O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
WEIHNACHTSKONZERT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
11. Dezember 2024
(Einmalige Aufführung)
Deutsche Kammerakademie Neuss in der Christuskirche, Neuss
Was ein Weihnachtskonzert ist, steht glücklicherweise nirgendwo festgeschrieben. Und so veranstaltet jeder, was er will, immer bestenfalls in dem Bestreben, den Besuchern ein vergnügliches, vielleicht besinnliches Erlebnis zu bereiten. Um das zu erreichen, lädt die Deutsche Kammerakademie Neuss ihre Besucher in die Christuskirche ein. Mit Aufführungen in der Kirche ist das ja in der aktuellen Jahreszeit so eine Sache. Während es im Kirchenschiff bei einem kalten Luftzug im Gesicht bleibt, werden die Besucher auf den Seitenemporen ihren Platz am Ende ziemlich durchgefroren verlassen.
Die Kirche ist ein Schmuckstück. Seit 1906 steht sie auf einem ehemaligen Friedhof, der 1880 aufgelassen wurde. Entworfen hat sie im neoromanischen Stil Moritz Korn. Der Innenraum wird von einem Sterngewölbe überspannt und ist durch gedrungene Arkaden gegliedert, auf denen die auf drei Seiten umlaufende Empore ruht. Das verschafft der Kirche einen interessanten und anheimelnden Eindruck. Der Altarraum bietet ausreichend Platz für das dreizehnköpfige Orchester, ein Cembalo und ein kleines Schlagwerk.

Seit vergangenem Montag halten sich die Musiker in der Kirche auf. Vier Proben und eine Generalprobe müssen für ein spielerisch durchaus anspruchsvolles Programm reichen. Damit das reibungslos vonstattengeht, hat die Deutsche Kammerakademie Neuss den Dirigenten und Cembalisten Luca Quintavalle eingeladen. Gebürtig im italienischen Como, studierte er Klavier in seiner Heimatstadt, absolvierte dort auch seinen Master für Cembalo, ehe er sein Konzertexamen an der Folkwang-Universität in Essen ablegte. Seither führt ihn seine Karriere quer durch die Welt, wenn er nicht gerade an der Folkwang oder an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf unterrichtet. Er lebt in Köln. Nun gelingt es ihm, das Orchester bestens vorzubereiten.
Das Programm entspricht nicht den gängigen Vorstellungen eines Weihnachtskonzerts. Stattdessen steht eine Mischung von Musik aus dem 17. und dem 20. Jahrhundert auf dem Zettel. Vielleicht macht gerade das den Reiz aus, der dafür sorgt, dass kaum ein Platz heute Abend in der Kirche frei bleibt. Immerhin trägt schon mal das Eröffnungswerk von Giuseppe Sammartini, das Concerto grosso in g‑Moll, den Titel Weihnachtskonzert. Das liegt am letzten Satz, der Pastorale. Eine Pastorale ist ein Hirtengesang, meist in wiegendem Rhythmus und in Dur, denn die Engel berichten zunächst den Hirten von der Geburt Jesu Christi, die auf dem Feld wachen. Jedes barocke Musikstück, das sich für Weihnachten eignen soll, beinhaltet eine Pastorale. Mit solcher Eröffnung verdient sich das Orchester erste Lorbeeren. Erstaunlich Quintavalle, der vom Cembalo aus im Stehen dirigiert. Das erlebt man nicht alle Tage, wirkt aber sehr souverän.

Arvo Pärt gehört zu den beliebten Komponisten der Deutschen Kammerakademie Neuss. Man könnte böse sagen, dass Pärt wunderbar ist, weil er unter dem Etikett neuer Musik eingeordnet werden kann, ohne jemandem wehzutun. 1977 komponierte der Komponist aus Tallinn das Stück Fratres, also Brüder, das das Orchester in einem vom Komponisten selbst verfassten Arrangement aus dem Jahr 1991 spielt. Eine großartige Version, die durch den Einsatz des Schlagwerks ihre eigene Würze erhält. Da könnte man durchaus mehr als die zehn Minuten hören. Stattdessen geht es zurück ins 17. Jahrhundert.
Angelo Ragazzi studierte Geige in Neapel und landete schließlich in Wien als Hofmusiker Karls VI. Von ihm stammt die Sonata a quattro in G‑Dur, die als Streichkonzert den Vorteil der beliebigen Besetzung bietet. Auch hier erklingt in den Sätzen Adorazione und Canzona eine Pastrorale, die den Einsatz als Weihnachtskonzert rechtfertigt. Konzertmeister Moritz Ter-Nedden darf mit Soli glänzen.
Eher unstet verlief das Leben des zu seiner Zeit berühmten Komponisten Georg Muffat. Als Schüler Arcangelo Correllis, dem eigentlichen Begründer des Concerto grosso, sorgte Muffat dafür, dass die Konzertgattung in Salzburg bekannt wurde. Auch heute Abend wird ein Concerto grosso aufgeführt. Es trägt den schönen Beinamen Propitia sydera, was günstige Sterne bedeutet. Für manchen Geschmack viel zu kurz fällt der Beitrag von Philip Glass aus. Echorus für zwei Soloviolinen und Streicher wurde 1994 als Bestandteil eines größeren Gesamtprojekts über das Thema Mitgefühl komponiert, und Glass selbst sagte über seine Chaconne, sie verströme „Gefühle der Gelassenheit und des Friedens“.
Zum Abschluss erklingt das Weihnachtskonzert Fatto per la notte di natale von Arcangelo Correlli selbst. Mit diesem Gruß der Weihnachtsbotschaft geht ein ungewöhnliches Weihnachtskonzert zu Ende, das die Vertreter der Kammerakademie in wunderbarer Weise zu Gehör bringen. Ob das Orchester die Schwerpunkte in der Musikauswahl richtig getroffen hat, mag man diskutieren. Ebenfalls kann man darüber nachdenken, ob Quintavalle es sich mit der Wiederholung eines Satzes aus dem Muffat-Konzert als Zugabe nicht ein wenig zu einfach macht. Nein, es ist nichts vorgeschrieben bei einem Weihnachtskonzert. Aber der schöne Brauch, zum Abschluss gemeinsam ein Lied zu singen, entfaltet in einer Kirche noch einmal eine ganz besondere Wirkung. Da ist das Sahnehäubchen wohl im 17. Jahrhundert steckengeblieben.
Michael S. Zerban