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ZEUGHAUS-KONZERTE
(Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms)
Besuch am
5. Februar 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Es ist ja eigentlich großartig. Da hört man, dass das Quatuor Ébène in Neuss auftritt, und fragt gar nicht mehr, mit welchem Programm, sondern sagt gleich sein Kommen zu. Wenn ein Streichquartett diesen Status erreicht hat, ist es wohl schon ziemlich weit gekommen. Die vier Franzosen Pierre Colombet, Gabriel Le Magadure, Marie Chilemme und Raphaël Merlin haben in den vergangenen Jahren großartige Sachen abgeliefert und dafür viele namhafte Preise geerntet. Neben Einspielungen von Haydn, Bartók, Debussy, Fauré, Mozart und den Mendelssohn-Geschwistern haben vor allem das Album Fiction mit Jazz-Arrangements, das Crossover-Album Brazil und Eternal Stories ein junges Publikum angesprochen, das, so heißt es, in die Konzerte des Quartetts strömt. Dazu später mehr.
Im Neusser Zeughaus ist Konservatismus angesagt. Drei Streichkonzerte von Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms. Wow! So viel altes Zeugs hat man lange nicht mehr live auf einen Haufen gehört. Inzwischen ist es ja im Konzertbetrieb gute Übung geworden, Werke von Komponisten längst vergangener Zeiten mit mehr oder minder moderneren Stücken zu kombinieren. Das hat Grund und Berechtigung. Nicht so an diesem Abend. Streichquartett op. 18 Nr. 4 c‑moll von Beethoven, Streichquartett op. 51 Nr. 1 c‑moll von Brahms und nach der Pause ist Beethovens Streichquartett op. 135 Nr. 16 in F‑Dur angekündigt. Gerade Beethovens Musik kann man mit Fug und Recht als avantgardistisch zum Zeitpunkt ihrer Entstehung bezeichnen. Aber das ist lässige 200 Jahre her. Es ist Alte Musik.
Die ist bei dem Quartett bestens aufgehoben. Denn das spielt auf historischen Instrumenten. Dafür hat eine Stiftung gesorgt, die die vier Musiker damit leihweise ausgestattet hat. Colombet spielt auf einer Geige von Francesco Rugeri aus dem Jahr 1860, Le Magadure besitzt eine Geige und Merlin ein Cello aus dem Hause Guarneri aus dem 17. respektive 18. Jahrhundert und Chilemme darf sich gar an einer Bratsche des Instrumentenbauers Marcellus Hollmayr aus Füssen erfreuen. Die stammt aus den Anfängen des 17. Jahrhunderts, also der Hochblüte des Geigenbaus in der kleinen Stadt am Nordrand der Alpen. Virtuosen, die mit solchen Instrumenten ausgestattet sind, können daraus Gold zaubern. Das dürfen die Besucher im nahezu vollbesetzten Zeughaus bestaunen. Aber wie es mit Gold so ist. Wenn man sich eine Weile daran ergötzt hat, wird es dann auch langweilig. Vor allem, wenn es das Gold längst vergangener Zeiten ist. Aber wie es sich für heutige Konzerte mit den entsprechenden Eintrittspreisen gehört, muss alles im Überfluss erfolgen. Zwei dieser Goldstücke hätten an diesem Abend mehr als genug ausgereicht, die Besucher zu begeistern. Aber es muss noch ein drittes Konzert obendrauf. Die Aufnahmefähigkeit ist längst erschöpft, aber die teure Eintrittskarte ist bezahlt, und in der Pause gibt es Wein.

Dass junge Leute auf so einen Überfluss an Qualität keine Lust haben, ist nachzuvollziehen. Kindern gesteht man in der Oper ja immerhin zu, dass sie es nach einer Stunde geschafft haben, im Konzertbetrieb sind die Veranstalter gnadenlos. Die Argumentation der Veranstalter ist klar. Böte man kleinere vulgo kürzere Formate – vielleicht sogar mehrmals am Tag – an, wenn man nicht gerade ein millionensubventioniertes Haus ist, wäre das wohl nicht mehr zu finanzieren. Schließlich haben ja die meisten gerade daran gearbeitet, die Eintrittspreise nach oben zu treiben.
In Neuss ist man noch dazu in einer verflixt-generösen Situation. Hier ist der Saal nämlich inzwischen mit Abonnenten besetzt. Im Fall des Auftritts von Quatuor Ébène hätten gerade noch mal zehn, zwanzig junge Leute Gelegenheit gehabt, die Aufführung zu besuchen. Die Abo-Falle hat zugeschlagen. Die Alten – die das gar nicht wollen – sind unter sich. Für die Veranstalter eine Erfolgsmeldung, für die Stadtgesellschaft wohl eher eine Bankrotterklärung.
Der Klassik-Boom hält an und erinnert an einen Mann, der täglich für den Marathon trainiert, obwohl seine Krebsgeschwulst längst in ihm wuchert. Irgendjemand Schlaues hat mal gesagt, es sei egal, wenn die Alten wegsterben, schließlich wüchsen ständig neue Alte nach. Da hat derjenige wohl Recht, aber nicht beachtet, dass die neuen Alten mit der Alten Musik nichts mehr am Hut haben.
Quatuor Ébène muss sich darüber momentan glücklicherweise keine Gedanken machen. Die vier Musiker gehen vom April dieses Jahres bis Januar kommenden Jahres auf Welttournee. Und danach dürfen sich die Bonner anlässlich des Beethoven-Festes auf das Quartett freuen. Egal, wie dieser Abend ausgegangen ist, der Autor hat ihn in der Pause übersättigt verlassen: Die Stadt Neuss – und nicht nur sie – muss sich darüber Gedanken machen, wie sie mit ihrem profunden Klassik-Angebot junge Leute begeistert, die schon beim Quatuor Ébène keine echte Chance auf Teilhabe haben.
Michael S. Zerban