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Stefan Schleue, Svitlana Kavka, Kerstin Fischer, Maryna Bilova und Mark Zak - Foto © O-Ton

Hundert Jahre für die Freiheit

DAS UKRAINISCHE TAGEBUCH MEINER MUTTER
(Mark Zak)

Besuch am
24. Februar 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Rheini­sches Landes­theater Neuss, Studio

Zum zweiten Mal jährt sich heute der Tag, an dem Wladimir Putin – noch immer weigert der Verstand sich, von Russland zu sprechen – die Ukraine überfallen ließ und einen Krieg anzet­telte, der inzwi­schen zehntau­sende von Ukrainern das Leben gekostet hat. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Das Entsetzen der deutschen Zivil­be­völ­kerung ist angesichts des unsinnig erschei­nenden Leids groß. Mehr als acht Millionen Menschen sind aus der Ukraine geflohen, weitere sechs Millionen innerhalb des Landes vertrieben. Laut den Vereinten Nationen handelt es sich damit weltweit um die größte Flucht­be­wegung seit dem Zweiten Weltkrieg. Rund eine Million Ukrainer haben Zuflucht in Deutschland gefunden. Und treffen hier auf eine Gesell­schaft, die von ihren neuen Mitbe­wohnern eigentlich so gut wie nichts weiß. Die öffentlich-recht­lichen Sende­an­stalten haben nahezu vollständig versagt, indem sie bis heute so gut wie nichts zu einem besseren Verständnis beigetragen haben. Der Regierung ist es recht, schließlich spart man sich so viele Diskus­sionen über die mangelnde Hilfs­be­reit­schaft und Unent­schlos­senheit, die sie an den Tag legt, wenn es um die Vertei­digung der Ukraine geht.

Mark Zak – Foto © O‑Ton

Mark Zak ist im ukrai­ni­schen Lwiw, ehemals Lemberg, geboren, in Odessa aufge­wachsen und kam 1974 als Jugend­licher mit seiner Familie nach Westdeutschland. In Köln erlernte er die Schau­spie­lerei und arbeitet seither als Schau­spieler und Autor. Mit dem Tod der zuletzt in Köln lebenden Mutter hielt er zwei Dokumente in Händen: ihre Tagebuch­auf­zeich­nungen und ein Video. Zak beschloss, aus beidem ein Theater­stück zu entwi­ckeln, in der Hoffnung, den Deutschen die Ukraine auf solch persön­lichem Weg näher zu bringen. Heraus­ge­kommen ist dabei eine Lesung mit Musik, die Alexander Olbrich im Studio des Rheini­schen Landes­theaters Neuss szenisch insze­niert hat. Das ukrai­nische Tagebuch meiner Mutter wird nicht etwa im regulären Programm gezeigt, sondern als „Benefiz-Extra zum zweiten Jahrestag des Ukrai­ne­krieges“. Immerhin soll so Geld für Neuss hilft gesammelt werden, einem Verein, der sich seit Kriegs­beginn sowohl um die Flücht­linge in Neuss als auch um wohldurch­dachte Notver­sorgung in der Ukraine kümmert.

Im Keller des Rheini­schen Landes­theaters ist jeder Platz besetzt. Die Bühne ist ohne jeden Schnick­schnack aufgebaut. Auf der rechten Seite ein Sprecher­platz, in der Mitte ein Tisch mit drei Stühlen, hinter dem eine Leinwand steht, links ist der Platz für die Instru­men­ta­listin einge­richtet. Svitlana Kavka spielt die Bandura, eine ukrai­nische Lauten­zither, bei der bis zu 65 Saiten über den Hals und daneben über die Decke des Resonanz­körpers laufen. Sie eröffnet den Abend mit Meine geliebte Mutter, einem bekannten ukrai­ni­schen Lied von Platon Majboroda nach einem Gedicht von Andrij Malyschko. Mark Zak hat auf der anderen Seite des Tischs Platz genommen und kommen­tiert die in der Folge immer wieder einge­spielten Video­se­quenzen mit seiner deutsch sprechenden Mutter. Am Tisch sitzen von links nach rechts Stefan Schleue als Erzähler, Kerstin Fischer, die für die erkrankte Juliane Pempelfort einge­sprungen ist und die deutsche Übersetzung der Tagebuch­auszüge vorträgt, die Maryna Bilova im Original liest.

