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LET’S DANCE
(Doug Varone, Paul Taylor)
Besuch am
12. März 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Die Spielzeit 2018⁄19 der Internationalen Tanzwochen Neuss in der Stadthalle schließt mit einem fulminanten Abend und einem Wermutstropfen. „Hier isses ja finster wie im Kuharsch“ ist unter grobklotzigen Chirurgen eine beliebte Redewendung, wenn sich die OP-Lampen um einige Millimeter verschoben haben und nicht ganz das Licht in den Situs bringen, das der Arzt sich wünscht. Was ein solch liebenswürdiger Zeitgenosse zum heutigen Abend gesagt hätte, lassen wir lieber dahingestellt. Dass Choreografen dazu neigen, ihre Tänzer unterbelichtet zu zeigen, ist kein Geheimnis. Aber wenn aus Reihe 16 – also einer durchaus zumutbaren Entfernung zur Bühne, stellt sie doch in etwa die Hälfte der Distanz des Gesamtsaals dar – selbst mit optischer Unterstützung in Form eines Fernglases keine Gesichter mehr erkennbar sind, fällt einem dann doch wieder das Hinterteil des geliebten Weideviehs ein.
Das ist angesichts des Auftritts einer Compagnie wie der Paul Taylor Dance Company aus New York besonders ärgerlich. Taylor gilt als Tanzlegende. 1955 gründete er sein eigenes Ensemble. Als er im Sommer vergangenen Jahres im Alter von 88 Jahren starb, übernahm Michael Novak die künstlerische Leitung, von dem Taylor sagte: „Michael hat unser Repertoire gemeistert und sich in der Tanzgeschichte einen Namen gemacht. Er versteht die Notwendigkeit, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des modernen Tanzes gleichzeitig zu pflegen.“ Jetzt präsentiert sich die Company mit drei Choreografien in Neuss.
Half Life ist eine Choreografie von Doug Varone aus dem vergangenen Jahr, die beiden älteren Werke Scudorama und Piazzolla Caldera stammen von Paul Taylor aus den Jahren 1963, wurde 2008 gründlich überarbeitet, und 1997.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Bei Half Life scheinen sich tektonische Platten unterirdisch zu verlagern, was auf der Erdoberfläche für mächtige Verwerfungen sorgt. Nein, Varone ist kein politischer Choreograf, aber auch ihn haben die massiven politischen Veränderungen unter Trump gedanklich aus der Bahn geworfen. In der künstlerischen Auseinandersetzung bedeutet das, dass die Tänzer, einfache Menschen in Jeans und T‑Shirt, nicht mehr mit der Ankündigung der Katastrophe leben müssen, sondern sich aus der Katastrophe selbst zu retten haben. Das führt zu allen möglichen menschlichen Reaktionen. Zusammenrottungen gibt es da ebenso wie Solidaritätsbekundungen, Hilfestellungen und Rettungsversuche. Es ist ein fulminanter Auftakt des Abends. Fuel von Julia Wolfe ist ein Werk, das Streicher in Bedrängnis und Weltuntergangsstimmung bringen kann. Also ideal geeignet, die Choreografie in ihrer Wirkung zu unterstreichen. Die passenden Allerweltskostüme hat Liz Prince entworfen. James F. Ingallis hat sich um das Licht gekümmert. Sieben Neonlampen hängen im oberen Hintergrund der Bühne und machen den größten Teil der Beleuchtung aus. Daraus ergeben sich Hell- und Dunkelunterschiede auf niedrigstem Niveau. Damit rückt die politische Aussage in den Vordergrund, denn von den Tänzern ist nicht viel zu erkennen.
Das ändert sich auch bei Scudorama nicht wesentlich. Thomas Skelton verzichtet auf eine Grundhelligkeit und beschränkt sich auf indirekte Spots. Wenn die Spots ausreichend hell sind, mag das funktionieren. In Neuss fehlt die Lichtstärke. Und so ist vom „Tanz des Todes mit leichten Berührungen“, wie Taylor seine Choreografie beschrieben hat, nur wenig zu sehen. Alex Katz hat die Männer in Straßenanzüge, die Frauen in Ganzkörper-Trikots gesteckt, was erst mal einen gewissen Reiz verspricht. Tatsächlich ergibt sich die Wirkung aus den verschiedenen Fortbewegungsarten, die Taylor für diese Arbeit entwickelt hat. Es wird gekrabbelt, gekrebst oder akrobatisch geradschlagt. Verschiedene Motive vereinen sich zu einem Todesreigen. Da gibt es die drei Grazien in Schwarz, die sich zu der eigens für das Werk entwickelten Komposition von Clarence Jackson auch schon mal zum Dixie bewegen, aber auch die Solistin in Rot, die den Todeskampf zu bewältigen hat. Dass die Tänzer zwischenzeitlich Tänzerinnen wie Turbane um den Kopf gerollt hineintragen, mag jeder für sich selbst deuten, in der Dunkelheit verliert es an Effekt.

Im dritten Teil des Abends geht die Wut an die Grenzen. Schließlich hat Santo Loquasto für Piazzolla Caldera ganz wunderbare Kostüme entworfen. Die Frauen treten in geblümten, transparenten Kleidern mit tiefem Ausschnitt auf, lassen die Lingerie theoretisch glänzen, während die Männer sich in weiten Hosen mit Westen, Muscle-Shirts mit Hosenträgern oder einfach in enganliegenden Polohemden präsentieren. Jennifer Tipton hat das Lichtdesign entwickelt, das sich in Neuss als trübe Funzel zeigt. Und das bei einer der sicher großartigsten Arbeiten von Paul Taylor. Denn hier zeigt er zur Musik von Astor Piazzolla und Jerzy Peterburshshky eine geniale Umsetzung des Tangos. Zwischen die traditionellen Cruzadas, Ochos oder Giros mischen sich elegante Hebungen und akrobatische Einlagen. Das hat man doch schon selbst so ähnlich – also zumindest in der Erinnerung … die Herzen passionierter Tango-Tänzer schmelzen dahin. Tanzschullehrer wären stolz darauf, was sich bei ihren Schülern in diesen Momenten im Kopf abspielt. Der Rest des Publikums ist begeistert von der Mischung aus Tradition und Moderne, aus Volkstanz und Kunst.
Aber irgendwann endet auch der schönste Tango in Sehnsucht und Verzweiflung, in den Gedanken vom verpassten Leben und den Chancen, die das Leben bietet. Der Rausch der Erotik findet sein Ende mit dem letzten Ton des Tangos, in dem der Tänzer vielleicht noch punktgenau einen Ocho vollbringt. Und dann beginnt der Tango von neuem …
In Neuss gibt es statt einer Fortsetzung rasenden Applaus. Obwohl das Publikum vermutlich nicht einmal die Hälfte gesehen hat. Es stimmt schon. Da möchte man gar kein helleres Bühnenbild – bestünde doch Gefahr, dass das Publikum sonst vor lauter Begeisterung die Bühne stürmte. Also alles gut in Neuss, und wir freuen uns auf die nächste Spielzeit, in der selbst schaumgebremste Bühnenbilder noch für Zwischenapplause sorgen.
Michael S. Zerban