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CLASSY CLASSICS
(Diverse Choreografen)
Besuch am
2. Dezember 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Wenn man über den hoffnungslos überfüllten Parkplatz an der Stadthalle schlendert, um die Internationalen Tanzwochen Neuss zu besuchen, fällt auf, dass hier reichlich wenig Autos aus Neuss stehen. Von Köln bis in die Eifel, von Düren bis nach Kleve reichen die Kennzeichen, die man auf den ersten Blick sieht. Und wen wundert es? An diesem Abend ist die Gauthier Dance Company in Neuss zu Gast. Ende Juni hat sie ihr neues, mehr als abendfüllendes Programm in Stuttgart vorgestellt, das jetzt im Rahmen der Internationalen Tanzwochen in Neuss zu sehen sein wird. Die Erwartungen sind hochgesteckt. Aber auch Vorbehalte gibt es. Im vergangenen Jahr hat sich Eric Gauthier als aktiver Tänzer von der Bühne verabschiedet. Hat das auch Auswirkungen auf die Arbeit seiner Compagnie?
Berühmt waren Eric Gauthiers Eröffnungsansprachen bei den Gastspielen von Gauthier Dance. Stattdessen gibt es einen bewusst steif auftretenden Conférencier, der schon nach den ersten Worten für viel Heiterkeit im Saal sorgt. Er leitet über zum ersten Stück des Abends, der mit Classy Classics überschrieben ist. Decadance ist eine Choreografie von Ohad Naharin, die ursprünglich für die Batsheva Dance Company entwickelt wurde. Es ist kein neues Stück, sondern immer wieder aus bestehenden Arbeiten des Choreografen neu zusammengestellt worden. Eric Gauthier spricht von einer „Wundertüte“ – und er hat Recht.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Schon der Auftakt gerät zu einem kleinen Feuerwerk. Die gesamte Compagnie versammelt sich in farbenfrohen Jeans und T‑Shirts zum Gruppenbild. Nach einem herzhaften Begrüßungslachen löst sich die Gruppe in buntem Treiben auf, aus dem immer wieder neue Bilder aufscheinen. Begleitet wird das das Ganze von frischer, pulsierender Musik aus den Lautsprechern. Spätestens nach dieser Eröffnung ist auch das Publikum im vollbesetzten Saal energetisch aufgeladen. Und was ist schon Tanz ohne Humor, scheint der „Begattungstanz“ zu fragen, der weniger auf Können als auf die originelle Idee setzt. Zweckdienlich die Kostüme, die ebenfalls Rakefet Levy entworfen hat. Im visuellen Mittelpunkt die roten Hosen, die sich im Bund weit nach vorn ziehen lassen. Und genauso gehen sich Männlein und Weiblein an, während der andere den Zugriff auf das Angebot nur zögerlich abbricht. Dass sich beide am Schluss in den Armen liegen, veranlasst das Publikum zu herzlichem Applaus. Das letzte Fragment vor der Pause wirkt ein bisschen wie „Mir ist nichts mehr eingefallen“.
Macht aber nichts, denn um so furioser gelingt das Orchester der Wölfe, eine Choreografie von Eric Gauthier aus dem Jahr 2009. Für den Dirigenten ist das Podium aufgebaut, der ein Federvieh darstellt – zumindest deuten der Bürzel und der Pappschnabel im Gesicht darauf hin. Um ihn herum nehmen sechs Tänzerinnen und Tänzer mit Wolfsmasken auf dem Kopf Platz. Gudrun Schretzmeyer hat Bühne und Kostüme entwickelt. Tänzerisch dargeboten werden nun Teile aus Ludwig van Beethovens 5. Symphonie. Das Vergnügen zuzuschauen, wie die Tänzer sich von Musikern zum Rudel verwandeln und den Dirigenten eher in seiner tierischen Rolle wahrnehmen, findet kein gutes Ende. Eine herrliche Melange aus Fantasie, Slapstick und dem Tanz einer allzu bekannten klassischen Musik. Das muss man können.

Großartig auch das nachfolgende Solo Äffi, das niemand Geringerer als Marco Goecke 2005 entwickelt hat und das seinerzeit mit für seinen Durchbruch als Choreograf sorgte. Zeitgenössischer Tanz zur Musik von Johnny Cash: Das klingt erst mal haarsträubend. Funktioniert aber hervorragend, wenn Teophilus Vesely, nur mit schwarzer Hose bekleidet, seine Muskeln spielen lässt. Ein ästhetischer Anblick der Sonderklasse. Da bedauert so manche Dame im Saal, dass er es bei drei Liedern belässt, auch wenn bei gezeigtem körperlichem Höchsteinsatz kaum mehr Kondition verbleiben dürfte.
Auch das letzte Stück des Abends, Malasangre, ist bereits älter. 2013 hat Cayetano Soto Choreografie, Bühne und Kostüme entwickelt, um das Werk der „Queen of Latin Soul“, La Lupa, zu widmen. Sechs Männer mit bloßem Oberkörper und Rock tanzen mit einer Tänzerin zu südamerikanischen Klängen. Nach einer fantastischen Version von Fever geht es im Cha-Cha-Rhythmus von Yo no lloro mas zum großen Finale mit Guantamera. Die Tänzer zeigen energiegeladen und mit sichtlicher Freude südamerikanische Hitze, bis der Saal förmlich kocht.
Man ist beim Neusser Publikum einiges gewöhnt, was die Applausfreude angeht, aber hier übertreffen sich die Zuschauer doch noch mal deutlich selbst. Ob die Truppe um Eric Gauthier sich verändert hat? Das lässt sich nach diesem Abend alter Choreografien schwerlich beurteilen. Was Tanzfreude, Ausdruckskraft und Vielfalt angeht, bewegen sich die jungen Tänzerinnen und Tänzer auf allerhöchstem Niveau.
Michael S. Zerban