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Bilder ähnlich der gezeigten Aufführung - Foto © Chris Hardy

Die Musik gewinnt

SUTRA
(Alonzo King)

Besuch am
21. Februar 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Inter­na­tionale Tanzwochen Neuss, Stadthalle

Eine neue Erfahrung bei den Inter­na­tio­nalen Tanzwochen Neuss: Auch hier gibt es Mittelmaß. Einige Besucher haben es voraus­ge­sehen, und so dürfen viele Menschen auf die leerge­blie­benen Plätze nach vorn rücken, wovon sie auch reichlich Gebrauch machen. Trotzdem ist die Stadt­halle gut besucht, wenn sich in der vorletzten Vorstellung der aktuellen Saison das Alonzo King Lines Ballet ankündigt. Dass der Abend­zettel einen engli­schen Text anbietet, trägt sicher nicht zum Verständnis des Abends bei, ist aber keine Sparmaß­nahme der Stadt Neuss, sondern einem unglück­lichen Zufall geschuldet. Also Schwamm drüber.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Muss das Publikum an diesem Abend seinen eigenen Zugang zum Tanz finden. Der präsen­tiert sich zunächst gefällig. Unter dem Titel Sutra – darunter versteht man einen möglichst kurzen Merksatz im Hindu­ismus in Versform – lässt Alonzo King elf Tänze­rinnen und Tänzer auf einer leeren Bühne antreten, die durch verschiedene Weißtöne im Licht von Dylan Phillips punktuell erhellt wird. Ausgehend vom Motiv des Kranich­sprungs entwi­ckelt der Choreograf allerlei Varia­tionen, kombi­niert sie mit Drehungen und Sprüngen, erlaubt nur gelegent­liche Berüh­rungen der Tänzer und erschafft so eine esote­risch wirkende Welt, die es dem Zuschauer gestattet, scheinbar unstruk­tu­riert die Musik zu durch­tanzen. Dazu hat Robert Rosen­wasser die Tänzer in unspek­ta­kuläre, aber praktische, paillet­ten­be­setzte Kostüme gesteckt. Wenn ein Choreograf sich so viel Minima­lismus erlaubt, muss der Tanz schon eine besondere Ausdrucks­kraft bieten. Und in der Tat sind die Figuren und Bewegungen schön anzuschauen. Den Höhepunkt bildet eine Tanzrunde, in der Tücher wild in die Luft geworfen werden. Aber nach einer Dreivier­tel­stunde ist die Bewegungs­sprache dann auch ausge­schöpft, ist alles gezeigt, was zu zeigen war. Den Tänzern ist die Anstrengung anzusehen, im letzten Drittel tritt die eine oder andere Ungenau­igkeit zutage. Und in der letzten Viertel­stunde scheinen dem Choreo­grafen die Ideen dann vollends auszu­gehen. Da stehen die Tänzer im Rund wie zum Ende einer Trainings­einheit, der eine oder andere schwingt sich noch einmal zu einer Wieder­holung des eben Gezeigten auf. Wer darin tänze­rische Meditation zu entdecken vermag, wird sich auch daran noch freuen können. Alle anderen lassen sich begeistert auf den Wellen der Musik weitertragen.

Foto © Chris Hardy

Aus den Lautspre­chern erklingt das, was Zakir Hussain und Sabir Khan eigens für diese Choreo­grafie kompo­niert haben. Die Klänge erinnern an das, was man dutzendfach in den 1980-er Jahren in den damals neu entstan­denen Esoterik-Shops der Republik erwerben konnte, angerei­chert mit zeitge­nös­si­schen Klängen. Exotisch, eingängig und mit der typischen Monotonie durch­tränkt, die diese Form der Musik so geeignet für Medita­tionen erscheinen lässt. Die Zuschauer, die zu diesem Klang­er­lebnis lieber die Augen schließen, erleben den Abend mit großer Freude.

Die große visionäre Kraft des Choreo­grafen, die Alonzo King als Ruf vorauseilt, erschöpft sich bei dieser Aufführung relativ schnell, und so ist es wohl die Musik, die das Publikum nach einein­viertel Stunden zu wahrer und langan­hal­tender Begeis­terung veran­lasst. Und damit geht auch die Spielzeit der Inter­na­tio­nalen Tanzwochen Neuss ihrem Ende entgegen. Mitte März soll sie dann mit einem Höhepunkt schließen. Dann steht die Paul Taylor Dance Company aus New York auf dem Programmzettel.

Die Kompagnie wurde 1954 von dem damals 24-jährigen Tänzer und Choreo­grafen Paul Taylor gegründet und bis zu seinem Tod im Herbst vergan­genen Jahres geleitet. Der Tänzer, bei Antony Tudor, Martha Graham und anderen Tanzikonen ausge­bildet, war einer der charis­ma­tischsten Solisten bei Cunningham, Graham und Balan­chine. Michael Novak, der die Nachfolge angetreten ist, hat es sich zum Ziel gesetzt, das Erbe Taylors in einem rund 150 Stücke umfas­senden Reper­toire weiter­zu­tragen. In Neuss können die Zuschauer das mit seinen Stücken Scudorama zur Musik von Clarence Jackson und Piazzolla Caldera zur Musik von Astor Piazzolla und Jerzy Peter­burshsky in Kombi­nation mit der neuen Choreo­grafie Half Life von Doug Varone erleben.

Michael S. Zerban

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