Svitlana Kavka – Foto © O‑Ton

Damit ist die Runde vollständig und kann die Reise 1917 beginnen, als deutsche Soldaten die Ukraine besetzten, ein Staat, dessen größtes Pech es wohl war, dass er als die Kornkammer Russlands galt und über Boden­schätze verfügte. Damit waren die Begehr­lich­keiten groß, die die Ukrainer bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen. 1919 kam Irina Rogosa in einer kleinen Kurstadt in der Nähe von Odessa zur Welt. Sie wächst behütet auf, absol­viert die Schule, erlebt die erste große und – wie sie sagt – einzige wahre Liebe ihres Lebens, obwohl sie später noch andere Männer haben und einen auch heiraten wird. Dazu spielt Kavka ein Liebeslied aus ihrer Heimat, ehe die Gescheh­nisse immer bedroh­licher werden bis hin zum Holodomor, einer Hungersnot, die 1931 begann und zwischen drei und sieben Millionen Menschen das Leben kostete. Erst 2022 erkannte die Bundes­re­publik Deutschland den Holodomor als Völkermord an. Zeitgleich verfolgte Josef Stalin das Ziel, den ukrai­ni­schen Freiheits­willen zu brechen und die sowje­tische Herrschaft in der Ukraine zu festigen. Zu diesem Zweck wurden allein im Jahr 1931 mehr als 50.000 Intel­lek­tuelle nach Sibirien depor­tiert. Diese Ereig­nisse werden heute als „Erschossene Renais­sance“ bezeichnet. Zu dieser Erzählung spielt Kavka die Melodie in a‑Moll von Myroslav Skoryk. 1982 als Filmmusik kompo­niert, gilt sie heute als die geistige Natio­nal­hymne der Ukraine und wird gerne am Konzer­tende gespielt. Hier nutzt Bilova die Gelegenheit, eine Kerze zu entzünden im Gedenken an all die Todes­opfer, die die Geschichte gefordert hat.

Rogosa gelingt es, ihr Medizin­studium in Odessa zu vollenden. Passend dazu erklingt Ach, Odessa – Odessa, die Perle am Meer und später Was für eine mondhelle Nacht von Nykola Lyssenko nach einem Gedicht von Mychajlo Staryzkyj. Zwischen­zeitlich werden immer wieder Bilder von Flücht­lings­trecks und Kriegs­ge­schehen von damals und heute, Porträts von Hitler und Putin gezeigt. Schleue lässt einen Schutz­po­li­zisten erzählen, der an einer Massen­er­schießung durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg teilnahm. Die Infor­ma­ti­onsflut ist fast ein wenig zu viel des Guten, zumal das Publikum immer wieder auch emotional aufge­rüttelt wird. Ein Satz von Zak bleibt besonders im Gedächtnis haften, den er ganz unbetont in den Raum stellt: „Heute ist Deutschland Partner der Ukraine“. Hoffentlich können wir dieser Verant­wortung gerecht werden, schießt es einem da durch den Kopf. Rogosa gelingt die Flucht nach Deutschland, wo sie in Bayern als Ärztin arbeitet. Letzte Erinne­rungen begleitet Kavka mit dem Lied der Aufstän­di­schen, ein histo­ri­sches Rebel­lenlied von 1917 über den ukrai­ni­schen Kampf gegen die russische Besatzung, ehe sie mit dem ukrai­nisch-polni­schen Lied Hey, Ihr Falken zum Ende kommt. Während ersteres an Bella ciao erinnert, wird Hej, sokoły gerne auch in Polen und Belarus auf Festen als Liebes­er­klärung an eine Heimat gesungen, die man zu früh verlassen musste.

Zak ist es mit der Verknüpfung des Einzel­schicksals von Irina Rogosa gelungen aufzu­zeigen, wie wir Menschen inmitten all der Gräuel, die uns andere aufer­legen, versuchen, unser „ganz normales“ Leben mit seinen Träumen und Wünschen zu verbringen. Und egal, was das Leben mit sich bringt, es gibt immer diese glück­lichen Momente wie der in Rogosas Jugend, als ihre große Liebe sie vom Ufer in das Boot hob. Das Ensemble hat einen großar­tigen Vortrag zustande gebracht, der vom Publikum lang, laut und herzlich applau­diert wird. Und die gute Nachricht ist, dass das Theater inzwi­schen auch erkannt hat, dass eine einmalige Aufführung viel zu wenig ist. Mindestens eine weitere Vorstellung ist in Planung, und vielleicht geht das Stück ja auch auf Reisen. Damit möglichst viele andere Menschen traurig, aber auch wütend und trotzig werden und verstehen, dass es nicht die Ukrainer sind, die gerade – wieder einmal – von Russland überfallen werden, sondern die ganze Welt.

Michael S. Zerban

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