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Foto © O-Ton

Den Nerv getroffen

VIVALDI RECOMPOSED
(Max Richter, Antonio Vivaldi, Philip Glass)

Besuch am
24. März 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Deutsche Kammer­aka­demie Neuss im Zeughaus, Neuss

Hört man Konzert­ver­an­staltern im Bereich der klassi­schen Musik zu, ist man tief beein­druckt von den genauen Kennt­nissen ihres Publikums. So gern sie auch mal alter­native Programme in ihren Konzert­sälen aufführten, das Publikum lehnt das leider ab. Und weil die Konzert­ver­an­stalter so schlau sind, gibt es in Deutschland einen eng begrenzten Kanon, um das Publikum nicht zu vergraulen. Das ist beein­dru­ckend vor allem bei Konzert­sälen, die mit Steuer­geldern finan­ziert werden. Die Deutsche Kammer­aka­demie Neuss hat jetzt komplett daneben­ge­griffen und ein Programm auf den Abend­zettel gesetzt, das so überhaupt nicht funktio­nieren kann. Zur Entschul­digung von Konzert­ma­nager Martin Jakubeit kann man an dieser Stelle eigentlich nur anführen, dass das Programm auch in den Benelux-Ländern aufge­führt werden soll – und da ist das Hörver­halten komplett anders. Das zeigte sich, so hört man, gleich beim ersten Auftritt in Utrecht. Da war der Andrang so groß, dass flugs ein zweiter Konzert­termin am selben Tag anberaumt wurde, der dann auch gleich wieder ausver­kauft war. In Leeuwarden ein ähnliches Bild, nur dass da kein Platz mehr für ein Zusatz-Konzert war.

Was ist das nun für ein Programm, dass das Publikum in den Nieder­landen förmlich in die Säle treibt? An erster Stelle steht On the Nature of Daylight, ein Stück von Max Richter im Stil der Minimal Music. Es folgt das Streich­quartett Nr. 2 mit dem Beinamen Company von Philip Glass, einem der Mitbe­gründer der Minimal Music, in einer Fassung für Streich­or­chester. Und nach dem Violin­konzert in e‑Moll mit dem schönen Namen Il favorito von Antonio Vivaldi gibt es Recom­posed: Vivaldi – The Four Seasons, ebenfalls von Richter. Für Konzert­ver­an­stalter ein klarer Fall von unver­käuflich, also in Deutschland. Aber nach solchen Erfolgen in den Nieder­landen nimmt Jakubeit in Kauf, dass der heimische Konzertsaal, das Zeughaus in Neuss, leer bleibt. Ganz schön gewagt. Blöd ist, dass das deutsche Publikum nicht weiß, dass die Konzert­ver­an­stalter es so gut kennen. Und deshalb kann man in Neuss am Sonntag­abend auch keine Karte mehr für das Konzert kaufen. Die Veran­stalter werden das mit Sicherheit zum histo­ri­schen Ausnah­mefall erklären, vielleicht, weil Ostern naht, also Jesus in den nächsten Tagen stirbt, oder weil der Frühling so verregnet beginnt.

Isabelle van Keulen – Foto © O‑Ton

Im Saal jeden­falls herrscht erwar­tungs­volle Stille, als Isabelle van Keulen das Podium betritt, um den Abend zu leiten. Nach ihrer Begrüßung und ein paar Erläu­te­rungen zum Programm­ablauf kann es losgehen. On the Nature of Daylight ist eher ein senti­mental-verträumtes Werk aus dem Jahr 2004, das aber deutlich zur Minimal Music tendiert. Ein wunder­barer Einstieg, der die Hörer sanft auf das Kommende vorbe­reitet. Allen­falls überra­schend ist, dass der Komponist noch lebt. Solche Musik spielt man eigentlich nicht gern. Das gilt übrigens auch für Philip Glass, auch wenn der zugege­be­ner­maßen inzwi­schen 87 Jahre alt ist. Aber seine Company, 1968 als Theater­musik entstanden, klingt frisch wie am ersten Tag in der Inter­pre­tation der 19 Streicher, die sich mit van Keulen bis auf wenige Anwei­sungen via Blick­kontakt verstän­digen. Mit wunder­barer Leich­tigkeit schließt sich Il favorito von Vivaldi an. Die Vorbe­rei­tungen für den eigent­lichen Höhepunkt des Abends sind getroffen. Bis hierhin kann bei aller Begeis­terung alles nur Vorspiel gewesen sein. Und so ist es auch.

„Die größte Heraus­for­derung bestand darin, eine konsis­tente und kraft­volle Nachbe­ar­beitung zu erschaffen, einen experi­men­tellen Hybriden, der zu jedem Zeitpunkt funktio­niert und Sinn ergibt, der immer Vivaldi, aber auch zugleich immer Richter und aktuell ist und den ursprüng­lichen Geist dieses großen Werks wahrt“, erklärt Max Richter zu Recom­posed by Max Richter: Vivaldi – The Four Seasons. Und ja. In der Inter­pre­tation der jungen Streicher, nun ergänzt um Harfe und Klavier, gelingt das auch ganz und gar. Die Erinnerung mag täuschen, aber hat man van Keulen je mit solcher Freude bei der Aufführung eines Werks erlebt? Sie wirft sich in die verlangte Virtuo­sität, strahlt über das ganze Gesicht ob der Spiel­freude ihres Orchesters und verausgabt sich tänze­risch, während der kraft­volle Klang immer wieder Vivaldi zitiert, um ihn gleich darauf in andere Energie­felder zu verwandeln. Schade, dass vor dem letzten der zwölf Sätze jemand im Saal einen Anruf bekommt. Bedau­erlich auch, dass derjenige offenbar sein Mobil­te­lefon nicht finden kann, während der Anrufer doch bis zum letzten Ton durch­läuten lässt. Das muss ziemlich wichtig sein. Konzen­tration und Zauber sind dahin.

Das Publikum lässt sich davon in seiner Begeis­terung über einen fantas­ti­schen Konzert­abend nicht bremsen und feiert stürmisch das von der Bühne Gehörte. Von solchem „Kassengift“, wie der beliebte Begriff lautet, den Veran­stalter für diese Art von Musik gern verwenden, möchte man gern mehr hören.

Michael S. Zerban

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