum, bleibt ihr Geheimnis.
Ebenso unerklärlich bleibt, warum ein weiteres Video gezeigt werden muss. Die Idee zum Film hatte der Choreograf des darauffolgenden Stücks, Cayetano Soto. Ein vierminütiges Werk, das Tanz in einer paradiesisch anmutenden Badelandschaft zeigt, gut geeignet für einen Filmkanal im Internet. Zum Abend trägt es nicht bei, zudem auch noch unnötig zeitraubend die Leinwand auf- und abgebaut werden muss. Dann kann es mit der Live-Aufführung weitergehen. Mit Alma stellt Soto ein Stück vor, das in diesem Jahr zur Uraufführung kam. Acht Minuten lang dürfen sich die Damen von Introdans zu klassischer Musik in vom Choreografen selbst designten Latexkostümen präsentieren. Weichgespülte Formationen im Dämmerlicht bedienen den Geschmack des Massenpublikums, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Mit harten, stampfenden Rhythmen von Les Tambours du Bronx aus der Lautsprecherbox will Robert Battle den martialischen Eindruck seiner Arbeit The Hunt aus dem Jahr 2001 unterstreichen. Am Ende der viertelstündigen Aufführung ist allerdings nicht so ganz klar, ob es nicht doch eher eine Parodie sein sollte, was die Herren der Compagnie mit entblößtem Oberkörper und Röcken von Mia McSwain zeigen. Einen „Urtanz mit urbanen Anklängen“ wollte Battle zeigen. Herausgekommen ist dabei ein unfreiwillig komischer Indianer-Regentanz, der sich mit fließenden Bewegungen der Härte der Musik entzieht.
Am Ende des zweistündigen Abends hat sich der ambitionierte Anspruch des Anfangs in Wohlgefallen aufgelöst. Wunderbare Tanz-Abendunterhaltung für das Volk mit wenig Biss und viel Effekthascherei im Halbdunkel. Dem Publikum gefällt genau das nach einer langen Arbeitswoche und so breitet sich einmal mehr orgiastischer Applaus in der nahezu vollbesetzten Stadthalle aus, nachdem die Menschen sich schon vorher mit verfrühtem Applaus nicht zurückhalten konnten. Die im Titel versprochene Schlacht allerdings fällt an diesem Abend aus.
Michael S. Zerban